Billiglohnmodell unter Beschuss: Chinas
Arbeiter wehren sich gegen Ausbeutung

Die Proteste in Shenzhen gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen haben weitreichende Konsequenzen. Das Billiglohnmodell China könnte bald ausgedient haben.

Von Ingrid Dengg und Michael Moravec

Endlose, fast menschenleere Straßen, gesäumt von dicht aneinandergelehnten, trostlosen Wohnsilos aus grauem Beton. ­Restaurants, Cafés, Märkte oder gar Kinos sind abseits des Hauptplatzes Shun Hing Square rare Erscheinungen. Wer hier lebt, hat offenbar andere Sorgen als seine Freizeitgestaltung. Chinas Industriemetropole Shenzhen nahe Hongkong war vor 25 Jahren noch eine Kleinstadt mit 30.000 Einwohnern, die hauptsächlich vom Fischfang und der Landwirtschaft lebten. Heute leben dort 17 Millionen ­Menschen. Das ist in etwa so, wie wenn die doppelte Bevölkerung Österreichs nach Eisenstadt ziehen würde. Angezogen vom Status Sonderwirtschafts­zone, verlegten Konzerne wie Sony, Apple, Dell, Hewlett-Packard, ­Lenovo und viele andere die Fertigung ihrer Produkte nach Shenzhen. Für etwa 140 Euro im Monat arbeiten die Menschen im Schnitt zwölf Stunden am Tag, siebenmal pro Woche. Da der Bau der Wohnsilos nicht mit dem Zuzug mithalten konnte, errichteten die Fabriken Schlafcontainer für ihre Mitarbeiter. Diese kommen nun über Monate oder gar Jahre überhaupt nicht mehr aus ihrer Fabrik heraus und pendeln nur noch zwischen Fertigungshalle und Schlafbaracke.
14 Selbstmorde von Menschen, die diese Arbeitsbedingungen nicht mehr ertragen haben, lösten den Aufstand an der „Werkbank der Welt“ aus: Wütende Proteste gegen die Arbeits- und Auftraggeber kratzten am sorgsam designten Edelimage von iPhone und Sony-Playstation. Wie ein Flächenbrand weiteten sich die Proteste auf weite Teile Chinas aus: Fabriken von Honda und Toyota standen plötzlich ohne Zulieferteile da. Die Löhne stiegen daraufhin um bis zu 100 Prozent.

Doch ­Experten erwarten deswegen keine langfristige Beruhigung. Analysten sehen in der Entwicklung bereits das Ende des Billiglohnmodells ­China. Der trend beschreibt, was dies für das Reich der Mitte und seine Nachbarländer bedeutet, wie viel an Wertschöpfung bei klassischen Billiglohnprodukten wie T-Shirt oder Sportschuh im Erzeugerland bleibt, wohin Unternehmen auf der Jagd nach den billigsten Löhnen ausweichen und wie man als Konsument wirksame Zeichen gegen die Ausbeutung setzen kann.

Tumult nach Plan
Die Arbeiteraufstände in den chinesischen Fabriken von Toyota, Honda und Foxconn skizzieren Chinas rasanten Marsch durch die Geschichte
des Kapitalismus. Einer Phase, die an die düsteren Zeiten Manchesters erinnert, folgt nun bereits die Gegenbewegung: Lohnerhöhungen um bis zu 100 Prozent in den großen Konzernen sollen die Arbeiterschaft ruhigstellen. Für China hat diese Entwicklung volkswirtschaftlich negative wie positive Auswirkungen: Unter die Räder kommen die Kleinund Mittelbetriebe, die sich so große Lohnerhöhungen nicht leisten können und deren Geschäftsmodell einzig die Bereitstellung billiger Arbeitskräfte ist. Sie werden es in Zukunft sehr schwer haben, genug Leute zu finden. Dazu kommt für leicht zu produzierende Güter wie Textilien oder Spielzeug die verstärkte Konkurrenz aus Vietnam, Kambodscha und Bangladesch. Die Deutsche Bank hat errechnet, dass Lohnerhöhungen von zehn Prozent in China 700.000 Arbeitsplätze vernichten. Doch die positiven Auswirkungen der Unruhen überwiegen: Eines der Hauptanliegen der chinesischen Regierung ist es, die dramatischen Einkommensunterschiede auszugleichen. Denn in den Küstenregionen – vor allem Shanghai, Hongkong und Shenzhen – verdienen die Menschen deutlich mehr als in Zentral- und Nordchina. Vom Wirtschaftswunder hat die chinesische Bevölkerung bisher eher wenig abbekommen: Der Anteil der Löhne und Gehälter am BIP sank von 57 Prozent 1983 auf nunmehr 33 Prozent. Damit blieb auch die so sehnlich erwartete Stärkung der Inlandsnachfrage nur eine vage Hoffnung. Das könnte sich durch die jüngsten Entwicklungen langsam ändern, denn eine weitere Konsequenz der Lohnerhöhungen ist die Verlagerung der Investitionen innerhalb Chinas: Foxconn etwa plant eine neue Fabrik mit 300.000 Arbeitern in Zhengzhou in der Provinz Henan. Analysten meinen deswegen, die Aufstände würden von der Regierung „mit großer Sympathie“ beobachtet – und vielleicht sogar ein bisschen gelenkt.

Auf der Jagd nach billiger Arbeit
Ein VW Golf für 72.300 Euro? Klingt ein wenig überteuert. Aber genau das wäre laut Industriellenvereinigung der Preis für den Kompaktwagen, wenn alle Fahrzeugkomponenten hier in Österreich produziert und dann zusammengeschraubt würden – oder die Arbeiter in anderen Ländern österreichische Löhne und Sozialleistungen bekämen. Doch das bekommen sie nicht, und deswegen bringt die Globalisierung beim Autokauf einen ordentlichen Wohlstandsgewinn, denn der Golf kostet ja erfreulicherweise nur 20.000 Euro. Ähnliches gilt für Handys, Computer und Designermode, für Spielzeug, Küchengeräte und billige T-Shirts: Die Konsumenten sind auf der Pirsch nach dem niedrigsten Preis und die Hersteller deswegen auf der Jagd nach den günstigsten Arbeitskräften. Die jüngsten Lohnerhöhungen in China bringen da einiges in Bewegung. Manche Branchen können darauf flexibel reagieren und abziehen, anderen fällt dies nicht so leicht: Eine T-Shirt-Näherei kann schnell in China abgebaut und auf der grünen Wiese in Bangladesch oder Vietnam wieder aufgebaut werden. Anders ist es im Elektronikbereich: Die Fertigung von Handys oder Kameras stellt hohe Anforderungen an den Produzenten wie beispielsweise aufwändige Reinraum- und Nanotechnologien und dafür bestens geschulte Mitarbeiter. Umsiedlungen solcher Fabriken werden eher vermieden. Klarer Gewinner bei Neuinvestitionen ist derzeit Zentral- und Nordchina, da dort noch Niederlassungsbedingungen herrschen wie in Shenzhen oder Shanghai vor 20 Jahren, sagen Experten. An zweiter Stelle liegt Vietnam, da es gut ausgebildete Fachkräfte bietet. Bangladesch zieht mit seinen niedrigen Lohnkosten vor allem Unternehmen aus der Textilindustrie an. Eher ein Mauerblümchen-Dasein führt Indonesien, obwohl die Stundenlöhne niedriger sind als in allen anderen Staaten der Region: Die Industrie arbeitet hauptsächlich für den Binnenmarkt, der immerhin 250 Millionen Verbraucher umfasst.

Kinder-Sklaven
Der indische Bundesstaat Rajasthan – übersetzt: das Land der Könige – ist über Tausende Quadratkilometer hinweg eine glühende Wüste aus Sand, Geröll und Fels. In den rund 5000 Bergwerken und Steinbrüchen arbeiten bei Temperaturen von gut 45 Grad rund 750.000 Menschen. Jeder vierte davon ist zwischen fünf und 14 Jahren alt. Mit primitivsten Werkzeugen machen sie aus Felsbrocken Platten, Steinziegel oder auch Grabsteine, die, weil sehr billig, auch immer mehr Abnehmer in Europa finden. Wer sechsjährig mit dem Steineklopfen beginnt, ist in der Regel 20 Jahre später am Ende seiner Kräfte, die typische Todesursache ist eine Staublunge. Der Lohn für die Ausbeutung: 45 Cent pro Tag, also ein Lebenseinkommen von nicht einmal 3300 Euro bei 360 Arbeitstagen im Jahr. So billig ist keine Maschine. Rund 175 Millionen Kinder bis 14 Jahre müssen weltweit arbeiten, statt in die Schule zu gehen. Die UNO-Arbeitsorganisation ILO definiert Kinderarbeit mit jeder „wirtschaftlichen Aktivität von Kindern bis zu zwölf Jahren, jeglicher Arbeit im Alter von zwölf bis 14, die Gesundheit oder Ausbildung gefährden könnte, und gefährlicher Arbeit für Jugendliche bis 18“. Tendenziell geht die Kinderarbeit zwar leicht zurück, doch vor allem in den Ländern, in denen sie traditionell anerkannt ist, verändere sich wenig, meinen die Experten der ILO in ihren Jahresberichten. In absoluten Zahlen liegt der asiatische Raum mit 96,4 Millionen arbeitenden Kindern bis 14 Jahre an der Spitze. In Indien gibt es nach Schätzungen von Arbeitsorganisationen 23 Millionen dieser jungen Sklaven. Eine Million von ihnen arbeitet laut Anti- Slavery International in Bergwerken und Steinbrüchen. In China schuften 18 Millionen Kinder vor allem in der Landwirtschaft, in Textilbetrieben und Teefabriken. Zehn Millionen Kinder sind weltweit von der schlimmsten Form der Ausbeutung betroffen, nämlich von Prostitution, Menschenhandel und dem erzwungenen Einsatz in Kinderarmeen.

Die Macht der Konsumenten
Mitte der neunziger Jahre warfen Jugendliche in den USA öffentlich ihre Nike-Schuhe weg, aus Protest gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen bei dem Sportschuhproduzenten aus Oregon – bis der Riese in die Knie ging und die erste Corporate-Social-Responsibility- (CSR -)Abteilung der Welt schuf. Heute gibt es kaum noch einen internationalen Konzern, der nicht eine eigene CSR -Abteilung hat und sich zur Einhaltung sozialer Mindeststandards bekennt. Dieses Bemühen um faire Produktionsbedingungen dürfte in der Regel auch ehrlich gemeint sein, meint Peter Blazek, Redakteur für CSR und ethischen Konsum beim Verbrauchermagazin „Konsument“. Vor allem Adidas und Hennes & Mauritz hätten sich in letzter Zeit positiv hervorgetan. Blazek: „Das Problem ist nur, dass CSR -Abteilungen sehr oft konzernintern mit den Einkaufsabteilungen im Clinch liegen.“ Und wenn es um Just-in-time- Lieferungen geht, um Lagerkosten zu sparen und die Produktzyklen noch kürzer zu gestalten, bleiben die sozialen Rahmenbedingungen auf der Strecke. Ein weiteres Problem ist, dass die Verantwortung der Konzerne häufig nur bis zur ersten Zulieferkette reicht. Die Bedingungen bei deren Sublieferanten liegen nach wie vor im Dunkeln. Ist das Aufhebens, das neuerdings um CSR gemacht wird, also nur ein billiger PR-Gag? Nicht ganz. Zwar decken die Aktivisten von Clean Clothes und anderen Menschenrechtsorganisationen nach wie vor unfassbare Missstände bei den Lieferanten der Multis in der Dritten Welt auf. Doch der Druck auf die Unternehmen wächst, je mehr die Konsumenten rebellisch werden. So führt etwa das Verbrauchermagazin „Konsument“ seit dem Jahr 2000 – als einer der Pioniere auf diesem Gebiet – regelmäßig Ethiktests durch. Der Verkauf von Produkten mit dem Fairtrade- Gütesiegel wächst Jahr für Jahr zweistellig. 2009 erreichten sie in Österreich einen Umsatz von 72 Millionen Euro. Und zunehmend sind mehr Konsumenten bereit, für sozial verträgliche Produkte tiefer in die Tasche zu greifen. Zumindest sagen sie das. Ob sie es auch tun, ist eine andere Frage. So stellte etwa eine Studie von Ernst & Young fest, dass zwar drei Viertel der befragten Konsumenten bereit sind, einen höheren Preis für Bio-Produkte zu zahlen. Allerdings kaufen doch nur 14 Prozent immer und 23 Prozent häufig Lebensmittel mit dem Bio-Siegel. Beim Thema Sozialverträglichkeit dürfte es sich ähnlich verhalten. Blazek: „Zunächst ist das Umdenken in den Köpfen da. Bis es die Geldtaschen erreicht, dauert es etwas länger.“

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