Billiges Geld und teure Schulden

Der hochkarätige WU-Vorlesungszyklus "Staatsschuldenkrisen und Staatsinsolvenzen“ räumt mit einer politischen Mär auf. Die immensen Schulden Österreichs sind nicht wegen der Hilfspakete in der Krise explodiert.

Wer mit Michael Tojner, dem umtriebigen Boss des Private-Equity-Fonds "Global Equity Partners“ und einem der smartesten Investoren Wiens, gemütlich ins Plaudern kommt, der gerät ganz schnell ins Staunen. Denn der Mann, durch dessen Anlageportfolio in etwa 50 bis 60 Unternehmen - vom Industriebetrieb bis zur Großimmobilie - gelaufen sind, sagt heutzutage Sachen wie: "Dass jemand nicht durch herkömmliche Arbeit, sondern durch Spekulation zu Geld kommt, ist ein volkswirtschaftlicher Unfug.“ Oder: "Heutzutage will jeder WU-Student am liebsten bei Goldman Sachs anstatt bei der Voestalpine arbeiten. Die immense Aufblähung der Kapital- und Finanzmärkte ist eine totale Fehlentwicklung der letzten 20 Jahre.“ Und folgerichtig: "Ich bin natürlich für substanzielle Vermögen- und Erbschaftssteuern, obwohl ich von diesem Finanzboom sehr profitiert habe.“ Irgendwie hat man fast das Gefühl, Tojner habe heimlich bei den Globalisierungs- und Finanzmarktkritikern von Attac angeheuert und nur vergessen, den Designeranzug gegen bequemere Kleidung zu wechseln.

Die Angst vor dem Total-Crash

Dass dieser Finanzprofi ein wenig vom Saulus zum Paulus mutiert ist, hat indes mit einem in den vergangenen Jahren gestiegenen Interesse an volkswirtschaftlichen Zusammenhängen zu tun. "Ich bin ein richtiger Hobby-Ökonom geworden“, scherzt Tojner. "Es geht mir um die Rolle der Kapitalmärkte in Volkswirtschaften. Denn die lange gültige Effizienztheorie, dass sich freie Kapitalmärkte von selbst regeln und daher die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung nicht belasten würden, stimmt so einfach nicht mehr. Dazu sind sie inzwischen viel zu groß geworden.“ Vor allem die immer größere Kluft zwischen moderatem Wirtschaftswachstum einerseits und der explodierenden Kredit- und Geldmenge andererseits bereite ihm Kopfzerbrechen.

Tatsächlich ist das globale BIP seit etwa 1980 im Durchschnitt um die drei Prozent per annum gewachsen (bis 2009). Im gleichen Zeitraum hat sich jedoch die weltweite Kreditmenge, gemessen an der Summe der Bankaktiva, Kreditverbriefungen und -derivate, um durchschnittlich 6,7 Prozent erhöht. Rechnet man noch all die Schattenbanken (etwa Hedgefonds oder "Off-balance“-Investment-Vehikel) hinzu, sind es zwölf Prozent per annum. Da diesem vielen Geld nicht genug volkswirtschaftlich sinnvolle und gleichzeitig lukrative Investitionsmöglichkeiten gegenüberstanden, floss es in die Finanzierung von strukturellen Staatsdefiziten sowie in vermeintlich attraktive Vermögenswerte, beispielsweise Immobilien. So wiesen die Vermögenspreissteigerungen im Jahr 2009 das Sechsfache des durchschnittlichen Wirtschaftswachstums auf.

"In Wahrheit hat dieses Zeitalter der Kredite zu den hohen Staatsverschuldungen der westlichen Länder geführt“, sagt Tojner. "Die Bankenhilfspakete der Regierungen haben daran nur einen ganz geringen Anteil.“ Das ist auch das Hauptergebnis eines Vortragszyklus an der Wiener Wirtschaftsuniversität im letzten Wintersemester, wo Tojner und etliche hochkarätige Experten, allen voran Nationalbankgeneral Ewald Nowotny, vor jeweils um die 500 Hörern diese Fragen erörterten. Unerfreuliches Fazit: Mit schmerzhaften Einsparungen und einschneidenden Strukturreformen allein, die auf absehbare Zeit das Wirtschaftswachstum eher drücken, wenn nicht ersticken, lassen sich die Staatsschuldenkrisen kaum lösen. Oder wie es der Ex-Bank-Austria-Vorstand Willi Hemetsberger ausdrückt: "Die Politiker sollten sich auf das Schlimmste vorbereiten. Jetzt.“

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Das Triple-5-Modell

Um das Schlimmste zu vermeiden, hat Michael Tojner ein so genanntes "5-5-5-Modell“ entwickelt. Am Beispiel Österreichs stellt er folgende Rechnung an: Das BIP der Alpenrepublik betrug 2010 rund 286 Milliarden Euro. Die Staatsschulden beliefen sich auf 205 Milliarden, jene der privaten Haushalte auf 164, und die Unternehmen standen mit 692 Milliarden Euro in der Kreide. Dieser guten Billion stehen Vermögenswerte in der Gesamthöhe von knapp 1,2 Billionen Euro gegenüber (private Haushalte: 509; Immobilien: 690). Tojners These: "Wenn wir über die kommenden fünf Jahre eine Vermögensteuer von fünf Prozent einheben, ergibt das 288 Milliarden Euro. Wenn wir auch noch das Pensionsantrittsalter um fünf Jahre anheben und die Staatsquote um fünf Prozentpunkte reduzieren, sind wir auf dem besten Wege zum volkswirtschaftlichen Gleichgewicht.“ l

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Von Rainer Himmelfreundpointner

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