Bildung: Was bieten Eliten?

Gesamtschulstreit, Hochschuldiskussionen – das öffentliche Bildungssystem erhält immer schlechtere Noten. trend befragte Top-Manager und Eltern, ob für sie auch bei der Ausbildung gilt: mehr privat als Staat.

Sie verbrachte ihre Schulzeit in der renommierten Privatschule Schloss Salem am Bodensee, er wurde im wohl exklusivsten Internat der Welt, dem Institut Le Rosey in der Schweiz, ausgebildet. Für ihre Karriere hätten der Aga Khan, das geistliche Oberhaupt der Ismaeliten, und seine schöne, mittlerweile getrennt lebende Frau, die Begum Inaara, wohl keine Eliteschulen besuchen müssen. Doch an diesen Adressen waren die Kinder der Reichen und Schönen damals unter sich. Heute erfreuen sich Privatschulen mit klingendem Namen eines besonders regen Zulaufs. Auch in Österreich verzeichnen renommierte Institute eine gesteigerte Nachfrage.

Offenbar hat die lange Diskussion über die Reform des österreichischen Schulsystems eine Verunsicherung bei den Eltern ausgelöst, die ihre Kinder lieber in der Obhut traditionsreicher Bildungseinrichtungen wissen. Die Schulwahl ist zum Thema Nummer eins in gehobenen Smalltalk-Runden geworden. „Derzeit ist es ja total in, dass stundenlang über Schulen geredet wird“, weiß „Heute“-Herausgeberin Eva Dichand. Ob solche Schulen aber tatsächlich ein Garant für einen fulminanten Karrierestart sind, wagt sie zu bezweifeln: „Ich halte da nicht so viel davon, weil ich viele kenne, die auf den tollsten Schulen und Eliteunis waren und trotzdem nie über ein durchschnittliches Angestelltenverhältnis in einer Beratungsfirma hinausgekommen sind. Andererseits gibt es dann andere mit völlig normaler Schulbildung, die echt beeindruckende Karrieren machen.“ Dichand selbst besuchte in Graz eine öffentliche Mittelschule, bevor sie in die HTL wechselte: „Die technische Ausbildung war sehr gut, in fremdsprachlicher Hinsicht jedoch im Nirwana.“ Auch ihr Mann, „Krone“-Chefredakteur Christoph Dichand, ging stets in öffentliche Schulen, und so wollen sie es auch bei ihren Söhnen, Konstantin, 3,5 Jahre, und Arthur, zwei Monate, halten. Derzeit besucht der Erstgeborene zwar den Kindergarten in der Vienna International School, aber „nur, weil er so zweisprachig aufwächst. Später sollen beide höchstwahrscheinlich in ein öffentliches Gymnasium gehen“, befindet Dichand.

Die Kinder von Telekom-Austria-General Boris Nemsic besuchen „eine ganz normale Schule. Ich möchte, dass sie das machen, was ihnen wirklich Spaß macht. Nur dann werden sie auch richtig gut darin sein“, glaubt er. „Und ich möchte, dass sie an einem Ort sind, wo ihre Neugierde immer wieder geweckt wird. Sprachen sind heute wichtiger denn je – aber auch das ist keine Frage einer Eliteschule.“ Ob seine Mitarbeiter eine so genannte Eliteausbildung genossen haben, ist für ihn absolut nicht wichtig – „ich hatte ja auch keine“. Nemsic besuchte in seiner Heimatstadt Sarajevo ein technisches Gymnasium, studierte dann Elektrotechnik und wechselte an die TU Wien, um hier sein Doktorat zu machen.

Im angloamerikanischen Raum ist nichts so wichtig wie die Frage: Welche Schule hast du besucht? Wer beispielsweise die britischen Elitekollegs Eton oder Harrow School besuchte, hat bereits einen Fuß in der Chefetage. Für Tradition, gute Erziehung, Netzwerk und Werte stehen auch bei uns renommierte Privatschulen wie das Wiener Schottengymnasium, die Stiftung Theresianische Militärakademie oder Stift Kremsmünster. „Die renommiertesten der nationalen Schulen sind natürlich jene, in die ich meine Kinder schicke“, meint der Unternehmer Hanno Soravia mit leicht ironischem Unterton. Seine Tochter besucht die Danube International School in Wien, die Buben halbintern das Theresianum. „Neben der Eliteschule ist vor allem wichtig, dass sich die Eltern Zeit mit ihren Kindern nehmen. Die beste Ausbildung ist immer noch die Familie.“ Soravia selbst glaubt, „eine total solide Ausbildung im Gymnasium Spittal an der Drau“ genossen zu haben. „Eventuell sind ganz gute Lehrer und vor allem motivierte in diesen Eliteschulen. Aber die besten Manager und Unternehmer kommen meist nicht von dort, sondern haben sich hart hinaufgearbeitet, und die Schule des Lebens ist sicherlich nicht zu unterschätzen.“

Den intensiven Zusammenhalt zwischen Schülern einer Privatschule bewundert Angelika Rosam, Gründerin und Geschäftsführerin der Agentur Media Rocks: „Die Netzwerke unter den Absolventen der Eliteschulen finde ich besonders faszinierend, beginnend bei Alumni Clubs der Mittelschulen, wie den ,Altschotten‘ in Wien, bis hin zu internationalen Campus-Unis wie etwa der Harvard Business-School.“ Sie selbst besuchte das Akademische Gymnasium in Salzburg mit Schwerpunkt Sprachen – Englisch, Latein, Altgriechisch, Französisch –, später studierte sie Publizistik. „Wenn es mit der Entwicklung der öffentlichen Schulen so weitergeht wie bisher“, können sich Rosams für Sohn Maxi durchaus eine Privatschule vorstellen. „Wahrscheinlich eine Ordensschule, zumindest während der Volksschulzeit, etwa die Dominikanerinnen in Hietzing.“ Sicher aber nicht ein Internat, „weil er sonst zu weit weg vom Familienverband ist“.

Der Bildungsweg ihrer drei Söhne scheint für Desirée Treichl-Stürgkh, Gattin des Erste-Bank-Chefs und Herausgeberin der Zeitschrift „H.o.m.e.“, vorgegeben: „Mir wird nichts anderes übrig bleiben, als dass die Kinder auch zu den Schotten gehen, da waren mein Mann und mein Schwiegervater und dessen Vater … Und es ist auch eine gute Schule.“ Sie selbst wuchs, nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern, im Internat bei den Ursulinen auf. Elitär fand sie das allerdings ganz und gar nicht: „Ich habe die ersten Jahre nur gelitten, wie ein Hund, ich hatte so Heimweh und konnte ja nicht mehr nach Hause, ich musste immer im Internat sein.“ Wichtig ist für Treichl heute vor allem, dass sie für jedes Kind die richtige Schule findet, „mit den richtigen Lehrern. Wenn da die Chemie nicht stimmt, kann man den ganzen Lebensweg negativ beeinflussen.“

In den Augen von Rechtsanwalt Thomas Höhne trafen seine Eltern die für ihn absolut unpassendste Schulwahl, als sie ihn ins Internat der Schulbrüder in Wien-Strebersdorf steckten: „In meiner Wahrnehmung war das eine bestenfalls durchschnittliche Schule. Was den Wohlfühlfaktor anlangt, war die Zeit dort sicher die mieseste meines Lebens. Ich wünsche niemandem derartige Erfahrungen. Ich hatte den Eindruck, nach der Matura mit beträchtlichem Rückstand gestartet zu sein. Diese Schule war jedenfalls in den sechziger Jahren allenfalls als Verwahranstalt renommiert. Ich wünschte, eine Schule besucht zu haben, in der die Schüler als Menschen respektiert werden und in der ein gewisses intellektuelles Mindestniveau zu erleben gewesen wäre.“

Eine gute Schulausbildung soll nach Meinung österreichischer Führungskräfte nicht einer Geldelite vorbehalten sein. „Eliteausbildung darf nicht nur Leuten zugutekommen, die sich das leisten können. Sie muss sich an die Besten richten“, findet Telekom-Boss Nemsic. Wobei die Frage der Leistbarkeit heute ohnehin kein Kriterium mehr ist, meint Eva Dichand: „Heute haben sehr viele Menschen in Österreich das Geld, um ihre Kinder in Privatschulen zu schicken. Und es stellt sich auch die Frage, ob man sein Kind in so einem elitären Zirkel abschotten will, denn später wird es auch nicht abgeschottet von seiner Umwelt durchs Leben gehen.“

In der Kindheit eine „ganz normale“ Schullaufbahn zu durchleben und dann als Erwachsener die Chance zu bekommen, eine Eliteuniversität zu besuchen, hält Michael Tojner von Global Equity Partners aus eigener Erfahrung für optimal: „Nach der Volksschule, die ich in der niederösterreichischen Stadt Haag besuchte, wechselte ich in das Bundesrealgymnasium Amstetten. In der Folge studierte ich an der Wirtschaftsuniversität und am Juridicum in Wien und schloss beide Studienrichtungen mit einem Doktorat ab. An der Harvard University und der Stanford University absolvierte ich schließlich zwei Post-graduate-Programme, und ich bin für beide Erfahrungen sehr dankbar: Meine Volks- und Mittelschulzeit hat wesentlich dazu beigetragen, dass ich heute offen auf die Menschen zugehe und bodenständig geblieben bin. Meine Zeit in Harvard und Stanford hat mir einen Einblick in eine andere Welt – die der intellektuellen Elite – ermöglicht.“

Für eine Förderung der tatsächlichen intellektuellen Elite, nämlich der Hochbegabten, setzte sich jahrelang Oberbank-Vorstandsvorsitzender Franz Gasselsberger ein, obwohl seine eigene schulische Laufbahn gar nicht in diese Richtung wies. „Mit 16 Jahren hatte ich die fünfte Klasse Mittelschule gerade zum zweiten Mal mit Erfolg absolviert, doch dann war ich acht Jahre lang Präsident der Hochbegabtenförderung in Oberösterreich“, bekennt er freimütig. „Wege verlaufen eben nie so geradlinig, und Patentrezepte gibt es nicht.“ Gasselsberger absolvierte das Bundesrealgymnasium in Vöcklabruck und studierte anschließend in Salzburg Jus: „Meinen MBA-Titel habe ich erst einige Jahre später, neben meiner Berufstätigkeit in der Oberbank Salzburg, erworben.“

Gasselsbergers Töchter besuchen die LISA (Linz International School Auhof), mit englischsprachigem Unterricht. „Gute Fremdsprachenkenntnisse und Kontakte zu Kindern und Jugendlichen aus anderen Kulturkreisen tragen dazu bei, dass Offenheit, Toleranz und Verständnis für andere Lebensweisen und Religionen entstehen können“, ist der Oberbank-Boss überzeugt. Wobei für ihn – auch bei jungen Mitarbeitern – nicht entscheidend ist, dass solche kulturelle Offenheit in renommierten Internatsschulen in der Fremde trainiert wurde: „Auslandserfahrungen können junge Leute heutzutage auch außerhalb des Schulunterrichts oder des Studiums machen.“

Ob exklusive Internatsschulen für ein erfolgreiches Berufsleben vorbereiten, kann man an einem Absolventenverzeichnis wie beispielsweise jenem von Le Rosey kaum ablesen. Denn Elizabeth Taylor, Prinzessin Diana und die Rockefellers gingen doch durchaus unterschiedliche Wege. Rechtsanwalt Höhne ist überzeugt: „Problemlösungskapazität, Hausverstand, Engagement und menschliches Format wird man auch auf einer renommierten Privatschule nicht unbedingt lernen.“

Von Martina Forsthuber

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente