BAWAG: 100 Tage General Roberts

Bawag. 100 Tage nach seinem Antritt als neuer Bawag-General rätselt die Wiener Bankenwelt noch immer über David Roberts’ Strategie für die ehemalige Gewerkschaftsbank.

Ich hoffe, ich glaube, ich denke. An die Tafel neben dem Schreibtisch sind mit türkisfarbenem Stift Vokabel gekritzelt. I hope, I believe, I think. David Roberts lernt Deutsch. Er sitzt hinter dem Schreibtisch, hinter dem vor ihm Walter Flöttl, Helmut Elsner, Johann Zwettler, Ewald Nowotny saßen. Die ersten drei dieser Vorgänger fädelten Geschäfte ein, die die Bawag geräuschvoll ins Debakel stürzten. Roberts liest nun täglich die Zeitungsberichte über den Prozess gegen Elsner, Zwettler und weitere sieben Mitangeklagte, „aber nur, um sicherzustellen, dass es in diesem Prozess nichts gibt, was die neue Bawag P.S.K. betrifft“. Ich hoffe, I hope. Der 45-Jährige ist seit 1. Jänner Generaldirektor der Bank, die der Ex-Eigentümer ÖGB Ende 2006 im Gefolge des Skandals um misslungene Karibik-Geschäfte an den US-Fonds Cerberus (benannt nach dem dreiköpfigen Höllenhund in der griechischen Mythologie, Anm.) verkaufen musste. Aber selbst die soeben präsentierten Ergebnisse aus dem Geschäftsjahr 2007 mit einem bereinig­ten Nettogewinn von 147 Millionen Euro sind zum Teil schon seine Ergebnisse – bereits einige Monate nach dem Verkauf war er als Cerberus-Berater neben Nowotny aufgetaucht.

Auf der Schreibtafel in seinem Büro sind auch wichtige Finanzbegriffe, diesmal schwarz, aufgelistet. Gewinn, Umsatz, Verlust. Die Begriffe Kostenkiller, Filetierer und Wertsteigerer sucht man vergebens. Dabei würde man genau die in einem von einer echten Heuschrecke übernommenen Unternehmen erwarten. Mit beschleunigtem Personalabbau und einem wahren Verkaufsreigen von Bawag-Beteiligungen – von ATV über Bösendorfer und Immobilien bis hin zu den Osttöchtern – hat der von Cerberus eingesetzte Manager ja bisher auch dementsprechend agiert. Gleichzeitig ist Roberts in der Öffentlichkeit kaum aufgefallen, nicht einmal seinen Branchenkollegen: Erste-General Andreas Treichl, dessen Büro nur ein paar Schritte von der Bawag-Zentrale an der Tuchlauben entfernt ist, und RZB-Chef Walter Rothensteiner haben ihn bisher nur einmal getroffen, und auch in der Bank Austria gilt er als Phantom. „Mein Hauptfokus liegt auf dem Geschäft und auf den Mitarbeitern“, begründet Roberts seine vordergründige Unauffälligkeit.

Allmählich tauchen aber auch Zweifel über die Strategie der neuen Bawag P.S.K. auf. Dass das Privatkundengeschäft in Österreich im Mittelpunkt steht, ist klar. Doch will Roberts verlorene Marktanteile bei den Spareinlagen – sie waren im Zuge der Bawag-Krise von 14 auf zwölf Prozent zurückgegangen – überhaupt zurückerobern? „Bei den Einlagezinsen sind wir vor ihnen, bei den Kreditzinsen liegen wir nicht sehr viel höher“, wundert sich Erste-Bank-Sprecher Michael Mauritz, der auch den Rückzug aus Osteuropa nicht nachvollziehen kann. Mauritz klingt wie jemand, der sich auf eine Schlacht gefreut hat und nun mangels Auseinandersetzung enttäuscht nach Hause gehen muss: „Wir sitzen wie die Katze vor dem Mauseloch und warten, dass etwas passiert. Aber es passiert nichts. Von einem Private-Equity-Investor hatten wir eine gewisse Aggressivität erwartet.“
Ein Vorstand einer anderen Großbank, der nicht genannt werden will, stößt ins selbe Horn: „Wir sehen die neue ­Bawag inzwischen äußerst gelassen. Sie hebt den Preis, aber der Service zieht nicht mit.“ Dass die Zeit der Kampfpreise bei Krediten und Sparzinsen vorbei ist, bestätigt Roberts auch selbst. „Wir müssen nicht Preisführer bei jedem einzelnen Produkt sein. Ich könnte die Marktanteile sofort erhöhen, aber dabei würde ich kein Geld verdienen.“ Diese Abkehr von alten Bawag-Traditionen führt sein Vorgänger Nowotny auf „den angelsächsischen Einfluss“ zurück: Jede Aktivität muss sich von nun an rechnen.

Denn beruflich groß geworden ist Roberts am Finanzplatz London. 1983 fing der in Liverpool Geborene bei Barclays an, heute eine der wenigen globalen Großbanken mit fast neun Milliarden Euro Gewinn. 2005 rückte der studierte Betriebswirt und Mathematiker in den Vorstand auf, zuständig für das internationale Filialgeschäft. Jahresgage: fast drei Millionen Euro, davon drei Viertel Erfolgsbonus. Warum der Highflyer aber schon nach eineinhalb Jahren wieder ging, ist bis heute nicht klar – britische Medien spekulierten über einen Barclays-internen Machtkampf. Er selbst kommentiert, very british, das Thema nicht, doch er will in jedem Fall bis zum Ablauf seines Vertrags Ende 2011 bleiben – und endlich einmal genießen, dass er aus seiner zentrumsnahen Wohnung nun „zu Fuß in die Arbeit gehen“ kann und nicht mehr wie zu Barclays-Zeiten „vier Tage und drei Nächte“ in der Woche im Flugzeug sitzt. An den Wochenenden pendelt er nach London, wo seine Frau und die fünf Kinder wohnen. Dafür legt er in Wien Marathon-Arbeitstage hin und bietet auch schon einmal Termine um sieben Uhr morgens an. „Er hat eine unglaubliche Arbeitskapazität“, berichtet Nowotny. Dass Roberts kein Nadelstreif-Boy ist, hat in der Belegschaft für Aufatmen gesorgt. Nowotny: „Er geht auf die Leute zu, die Tür seines Büros ist offen. Er kommt aus einer Familie mit Gewerkschaftsmitgliedern und hat Bodenhaftung, ist also kein geschniegelter Investmentbanker.“ Dennoch ist Roberts von manchen gewachsenen Gepflogenheiten im österreichischen Banken-Biotop irritiert. Etwa, wenn ein Aufsichtsrat in der Öffentlichkeit den Vorstand kritisiert.
Im November hatte Hannes Androsch, der beim Cerberus-Einstieg gemeinsam mit anderen Industriellen einen kleinen Anteil an der Bawag erworben hat, aufhorchen lassen: Er könne „keine Strategie“ der neuen Bawag erkennen, so der Aufsichtsrat der ­Bawag-Holding. Scharf weist Roberts nun darauf hin, dass zu ­solchen Fragen öffentlich nur das Management sprechen sollte.

Androsch selbst will sich inzwischen davon überzeugt haben, dass Roberts „auf einem guten Weg“ ist: „Er hat ein Ziel und hat Vorschläge, wie er es erreichen kann, deshalb hat er meine Unterstützung.“ Besonders das soziale Verständnis beeindrucke ihn, etwa beim Personalabbau: „Das kann er auch an die Amerikaner vermitteln, die ja eine Hire&Fire-Mentalität haben.“
Obwohl der Englishman in Vienna das klassische Networking seinem Vize Stephan Koren überlässt, weiß er natürlich genau, mit wem er unbedingt „muss“. Mit Finanzminister Wilhelm Molterer besuchte er das Fußballspiel Österreich gegen England im November – Roberts lacht bei dem Gedanken, „dass ich mir dieses Jahr hier sicher noch einige Fußballspiele ansehen werde“. Und mit Androsch geht der Generaldirektor regelmäßig essen, meistens ins Korso im Hotel Bristol. Die äußerste Spalte auf Roberts’ Schreibtafel in seinem Büro lautet übrigens: der Teller, das Messer, die Gabel.

Von Bernhard Ecker

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