Banken in Bedrängnis

Die Verunsicherung der Kunden am Markt, die Eurokrise, die niedrigen Zinsen und die massiv verschärften Eigenkapitalvorschriften – das alles setzt den heimischen Kreditinstituten derzeit gehörig zu. Der Ausweg: Personalabbau, erweiterte Öffnungszeiten und ein härterer Verdrängungswettbewerb.

Die Berechnung der Eigenkapitalrentabilität, Return on Equity genannt, erfolgt über einen Bruch: Gewinn durch Eigenkapital. Das Ganze mal 100. Und mit dem daraus resultierenden Prozentsatz stellen Investoren fest, ob sie „amused“ oder „not amused“ über ihre Veranlagung sind. Ein einfacher Vorgang. In Phasen sinkender Profite könnten Unternehmen – rein rechnerisch – geneigt sein, die Eigenmittel ebenfalls zu reduzieren. Damit bliebe – rein mathematisch – die Rendite gleich hoch. In der Realität ist das aber nur selten durchführbar, vor allem nicht für Banken.

Als Folge der Finanzkrise 2008 wurden die Geldinstitute zu wesentlich höheren Eigenkapitalquoten gezwungen. Gleichzeitig aber fiel durch Abschreibungen auf faule Kredite, marode Immobilienpapiere und neuerdings auch Staatsanleihen das Ergebnis viel schlechter aus. Die Folgen lassen sich beispielsweise in der Bilanz der Bank Austria ablesen: Ihr Return on Equity lag 2010 bei 4,5 Prozent und damit weit weg von den Vorstellungen der Aktionäre, die sich mindestens zehn Prozent erwarten. Also musste an der Kostenschraube gedreht werden – bis 2015 werden 800 Posten gestrichen.

Die BA erleidet kein Einzelschicksal. Fast alle Banken ächzen unter einem allmählich erlahmenden Geschäft. Selbst im Retailbereich (Privatkunden), bislang zuverlässiger Lieferant solider Renditen, gibt es immer weniger zu holen. „Viele Kunden sind durch die aktuelle Situation verunsichert. Sie fragen sich, wie sich die Staatsschulden-Thematik entwickelt und wie es mit dem Euro und den Euroländern weitergeht. Das betrifft aber nicht das Verhältnis zu uns als Bank. Das Vertrauen zu uns ist nach wie vor groß, und wir registrieren hohe Kundenzufriedenheit“, so Bank-Austria-Privatkundenvorstand Rainer Hauser (Bild).

Wegfall der Geschäftsgrundlage

Wenn man Angestellte an den Bankschaltern über die derzeitige Situation befragt, dann bekommt man im Doppelpassspiel folgende Antworten: Spareinlagen? Leicht rückläufig. Fondsverkäufe? Deutlich rückläufig. Abschlüsse bei Lebensversicherungen? Stark rückläufig. Und strukturierte Produkte, Zertifikate, Derivate und Aktien? Geschäft kaum mehr vorhanden.

Die Banken hadern nicht nur mit der schwierigen Wirtschaftslage, sondern mit dem Kerngeschäft. Privatkunden drosseln die Zahl der Abschlüsse und das in den volumensstärksten Bereichen. „Die Leute verkonsumieren lieber, als dass sie sparen. Die einst sehr hohe Sparquote hat sich verringert“, sagt Peter Bosek, Vorstand der Erste Bank. 2008 lag die Sparquote noch bei zwölf Prozent, jetzt liegt sie bei acht bis neun Prozent.

Um wenigstens die Bestseller, wie etwa Bausparverträge, weiter auf hohem Niveau zu halten, werden bei vielen Instituten wie ABV, Erste Bank oder Raiffeisen gerade eifrig Angebote geschnürt. Aber aufgrund der angespannten Marktlage und der niedrigen Zinsen möchte sich kaum wer länger als ein bis höchstens zwei Jahre binden. Franz Gasselsberger, Chef der Oberbank: „Für eine fünfjährige Anleihe winken derzeit 2,7 Prozent, für eine 18-monatige gibt es 2,3 Prozent. Da geht keiner in die längere Periode.“

Daher sind die für Banken renditestarken Produkte mit längeren Laufzeiten praktisch ohne Abnehmer. Das gilt vor allem für Lebensversicherungen, deren Absatz im ersten Halbjahr 2011 um 7,4 Prozent schrumpfte. Das hat auch einen rechtlichen Grund: Versicherungen mit Einmalerlägen müssen jetzt 15 Jahre veranlagt werden, um die begünstigte Versicherungssteuer von vier Prozent zu erreichen. Wer darunterliegt – und die meisten wollen nicht länger als zehn Jahre gebunden sein –, legt satte elf Prozent ab.

Um das verlorene Geschäft wiedergutzumachen, rittern die Banken vehement um neue Klientel. „Das Provisionsgeschäft geht ebenfalls zurück. Da wir aber nicht mehr Ertrag pro Kunde haben werden, müssen wir mehr Kunden bekommen. Das wird die Herausforderung der nächsten Jahre werden“, so Erste-Bank-Vorstand Bosek. Um das zu erreichen, wird bei mehreren Banken an erweiterten Öffnungszeiten gearbeitet. Raiffeisen Niederösterreich-Wien arbeitet gerade ein Pilotprojekt für die Samstagsöffnung aus, und die Erste Bank bietet allen Kunden an, mit ihrem Bankberater auch an Samstagen in der Zentrale am Graben zusammenzukommen.

Im Kampf um Kunden herrscht beinharter Verdrängungswettbewerb. Zahlreiche Institute bieten derzeit Zinsen an, die sich nur durch Querfinanzierung im eigenen Haus rechnen. So findet man etwa bei der ING DiBa ein Angebot von 2,5 Prozent Zinsen auf sechs Monate – bei einem EZB-Leitzins von einem Prozent. Und dieser mickrige Leitzins wirkt sich auch in der Zinsspanne, der Differenz zwischen Soll- und Habenzinsen, aus. Auch diese Marge wurde in den vergangenen Jahren immer kleiner.

Doch nicht alle Banken in Österreich haben derzeit Schwierigkeiten mit dem Marktumfeld: Vor allem die kleineren, regional aufgestellten Institute sind im Plan. Oberbank-Boss Gasselsberger: „Unsere Bilanzen sind in Ordnung. Wir haben kein Risiko im Osten, und wir haben hohe Eigenmittel. Das liegt daran, dass wir wissen, wie man ein Geschäft kalkuliert. Dieses System dürften aber nicht alle am Markt verstanden haben.“

Eigenkapital-Reigen

Der Druck wird in jedem Fall größer, denn schon rollt die nächste Welle der Banken-Reglementierungen heran: Die European Banking Authority, die Europäische Finanzmarktaufsicht, fordert von den Austro-Großbanken Erste Group, Raiffeisen Zentralbank und Volksbanken-Gruppe einen zusätzlichen Kapitalaufbau von 3,9 Milliarden Euro – bis Juni 2012. „Derart kurze Vorlaufzeiten für einen derart massiven Kapitalaufbau sind der pure Wahnsinn“, poltert ein Bankmanager. 2013 kommt dann Basel III sukzessive zur Anwendung. Und ab 2016 sind zusätzlich bis zu drei Prozent an Kapitalpuffer aufzubauen – eine Vorschrift von Oesterreichischer Nationalbank und Finanzmarktaufsicht.

Der verordnete pekuniäre Aufbau ist kostspielig. „Da künftig das Eigenkapital erhöht werden muss und dieser Vorgang sehr teuer ist, werden auch die Margen der Banken steigen müssen. Kredite werden dadurch künftig teurer“, so Bosek. Ludwig Scharinger, Generaldirektor der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich, hat schon gerechnet: „Würde eine Bank diese Kosten direkt an Kunden weitergeben, würde dies die Finanzierungszinsen um 0,5 Prozentpunkte erhöhen.“

Zur Veranschaulichung: Die Gesamtbelastung eines 100.000-Euro- Kredits mit fünfprozentiger Verzinsung und zehn Jahren Laufzeit würde dann – bei 5,5 Prozent Zinsen – um 7924,99 Euro steigen.

Von David Hell

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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