Auszeit von der Arbeit: Ein Jahr Urlaub vom Job - oder gleich ganz aussteigen

Wenn Arbeit mehr Frust als Lust beschert, heißt es: Auszeit nehmen, Abstand gewinnen, auftanken, seine eigenen Potenziale entdecken, den Sinn seines Lebens finden, um danach frischen Wind in den Segeln zu haben, anders an die Arbeit heranzugehen, weniger, aber effizienter oder gleich in einer ganz anderen Form zu arbeiten. Der trend fragte Auszeit-Erfahrene und Pioniere neuer ­Arbeitswelten.

Seit zehn Jahren ist er im Unternehmen, arbeitet 60 Stunden die Woche, um die Umsatzerwartungen erfüllen zu können, denn die Konzernvorgaben sind hoch. Dreißig Prozent seiner Zeit verwendet er, um Berichte abzuliefern. Die Entscheidungen fallen weit weg, in der Zentrale. Aber er verdient nicht schlecht. Für die Ausbildung der Kinder, die Schuhe seiner Frau und zur Bezahlung der monatlichen Rechnungen reicht es aus. In drei Monaten wird er eine Woche Urlaub nehmen und in zwanzig Jahren in Pension gehen.
War das dann sein Leben? Der Arbeitsfrust steigt und mit ihm die Gedanken an das Auszeitnehmen. Weg von allem. Sich klar werden, ob das alles Sinn macht. Den Job überdenken und seinen Tagesablauf endlich einmal selbst bestimmen. „Es ist ein schleichender Prozess“, stellt Personalberater Peter Eblinger fest. „Seit zwei bis drei Jahren greift die Arbeitsunzufriedenheit schon so massiv um sich, und es ist keine Trendumkehr mehr in Sicht.“

Der Arbeitsdruck steigt auf allen Ebenen. Der Druck wächst Jahr für Jahr, um dasselbe Ergebnis zu erzielen, muss man noch mehr tun. Die Umsatzvorgaben werden immer unrealistischer, der Adminis­trationsaufwand steigt. Das Korsett wird immer enger, der eigene Handlungsspielraum immer geringer. Viele Mitarbeiter fühlen sich ausgebeutet und ausgenutzt, sind erschöpft und müde vom Immer-Mehr und Immer-Schneller. Sehen keine Möglichkeit, eigene Ideen und Lösungskompetenzen einzubringen, stehen bereits mit einem Bein im Burn-out oder machen längst Dienst nach Vorschrift.

Die Verbundenheit mit dem Unternehmen sinkt dramatisch. Laut einer Gallup-Studie sind es gerade noch 13 Prozent, die Loyalität gegenüber ihrem Arbeitgeber empfinden, 87 Prozent der Beschäftigten würden sofort gehen, wenn sich anderswo die Hoffnung auf eine sinnvollere Tätigkeit eröffnen würde. Aber wo? „Das Phänomen zieht sich quer durch alle Branchen und Funktions­ebenen“, weiß Eblinger. „Das erzeugt viel Frust, selbst Top-Manager haben oft das Gefühl, nur Sachbearbeiter zu sein und die Vorstellungen des Headquarters vollziehen zu müssen. Diese Unzufriedenheit führt auch dazu, dass die Leute kaum noch Hoffnung haben, bei einem Jobwechsel von Firma A nach B könnte irgend­etwas besser werden.“ Dementsprechend schwierig gestaltet sich die Personalsuche. Glaubt man dem Wortlaut von Stellenanzeigen, wimmelt es nur so von Vorzeigefirmen. Tatsächlich aber, das zeigen Umfragen Jahr für Jahr, gibt es in den meisten Betrieben Mitarbeiter mit geringer Motivation und niedrigem Engagement.

Auch die Gründe dafür sind kein Geheimnis – zum Beispiel: Statt Sinn zu vermitteln und ihre Mitarbeiter für spannende Visionen zu begeistern, hecheln Manager weltfremden Budgets und Zielsetzungen hinterher. „Diese Realität ist vielen bewusst, gleichwohl ist das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern in der Wirtschaft unverändert vom Taylorismus (streng mechanischer Führungsstil, Anm.) beherrscht“, davon ist zumindest Niels Pfläging, Buchautor und ein weltweit bekannter Managementkritiker, überzeugt. Seine These lautet: „In der Wirtschaft herrscht Diktatur.“ Budgets und Ziele würden gnadenlos bis auf die unterste Ebene heruntergebrochen und exekutiert. Das Ergebnis dürfe niemanden verwundern, meint Pfläging: „Garbage in, garbage out.“ Die Besten unter diesen Umständen an ein Unternehmen zu binden wird immer schwieriger, und bei denen, die im Unternehmen sind, leidet die Motivation an massiver Schwindsucht.

Auf der anderen Seite werden längst keine klassischen Angestelltenverhältnisse mehr eingegangen, die man nur schwer wieder lösen kann. Viel einfacher ist es mit Leasingpersonal. Der moderne Sklavenhandel verschafft den Leiharbeitsfirmen prächtige Umsätze und der Arbeitslosenstatistik eine enorme Verschönerung. Bei einem Stellenabbau werden die Leiharbeiter bei den diversen Leasingfirmen einfach nicht weiterbestellt. Das Praktische daran: Die Leasingmitarbeiter tauchen in der Personalstatistik nicht auf, sie werden als Aufwand abgerechnet.
Scheinbar blendend läuft es am österreichischen Arbeitsmarkt, die Zahl der Arbeitslosen geht konstant zurück, die Beschäftigung steigt. Rund 3,4 Millionen Österreicher sind unselbstständig Beschäftigte, die Hälfte davon arbeitet allerdings nur Teilzeit. Mehr als 270.000 sind geringfügig beschäftigt. Das monatliche Einkommen Geringfügiger darf 349 Euro nicht übersteigen. Um finanziell über die Runden zu kommen, sind sie bei mehreren Firmen geringfügig beschäftigt und beuten ihre Kräfte bis zum Limit aus.

Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass jeder fünfte Berufstätige burn-out-gefährdet ist. Dabei sind die Leistungsträger eines Unternehmens besonders betroffen. Aber sowohl am unteren als auch am oberen Ende der Karriereleiter sitzen die Ausge­powerten. Burn-out tritt schleichend und anfangs unbemerkt auf, umso schwerwiegender sind dann die Folgen. Monatelange Berufsausfälle sind keine Seltenheit. „Die Angst davor, den Arbeitsplatz zu verlieren oder den sozialen Status, ist enorm. Sie raubt vielen Menschen Energie und verhindert, dass sie tatsächlich ihr Potenzial voll ausleben“, weiß Zukunftsforscherin Imke Keicher. „Viele fahren mit angezogener Handbremse, investieren ungeheuer viel Stunden in die Arbeit – und haben wenig Freude an den Ergebnissen.“ Unverständnis, Frust, Demotivation, Burn-out prägen die Unternehmen.

Je fremdbestimmter und sinnentleerter die Tätigkeit erscheint, desto stärker wächst das Bedürfnis nach Distanz, raus aus dem Trott, klarer sehen und hören, sich zurücklehnen, andere Seiten entdecken, andere Sichtweisen gewinnen. Dabei ist niemals Faulheit die Triebfeder der Auszeit-Hungrigen, sondern immer Selbstbestimmung. „Auszeit ist ein irreführender Begriff“, meint Werber und Auszeit-Erfahrener Thomas Kratky, „denn in dieser Zeit lebt man intensiver und ist aktiver als je zuvor.“ Auszeit-Nehmer wollen mit sich selbst ins Lot kommen und danach vollgetankt zurückkehren oder Neues entdecken. Neue Arbeitsformen finden und den Sinn ihrer Tätigkeit wiederentdecken. „Wenn die Auszeit zur Flucht wird, macht sie wenig Sinn, dann ist es eher ein verlängerter Urlaub, aus dem man frustriert zurückkehrt“, weiß Elfriede Gerdenits, Business-Coaching-Partner, die bereits selbst ein Burn-out erlebte und in der Folge eine Auszeit erprobte. „Wenn man die Auszeit aber bereits für die Um- und Neuorientierung nützt, ist sie absolut empfehlenswert.“ Vieles kann sich dabei ändern, vom Blickwinkel bis zur Währung. „Ich bezahle mich jetzt nicht mehr in Geld, sondern in Sinn und Lebensqualität, und ich brauche auch weniger Geld, weil ich psychisch im Lot bin“, erzählt Auszeit-Beraterin Christa Langheiter. Dabei befürwortet sie nicht um jeden Preis, in jeder Situation eine Auszeit, „sie ist nicht das Paradehelferlein für alle Fälle der Arbeitsunzufriedenheit. Meine Vision wäre, dass sich unsere Arbeitsformen so ändern, dass wir keine Auszeit mehr brauchen!“

Von Martina Forsthuber

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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