Aussteigen: Nie wieder arbeiten! Raus aus dem Hamsterrad, endlich das Leben genießen!

Sich nicht mehr über die Karrierestufe definieren, sondern über das bloße Menschsein! Tun, wonach einem der Sinn steht: lesen, Drachen steigen lassen, Radieschen pflanzen oder die Welt umsegeln. Für das Marschgepäck berichtet der trend über Menschen mit viel Mut und Liebe zur Freiheit und liefert einen exakten Finanzierungsplan.

„Wer von einem Tag nicht zwei
Drittel für sich hat, ist ein Sklave,
er sei übrigens, was er wolle: Staatsmann,
Kaufmann, Beamter oder Gelehrter.“
Friedrich Nietzsche,
„Menschliches, Allzumenschliches“

Auf ihrem kleinen Boot „Susi Q“ segeln sie in acht Jahren um die Welt: über das Mittelmeer, entlang der Küsten Senegals und Gambias, auf den Spuren der Sklavenschiffe und über die Weite des Atlantiks in die Karibik. Sie angeln und harpunieren, leben von frischen Fischen und Langusten, denn Kühlsystem gibt es keines an Bord. Über die Galapagosinseln geht es in die Unendlichkeit der Südsee bis Australien. Über die Malediven, den Jemen und durch das Rote Meer kehren sie schließlich zurück ins Mittelmeer. Dort bauen sie sich eine knapp 13 Meter lange Alujacht, die „Nomad“, und brechen damit zu einem dreijährigen Seeabenteuer auf Magellans Spuren auf, umrunden das Kap Hoorn, segeln durch sturmgepeitschte Fjorde und Gletscherlagunen hinaus in den Pazifik, zu den Robinson-Crusoe-Inseln und den Tuamotu-Atollen, zu Inseln wie aus Kinderträumen.

Das Märchen beginnt 1989 in Wien: Da arbeitet Wolf Slanec noch als Bautechniker, Doris Renoldner ist Fremdsprachensekretärin, die beiden kennen einander erst ein halbes Jahr. Sie verdient 10.000 Schilling, er 20.000 im Monat. Ihre Jobs sind nicht rasend abwechslungsreich, doch die beruflichen Aufstiegschancen stehen nicht schlecht. Gespart haben sie so gut wie nichts, doch der Himmel über Wien ist grau und die Träume groß, denn im Hafen von Gran Canaria liegt ein kleines Segelboot, das Wolf sich ein Jahr zuvor – um den Preis eines Mittelklassewagens – gekauft hat. Und dann machen beide das, woran viele nicht einmal zu denken wagen: Sie kündigen ihre Jobs, lösen Hausstand und Versicherungen auf, verkaufen ihr Auto und packen die Seesäcke.

Arbeit oder Leben. Aufbruch in die Freiheit, raus aus der Tretmühle des Berufsalltags: Arbeiten – Geld verdienen – konsumieren – weiterarbeiten. Mindestens bis 65. Peter Zellmann, Leiter des Instituts für Freizeitforschung, weiß: „Jeder Dritte ab 40 denkt an Ausstieg.“ Doch nur die Wenigsten wagen den Schritt tatsächlich, aus Scheu vor der Ungewissheit. Sogar jene, die auf einen weichen finanziellen Polster gebettet sind – sei es durch lukrative Erbschaft, eine glückliche Hand beim Spiel, harte Arbeit, sprühenden Erfindergeist oder erfolgreiches Unternehmertum –, gehen nur selten das Risiko ein, alles hinter sich zu lassen und ein Leben in Freiheit zu starten.

Denn der Ausstieg aus dem Erwerbsleben bedeutet für viele den Verlust ihrer – oft einzigen – Quelle des gesellschaftlichen Ansehens. Es scheint nichts Wichtigeres im Leben zu geben als Erfolg und Karriere. „Aus unserer Arbeit beziehen wir unsere Identität, unseren Wert und unseren Sinn. Wir verstehen uns gerne als ziel- und ergebnisorientierte Profis und haben uns für alle Lebensbereiche pausenlose Effizienz verordnet“, analysiert Ulrich Renz, Autor des Buches, „Die Kunst, weniger zu arbeiten“, die Triebfeder für das lebenslange Bemühen, beruflich weiterzukommen. Menschen ohne Arbeit sind die großen Versager der Gesellschaft, und Müßiggang ist aller Laster Anfang. Aber wo wäre unsere Kultur ohne Mönche, Denker, Narren, Priester und Künstler – und ohne all die „Taugenichtse“, die es niemals in Vorstandsetagen schafften oder das Zeug zu Produktmanagern hatten, uns dafür aber mit lebensnotwendigen Träumen und Bildern nährten?

Bis an die Schwelle zur Neuzeit hatte Arbeit im Bewusstsein der Menschen den Status einer auferlegten bitteren Notwendigkeit, der sich jeder, der es sich leisten konnte, entzog. Arbeit war ein Fluch Gottes: „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot verdienen“, steht im Alten Testament, und der Apostel Paulus setzte noch eins drauf, als er die Thessaloniker mahnte: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Erst langsam wurde das Übel Arbeit zu einer Tugend umgedeutet, bekam in der bürgerlichen Revolution des 18. und 19. Jahrhunderts starken Aufwind und wurde schließlich unter tatkräftiger Unterstützung der Arbeiterbewegung an der Wende zum 20. Jahrhundert heroisiert und gilt nunmehr als scheinbar absolute Definitionsgröße des Menschen.

Der Beruf gilt als scheinbar unersetzliche Sinnmitte des gesellschaftlichen und individuellen Lebens. Diese Verknüpfung von Beruf und Lebenssinn erweist sich jedoch als schweres Erbe, wenn die Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wird. Denn als Erfolg unseres Wirtschaftssystems wird mit immer weniger Arbeit immer mehr Reichtum erwirtschaftet. Grund zum Jubeln! Doch solange Arbeit der Daseinszweck und Lebensinhalt der Menschen ist, ist dies eine Katastrophe. „Dass immer weniger menschliche Arbeitskraft notwendig ist, um die Bedürfnisbefriedigung der Menschen sicherzustellen“, müsste nach Auffassung von Erich Ribolits, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung der Universitäten Innsbruck, Klagenfurt und Wien, „als logische Konsequenz die sukzessive Verringerung der Arbeitszeit bei gleicher Entlohnung zur Folge haben. Wir stehen am Anfang eines Paradigmenwechsels, der letztendlich dazu führen muss, dass Arbeit im Sinne von vorstrukturierter Tätigkeit kaum noch existieren wird.“

Freiheit als Statussymbol. Präzise zwei Generationen dauert es, bis so ein Paradigmenwechsel auch in den Köpfen der Menschen vollzogen ist, und wir stecken mittendrin, glaubt der Freizeit- und Lebensstilforscher Zellmann: „Es bricht ein neues Zeitalter an, in dem sich die Lebensstile sehr dramatisch ändern. Die Selbstdefinition funktioniert nicht mehr über die Rangstufe in der Arbeitswelt, sondern über die Freizeit. Etwa drei Viertel haben kein Problem damit. Nur Topmanager und Politiker tun sich schwer, weil sie ihre Machtphysik dem alten Wertekanon verdanken.“ Überall sonst ortet Zellmann bereits heute einen massiven Verlust der Wertigkeit von beruflicher Leistung: „Stattdessen gibt es eine neue Leistungsgesellschaft, in der auch in der Freizeit viel geleistet wird, sozial, sportlich, handwerklich, künstlerisch.“ Der Lebensstatus wird über den Freizeitstatus definiert.

So mancher gönnt sich bereits mehr Zeit und einen Umstieg auf jene Tätigkeiten, die ihm tatsächlich Spaß machen. Der ehemalige Werbeboss Hans Schmid geht in seine Weinberge: „Da spür ich mich einfach!“ Hat er früher sechs Abende der

Woche im Büro verbracht, ist es jetzt kein einziger mehr. „Was ich jetzt mache, mach ich freiwillig.“ So wie den Erwerb eines alteingesessenen Heurigen am Pfarrplatz in Wien-Grinzing. „Da kann ich auch planen und umbauen, das liebe ich.“ Für Schmid ist nach dem Verkauf seiner GGK – und einigen anderen durchaus rentablen Engagements – die Erfüllung seiner Lebenswünsche keine Frage der Finanzierung. „Ich gebe gerne zu, dass es sich auf einem guten Polster weicher sitzt. Doch sich mehr Zeit für Spaziergänge oder Lesen zu nehmen kostet kein Geld!“

Die Hoffnung auf einen Lottogewinn zur Finanzierung eines Lebens, befreit vom Berufszwang, und das noch in möglichst jungen Jahren, geht bei den allerwenigsten in Erfüllung. Da hat sich harte Arbeit und Risikobereitschaft beim Aufbau eines erfolgreichen Unternehmens schon besser bewährt. Vorausgesetzt, es findet sich zur richtigen Zeit der passende Käufer und ermöglicht es dem Fleißigen, die Früchte seiner Aufbauarbeit zu ernten und damit den Umstieg in ein genussvolleres Leben zu finanzieren. Wer in Brot und Lohn steht, kann dieses Ansinnen vergessen, denn er wird es wohl kaum zu größeren Rücklagen bringen, die ihm einen Ausstieg in finanzieller Sorglosigkeit ermöglichen. Doch gerade dieser Spezies bereitet der Gedanke an den Ausstieg aus dem Hamsterrad des beruflichen Alltags besondere Wonnen. Und doch erweist sich jene Gruppe als besonders mutig und setzt am häufigsten den Schritt in die große Freiheit, finanziert durch die Einschränkung des Lebensstils und den Umstieg auf eine schlichtere Lebensweise.

Das Aussteigersyndrom steht am Anfang der Zeitenwende. Waren es bislang wenige, die eher als Exoten galten, scheint das Phänomen langsam um sich zu greifen: „Das nimmt enorm zu, ab Bildungsniveau Matura fangen die Leute spätestens ab 40 an, bewusst ihre Existenz abzusichern, und wollen mehr Zeit haben“, so Zellmann. „Aber es ist kein negativer Ausstieg, keine Flucht aus dem Burn-out-Syndrom, sondern ein lustvoller, positiver Ausstieg.“ Oder der Umstieg auf eine andere Energiequelle: Die Ressource Zeit wird wichtiger als die Ressource Geld.

Anderes Leben. „Wir sind beide vor nichts geflohen“, sagt Doris Renoldner, „es war und ist einfach nur die Sehnsucht nach der Freiheit, über sein Leben selbst bestimmen zu können.“ Als Aussteiger sehen sich die Seenomaden – wie sie sich heute nennen – nicht, „es war ein Umsteigen auf ein anderes Leben“, erklärt Wolf Slanec. Der Entschluss wegzusegeln fiel ihnen nicht schwer, eher das Lösen vom Landleben, die Leinen aufzumachen und abzufahren. „Man lässt natürlich viel Sicherheit zurück“ meint Doris: „Wir haben kein Sozialnetz, das uns auffängt, und unsere Freiheit basiert auf Verzicht.“ Ihr Startkapital umfasste beim Aufbruch 1989 50.000 Schilling.

Unterwegs wird bei Bedarf gejobbt: „Wir helfen bei Obsternten oder erledigen Arbeiten auf anderen Schiffen, ab und zu nehmen wir auch zahlende Mitsegler an Bord“, erzählt Wolf. Doris verkauft Artikel an Jachtzeitschriften, und sie machen Multimediashows über ihre Reisen. Zeitgleich mit dem nächsten Vortrag soll auch ein Buch erscheinen. Der Gedanke, jemals wieder „normal“ zu arbeiten, ist für beide unvorstellbar: „Welcher Firmenchef würde uns auch nehmen? Wir sind zu lange aus dem Berufsleben draußen und auch zu alt“, sind Wolf, heute 52, und Doris, jetzt 40 Jahre alt, überzeugt.

Während sie ihre „Nomad“ gerade in Opua im äußersten Norden Neuseelands in der Werft reparieren müssen, träumen sie schon wieder davon, nach Norden, hoch in die Tropen, nach Neukaledonien und Vanuatu zu segeln und dann weiter Richtung Nordpazifik, wo sie die nächste Hurrikansaison verbringen möchten. „Das Schöne ist, dass wir keinen geregelten Tagesablauf haben, wir entscheiden, welches Ziel wir ansteuern“, freut sich Doris. Auf langen Strecken bestimmen Wind und Wetter und die ständigen 3-Stunden-Wachen ihren Tagesrhythmus, ansonsten gibt es nur unendliche Weite: „Sobald wir draußen am Ozean sind, sind wir wirklich frei!“


von Martina Forsthuber

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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