Ausrasten, aber richtig!

Es könnte alles so einfach sein. Ist es aber nicht. Denn selbst der Versuch, nichts zu tun, setzt uns unter Stress.

Feuerwehrmänner haben es. Schafhirten können es kriegen. Aber auch Arbeitslose. Burn-out ist schon seit über zehn Jahren kein schicker Psychodefekt für Spitzenverdiener mehr, sondern hat sich zu einer echt demokratischen Institution gemausert. Ich konnte es hautnah in meinem Bekanntenkreis miterleben. Da legte es vor allem jenen Menschentypus flach, der diese hemdsärmelige „Alles-kein-Problem-das-mach-ma-schon“-Attitüde bis zur Selbstaufgabe verinnerlicht hatte: in den Achtzigern hochgehypte Werber, die von der nächsten, mehr ausgeschlafenen Generation überrollt wurden und in Folge den Umstieg von Anden-Bergziegen-Wolle auf Polyester sowie Autos ohne auf welche mit Dach nicht verkraften konnten. Allein erziehende Mütter, denen im Bermudadreieck zwischen Job, Kindern und einem midlifekriselnden Ex-Mann das Wasser sukzessive über die Halshöhe kletterte. Szenewirte, die sich mit temporären Amnesie-Attacken aus der Überforderungsfalle katapultieren. In einer Zeit, in der ich auf mehreren Baustellen gleichzeitig zugange war und mein Treibstoff beim Pendeln schlechtes Gewissen hieß, hat es sich auch an mich herangepirscht, das olle Burn-out. Mit vergleichsweisen Babykram-Symptomen wie null Animo für soziales Herumgehopse, jeder Smalltalk-Parcours kam einer Mount-Everest-Besteigung gleich, und immer wieder half mir mein sympathisches Unbewusstes, mein Handy zu verlieren. Ich kannte schon alle Familienromane des Verkaufspersonals in meinem Netzwerk-Shop.

Die Durchtrennung der Kommunikations-Nabelschnur entpuppte sich im Nachhinein als Auftakt für den Heilungsprozess. Das luxuriöse Gefühl der Unerreichbarkeit schaffte es à la longue sogar, der Versäumnisangst den Mittelfinger zu zeigen. Und auch Übungsläufe in der Disziplin „Belästigung durch sich selbst“, wie Werner Schneyder die Einsamkeit umschrieb, wirkten wie Red Bull für die Seele. Wenn das Leben kein Waldspaziergang ist, dann sollte man einfach welche absolvieren. So erschreckend ­Paulo-Coelho-primitiv war sie dann, die Autotherapie. Und funktionierte ganz ohne Glücks- und Zeitmanagement-Coachs – Repräsentanten jener zivilisationsdekadenten Branche, die die neurotische Mittelschicht seit geraumer Zeit zur eigenen Entmündigung heuert.

„Quality Time“, wenn ich das Wort schon höre, tanzt die Aorta. Wie hat man sich das vorzustellen? Man tritt mit heraushängender Zunge vor sein Kind und zwitschert: „Liebes, ich hab jetzt einen Slot von einer Stunde 38. Lass uns doch ganz entspannt ein bisschen Qualitätszeit miteinander verbringen, ich habe das Supermarkt-Shopping nämlich outgesourct, würde aber vorher noch gern ein siebenminütiges Power-Napchen machen, damit ich dann voll auf deine Bedürfnispyramide fokussiert bin ...“ Oder wie?

Wenn wir über die Auszeit oder Zeitfenster, was auch immer für powerdeutsche Ausdrücke dafür existieren, das gleiche Hechel-hechel-Koordinatensystem legen wie im Hams­terrad des Jobs, können wir die Suche nach der verlorenen Zeit gleich einstellen.

Klar doch, Entschleunigungsprogramm, die Entdeckung der Langsamkeit usw. Unter uns: nichts lieber als das.

Aber die Kunst des Nichtstuns, deren Beherrschung laut Burn-out-Forschern das verlässlichste Erste-Hilfe-Programm ist, muss auch erst einmal erlernt werden. Und zwar nicht mit einem Coach, der einem aufgeregt ins Ohr brüllt: „The L-Word ... loslassen, volle Kraft voraus.“ Sondern im Alleingang. „Take your time, Madam“, hatte mir der kleine Yogi im südindischen Ayurvedien immer wieder geflüstert, „cause, if you don’t take it, somebody else will ...“

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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