Arbeitsmarkt: Voll beschäftigt mit Vollbeschäftigung

Die ÖVP feiert Wirtschaftsminister Martin Bartenstein bereits euphorisch als „Mister Vollbeschäftigung“. Doch von wirklicher Vollbeschäftigung, sagen Experten, ist Österreich noch meilenweit entfernt.

Ohne Beschäftigung war sie nie, Langeweile war ihr immer fremd. Schon während des Studiums half sie in einem Naturkostladen aus, nach der Promotion arbeitete sie daheim, am Computer, oft bis spät in die Nacht. Sie hatte mehr Erfolg als viele Gleichaltrige, konnte bei Buchprojekten mitarbeiten, bald einmal selber Bücher schreiben. Sie bekam den Förderpreis des Theodor-Körner-Fonds – doch die Karriere als Wissenschafterin und Buchautorin erwies sich für Karin Zogmayer als zu wenig lukrativ. „Im Kulturbereich gibt es kaum Anstellungen“, weiß sie heute, sie hielt sich mit „geringfügiger Beschäftigung“ und „neuer Selbstständigkeit“ über Wasser. Wochenenden existierten nicht, sie war eine klassische „Selbstausbeuterin“.

Irgendwann wollte sie dann nicht mehr allein vor dem Computer werken und stets neuen, schlecht bezahlten Projekten hinterherlaufen. Also suchte sie – und fand auch zu Beginn des Jahres einen 40-Stunden-Job in einer PR-Agentur. Sie verfasst nun nicht mehr Bücher über Schriftsteller und Architekten, sondern Geschäftsberichte – wobei der radikale Umstieg der promovierten Philosophin leichter als gedacht fiel. Am meisten überraschte sie der neue, förmliche Umgangston: „Hier wird man mit ‚Frau Doktor‘ angeredet. Das gab’s im Kulturbereich nie.“ Ansonsten genießt sie das Teamwork mit Kolleginnen und Kollegen, genießt naturgemäß auch die Sicherheit einer Anstellung.

Karin Zogmayer ist, so könnte man sagen, ein ideales Fallbeispiel, ein menschliches Belegexemplar dafür, dass im Lande Österreich derzeit wieder „Normalarbeitsplätze“ – vierzig Stunden, angestellt – zu kriegen sind. Zumindest dann, wenn man, so wie die junge Philosophin, mutig genug ist, ohne falsche Dünkel vom Kulturbereich in die Finanzkommunikation zu springen.

Nicht nur sie, auch viele andere Personen finden derzeit erstmals einen „richtigen“ Job. Und mehr denn je wagen sich heraus aus der Arbeitslosigkeit in echte Selbstständigkeit. Seit einem knappen Jahr hat der Arbeitsmarkt „gedreht“, wie das so schön heißt, eine Erfolgsmeldung jagt die andere. Von März 2006 bis März 2007 sank die Zahl der Arbeitslosen um zehn Prozent, von April 2006 bis April 2007 immerhin noch um fünf Prozent. Der April-Letztstand beträgt – nach EU-Rechnung – 4,4 Prozent Arbeitslosenquote. Tendenz: weiter sinkend. Die Regierung will Vollbeschäftigung bis 2010 erreicht haben; eine Arbeitslosenquote von 3,9 Prozent gilt als das ultimative Ziel. Wirtschaftsminister Martin Bartenstein sprüht bereits vor Optimismus und schließt nicht aus, dass das hehre Ziel noch früher als 2010 erreicht wird, „wenn es in der Dynamik des letzten Jahres weitergeht“ (siehe Interview Seite 44).

Woran, laut Wirtschaftsforschern, zumindest für heuer wenig Zweifel besteht. Schon wird Bartenstein, einst für seinen neoliberalen Wirtschaftskurs kritisiert, zumindest von Parteifreunden als „Arbeitsplatzminister“ und „Mister Vollbeschäftigung“ beweihräuchert.

„EU-Statistik bildet Realität nicht ab.“ Freilich hat die Geschichte mit der bald einmal erreichten Vollbeschäftigung einige Haken – und wie immer kommt alles auf die Definition an. Nach der von der EU erfundenen Zählmethode gelten bereits alle Personen, die mehr als eine Stunde pro Woche gegen Bezahlung arbeiten, als beschäftigt und nicht mehr als arbeitslos. Die EU-Rechnung basiert außerdem auf Befragung der Betroffenen, also auf subjektiver Selbsteinschätzung, die oft nicht den Tatsachen entspricht. „Die EU-Zählung bildet die Realität nicht ab“, sagt Kai Biehl, Arbeitsmarktexperte der Arbeiterkammer Wien, ganz trocken. Also rechnen er und seine Kollegen nach wie vor mit der „nationalen Methode“ – nach der Österreich derzeit bei einer Arbeitslosigkeit von knapp unter sechs Prozent hält. Was im internationalen Vergleich auch nicht schlecht ist, aber in absoluten Zahlen nichts anderes heißt als: Fast 220.000 Menschen sind derzeit ohne Job. Dazu kommen 58.700 Personen in AMS-vermittelten Schulungen. Plus eine unbekannte Dunkelziffer von Personen, die sich gar nicht beim Arbeitsamt als arbeitssuchend gemeldet haben.

In Summe sind also mindestens 280.000 Menschen derzeit mehr oder weniger voll damit beschäftigt, eine Beschäftigung zu suchen, und etliche von ihnen werden noch länger brauchen, eine halbwegs passende Arbeitsstelle zu finden: der schon etwas müde wirkende 53-jährige Bauhilfsarbeiter, der im Dezember von seinem Chef in die Winterarbeitslosigkeit geschickt wurde, aber im März nicht wieder auf die Baustelle durfte, sondern weiter stempeln gehen musste. Oder auch die 35-jährige Frau, die wir hier Renate Burger nennen: Nach der Matura und einem halben Lehramtsstudium bekam sie zwei Mädchen, blieb, ganz in ihrer Mutterliebe aufgehend, bei den Kindern zu Hause. Nun, da sie nach zehn Jahren Küchen- und Kinderarbeit erstmals wieder einen bezahlten Job sucht, findet sie nichts Entsprechendes, arbeitet nur „geringfügig beschäftigt“ in einer Großküche. Am PC ist sie nicht mehr am Laufenden, den Gang zum AMS wagt sie aber nicht, denn sie hat Angst, in eine „Maßnahme“ gesteckt zu werden, sprich: einen Kurs „aufgebrummt“ zu bekommen. Die beiden sind prototypische Vertreter des noch immer stolzen Arbeitslosenheeres, das laut AMS vor allem aus Älteren und Frauen besteht. Und, wohlgemerkt, aus Jugendlichen der zweiten und dritten Einwanderergeneration. Denen, sagt unter anderem Minister Bartenstein, müsse die allerhöchste Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Faktum ist: Die Arbeitslosigkeit sinkt, aber nur sehr langsam; gelöst sind die Sorgen am Arbeitsmarkt noch lange nicht. „Wir haben jetzt bestenfalls eine Phase des Hoffnungsschimmers“, sagt AK-Mann Biehl, „aber sicher nicht eine Phase der beginnenden Vollbeschäftigung.“

Wobei: Null Arbeitslosigkeit, echte Vollbeschäftigung, kann es wohl theoretisch, niemals aber in der Praxis geben.

Eine bestimmte Zahl von Personen wird immer „unvermittelbar“ bleiben, oft aufgrund physischer oder psychischer Krankheit oder Instabilität, oft aus Verzweiflung, oft aus Unlust oder auch echter Unfähigkeit.

1,5 Millionen Jobwechsel pro Jahr. Neben dieser „Sockelarbeitslosigkeit“ existiert auch „friktionelle“ Arbeitslosigkeit – eine labile Phase, die Jobwechsler mit dem Bezug von Arbeitslosengeld überbrücken müssen. „Unser Job ist es, diese Zeitspanne so kurz wie möglich zu halten“, erläutert der Geschäftsführer des AMS Österreich, Johannes Kopf, die zentrale Strategie des Arbeitsmarktservice. „Wenn wir die Zeitspanne der Arbeitssuche um zehn Prozent verkürzen können, reduzieren wir übers Jahr die Arbeitslosenquote auch um zehn Prozent.“ Das Regierungsziel Vollbeschäftigung hält er für „engagiert“, ist jedoch bemüht, die Erwartungen nicht allzu hoch zu schrauben: „Je näher man dem Ziel kommt, desto schwieriger wird es“, sagt er. „Eigentlich haben wir ja eine harte Zeit. Es ist sicher nicht leicht auf dem Arbeitsmarkt.“

Warum das so ist, liegt auf der Hand: Die Grenzen sind weitgehend offen, bald werden die letzten Übergangsfristen für Arbeitskräfte aus den neuen EU-Ländern fallen. Die von der Vorgängerregierung beschlossene Pensionsreform hält ältere Arbeitnehmer tendenziell länger in Arbeit – und die Alten blockieren, wenn man es negativ sehen will, die Beschäftigung der Jungen.

Insgesamt, so ein einhelliges Lob, sind österreichische Arbeitnehmer aber ungemein dynamisch. Im Jahresschnitt wird in der vermeintlich trägen Alpenrepublik 1,5 Millionen Mal der Job gewechselt – das ist, bezogen auf die Arbeitsbevölkerung, beinahe Weltrekord. Österreich liegt dabei noch vor den stets dynamischen USA, nur knapp hinter Spitzenreiter Finnland. So gesehen hat das AMS wirklich viel zu tun: Mehr als 800.000 Kunden pro Jahr wollen bedient werden. Allein zwischen 31. März und 30. April wurde 98.000 Personen ein neuer Arbeitsplatz vermittelt, während 80.000 ihre Arbeit verloren – was in Summe 18.000 neue Jobs ausmacht.

Ein drängendes Problem ist, dass in den letzten Jahren viele Ganzjahresarbeitsplätze in der Industrie durch Saisonarbeitsplätze im Tourismus ersetzt wurden. In der toten Saison gehen die Kellnerinnen dann stempeln – mit dem Versprechen der Chefs, zu Beginn der nächsten Saison wieder eingestellt zu werden. Dass diese Strategie das Budget der Arbeitslosenversicherung über Gebühr strapaziert, steht außer Zweifel; eine Lösung, diese Form der von Unternehmern wie Arbeitnehmern gewünschten Arbeitslosigkeit zu minimieren, ist nicht in Sicht.

„Fehler passieren“. Was kann getan werden? Wer nach Wegen aus der Arbeitslosigkeit sucht, landet bald einmal beim AMS. Lange Jahre waren die Arbeitsämter als Orte des Grauens verschrien, nun aber haben sie ihr Image einigermaßen korrigieren können. Die durchschnittliche Verweildauer in der Arbeitslosigkeit wurde in den letzten Jahren drastisch gekürzt, an vielen Orten wurde die Betreuung spürbar verbessert, die Arbeitslosen nicht mehr nur verwaltet und abgefertigt, sondern durchaus gefordert und gefördert. Wobei AMS-Chef Kopf durchaus selbstkritisch ist und nach wie vor Verbesserungsmöglichkeiten sieht. „Null Fehler gibt es nicht“, sagt er, „Fehler passieren.“ Rund 4000 Beschwerden pro Jahr würden geäußert, bei 800.000 Kunden mache das gerade einmal ein halbes Prozent aus. Arbeitslose, sagt Kopf auch, seien eben oft „keine leichte Kundschaft, sind nicht automatisch positiv motiviert“. Nicht jeder Kurs, der kritisiert werde, sei schlecht, manchmal aber eben wirklich unpassend. Wovor der AMS-Chef zu Recht warnt, ist eine Überfrachtung seines Hauses mit zu vielen Aufgaben: Zurzeit bezahlt das Arbeitsmarktservice schon Hauptschulabschlusskurse – was nicht Sinn der Sache sein kann.

Um Vollbeschäftigung zu erzeugen, bräuchte es ohnedies das Zusammenwirken vieler Stellen. Umschulungs- und Vermittlungstätigkeit allein kann niemals reichen, Maßnahmen müssten schon viel früher einsetzen, etwa im oft nicht mehr zeitgemäßen Schulsystem. Besonders sinnvoll wäre es, meinen Experten, wenn Unternehmen wieder mehr Lehrlinge ausbilden würden – doch das Gegenteil ist der Fall. Die Zahl der offenen Lehrstellen ist, im Vergleich zum Vorjahr, 2006 wieder stärker gesunken als die Zahl der Schulabgänger, die eine Lehrstelle suchen – ein Problem für die jungen Menschen, aber auch für die Unternehmen selbst, die bereits lautstark über „Facharbeitermangel“ klagen – Facharbeiter, die sie selbst ausbilden hätten können.

Beschäftigungsprojekte für Junge? Vorschläge, wie Arbeitslosigkeit weiter reduziert und damit nicht zuletzt auch das Budget wirksam entlastet werden könnte, sind in großer Zahl vorhanden. Karl Öllinger, Sozialsprecher der Grünen, ist nach wie vor ein Verfechter der Arbeitszeitverkürzung – nicht zwingend auf 35 Stunden pro Woche, aber die verstärkte Einführung von „Sabbaticals“ würde ihm gefallen, ebenso wie eine noch aktivere Arbeitsmarktpolitik. Der Mandatar wünscht sich, in Anlehnung an die „Aktion 8000“ der Ära Dallinger, eine „Aktion 10.000“ – ein auf mehrere Jahre aufgeteiltes Beschäftigungsprogramm für junge Arbeitssuchende, die er „in den Bereichen Kultur, Ökologie, Soziales“ vorwiegend von Gemeinden eingestellt und von der öffentlichen Hand bezahlt haben möchte.

Wie alle anderen Experten auch hofft Öllinger auf eine brummende Konjunktur. Nur ein hohes Wirtschaftswachstum, so die Meinung der Fachleute, kann Arbeit im großen Stil und damit letztendlich so etwas wie Vollbeschäftigung schaffen.

Und nicht zuletzt braucht es auch noch den mündigen „Arbeitswilligen“, den motivierten und ehrlich bemühten Arbeitssuchenden, der selbst eifrig auf die Pirsch nach einem neuen Job geht. AMS-Chef Kopf bringt es auf den Punkt: „Wir als AMS müssen in Zukunft noch besser selektieren zwischen jenen, die wirklich unsere Hilfe brauchen, und jenen, die sich selber helfen können. Der durchschnittliche HTL-Ingenieur findet seinen Job ja selbst. Es wäre schade, unsere Ressourcen für ihn zu verwenden.“

von Othmar Pruckner

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