Arbeitslosigkeit bedroht Zeitarbeiter: Hälfte der rund 80.000 Leiharbeiter gefährdet

Leiharbeiter sind die großen Verlierer der Wirtschaftskrise. Die Hälfte der rund 80.000 Zeitarbeiter ist akut von Arbeitslosigkeit bedroht.

Der gelernte Rauchfangkehrer Walter Theisl hat in seinem Leben schon vieles gemacht. Er war Tellerwäscher, Liftmonteur, Kabelverleger in einem Kraftwerk, hat Autositze und Zigarettenschachteln hergestellt, in einer Kantine und als Lagerarbeiter gearbeitet. Mit seinen 30 Jahren hat er damit schon mehr Berufe kennen gelernt als andere in einem ganzen ­Leben. „In den letzten acht Jahren wurde ich locker auf 130, 140 Arbeitsplätzen eingeschult. An den meisten könnte ich heute sofort wieder arbeiten“, ist Theisl stolz.

Der flexible 30-Jährige ist als Zeitarbeiter bei Manpower beschäftigt, und er hat Glück, dass das Unternehmen seine Mitarbeiter soweit wie möglich auch in schwierigen Zeiten zu halten versucht. Zuletzt war Theisl nämlich bei Magna Steyr in Graz beschäftigt. Als Schweißer hat er bei der Produktion des BMW X3 mitgearbeitet. Seit November ist es damit vorbei. Theisl ist einer von 600 Zeit- oder Leiharbeitern, die Magna im Herbst als Folge der Wirtschaftskrise an Manpower zurückgegeben hat. Zu Spitzenzeiten hatten im Grazer Magna-Werk neben der Stammbelegschaft noch 1400 Leiharbeiter gearbeitet. „Es tut uns um jeden Einzelnen leid“, beteuert Magna-Sprecher Daniel Witzani, „wir können aber nicht für die eigenen Leute Kurzarbeit einführen und daneben Leiharbeiter beschäftigen.“ Magna ist da kein Einzelfall. Auch die voestalpine, General Motors, AT&S, Swarovski oder Infineon haben die in der Hochkonjunktur zusätzlich benötigten und auf Abruf verfügbaren Hilfskräfte jetzt ebenso schnell und in Bausch und Bogen wieder nach Hause geschickt. Und es könnte noch viel schlimmer kommen. René Schindler, leitender Sekretär der Gewerkschaft Metall-Textil-Nahrung: „Es könnte bald die Hälfte aller Leiharbeiter arbeitslos sein.“

In einigen Bereichen und Regionen ist dieser Fall bereits eingetreten. In der von der Wirtschaftskrise besonders hart getroffenen Steiermark waren schon Ende November 4500 Zeitarbeiter arbeitslos gemeldet. Jeder zweite hatte seinen Job bereits verloren, jeder zweite Arbeitslose hatte davor sein Geld als Zeitarbeiter verdient. Zu normalen Zeiten ist es zumindest für die großen Personalbereitsteller wie Trenkwalder, Manpower oder Adecco kein Problem, wieder neue Jobs zu finden. „Derzeit gibt es aber keine freien Stellen“, sagt Richard Trenkwalder, dessen 1995 gegründetes Unternehmen die größte Leiharbeitsfirma in Österreich ist.

Ehe die Wirtschaftskrise im September spürbar wurde, hatte Trenkwalder in Österreich noch 10.000 Mitarbeiter, aktuell sind es nur noch 6500. Die Überzähligen wurden an das AMS zurückgeschickt, das sie davor an Trenkwalder vermittelt hatte. „Das AMS war in den letzten Jahren unser wichtigster Partner. Wir haben 99 Prozent der Mitarbeiter aus der Arbeitslosigkeit geholt“, sagt der 60-jährige Unternehmer, der sich jetzt einen radikalen Sparkurs verordnet: Einige Auslandsniederlassungen werden geschlossen, die Expansion gestoppt und das prestigeträchtige Sportsponsoring überdacht.

Auch wenn die aktuelle Flaute teils saisonal bedingt ist: Der Mitarbeiterabbau könnte 2009 noch weitergehen. Die Personalleasing-, Zeitarbeits- oder Leiharbeitsanbieter, von denen es in Österreich rund 1800 gibt, müssen sich nach Jahren des Höhenflugs, in denen sie sich über Wachstumsraten von bis zu 40 Prozent freuen konnten, wieder auf rauere Zeiten einstellen. „Derzeit sieht es für die Branche nicht gut aus“, meint Michael Bruhns vom Marktforschungsinstitut Interconnection Consulting, „sowohl die Industrie als auch das Gewerbe sind von der Wirtschaftskrise massiv getroffen, und 2009 wird der Druck noch viel stärker werden.“

Die Zeitarbeitsfirmen, die davon leben, dass sie den Unternehmen, die ihre Arbeiter einsetzen, Serviceaufschläge von 25 bis 30 Prozent auf den Bruttolohn, für besonders gefragte Spezialisten sogar bis zu 100 Prozent verrechnen, müssen damit mit empfindlichen Geschäftseinbußen rechnen. Ersten Schätzungen zufolge wird die Branche übers Jahr mit einem Minus von mindestens 20 Prozent, vermutlich aber noch viel mehr leben müssen.
Dass dadurch, wie von der Gewerkschaft befürchtet, jeder zweite Leiharbeiter um seinen Arbeitsplatz fürchten muss, hält Bruhns nicht für wahrscheinlich, allerdings ist auch seine Schätzung nicht wirklich optimistisch: „Es hängt natürlich davon ab, wie schlimm uns die Krise noch trifft. Ein Rückgang von 30 Prozent ist aber durchaus denkbar.“

Offiziell gab es in Österreich bei der letzten Stichtagserhebung am 31. Juli exakt 68.081 Zeitarbeiter. In dieser Zahl sind jedoch all jene nicht inkludiert, die an diesem Tag nicht gearbeitet haben. Sei es, weil sie krank, gerade nicht im Einsatz oder vielleicht auch in Urlaub waren. Bruhns geht daher davon aus, dass es in Österreich rund 80.000 Zeitarbeiter gibt, und Erich Pichorner, Geschäftsführer von Manpower Österreich, schätzt die Dunkelziffer gar noch viel höher ein: „Vielleicht gibt es sogar 200.000 Leute, die zumindest gelegentlich als Zeitarbeiter ihr Geld verdienen.“

Genaue Angaben sind auch deshalb schwer möglich, weil der Markt extrem fragmentiert ist. Viele Unternehmen haben nur ein paar Dutzend Mitarbeiter, die sie an eine Hand voll Kunden vermitteln. Michael Wottawa, Geschäftsführer von USG People Austria, gehört in Österreich selbst noch zu den kleineren Anbietern, obwohl USG People europaweit die Nummer vier in der Branche ist. Er ist sich sicher, dass die Krise nicht nur zur Freisetzung vieler Zeitarbeitskräfte, sondern auch zu einer Marktbereinigung führen wird: „Es fehlen die Aufträge. Viele Zeitarbeitsfirmen sind in ihrer Existenz bedroht.“

Aufgrund des enormen Wettbewerbsdrucks der Personalbereitsteller herrscht in Österreich ein beinharter Konkurrenzkampf, bei dem sich nicht immer alle an die Spielregeln halten. Der Abschluss des an den Bestimmungen für Metallarbeiter angelehnten Kollektivvertrags war ein großer Schritt zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Die Praxis zeigt jedoch, dass die darin festgelegten Bestimmungen hinsichtlich der Bezahlung, der Arbeitszeit und der Kündigungsfristen oft umgangen werden. Gewerkschafter Schindler: „Besonders große Probleme gibt es mit den Kündigungsfristen. Wenn es für Leiharbeiter, die von Beschäftigerbetrieben zurückkommen, nicht gleich wieder die Möglichkeit gibt, sie wieder zu vermitteln, werden sie oft gedrängt, einvernehmliche Kündigungen zu unterschreiben.“ Dasselbe passiere leider auch immer wieder nach Arbeitsunfällen oder bei Krankenständen. „Und die Statistik zeigt, dass es unter Leiharbeitern die höchste Arbeitsunfallrate überhaupt gibt.“

Die großen der Branche verwehren sich gegen derartige Praktiken und argumentieren, dass es in Österreich die europaweit schärfsten Bestimmungen zur Zeitarbeit gäbe, die auch tunlichst eingehalten würden. Manpower-Chef Pichorner: „Die Mitarbeiter sind unser Kapital. Wenn es nur irgendwie möglich ist, versuchen wir auch, sie weiter zu vermitteln, und wir finanzieren in den Leerzeiten Ausbildungen wie Staplerscheine oder Schweißkurse.“ Mitarbeiter aus dem Krankenstand zu entlassen oder sich bei der Bezahlung nicht an den Kollektivvertrag zu halten sei für ein seriöses Unternehmen wie Manpower ebenfalls undenkbar.

Walter Theisl, der zum Arbeiterbetriebsrat von Manpower gehört, weiß jedoch etwas anderes: „Es kommt meistens zu einvernehmlichen Vertragsauflösungen, um die Kündigungsfristen abzukürzen. Es gibt genug schwarze Schafe.“ Auf der Strecke bleiben die Leiharbeiter, die es ohnehin schwer genug haben: Am Arbeitsplatz müssen sie mit Mobbing der Stammbelegschaft leben. Außerdem gibt es selbst bei mehrere Jahre dauernden Einsätzen im gleichen Unternehmen praktisch keine Aufstiegsmöglichkeiten und im Falle einer Kündigung auch keine Sozialpläne.

Die Beschwichtigung der Unternehmen, dass Leiharbeiter genauso behandelt würden wie das eigene Personal, ist für die Arbeitnehmervertreter nicht nachvollziehbar. Für sie sind die Leiharbeiter, die rund 2,1 Prozent der Erwerbstätigen ausmachen, immer noch Arbeitskräfte zweiter Klasse. Gefordert wird daher die Einrichtung einer von den Zeitarbeitsfirmen, den Beschäftigerbetrieben und vom AMS finanzierten Arbeitsstiftung und die Anpassung der Kündigungsfristen für Leiharbeiter an die der normalen Arbeiter und Angestellten.

Was die Einrichtung einer Arbeitsstiftung betrifft, gibt es jedoch unter den Zeitarbeitsfirmen recht unterschiedliche Meinungen. Während Richard Trenkwalder diese Forderung seit Jahren unterstützt, ist sich Manpower-Chef Pichorner dabei nicht ganz so sicher. „Dazu kann ich heute weder Nein noch Ja sagen. Wenn nicht alle mitmachen, hat eine solche Stiftung aber keinen Sinn.“ Und es wäre außerdem die Frage zu klären, welche Leiharbeiter in die Stiftung aufgenommen werden könnten und welche nicht. Pichorner: „Es ist unsere Aufgabe, für die Mitarbeiter, die von den Firmen zurückkommen, neue Arbeitsplätze zu finden. Auch bei den Arbeitern, die jetzt wegen der Flaute in der Automobilbranche zurückgegeben wurden, ist es uns bei rund einem Drittel gelungen, sie wieder an andere Arbeitsplätze zu vermitteln.“ Es sei derzeit nicht einfach, Plätze zu finden, aber keinesfalls unmöglich. Pichorner: „Vielfach hängt es auch von den Arbeitern selbst ab.“

Von Peter Sempelmann

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