Anleihen: Poker um die höchsten Zinsen

Die Europäische Zentralbank hat die Zinsen im Juni zum achten Mal seit Ende 2005 erhöht. Sollen Anleger jetzt schon Anleihen kaufen oder auf einen weiteren Anstieg setzen?

Die Schlagzeile kommt Anlegern schon hinlänglich bekannt vor: „Europäische Zentralbank erhöht die Leitzinsen“. Zum wievielten Mal?, fragt man sich nur. Exakt zum achten Mal seit 2005. Und endlich bringen auch kurz laufende Anlageformen deutlich mehr als die Inflation. Andererseits locken längere Bindungsfristen mit noch höheren Renditen. Lohnt es sich da, statt Geld auf ein kurz laufendes Sparbuch zu legen, eine zehnjährige Anleihe zu kaufen?

Die Antwort der Volkswirte lautet überwiegend: Nein. Derzeit ist die Differenz zwischen Anleihenrenditen mit kurzen Laufzeiten und jenen mit langen Fristen am anderen Ende der Zinslandschaft so gering wie schon seit Jahren nicht mehr. Dem Risiko einer längerfristigen Bindung steht ein vergleichsweise bescheidener Mehrertrag gegenüber.

Dennoch – ganz einig sind sich die Volkswirte nicht, wie weit die Zinsen noch steigen könnten. Genau davon hängen aber alle Anlageentscheidungen ab. Bleibt die Europäische Zentralbank (EZB) bei dem aktuellen Zinssatz, dann bieten sich nämlich genau jetzt gute Chancen, günstig zu lang laufenden Papieren zu kommen und die (bescheidene) Zinsdifferenz zu lukrieren. Dreht die EZB hingegen weiter an der Zinsschraube, dann verlieren die lang laufenden Anleihen an Wert, Kursverluste sind sicher.

„Ein bis zwei weitere Erhöhungen sind heuer noch drinnen, je nach Konjunkturentwicklung. Dann ist aber Schluss“, prophezeit Veronika Lammer, Chefvolkswirtin bei der Erste Bank. Etwas aggressiver ist die Prognose von Peter Brezinschek, Leiter der RZB-Analyseabteilung: Für ihn ist dann noch eine weitere Anhebung im März 2008 auf 4,75 Prozent möglich, denn „das Wirtschaftswachstum im Euroland wurde deutlich unterschätzt“, begründet der Zinsprofi seine Prognose.

Blühende Landschaft. Noch Ende 2006 hatte die Anhebung der Mehrwertsteuer in Deutschland zahlreiche Volkswirte wirklich pessimistisch gestimmt. Mit der Erhöhung von 16 auf 19 Prozent fürchteten Marktbeobachter, dass die Konsumenten ihre Shoppingtouren in Europas größter Volkswirtschaft stark einbremsen würden. Dabei sahen die generellen Wachstumsaussichten im nördlichen Nachbarstaat schon vor der Steuererhöhung ohnedies nicht allzu rosig aus. Ein getrübtes Konsumverhalten hätte die Konjunktur weiter gebremst. „Immerhin stellt die Wirtschaft Deutschlands ein Drittel des gesamten BIP im Euroraum dar“, weist Lammer von der Erste Bank auf die Bedeutung Deutschlands als Konjunkturlokomotive hin.

Nach dem Motto: „Geht es Deutschland schlecht, geht es allen schlecht“, wurden deshalb die Prognosen für den gesamten Euroraum zurückgeschraubt. Doch wie so oft sollte es auch dieses Mal anders kommen: Das BIP ist in Deutschland im ersten Quartal 2007 um 0,5 Prozent gewachsen, doppelt so stark wie erwartet. Auch für den Euroraum waren die Zahlen überraschend gut, und so rechnet Zinsanalystin Lammer für das Gesamtjahr mit einem BIP-Anstieg von 2,7 Prozent, nach einem Plus von 2,8 Prozent im Vorjahr. Zu dieser Entwicklung tragen freilich auch noch andere fundamentale Gründe bei.

Immer mehr private Haushalte, aber auch viele Unternehmen borgen sich angesichts der immer noch günstigen Kredite Geld bei ihrer Bank aus, um damit wiederum den Konsum und neue Investitionen anzukurbeln. So hat das Geldmengenwachstum derzeit eine Jahresrate von zehn Prozent erreicht. Zu viel, wie Ute Pock, Ökonomin bei der Investkredit, besorgt aufzeigt: „Normalerweise ist dieser Prozentsatz nur halb so groß. Damit liegen wir bei einem 24-Jahres-Hoch, was die Geldmenge betrifft.“ Verständlich, dass die EZB nicht länger tatenlos zuschauen will, sondern sich bemühen wird, den Trend mit Zinsanhebungen einzubremsen.

Jobwachstum. Für weitere Zinserhöhungen spricht auch die Situation am Arbeitsmarkt. Anstatt wie in den Vorjahren Jobs abzubauen, um Kosten einzusparen, stellen die Unternehmen jetzt wieder Mitarbeiter ein. Die Folge: Die Arbeitslosenrate in der Eurozone ist im April 2007 auf 7,1 Prozent gesunken. Noch vor einem Jahr lag sie bei acht Prozent.

Brezinschek von der RZB gibt sich über die weitere Entwicklung im laufenden Jahr zuversichtlich. „Im Durchschnitt dürften die sieben Prozent heuer sogar unterschritten werden. Dabei nimmt die Beschäftigung quer durch alle Branchen zu“, so das erfreuliche Resümee des Ökonomen. Für Österreich, wo die Rate zuletzt auf 4,5 schrumpfte, glauben manche Experten sogar, dass noch heuer Vollbeschäftigung möglich sein könnte. Dazu müsste die Arbeitslosenrate unter drei Prozent sinken.

Für Arbeitsuchende mag dies höchst erfreulich erscheinen – bei Anlegern flammen damit freilich auch wieder Inflationsängste auf. Denn einerseits kommt Preisdruck von der Rohstoffseite. Allen voran hält sich das Öl auf hartnäckig hohem Niveau, Tendenz steigend. Auch die Preise für viele Agrargüter ziehen kräftig an. Schuld daran ist der zunehmende Einsatz vieler Pflanzen – wie zum Beispiel Mais –zur alternativen Energiegewinnung. Andererseits dürfte nun auch noch über den Arbeitsmarkt Inflationsdruck durch steigende Löhne kommen.

Gehaltserhöhung. Tatsächlich machen sich bei den Arbeitskräften in einigen Sparten erste Engpässe bemerkbar. „In Deutschland spürt man bereits einen Fachkräftemangel, der sich auch bald bei uns spürbar machen könnte“, zeigt sich Günther Marek, Treasury-Leiter der Volksbank Kufstein, besorgt. Und das zieht in der Folge freilich die Löhne nach oben. „In einigen Branchen haben wir in Deutschland Gehaltssteigerungen um rund 30 Prozent beobachtet, um Mitarbeiter erfolgreich anzuwerben“, fügt Marek hinzu.

Angesichts dieser positiven Konjunkturentwicklung ist es kaum verwunderlich, dass die Ökonomen heuer noch mit weiteren Zinserhöhungen rechnen. Anleger bekamen schon die Auswirkungen der letzten Schritte zu spüren: Denn seit März dieses Jahres befinden sich die Kurse der Anleihen- und Rentenfonds im Abwärtssog. Wer jetzt Anleihen im Depot hält, steht nach den Zinserhöhungen schlechter da als davor. Neue Schuldverschreibungen locken nämlich mit höheren Zinsen, die älteren Anleihen verlieren folglich an Wert. Mit zehnjährigen Anleihen konnten Anleger zu Jahresbeginn eine Rendite von 3,9 Prozent lukrieren. Derzeit liegt die Rendite bei diesen Laufzeiten schon bei 4,5 Prozent.

Für die kommenden zwölf Monate empfiehlt Michael Rottmann, Leiter des Global Research der UniCredit, Anlegern daher, im Geldmarkt zu investieren. „Da gibt es keine Kursverluste, und man profitiert von den Zinsanhebungen.“ Entsprechende Produkte orientieren sich in der Regel nämlich am 3-Monats-Euribor. Weniger interessant sind allerdings die Geldmarktfonds. Nach Abzug der Spesen bleibt dem Anleger relativ wenig übrig. Neben den Online-Banken, die relativ hohe Zinsen spesenfrei zahlen, empfiehlt RZB-Experte Brezinschek als weitere Alternative variabel verzinste Anleihen.

Sprung ins kalte Wasser. Freilich teilen nicht alle Zinsprofis die aktuelle Einschätzung auf den Rentenmärkten – und das macht Anlegerentscheidungen zum Poker. Josef Falzberger, Leiter der Zinsmärkte im Asset Management der Schoellerbank, glaubt, dass das Schlimmste nun ausgestanden ist: „Wir steigen bereits wieder bei lang laufenden Anleihen ein und investieren damit gegen die allgemeine Marktstimmung.“ Anleger, die ebenfalls an ein Ende des Abschwungs bei den Anleihenkursen glauben, sollten aber lieber in einzelne Staatsanleihen investieren anstatt in einen Rentenfonds (siehe Tabelle „Umgestiegen“). Denn falls diese Obligationen während der Laufzeit doch noch an Wert verlieren, bekommt man spätestens zum Laufzeitende das Nominale von 100 Prozent zurück. Bei Rentenfonds ist dies nicht der Fall, da die Verwalter laufend umschichten und nicht jede einzelne Fälligkeit abwarten. Anleger sind in diesem Fall daher ständig den Kursbewegungen des Fonds ausgesetzt.

Hände weg heißt es unisono unter Volkswirten, wenn es um Unternehmensanleihen geht. Laut UniCredit-Analyst Rottmann müssten diese einen wesentlich besseren Zinsaufschlag gegenüber Staatsanleihen als Risikoprämie bieten, als sie es tatsächlich tun. Aufgrund der langen Tiefzinsphase hatten vor allem viele institutionelle Investoren zunehmend so genannte Corporate Bonds gekauft, um höhere Zinsen einzustreifen. Dabei wurde immer weniger auf das Risiko einzelner Unternehmen geachtet. Ein zu früher Einstieg könnte sich bei dieser Anleihenkategorie somit als besonders schmerzlich erweisen.

VON RAJA KORINEK

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