<small><i>Andreas Lampl</i></small>
Sind wir erwachsen oder wachsen wir noch?

Es sind nicht nur die bösen Banken. Das Finanzsystem wird so lange unkontrollierbar bleiben, solange die Eliten nicht aus dem Traum vom ewigen Wachstum erwachen.

In einer „Pressestunde“ stimmte ÖGB-Präsident Erich Foglar kürzlich wieder einmal sein Loblied auf das „Wachstum“ an, das Gewerkschafter besonders gerne und ­besonders oft singen. Wir brauchen nur Wachstum, und das Budget ist schon so gut wie saniert. Und außerdem müssen die Banken mitzahlen, weil sie uns das Desaster ja eingebrockt haben.

Eine Logik, die den Nerv großer Teile der Bevölkerung trifft: Hier der brave Arbeiter, die brave Angestellte, die in der realen Wirtschaft für Wachstum sorgen, wenn man ihnen nur einen Job gibt. Dort die bösen Spekulanten, die Millionen verdienen, indem sie Milliarden leichtfertig aufs Spiel setzen.
Eine Logik, die aber falsch ist. Erst die Gier nach Wachstum – ohne das unsere Systeme nicht funktionieren, weil (fast) alle Staaten permanent mehr ausgeben, als sie einnehmen – konnte die Blase so lange aufblähen, bis sie platzte. Der Immobilienboom hat den USA kräftiges Wirtschaftswachstum beschert. Möglich war der Boom nur, weil nahezu jeder, unabhängig von seiner Bonität, Kredite nachgeschmissen bekam. Und das war wiederum nur möglich, weil weltweit Banken (und andere Firmen) blöd genug waren, diese Kredite, verpackt in Wertpapiere, von den Wall-Street-Riesen zu kaufen. Hat die ­US-Regierung eingegriffen? Natürlich nicht, sondern im Gegenteil den Wahnsinn gefördert – und das Wachstum gefeiert.

Kein Mensch hat sich daran gestoßen, dass die Hypo Alpe-Adria am Balkan zu viel Risiko genommen hat, solange österreichischen Exporteuren und Dienstleistern dadurch zu Wachstum verholfen wurde. Gleiches gilt für die Ostaktivitäten der anderen heimischen Institute. Die Investmentbank Goldman Sachs hätte nicht hunderte Millionen damit verdienen können, Griechenland beim Verstecken der Staatsschulden zu helfen, wäre es den Griechen nicht darum gegangen, die Fiktion eines Staates mit intaktem Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten.

Niemand hat die Reißleine gezogen, als die Banken an den boomenden Aktien- und Anleihenmärkten bis 2008 Milliardengewinne einfuhren. Der Steigerung der Kurse in aberwitzige Höhen wurde nicht durch höhere Zinsen entgegen­gewirkt, weil die Situation auch dem Rest der Wirtschaft neue Expansionschancen versprach. Keine Notenbank und keine Regierung hat sich gegen die absurde Explosion der Kreditmenge in den Jahren zwischen 2003 und 2008 gestemmt. Man wollte ja die (Schein-)Hochkonjunktur nicht abwürgen.

Nach dem Crash wurden hunderte Milliarden weltweit in den Finanzkreislauf gepumpt, an denen skurrilerweise im Vorjahr wieder die Banken prächtig verdienten. Die Konjunktur konnte so zwar stabilisiert werden. Aber irgendwann muss diese Mega-Aktion massiv Wachstum kosten.

Es sollen hier nicht dubiose Spekulationspraktiken von ­Investmentbanken verteidigt werden. Natürlich gibt es viele Banker, nicht nur an der Wall Street, für die ihr Bonus das Einzige ist, was sie an ihrem Beruf interessiert. Dafür tun sie alles – und müssen mit Regeln zur Räson gebracht werden.
Aber: Tun wir doch nicht so, als trüge das Finanzsystem alleine Schuld. Die Rahmenbedingungen dafür, dass es außer Rand und Band geraten kann, waren und sind vorhanden, weil die politischen und ökonomischen Eliten nicht aus dem Traum vom ewigen Wachstum erwachen wollen. Obwohl dieser Traum immer irrealer wird. Oder anders ausgedrückt: Wer das Geschäft von Banken wieder in „vernünftige“ Bahnen lenken will, muss sich auch eingestehen, dass er kein großartiges Wachstum mehr erwarten darf. Weil er die Wirtschaft insgesamt, nicht nur die Geldhäuser auf den Boden der Realität holt.

Wahrscheinlich wird Österreich die Wachstums-Fiktion noch eine Zeit lang aufrechterhalten können, weil in Ost­europa, Asien oder Afrika noch was drinnen ist. Aber die ­Ernüchterung wird in immer kürzeren Abständen kommen. Und es fehlt jeder Ansatz, das System so umzubauen, dass es auch ohne Wachstum funktionieren kann.

Wenn die Gewerkschaft glaubt, nur durch Wachstum aus dieser Krise zu entkommen, hat sie den Grundstein zum nächsten Crash schon gelegt. Die Arbeitslosenquote war am niedrigsten, als die Spekulation am höchsten war. Auch eine Bankensteuer wird das nicht ändern.

lampl.andreas@trend.at

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