<small><i>Andreas Lampl</i></small>
Runter mit dem Leistungswiderstand!

Der Begriff Leistung steht öfter für etwas, was einem zuerkannt wird, als für das, was individuell erbracht wird. Es wäre Aufgabe der Politik, das zu ändern!

Ein halbwegs begabter Volksschüler wird folgende Rechnung verstehen: Er muss pro Monat fünf Euro sparen, damit er nach einem Jahr beim sechstägigen Ferienlager jeden Tag zehn Euro zum Ausgeben hat. Wenn er aber zwei Wochen Ferien machen will, dann hat er entweder nur die Hälfte pro Tag, oder er muss zwei Jahre sparen.

Oder aber, so wird er sagen, ein liebender Vater legt das fehlende Geld drauf.

Auch unser Vater Staat ist so lieb. Er nimmt sogar einen Kredit dafür auf, damit wir länger die Rente genießen können, ohne vorher mehr einbezahlt zu haben. Er ist um unser Wohl besorgt und rechnet uns nicht vor, dass sich das wegen der stetig steigenden Lebenserwartung irgendwann hinten und vorne nicht mehr ausgehen kann. Er will auch seinen pensionsprivilegierten Beamten nicht wehtun und hält an der Hacklerregelung fest, obwohl sie haarsträubend teuer ist.

Vater Staat weiß natürlich, dass irgendwann Haus und Hof verpfändet ist und für die Jüngeren nicht mehr viel übrig bleibt. Aber eine Notlüge ist immer noch besser, denkt er sich, als mit der brutalen Wahrheit herauszurücken.

Er bringt es nicht übers Herz zu sagen, dass wir mehr leisten müssen – oder weniger Leistungen bekommen werden.

Die wirtschaftspolitische Konstante, relativ simpel zu begreifende Tatsachen zu ignorieren, wird sich beim Pensionssystem besonders dramatisch auswirken. Wie die Titelgeschichte dieser trend-Ausgabe zeigt. Aber auch bei anderen Themen wird ein Teil der Realität ausgeblendet, vor allem, wenn er mit der Aussicht, mehr leisten zu müssen, verbunden ist. Die gesamte Debatte um die Budgetsanierung führt die Politik nur aus dem Blickwinkel der Verteilungsgerechtigkeit. Ob die zu verteilenden Werte ausreichen und, wenn nein, wer zusätzliche schaffen kann, wird selten gefragt. Alfred Gusenbauer hat noch die Leitlinie der solidarischen Hochleistungsgesellschaft ausgegeben, weil er ahnte, dass in Österreich das Verhältnis von Leistungsniveau und Anspruchshaltung den geänderten weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht mehr entspricht. Die heutige SPÖ-Spitze denkt lieber darüber nach, wie sie Posten im ORF besetzen kann. Aber auch in der ÖVP taucht der Begriff Leistung am ehesten im Zusammenhang mit staatlicher Agrarförderung auf.

Nicht nur Gewerkschaften scheinen zu glauben, dass Fortschritt – nämlich mit gleicher Leistung immer mehr Wohlstand oder mit immer weniger Leistung gleichbleibenden Wohlstand zu erzeugen – ein Naturgesetz ist. Das erhöht auf der ganzen Linie den Leistungswiderstand.

Vor gut 60 Jahren stand die österreichische Volkswirtschaft vor der Situation, mit einem ungeheuren Kraftakt bei null zu beginnen. Heute stehen wir nur vor der überschaubaren Herausforderung, die Kosten einer Finanzkrise abzuarbeiten und Schulden zu begleichen, weil wir über unsere Verhältnisse gelebt haben. Eine Leistung, die zu schaffen sein sollte und kein Anlass für kollektives Wehklagen ist!

Es würde reichen, etwa das Pensionsantrittsalter rigoros anzuheben und die Lebensarbeitszeit generell zu verlängern, wie das andere europäische Staaten selbstverständlich tun. Aber keiner traut sich drüber.

Es würde reichen, überall vorhandene Leistungsreserven – zumutbar – anzuzapfen. Aber wenn Lehrer ein paar Stunden pro Monat mehr arbeiten sollen, rufen sie den nationalen Notstand aus. Und die öffentliche Hand steht hilflos daneben – und ergeht sich lieber in lächerlichen Debatten um die Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern, anstatt nachzudenken, wie die Leistungsfähigkeit unseres Bildungssystems (etwa dem skandinavischen beschämend unterlegen) zu verbessern wäre.

Es würde auch keinen sozialen Kahlschlag brauchen, um die Wettbewerbsfähigkeit heimischer Betriebe im zunehmend härteren Wettbewerb mit Schwellenländern wie China zu stärken. Diverse Korrekturen wie die Streichung von Überstundenzuschlägen würden schon helfen. Und bevor Gewerkschafter ganz ausrasten: Natürlich müssen neue Regeln auch Investoren und Aktionären dabei helfen, ihr Anspruchsniveau bei Renditen nach unten zu schrauben.

Die Aufgabe der Politik wäre, ein Klima zu schaffen, in dem der Begriff Leistung wieder in erster Linie für etwas steht, was individuell erbracht wird, und erst in zweiter Linie für etwas, das einem zuerkannt wird.

lampl.andreas@trend.at

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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