<small><i>Andreas Lampl</i></small>
Auslaufmodell Kirche

Ich war in einem der berüchtigten katholischen Internate. Die sind wegen mangelnder Nachfrage fast untergegangen. Aber so wie die Kirche mit den früheren Zuständen dort umgeht, wird sie als Ganzes zum Auslaufmodell.

Auch ich war ein Zögling des Stiftsgymnasiums in Kremsmünster, das jetzt landesweit berüchtigt ist. Plötzlich die große Bestürzung; Hände über dem Kopf zusammenschlagen; Stoßgebete. Nach 20, 30, 40 Jahren. Absurd. Ich war dort in der ersten Hälfte der siebziger Jahre, bis ich nach der 5. Klasse zum Glück aus dem Konvikt (= Internat) flog. Ich habe sie alle erlebt, die jetzt in der Zeitung stehen: den Pater A. als Konviktsdirektor, der im Speisesaal vor hundert anderen Mitschüler züchtigte; den Pater N., der mit Stöcken zuschlug; den Pater L., der seinen dicken Schlüsselbund bevorzugte – und dem die Hand bei der Zehennägelkontrolle im Schlafsaal (30 Zehnjährige nebeneinander) manchmal halt ein bisserl bis über das Knie rutschte. Ich habe ein System erlebt, in dem ausgewählte Zwölfjährige, so genannte Senioren, hochoffiziell das Recht hatten, Zehnjährige zu schlagen, wenn die während der Studierzeit mitsammen redeten. Das war alles kein Geheimnis.

Wie häufig echter sexueller Missbrauch passierte, weiß ich nicht. Mir nicht. Aber das Thema lag in der Luft. Mit Schulfreunden hatten wir schon als halbe Kinder einen Teil der Patres als „sicher schwul“ oder „ein bisserl schwul“ klassifiziert. Und wir waren bei manchen Präfekten (= Erzieher) und Lehrern überzeugt, dass da immer wieder „was passiert“.

Jeder, der damit zu tun hatte, hätte über die Methoden in Klosterinternaten – nicht nur in Kremsmünster – Bescheid wissen können: Eltern, zuständige Diözesen oder staatliche Aufsichtsbehörden. Wenn man sich dafür interessiert hätte. Wieso wundert sich überhaupt jemand? Die wenigen Patres, die mit sich im Reinen waren, mögen verzeihen: Aber ein männerbündlerisches System, getragen von überwiegend psychisch deformierten Mönchen (die sich fast ausschließlich aus dem System rekrutieren), eine geschlossene Gesellschaft, die auf strenger Hierarchie, Autorität und Unterordnung beruht – was soll die, bitte schön, sonst hervorbringen? Besserenfalls Weltfremdheit bis hin zu Entrückung, schlechterenfalls infantile Sexualität bis hin zum Sadismus.

Jahrzehnte später möge man der Öffentlichkeit – vor allem vonseiten der Kirche – heuchlerische Bestürzung ersparen, Missbrauchsopfern, die das wünschen, zu ihrem Recht verhelfen und ein paar Lehren ziehen. Beispielsweise fürs Bildungssystem: Denn auch dem Mythos von der guten Schule, dem die meisten Eltern erlegen waren, hielt die klösterliche Ausbildung mitnichten stand. Mein begabtester Schulkamerad konnte Englisch-Aufsätze aus dem Stegreif von einer leeren Heftseite weg vortragen, wenn er seine Hausübung nicht gemacht hatte. Seine Fähigkeiten wurden aber weder gefördert noch, wie ich glaube, erkannt. Stattdessen hatte er häufig Probleme, weil er nicht wie gewünscht funktionierte.

Wir konnten zwar mit elf Jahren auf Lateinisch ministrieren, die Welt außerhalb der Stiftsmauern blieb aber lange irgendwie fremd. Eine autoritäre und rückwärtsgewandte Struktur weckt eben keine Neugier, Kreativität und kein Denken in Zusammenhängen. Paradoxerweise konnte ich nach dem Schulwechsel nicht einmal in Latein mithalten, weil wir zu viel Zeit mit Auswendiglernen verbracht hatten. Das Netzwerk für später, das man sich in Kremsmünster angeblich erwarb, konnte die Mängel der Ausbildung nicht kompensieren.

Das alte Stiftsgymnasium hat sich als Auslaufmodell erwiesen. Das Konvikt hat heute kaum Zöglinge mehr. Die Schule wurde für Mädchen geöffnet, im Lehrkörper finden sich fast keine Patres mehr (beides noch vor 25 Jahren undenkbar). Die stetig sinkende Nachfrage hat Änderungen erzwungen.

So wie die Kirche auf die früheren Vorgänge dort – und vielerorts in Europa – reagiert, könnte sie bald insgesamt zum Auslaufmodell werden. Die Führung ist nicht gewillt, sich aus ihrer skurrilen Erstarrung zu befreien. Der Papst agiert wie der Boss eines Autokonzerns, der sich weigert, umweltfreundlichere Fahrzeuge zu bauen. Er und seine Mitstreiter „produzieren“ am Markt vorbei. Und auf den Einwand, dass es sich hier nicht um schnöde Produkte, sondern um ewige Wahrheiten handelt: Die meisten dieser Wahrheiten wie das Zölibat wurden ab dem Übergang der Antike zum Mittelalter zwecks profaner Macht- und Vermögenserhaltung erschaffen.

Dass die Kirche auch sehr viel Positives im Sozialbereich leistet, stimmt. Doch niemand ist gezwungen, das unter dem Dach dieser ewiggestrigen Amtskirche zu tun.

lampl.andreas@trend.at

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