An Aktien führt kein Weg vorbei: Was Bankiers den Schönen & reichen jetzt raten

Von Franz C. Bauer

Es ist ein seltsames Spektakel, das alljährlich rund 20.000 Gläubige aus aller Welt in den mäßig aufregenden Flecken Omaha, mit knapp einer halben Million Einwohnern größte Stadt des US-Bundesstaats Nebraska, pilgern lässt. Gebannt hängen sie an den Lippen des Gurus, der, hinter einem schlichten Tisch sitzend, seine Weisheiten mit der Welt teilt. Ja, die Wirtschaft befinde sich auf dem Pfad der Erholung, die Zeit, um Aktien zu kaufen, sei günstig. Und nein, die Immobilienbranche sei da noch nicht dabei, es werde wohl bis ins nächste Jahr dauern, bis sich die Hauspreise in den USA, Auslöser der schlimmsten Finanz- und Wirtschaftskrise seit Menschengedenken, wieder erholen.
Als „Woodstock für Anleger“ bezeichnen die Medien gern die Hauptversammlung der Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway, deren Gründer und Vorstandsvorsitzender Warren Buffett, Selfmademilliardär und als „Orakel von Omaha“ gefeierte Investorenlegende, bei dieser Gelegenheit vor seinen Mit-Aktionären Rechenschaft über das zurückliegende Jahr ablegt und einen Ausblick in die Zukunft wagt (Buffett selbst ist größter Einzelaktionär von Berkshire Hathaway). Assistiert wird Buffett dabei seit Jahrzehnten von seinem Freund und Vize Charlie Munger, seit 1959 Weggefährte des Berkshire-Gründers. „Was Buffett gelingt: Er verbreitet immer eine positive Stimmung, das hat mich sicher bestärkt“, berichtet Robert Karas, Leiter des Asset Managements der Schoellerbank und einer der wenigen Österreicher, die das Ereignis live verfolgen durften. Den Optimismusschub können die Vermögensmanager derzeit gut brauchen. Vor allem die handverlesene Klientel der Privatbanken wird angesichts steigender Zinsen und heftiger Ausschläge an den Märkten – zuletzt erwischte es die börsennotierten Rohstoffe – immer nervöser. Und was sagen die Berater der „Reichen“ zu der Situation? Was können Durchschnittsanleger aus ihren Ratschlägen lernen?

Steigende Zinsen.
Vor allem in zwei Punkten herrscht unter Österreichs Privatbanken Übereinstimmung: in der Einschätzung der Zinssituation und in der Beurteilung eines Aktieninvestments. „Wir gehen davon aus, dass Zinsen und Inflation die bestimmenden Themen der nächsten Zeit sein werden“, meint Christoph Kraus, Vorstandsvorsitzender des Bankhauses Kathrein. Was die Inflation betrifft, sind die Privatbanker zwar nicht ganz einer Meinung. „Die Inflation ist für uns nicht das große Thema, das wird sich wieder beruhigen“, glaubt Christian Nemeth, Chief Investment Officer (CIO) im Private Banking der Deutschen Bank in Österreich. Doch auch er rechnet damit, dass die Zinsen weiter steigen. „Die Europäische Zentralbank hat einen ersten Schritt gesetzt, und die Bank of England hat sich ebenfalls bereits in diese Richtung geäußert.“
Und was heißt das für Anleger? „Zunächst einmal, dass der risikolose Zins steigen wird“, erklärt Kraus. Als „risikolosen Zins“ bezeichnen die Investmentexperten jenen Zinssatz, der praktisch ohne Bonitäts- und Fälligkeitsrisiko – etwa in Form von Bundesschatzscheinen oder Bargelddepots bei Banken höchster Bonität, aber auch auf Sparbüchern – lukriert werden kann. Er legt somit die Messlatte für alle anderen Investments. Verharrt dieser risikolose Zins – wie in den vergangenen Jahren – auf einem besonders niedrigen Niveau, dann sind Anleger eher geneigt, höhere Risiken einzugehen. „Daher sollte man sich jetzt fragen, was mit jenen Aktiva geschieht, die mit so einem höheren Risiko behaftet sind“, warnt Kraus, der hier vor allem zwei Anlagekategorien nennt: Emerging Markets und – was wohl so manchen Anleger überraschen dürfte – Gold. „Gold spielt in der klassischen Veranlagung eher eine psychologische Rolle. Es ist aus meiner Sicht aber nur mäßig geeignet für ein Investment unter Performance-Gesichtspunkten“, bestätigt Christian Ohswald, Chef des Raiffeisen Private Banking. „Wenn ich an die Apokalypse glaube, dann halte ich größere Goldbestände, aber davon gehen wir ja nicht aus.“

Aktien-Renaissance.
Was Ohswald unter seiner betuchten Klientel derzeit dagegen beobachtet: „Das klassische Aktieninvestment erlebt eine Renaissance. Der Wunsch nach einer Unternehmensbeteiligung ist nicht mehr so spekulationsgetrieben, wie das früher manchmal war. Ich sehe in der Unternehmensbeteiligung eine grundsolide Anlageform.“ Schoellerbank-Veranlagungsexperte Karas kann das nur bestätigen. „Lange Zeit musste man regelrecht stöbern, bis man dann irgendetwas Obskures gefunden hat, das halbwegs günstig bewertet war. Das ist jetzt ganz anders. Man findent unter den großen, bekannten Namen relativ viele Aktien, die durchaus lukrativ bewertet sind.“
Was den Privatbankern freilich auffällt: Der Aktienmarkt ist zweigeteilt. Da gibt es auf der einen Seite die wenig spektakulären, soliden Investments. „Europäische, vor allem deutsche Aktien“ gefallen beispielsweise Christian Nemeth gut. Europäische Pharmawerte und Industrieaktien, sogar die totgesagte Automobilindustrie locken vor allem an schwächeren Tagen mit Einstiegskursen. Auch in den USA sind solide Aktien alles andere als teuer. Selbst Microsoft, einst gehypter High-Tech-Star, ist mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis unter zehn und einer Dividendenrendite über zwei sehr günstig bewertet. In Zeiten des Technologie-Booms an den Börsen lag das Kurs-Gewinn- Verhältnis dieser Aktie über 50, die Dividendenrendite war nur mit dem Mikroskop zu erkennen. Auf der anderen Seite weisen einige Aktien, die derzeit besonders „in“ sind, schon wieder verdächtig hohe Bewertungen auf. Dazu zählt etwa der Internet-Buchhändler Amazon, der mit mehr als dem 50-Fachen seines Jahresgewinns bewertet ist. Auch die (nicht gelisteten) Aktien der sozialen Netzwerke Facebook und Twitter wurden im Rahmen von privaten Transaktionen in jüngerer Vergangenheit zu sehr ambitionierten Kursen gehandelt: So lag der Unternehmenswert von Facebook zum Zeitpunkt des Einstiegs der Investmentbank Goldman Sachs Anfang dieses Jahres bei unglaublichen 50 Milliarden Dollar.
Doch der breite Markt ist nach wie vor günstig bewertet. Im längerfristigen Vergleich liegt das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis der wichtigsten europäischen und US-amerikanischen Aktienindizes im grünen Bereich (siehe Charts Seite 104). Ein weiteres Argument für Dividendenpapiere: „Es gibt derzeit wenig Alternativen zu Aktieninvestments“, spricht Monika Jung, Private-Banking-Vorstand der Valartis Bank Austria, ein Problem an, mit dem sich nicht nur die wohlhabenden Investoren herumschlagen müssen. Vor allem vor dem Hintergrund der erwarteten Zinsanhebungen durch die Europäische Zentralbank birgt der üblicherweise sichere Hafen der Staatsanleihen einige Gefahren. Steigen die Zinsen, dann sinken die Kurse bestehender Anleihen. Daher ist das in Krisenzeiten so beliebte Ausweichen auf Anleihen nur sehr eingeschränkt möglich. In der Asset Allocation der „Reichen-Portfolios“ (siehe Tortendiagramm) spielen Anleihen derzeit daher nur eine untergeordnete Rolle. Dagegen gab es 2008 und vor allem 2009 zahlreiche Private- Banking-Portfolios, die praktisch ausschließlich auf Anleihen setzten. In Zeiten sinkender Zinsen war das ein gutes Geschäft. „Im zweiten Halbjahr 2011 sollte das konjunkturelle Umfeld für Aktien noch einigermaßen gut sein“, hofft Jung. Freilich gibt es auch bei Aktieninvestments einige Risiken. So rechnen Marktbeobachter mit dem Auslaufen des „Quantitative Easing“ (QE) des US-Zentralbankensystems Fed – also der Politik des billigen Geldes. 600 Milliarden US-Dollar hat die Fed bisher in die Wirtschaft gepumpt. Mit dem Geld wollte man Konsum und Investitionen ankurbeln und Pleiten vor allem im Immobilienbereich verhindern. Das Geld ist aber auch in die Aktienmärkte geflossen. Ein Teil der Kursgewinne der US-Aktien ist somit dem Quantitative Easing zu danken. Doch die Kritik an dem Programm, das die ohnedies schon ausufernden US-Staatsschulden in astronomische Höhen getrieben hat, nimmt zu. Einer weiteren Konjunkturspritze auf Kosten der Steuerzahler werden die Republikaner im Kongress sicher nicht zustimmen. Doch „was für US-Aktien spricht, ist der schwache Dollar. Für die US-Unternehmen bedeutet das am Weltmarkt einen nicht zu unterschätzenden Vorteil“, meint Monika Rosen, Chefanalystin im Private Banking der Bank Austria. Ein Vorteil, der für Anleger, die aus dem Euro kommen, freilich als zweischneidiges Schwert wirkt: Zwar entwickeln sich Gewinne und Dividenden der US-Aktien durchaus erfreulich, doch sollte der Euro gegenüber dem Dollar nach der Griechenland-bedingten Schwächephase Mitte Mai wieder stärker werden – und bei langfristiger Betrachtung ist der Dollar gegenüber dem Euro schon seit Längerem eine Abwertungswährung –, dann schmelzen die Dollar- Gewinne unter der Euro-Sonne dahin.

Geldumleitung.
Ein Teil der Gelder aus dem „QE“-Programm dürfte allerdings auch in die Emerging Markets umgeleitet worden sein: Entweder geschah das über US-Konsum und Importe – davon profitierten vor allem chinesische Unternehmen – oder direkt als Investment in die Aktienmärkte. Sowohl chinesische als auch indische Aktien sind von „billig“ daher weit entfernt. „Wir sind der Meinung, dass die Aktienkurse in den Emerging Markets schon sehr hoch sind“, präzisiert Kathrein-Vorstandsvorsitzender Kraus die Befürchtungen zahlreicher Asset Manager. Abgesehen davon lassen sich Schwellenländer-Investments auch mit „klassischen“ Aktien darstellen. Ein Beispiel: Die indische Tochter von Nestlé ist mit etwa dem 40-Fachen ihres Jahresgewinns bewertet. Die „echte“ Nestlé- Aktie weist hingegen ein durchaus anziehendes KGV von 16 auf. Bei direkten Investments in Emerging Markets würde eine Anhebung des risikolosen Zinses daher mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Mittelabfluss und Kursrückgängen führen. Ein Effekt, wie er auch bei Rohstoffinvestments droht. „Da sehen wir, dass wir zunehmend korrekturanfälliger werden“, interpretiert Valartis-Vorstandsmitglied Jung die jüngsten Preisbewegungen. „Bei Rohstoffen sind offensichtlich auch solche Investoren auf der Suche nach einem vermeintlich sicheren Hafen drinnen, die eigentlich nicht in diese Anlageklasse gehen sollten.“ Was freilich auch den Erdölpreis gedämpft hat – ein positiver Effekt der Absetzbewegung aus Rohstoffen. Immerhin bedeuten je zehn Dollar plus im Ölpreis ein Minus von 0,3 Prozent im weltweiten Wirtschaftswachstum. „Die jüngste Korrektur am Ölmarkt hat dieses Risiko entschärft, aber die politische Situation in Nordafrika und vor allem im Nahen Osten birgt weiter Potenzial für Unsicherheiten“, warnt Henrik Herr, Leiter Private Banking der Credit Suisse in Österreich. Und was bedeutet das für die konkrete Anlagestrategie? Herrs Meinung unterscheidet sich hier nicht von jener der übrigen Private- Banking-Experten: „Wir sind grundsätzlich der Ansicht, dass verschiedene Faktoren für eine Fortsetzung der globalen Erholung sprechen, und sehen daher risikoreichere Investitionsmöglichkeiten – wie etwa Aktien – weiterhin positiv.“

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