Am Ende der Pipeline erstrahlt ein Licht:
Supertanker OMV trotz Turbulenzen auf Kurs

Der Kapitän verlässt das Schiff zuletzt. Dieser alten Tradition folgend, war das Büro des Vorstandsvorsitzenden die letzte Abteilung, die am 18. Mai vom abgewohnten Firmensitz am Wiener Otto-Wagner-Platz in das neue, lichtdurchflutete Hauptquartier in der Nähe der Donau übersiedelte. Ruttenstorfer-Rückzug, MOL-Verkauf, fallende Gewinne – selten war der größte heimische Industriekonzern so häufig in den Schlagzeilen. Doch der Supertanker OMV bleibt auf Kurs.

Der Umzug in das Bürohaus markiert für die Mitarbeiter zwar die in ihrem Alltag spürbarste, aber keineswegs einzige Veränderung, die sich im heimischen Ölkonzern anbahnt. Die Ankündigung von Konzernchef Wolfgang Ruttenstorfer, sich im Frühjahr 2011 aus dem Vorstand zurückzuziehen, kam ebenso überraschend wie der Verkauf der Anteile an der ungarischen MOL, um deren Übernahme die OMV so lange gekämpft hat. Die schwache Konjunktur und der auf ein Drittel gefallene Ölpreis tun ein Übriges, um den Supertanker der österreichischen Industrie durch unruhige See pflügen zu lassen.

Der angekündigte Wechsel von Ruttenstorfer zu Gerhard Roiss, der erst in rund zwei Jahren ansteht, wird von Analysten und Fondsmanagern als Non-Event betrachtet. Und das ist ein großes Kompliment. Der 57-Jährige hat jahrzehntelange OMV-Erfahrung und ist seit 2002 stellvertretender Generaldirektor. Er gilt als extrem harter Arbeiter, kennt den Konzern in jedem Detail und hat dessen Entwicklung schon bisher mitbestimmt. So wird sich an der langfristigen Strategie des Unternehmens durch den Chefwechsel kaum etwas ändern, eher noch im Führungsstil. Denn während Ruttenstorfer als exakter, sehr vernunftbetonter Manager gilt, der sich im Umgang mit Mitarbeitern kaum Emotionen erlaubt, lobt Roiss durchaus einmal mit Schulterklopfen und tadelt fallweise ebenso wenig distanziert mit Attributen wie „Dummkopf“. „Er ist“, so ein langjähriger Weggefährte, „ein Gefühlsmensch, der begeistern kann.“

Wer wiederum Roiss in dessen bisheriger Funktion nachfolgen wird, soll – wie auch die Nachfolge des Ende 2010 ausscheidenden Vorstands Helmut Langanger, der für Exploration und Förderung zuständig ist – jedenfalls einige Monate vor den Jobrochaden feststehen.

Gute Nachricht aus Ungarn
Erregten die Personalrochaden bei den Petro-Experten wenig Aufsehen, so war der Verkauf der MOL-Anteile für 1,4 Milliarden Euro eine definitiv gute Nachricht. „Die OMV hat dadurch in Zeiten, in denen Liquidität besonders wichtig ist, eine gut gefüllte Kriegskasse zur Verfügung“, erklärt Philipp Chladek, Analyst bei der RCB. Insgesamt verfügt der Konzern nun über drei Milliarden Euro Cash. Die 21 Prozent am ungarischen Ölunternehmen waren in den Augen der Branche ohnehin totes Kapital, nachdem die versuchte Übernahme am politischen Widerstand in Budapest sowie an kartellrechtlichen Bedenken der Brüsseler Behörden gescheitert ist. Nun konnte dieses festgefrorene Geld flüssiggemacht werden.

Was die OMV mit ihren Liquiditätsreserven anfangen wird, zählt für Petro-Experten zu den spannendsten Fragen. Denn im Moment gibt es aufgrund der niedrigen Energiepreise die Möglichkeit, erheblich günstiger zu neuen Öl- oder Gasquellen zu kommen als noch vor einem Jahr. Vor diesem Hintergrund ist auch der Mitte Mai bekannt gegebene Einstieg in ein gewaltiges Gasprojekt im Irak zu sehen – Kostenpunkt 350 Millionen Dollar –, der fast prototypisch in die Strategie der OMV passt: Das Gas aus diesem Feld soll über die Nabucco-Pipeline, für die noch heuer der Startschuss fallen soll, nach Europa geleitet werden und wird – sozusagen auf halbem Wege – ein eben in Bau befindliches Gaskraftwerk der OMV in der Türkei speisen.

Klare Strategien
Generell zollen Ölspezialisten den Österreichern für ihre klare Strategie Anerkennung, in einer abgesteckten Region die Nummer eins zu werden. Die Konzentration auf Donauraum, Südosteuropa und die Türkei hat dauerhaftes Zukunftspotenzial, da hier alleine durch Nachholeffekte hohes organisches Wachstum möglich ist. „Die Positionierung der OMV ist extrem attraktiv“, meint etwa Gregor Kirstein von der deutschen Privatbank Sal. Oppenheim. Auch Erste-Bank-Analyst Jakub Zidon ist von den Qualitäten des Managements überzeugt: „Die OMV ist in der Region Zentral- und Osteuropa das derzeit klar am besten zu bewertende Unternehmen. Ebenfalls im Aufwärtstrend ist die Petrom.“

Der Kauf der Mehrheit an der rumänischen Petrom vor fünf Jahren hat den Konzern nicht nur größenmäßig in eine andere Liga katapultiert, sondern auch die eigenen Förderkapazitäten verdreifacht. Nur deshalb konnte der Konzern in den vergangenen Jahren überhaupt vom steigenden Ölpreis profitieren. Auch der Einstieg in der Türkei über die Petrol Ofisi ist für RCB-Analyst Chladek äußerst positiv und könnte den Wunsch nach mehr auslösen: „Ich würde mich nicht wundern, wenn die OMV ihren Anteil aufstockt.“ Dieses Gerücht geht auch in der Türkei um. Ein möglicher Kaufpreis wird auf 700 Millionen Euro geschätzt.

Kurzfristig magere Geschäftsaussichten
Bei allem Lob für die langfristige Strategie der OMV werden freilich die kurzfristigen Geschäftsaussichten des Konzerns weit weniger positiv beurteilt. Der Umsatz ist im ersten Quartal um 28 Prozent auf 4,3 Milliarden Euro gefallen, das EBIT um 66 Prozent auf 266 Millionen Euro abgestürzt und damit weit hinter den Markterwartungen zurückgeblieben. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Tatsache, dass Ölkonzerne mehr externen Einfluss­faktoren unterliegen als andere Wirtschaftszweige. So kam etwa die rückläufige Produktion, die unter anderem auf das Ergebnis drückte, dadurch zustande, dass die OPEC ihre Fördermengen deutlich zurückgenommen hat. Die Folge: Die OMV durfte in Libyen die eigentlich geplanten Barrel nicht aus dem Boden holen.

Weitere unmittelbare Einflussfaktoren sind die internationalen Energiemärkte. Im Schnitt lag der Ölpreis 2008 bei 100 Dollar, im ersten Quartal lag der Wert bei 50.

Undankbare Situation
Insgesamt ist die OMV derzeit in einer undankbaren Situation. Obwohl das Management nach Einschätzung der Branchenexperten zumindest das meiste richtig macht, wird der nächste Aufschwung in Ergebnis und Umsatz im Wesentlichen vom Ende der Rezession abhängen. Laut Ruttenstorfers eigener Einschätzung könnte das noch länger als bloß ein oder zwei Quartale dauern.

Doch bis Gerhard Roiss in zwei Jahren die Kommandobrücke im neuen OMV-Tower bezieht, dürften Aussichten und Geschäftszahlen des größten heimischen Industriekonzerns jedenfalls ­wieder besser aussehen als heute, obwohl – oder vielleicht gerade weil – sich an der Unternehmensstrategie nichts geändert hat.

Von Stephan Klasmann

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