Alpine Lawine rollt in Richtung Russland:
Baukonzern will nun Strabag überflügeln

Die Alpine ist derzeit – auch mithilfe von Alfred Gusenbauer – der erfolgreichste Baukonzern des Landes. Vier Fußballstadien werden für die EM 2012 gebaut. Alpine-Boss Aluta-Oltyan will nun in Russland höher hinaus als die Strabag.

Von Bernhard Ecker

Immer, wenn Dietmar Aluta-Oltyan an der pompösen Allianz Arena in München vorbeifährt, überfällt ihn „leichter Schüttelfrost, weil es mich so freut und weil es mich so ärgert“. Errichtet hat das Renommierstadion, in dem der FC Bayern München aufgeigt, der Salzburger Baukonzern Alpine, dessen mächtiger Aufsichtsratschef Aluta-Oltyan ist. Doch so richtig stolz kann er auf sein Vorzeigebauwerk nicht sein, schließlich wurde er von einem Münchner Gericht 2006 wegen Bestechungszahlungen von 2,8 Millionen Euro im Vorfeld der Auftragsvergabe zu 1,8 Millionen Euro Strafe verdonnert. „Die deutsche Bauwirtschaft, die bei der Allianz Arena leer ausgegangen ist, hat ein Opfer gebraucht“, plädiert er auch im Rückblick auf „nicht schuldig“ und schäumt: „Ich fühle mich ungerecht behandelt.“

Der Schmiergeldskandal hatte auch sein Positives: Er hat dazu beigetragen, die Weichen in Österreichs zweitgrößtem Baukonzern neu zu stellen. Die Gründer und Mehrheitseigentümer seit Anbeginn, die Salzburger Mercedes-Dynastie Pappas, entschlossen sich zum Verkauf. Ein angestrebtes Management-Buy-out Alutas lehnten sie ab, stattdessen stieg der spanische Konzern Fomento de Construcciones y Contratas (FCC) mit 80 Prozent ein. Doch der langjährige Chef Aluta behielt auch unter dem Dach der neuen Mutter seine 20 Prozent an der Alpine und ist der Strippenzieher. Er kann sich nun sogar noch besser entfalten als unter Pappas und mit seinem langjährigen Kompagnon Otto Mierl (siehe Kasten „Bau genau“).

Der Alpine hat die geänderte Konstellation gutgetan. Im Moment ist sie die erfolgreichste Baufirma des Landes. Um 35 Prozent konnte man im letzten Jahr – ohne größere Zukäufe – beim Umsatz zulegen. Deutlich stärker als Strabag und Porr, die Nummern eins und drei der heimischen Baukonzerne. Fast 16.000 Mitarbeiter beschäftigen die Salzburger mittlerweile. Und auch wenn 2009 zum Konsolidierungsjahr ausgerufen wurde, ist die Auftragslage viel versprechender als jene der Konkurrenz: Im zweiten Quartal konnten Aufträge für gleich vier Stadien für die Fußballeuropameisterschaft in Polen 2012 an Land gezogen werden. Die Sportstätten in Danzig, Warschau, Posen und Krakau haben ein Auftragsvolumen von rund 400 Millionen Euro. Seit der Allianz Arena eilt der Alpine der Ruf voraus, derart komplexe Ingenieursbauten nicht nur günstig, sondern auch pünktlich bauen zu können. Der Auftragsbestand der Österreicher ist im ersten Halbjahr 2009 um 24,8 Prozent auf 3,8 Milliarden Euro regelrecht explodiert. Bei dieser Summe soll auch der Umsatz im laufenden Jahr zirka zu liegen kommen. Über vier Milliarden 2010 sind das Ziel.

Einen hämischen Seitenblick auf die Strabag kann sich Aluta- Oltyan mit Blick auf Polen nicht verkneifen. „Bei den Autobahnen möchte ich in Polen derzeit keine Aufträge gewinnen müssen“, sagt er. Denn der heimische Rivale, umsatzmäßig mehr als viermal so groß, hat zum Halbjahr in einem mäßig berauschenden Wirtschaftsumfeld vor allem seine Straßenbau-Zuwächse im größten neuen EU-Land gefeiert. Profitabel können sie damit kaum sein, meint der Alpine-Mann: „Da kommen derzeit Iren und Chinesen daher und bieten 20 bis 40 Prozent unter den Gestehungskosten an.“ Tatsächlich ist die Alpine derzeit deutlich gewinnbringender als die Strabag.

Damit geht das Duell zwischen Hans Peter Haselsteiner und Aluta-Oltyan in eine neue Runde. Auf der einen Seite der eloquente Strabag-Boss, der als Finanzgenie gilt und seinen Konzern in den letzten Jahren zu einer europäischen Größe geformt hat. Auf der anderen Seite der zurückhaltende Bauingenieur Aluta- Oltyan – „zwei Typen, die sich sensationell ergänzen würden“, wie Hanno Soravia von der gleichnamigen Immobiliengruppe analysiert. Ernsthaft matchen werden sich die beiden Unternehmer künftig ausgerechnet in Russland.

Das Putin-Reich galt bis vor Kurzem als logischer Megamarkt für die Strabag, die sich mit Oleg Deripaska einen der einflussreichen Oligarchen als Vierteleigentümer an Bord geholt hatte. Doch Deripaska musste seine Anteile infolge der Finanzkrise an Raiffeisen verkaufen – und wird trotz einer Call-Option vermutlich nicht mehr zurückkommen. Für die Strabag eine Riesenenttäuschung. „Wir haben mit ihm genau ein Projekt gemacht, nämlich den Flughafen Sotschi. Das war’s“, sagt Strabag-Sprecher Christian Ebner. Auch Deripaskas politische Kontakte seien kaum nützlich, weil die Strabag „zu hundert Prozent für private Auftraggeber“ tätig ist. Der avisierte Russland-Auftragsbestand von über zwei Milliarden Euro ist auf die Hälfte geschrumpft.

Dagegen wollen Aluta-Oltyan und seine Manager in den nächsten Monaten den russischen Bären so richtig tanzen lassen. So stehen die Chancen gut, dass sie mit der russischen Stroygaz Consulting 18,5 Kilometer der Autobahn M1 von Moskau nach Minsk bauen können. Das Volumen des Großauftrags beträgt 600 Millionen Euro. Aluta: „Das wird sich definitiv in den nächsten Monaten entscheiden.“

Mindestens so viel Fantasie hat ein Joint Venture mit dem Infrastrukturzweig der russischen Staatsbahn Rossijskije Zelesnyje dorogi (RZD), das eben in Gründung ist. 1,2 Millionen Mitarbeiter hat dieses Bauunternehmen, das auch einen Auftrag für eine 500 Kilometer lange Bahnstrecke in Libyen in der Tasche hat. In die gemeinsame Tochter sollen die Österreicher vor allem Know-how einbringen: vom Eisenbahntunnelbau über den Fahrleitungsbau bis hin zur Signaltechnik. In Bezug auf das potenzielle Volumen sprechen die Alpine-Manager von „gewaltigen Dimensionen“. Aluta-Oltyan sagt deshalb selbstbewusst: „Wir brauchen keinen Oligarchen in der Alpine.“ Und legt dann noch ein Schäuferl nach: „Wir könnten auch gänzlich allein ohne großen Partner bestehen.“

Das ist natürlich auch ein wenig auf den spanischen Haupteigentümer FCC gemünzt, der dem erklärten Bürokratiehasser Aluta-Oltyan anfangs ein Dorn im Auge war. Die Berichtspflichten der börsennotierten Mutter nervten, die Entscheidungswege wurden länger, die kulturellen Missverständnisse waren zahlreich: Über der Alpine-Mutter FCC Construccion thront die FCC Holding, „und dort gibt es keine Baumenschen, fast nur Banker“, erklärt der langjährige Alpine-Berater Willi Berner.

Aber seitdem der ehemalige Bundeskanzler Alfred Gusenbauer als Aufsichtsrat die gröbsten Missverständnisse aus dem Weg räumt, scheint alles einfacher geworden zu sein: Die FCC-Eigentümerin und mäßig Englisch sprechende Esther Koplowitz, eine Marquesa de Casa Peñalver y de Cárdenas de Monte Hermoso, hat am perfekt Spanisch sprechenden und gebildeten SPÖ-Mann einen Narren gefressen (siehe Kasten „Wein & Bau“).

Mittlerweile gelten die Österreicher im FCC-Konzern dank Gusenbauers Rolle als hochkompetent – und prädestiniert für die Bearbeitung der Ostmärkte. „Die Spanier verstehen die balkanischen Verhandlungsmethoden nicht, ja, sie haben Angst vor dem Osten“, sagt ein Eingeweihter. Aus mehreren gemeinsamen Arbeitsgemeinschaften mit Alpine, etwa in Serbien, zog sich FCC bald wieder zurück. „Und Gusenbauer kann ihnen unter anderem erklären, warum die Ostmärkte in einigen Jahren wieder anspringen werden“, ist Aluta-Oltyan überzeugt.

Im fürs Baugeschäft unerlässlichen Knüpfen feiner Verbindungen über alle Parteigrenzen hinweg ist der Aufsichtsratsboss ebenso genial wie Konkurrent Haselsteiner: Neben Gusenbauer lobbyiert etwa auch der ehemalige Salzburger Landeshauptmann Franz Schausberger (ÖVP) für die Alpine. Berater Berner war Kabinettschef von FPÖ-Ministern. Und auch der ehemalige Innenminister Franz Löschnak (SPÖ) ist zeitweise für die Salzburger tätig. Als Kontaktmaschine gilt aber vor allem Aluta selbst – und seine aus Serbien stammende Frau Helena, die für die ehemaligen jugoslawischen Länder verantwortlich ist.

Ist der Fokus Ost aber angesichts der schwächelnden Volkswirtschaften in Ost- und Südosteuropa nicht ein zu hohes Risiko für die nächsten Jahre? Die Strabag etwa stellt sich für diese Märkte, die rund ein Drittel ihres Umsatzes ausmachen, auf magere Jahre ein und weicht aus. Strabag-Sprecher Ebner: „In Osteuropa verzeichnen wir zwar keinen Einbruch, aber eben auch kein Wachstum. Was wir dort verlieren, gewinnen wir in Nordafrika, Tansania, Kenia. In Libyen zum Beispiel haben wir schon einen Auftragsbestand von 500 Millionen.“ Auch in entfernteren Ostmärkten wie Aserbaidschan sieht Haselsteiners Truppe Chancen. Ganz ähnlich will die Porr mit ihrem neuen 10-Prozent-Eigentümer, der türkischen Renaissance-Gruppe, in neue Länder wie Turkmenistan oder Saudi-Arabien expandieren.

Die Alpine sieht dagegen keinen Anlass, hektisch das Feld zu wechseln. „Wir sind zuversichtlich, dass die ost- und südosteuropäischen Länder auch in den nächsten Jahren kontinuierlich wachsen“, sagt Aluta. Die Alpine hat zwar auch Baustellen in Neu-Delhi (U-Bahn), in Singapur und China. „Aber wir werden weiterhin auf die umliegenden Länder fokussieren“, stimmt Peter Preindl mit ein, Geschäftsführer der Alpine Bau und laut Insidern der „kommende Mann“ dort. Die simple Strategie: maximale Präsenz vor Ort. Berater Berner: „Im Osten arbeitet die Alpine sehr früh mit lokalen Partnern zusammen, anders als die Strabag, die da eine gewisse Eitelkeit an den Tag legt.“ Für Russland, wo sich die Alpine 2002 nach zwölfjähriger Präsenz schon einmal zurückziehen musste, sieht der Alpine-Oberboss ohnehin kein Problem: „Die russische Mentalität ist einfach: Wenn Sie dort einen Freund haben, dann bleibt er. Darum müssen Sie Unternehmerfreundschaften aufbauen.“

Nur eines kann Aluta derzeit aus der Ruhe bringen: die Frage, ob er auch in Osteuropa – etwa bei den Stadien in Polen – ähnliche Provisionen zahlen müsse, wie sie in Deutschland als Schmiergeld gewertet wurden. „Wenn es solche Vermittler nicht geben würde, dann würde es doch auch das Geschäft nicht geben“, braust er dann auf. „Genauso war es bei der Allianz Arena: Hätte es diesen Burschen (den Lobbyisten Stefan Dung, Anm.) nicht gegeben, dann hätte die Alpine nicht einmal angeboten.“

Vielleicht auch wegen all dieser Misstöne wird sich Aluta schon bald aus der Schusslinie nehmen. Er ist jetzt 65 und nach eigener Auffassung ein Aufsichtsratschef „nach dem angelsächsischen Modell“, der sich stark ins Tagesgeschäft einmischt. Bis 2010 oder 2011 will er sich so weit zurückziehen, dass die Geschäftsführung rund um Preindl voll die Zügel übernimmt. Der 53-jährige Preindl ist seit elf Jahren im Unternehmen, und was er über seine Firmenphilosophie sagt, könnte genauso gut aus dem Mund jenes Mannes kommen, der die Alpine in über 40 Jahren richtig groß gemacht hat: „Je breiter wir mit der Alpine in den Regionen verwurzelt sind, umso besser ist es.“

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