Alles unter einem Dach: So bringt man
Arbeiten und Wohnen unter einen Hut

Wohnen und Arbeiten in den eigenen vier Wänden wird für immer mehr Menschen Realität. trend zeigt, wie Sie beides unter einen Hut bringen.

Von Ulrike Moser

Nicht täglich ins Büro fahren zu müssen, sondern Gutachten und Exposés ohne Störung gemütlich in den ­eigenen vier Wänden erledigen zu können – diesen Wunsch wollte sich eine Klosterneuburger Immobilienmaklerin erfüllen, als sie in ihre neue Wohnung zog. Platz für ein eigenes Arbeitszimmer blieb nicht. Also wagte sie den Gang zum Architekten. Und tatsächlich entstand ein Arbeitsbereich nach Maß – im Wohnzimmer. Doch weder ein Schreibtisch noch Kabelgewirr ­stören die aufgeräumte Atmosphäre, denn das Büro lässt sich nach getaner Arbeit einfach wegklappen.

Platz für einen Arbeitsbereich – wenn schon kein Arbeitszimmer – ist in der kleinsten Hütte, sind die ausführenden Wiener Architekten Feria Gharakhanzadeh und Bruno Sandbichler von gas architektur überzeugt. Und der Bedarf ist da, denn die Zahl jener, die von zu Hause aus arbeiten wollen – oder müssen –, steigt stetig. Zwar schätzen Arbeitsmarktservice und Arbeiterkammer, dass nur rund vier Prozent aller erwerbstätigen Österreicher ihren Job als Teleworker verrichten. Tatsächlich dürfte die Zahl jener, die, wenn es beliebt, auch im Pyjama arbeiten, weitaus höher sein. Selbstständige wie Journalisten, Grafiker, Architekten und Ein-Personen-Gesellschaften, deren erstes Büro sich zumeist ­irgendwo zwischen Küchentisch und Schlafzimmer befindet, sind hier nicht mit eingerechnet. Je nach Lebenssituation entschließen sich immer mehr Berufstätige, das Büro gegen ein Home Office einzutauschen. Die Gründe sind mannigfaltig; etwa weil man in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit lieber gleich den Sprung in die Selbstständigkeit wagt, anstatt eine Kündigung abzuwarten, oder einfach nur, weil es mit Kind leichter scheint, Familie und Berufstätigkeit von zu Hause aus miteinander zu verbinden, anstatt täglich ins Büro zu pendeln.

Ein Großteil derer, die heute von zu Hause aus arbeiten, sind wohl eher unverhofft in diese Arbeitssituation geraten. Wenn plötzlich zu Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer noch ein Arbeitszimmer dazukommen soll, wird es eng in den Wohnungen und Häusern. Dementsprechend schwierig ist es, im Nachhinein einen adäquaten Arbeitsplatz einzurichten. Immerhin sind die wenigsten Wohnungen von Anfang an mit einer passenden Büroinfrastruktur ausgerüstet – es sei denn, es handelt sich um Wohnprojekte, die sich dem Thema „Wohnen und Arbeiten“ speziell gewidmet haben.

Die strikte Trennung von Wohnen und Arbeiten herrscht ­immer noch in den Köpfen vieler Bauträger. Bereits in den dreißiger ­Jahren entwickelte der Architekt Le Corbusier die Idee einer „Wohnmaschine“, die ab 1947 im Wohnbau umgesetzt wurde, um die Wohnungsnot nach Ende des Zweiten Weltkriegs zu lindern. Auf möglichst kleiner Fläche sollten möglichst viele Wohnungen entstehen, die durch Serienproduktion für Effizienz sorgen sollten. Zwar boten die standardisierten Bauten Wohnkomfort für die Massen, Raum für individuelle Nutzung blieb freilich nicht. Diese Grundhaltung ist jedoch eine neuzeitliche. Jahrhundertelang war Wohnen und Arbeiten unter demselben Dach der Normalfall. Nicht nur Bauern und Handwerker lebten und arbeiteten an ein und demselben Ort, auch Gelehrte werkten von zu Hause aus. Erst mit der Industrialisierung und dem Entstehen von Fabriken kam es zu einer Auslagerung der Erwerbsarbeit aus den eigenen vier Wänden, sodass plötzlich zwei unterschiedliche Sphären geschaffen wurden: das Öffentliche und das Private. Heute sind die Grenzen zwischen diesen Bereichen oft fließend, und sei es auch nur, weil man sich übers Wochenende etwas Arbeit mit nach Hause nimmt.

Bevor man sich aber daranmacht, den Arbeitsplatz von der Firma in die eigenen vier Wände zu verlegen, sollte man sich über die Bedürfnisse und Anforderungen an das Heimbüro im Klaren sein. Roland Gruber und Caren Ohrhallinger von nonconform architektur raten dazu, bereits im Vorfeld zu klären, ob der Arbeitsplatz alleine genützt wird, ob hin und wieder auch Kunden empfangen werden und ob es Mitarbeiter gibt, für die ebenfalls Arbeitsplätze eingerichtet werden müssen. Gruber: „In letzterem Fall reicht es nicht, eine Lösung innerhalb der Wohnräume zu finden. Ich ­möchte nicht um acht in der Früh im Bademantel aufs Klo marschieren und dabei durchs Büro gehen müssen, wo bereits die ersten Mitarbeiter werken.“ Für diesen Fall müssen auch zwei Zugänge geplant werden, und auch um eine zweite Nasszelle kommt man nicht ­herum. Solche Erfordernisse machen meist eine völlige Neuplanung eines Objekts notwendig. Prinzipiell gilt, dass man beim Neubau eines Hauses darauf achten sollte, dass ein eigenes Arbeitszimmer mit entsprechender Verrohrung (siehe Kasten „Ausstattung“) von vornherein miteingeplant wird. Ist damit zu rechnen, dass man hin und wieder auch Kunden zu Hause empfängt, empfiehlt es sich, das Zimmer gleich beim Eingang zu positionieren. Kaum etwas wirkt unprofessioneller, als wenn der Besuch zunächst einmal über Spielzeugberge steigen muss und am Weg ins Arbeitszimmer vielleicht auch noch die unaufgeräumte Küche präsentiert bekommt.

Eine strikte räumliche Trennung war auch beim Projekt „b14“ von SHARE architects in Wien erforderlich, schließlich sollten Kunden und Mitarbeiter nicht in der Privatwohnung von Silvia Forlati und Thomas Lettner empfangen werden. In einer ehe­maligen Spenglerei schafften sie das Kunststück, Wohnraum und ein Architekturbüro mit mehreren Mitarbeitern auf einer Fläche von rund 102 Quadratmetern zu vereinen. Im vorderen Teil des ­Objekts befindet sich nun das Büro, das direkt von der Straße aus betreten werden kann, im hinteren Teil lebt das Architektenpaar mit seinen beiden Kindern auf lediglich 57 Quadratmetern.

Möglich macht das die ausgeklügelte Raumaufteilung und eine Raumhöhe von 4,5 Metern. SHARE architects haben sich ganz bewusst für die Nähe von Arbeitsplatz und Wohnen entschieden. Für Forlati, die sich auch im Rahmen ihrer Dissertation mit dem Thema Wohnen und Arbeiten auseinandersetzt, überwiegen die Vorteile: „Natürlich lässt einen die Arbeit oft nicht los, andererseits lassen sich so die Arbeit im Büro, das Familienleben und das Unterrichten an der Uni unter einen Hut bringen. Man spart Wege und Zeit.“ Während man ursprünglich durch eine Verbindungstüre zwischen Wohn- und Arbeitsbereich hin und her wechseln konnte, wurde die mittlerweile mittels Milchglasplatte geschlossen. „Ich brauche das Gefühl, zumindest kurz raus auf die Straße gehen zu müssen, um zu meinem Arbeitsplatz zu kommen. Ich bin da wie ein Beamter“, sagt Forlati. Die Wohnung, die das Büro L-förmig umschließt, wird mittlerweile durch den Hauseingang betreten. Verbindend wirkt dennoch eine Art Box, in der auf der einen Seite die Sanitärräume und die Kochnische für die Mitarbeiter untergebracht sind, auf der anderen Seite befinden sich die privaten Nassräume. Sowohl Arbeits- als auch Wohnräume verfügen über eine Galerie. Im Büroteil wird sie vor allem für Besprechungen ­genützt, in der Wohnung hingegen dient sie als Schlafbereich.

Keine Trennung zwischen Wohn- und ­Arbeitsbereich, sondern Integration der beiden Sphären war hingegen in der 90 Quadratmeter großen Wohnung der Klosterneuburger Maklerin gewünscht. Zwar hätte man dem 50 Quadratmeter großen Wohnraum mit offener Küche einige Quadratmeter für ein eigenes Arbeitszimmer abzwicken können, allerdings hätte sich das auf die Belichtung negativ ausgewirkt. ­Feria Gharakhanzadeh und Bruno Sandbichler entschlossen sich daher zu einer multifunktionalen Box in der Mitte des Raums, in die auf einer Seite ein WC und Regale integriert sind und auf der anderen Seite Küchenelemente wie Herd und Abwasch. Schiebt man die mit Schleiflack behandelten Holzplatten auseinander, öffnet sich der Arbeitsbereich. Es ist kein Zufall, dass das Konstrukt an einen Sekretär erinnert. „Darin befindet sich ein vollwertiger Arbeitsplatz mit maßgeschneiderten Möbeln. Telefon, Computer, Drucker, Fax und alles, was man sonst noch zum Arbeiten braucht, ist hier integriert. Verkabelungen ziehen sich nicht quer durchs Wohnzimmer, sondern verschwinden in der Rückwand der Box. Nach getaner Arbeit braucht man nichts wegzuräumen, sondern schiebt die Box einfach wieder zusammen. Sogar ein großer ­Arbeitssessel findet darin Platz“, erklärt Feria Gharakhanzadeh. Aus den Augen, aus dem Sinn lautet die Devise. Das Konzept lässt sich aber auch in deutlich kleineren Räumen umsetzen.

In der Wiener Kleinstwohnung der Familie Streibel wäre sich selbst mit viel gutem Willen keine solche Box mehr ausgegangen. Trotzdem wünschte sich die Eigentümerin von Architekt Franz Sam vom Büro Sam Ott-Reinisch eine vollwertige Wohnung – auf lediglich 24 Quadratmeter Fläche. Neben Küche und Bad, Stauraum und Schlafmöglichkeit sollte auch noch ein Arbeitsbereich für die AHS-Lehrerin integriert werden. „Hat man so wenig Platz zur Verfügung, muss man die einzelnen Bereiche uhrwerkartig konzipieren, sodass ein Möbelstück ins andere greift. Volumina wie Arbeitsregale müssen verstellbar sein, kleine Flächen wie die eines Schreibtischs müssen sich bei Bedarf vergrößern lassen“, weiß Franz Sam. Kommt Besuch, bleibt in einer solchen Wohnung auch das letzte bisschen Privatsphäre auf der Strecke – sollte man meinen. Besucher gelangen aber zunächst nicht mitten in den Raum, sondern lediglich zum Schreibtisch, respektive zu einem mannshohen zum Tisch hin geöffneten Rollcontainer. In dem finden Computer, Drucker, Ordner und Co Platz. Vom Bettsofa aus sind die technischen Geräte allerdings ebenso wenig sichtbar wie Verkabelungen unter dem Schreibtisch, denn der Fußraum ist mit einer Holzplatte abgeschlossen. Reicht der Platz am Schreibtisch einmal doch nicht aus, lässt sich der Rollcontainer in eine Ecke verschieben, und ein kleiner Küchentisch auf Rollen an den Schreibtisch anklipsen.

Der Haken an solch flexiblen und leicht umzusetzenden ­Lösungen: das unflexible Steuerrecht, das auf Bedürfnisse jener, die von zu Hause aus werken, nur unzureichend eingeht. So darf zwar ein eigenes Arbeitszimmer steuerlich abgesetzt werden, wenn es für den Job unbedingt notwendig ist, es den Mittelpunkt der beruflichen Tätigkeit darstellt und ausschließlich dafür genützt wird. „Allerdings muss es sich um einen eigenen, abgeschlossenen Raum handeln. Ist das nicht der Fall, hat man leider Pech gehabt. Man kann dann nicht einmal den Schreibtisch absetzen, den man im Wohnzimmer beruflich nützt“, bedauert Brigitte Huber, Steuerberaterin bei Hübner & Hübner. Von Tricksereien in diesem ­Bereich rät sie strikt ab, denn mitunter kann es passieren, dass ein Finanzbeamter vorbeischaut und prüft, ob das vermeintliche ­Arbeitszimmer auch tatsächlich als solches genutzt wird. Kleiner Trost: Zumindest „Arbeitswerkzeuge“ wie PC und Drucker lassen sich absetzen.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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