Affäre: Eine Tochter klagt an

13 Jahre nach dem Atomic-Konkurs rücken neue Erkenntnisse Bawag und Konkursorgane in ein noch diffuseres Licht. Der Vorsitzende des Banken-Untersuchungsausschusses will Strafanzeige einbringen. Stimmen die Vorwürfe, könnten Alois Rohrmosers Erben bis zu 343 Millionen Euro Schadensersatz fordern.

Auf den Besuch in seinem Lieblingscafé wollte er bis zuletzt nicht verzichten. Also brachte Lizzy Rohrmoser ihren Vater mit dem Auto jeden Tag die paar Meter von seinem Haus im Salzburger Skiort Wagrain ins Ortszentrum zum Café Bosek hinunter. Bis zum 4. Februar 2005, dann machte sein Herz nicht mehr mit. Der 72-jährige Gründer der Skifirma Atomic – und trend-„Mann des Jahres 1990“ – stirbt verbittert nach einem jahrelangen, aber ergebnislosen Kampf um seine Rehabilitierung nach dem vom damaligen Bawag-Chef Helmut Elsner 1994 betriebenen Konkurs. Tochter Lizzy ist mittlerweile überzeugt: „Mein Vater war dabei überall reingelegt worden – und daran ist er gestorben. Dem Elsner war das wurscht, so kaltschnäuzig, wie der ist.“

Dieses Jahr allerdings wird Lizzy Rohrmoser den kommenden Ansturm der Skitouristen in Wagrain – eine Privatpension ist das Einzige, was der Familie geblieben ist – mit deutlich mehr Gelassenheit erwarten als die dreizehn Jahre zuvor. Zum einen sitzt Elsner mittlerweile auf der Anklagebank (vorläufig geht es noch um die Verluste aus den Bawag-Karibikgeschäften II, die Zeit des Atomic-Konkurses wird gemeinsam mit Karibik I ab 2008 untersucht). Zum anderen sind ÖVP und FPÖ (die SPÖ hatte das Thema Atomic in ihrem Bericht weitgehend ausgeklammert) in ihren getrennt verfassten Berichten zum Banken-Untersuchungsausschuss im Frühjahr 2007 zu einer verblüffend kritischen Bewertung der damaligen Vorgänge gekommen: Der Fall dürfte – neben allen finanziellen Aspekten – auch ein auf persönlicher Ebene geführter Kampf des Lifestyle-Bankers Elsner gegen den hemdsärmeligen Brettlschnitzer Rohrmoser gewesen sein, der überstürzte Verkauf des Skiherstellers an den Amer-Konzern sei jedenfalls nicht zwingend notwendig gewesen.

Sollte der Atomic-Konkurs tatsächlich neu aufgerollt werden, müsste jedenfalls noch sehr tief geschürft werden. Es geht auch um viel Geld. Je nach Beweislage – und Schuldfeststellung – müssten möglicherweise die Bawag (in Wirtschaftsbelangen rund um den Konkurs) oder die Republik Österreich (in Justizbelangen rund um die Einstellung von Rohrmoser-Klagen) den Erben einiges zurückzahlen. Deren Schaden beziffert ein Anwalt der Familie jedenfalls mit bis zu 343 Millionen Euro (4,7 Milliarden Schilling). Martin Graf, der Vorsitzende des Banken-Untersuchungsausschusses, wird jedenfalls eine neue Strafanzeige (Sachverhaltsdarstellung) an die Staatsanwaltschaft schicken. Weder Justizministerin Maria Berger noch die heutige Bawag-Führung wollen sich zu der neuen Sicht der Vorkommnisse äußern. Auch der damals wie heute immer wieder beschuldigte Salzburger Konkursrichter des Atomic-Konkurses, Gregor Sieber, hält sich mit Äußerungen zurück – betont aber, dass bisher niemand einen Beweis für die vermuteten Ungereimtheiten vorgelegt habe – auch der Untersuchungsausschuss nicht.

Dass Alois Rohrmoser in den Jahren vor dem Konkurs nicht in der Lage war, die immer rasanter gewachsene Firma auch für Außenstehende (wie etwa Kreditgeber) nachvollziehbar zu führen, scheint evident. Fehlende Absicherung gegen Währungsrisiken, die (steuerlich kostspielige) Führung als Personenfirma (erst ganz zuletzt wurde sie auf Druck der Bawag in eine GmbH umgewandelt), kaum validierte Rennsportausgaben, schlechte Personalführung und hohe Entwicklungskosten bei gleichzeitig stagnierenden Absatzmärkten hatten Rohrmoser schon auch aus eigenem Verschulden einfädeln lassen.

Die Liquiditätsprobleme habe nach Ansicht des Untersuchungsausschusses die Bawag „schikanös und gegen Treu und Glauben selbst“ herbeigeführt. Die damals oft kritisierte Überziehung des Kreditrahmens durch Rohrmoser etwa soll mit „überhöhten Zinsen“ (bis zu 14 Prozent) der Bawag erklärbar sein, die alleine in den Jahren 1993 und 1994 278 Millionen Schilling betrugen. Wollte Rohrmoser der Firma Liquidität zuführen, hat dies die Bawag a­ngeblich verhindert, indem sie, laut ­Ausschuss, „die für den Verkauf von Immobilien erforderliche Pfandentlastung verweigerte“.

Vermutlich wäre die Lage der Firma durchaus auch anders zu interpretieren gewesen: Rohrmoser habe gerade die Investitionen für eine neue Skitechnik getätigt, deren Erfolg vorhersehbar gewesen sei – Atomic hatte zum Konkurszeitpunkt volle Auftragsbücher. Finanzengpässe sollen zu dem Zeitpunkt weder ungewöhnlich gewesen sein noch bedrohlicher als sonst – alle Waren bereits draußen, aber noch keine Zahlungseingänge da. Und die persönlichen Bereicherungen Rohrmosers, die der Konkursrichter in einer Zeugenbefragung vor dem Bankenausschuss zur Rechtfertigung des Konkurses anführte? „Wie der Schelm denkt, so ist er“, repliziert Lizzy Rohrmoser spitz. Das immer wieder kritisierte Schloss Höch etwa habe ihr Vater deswegen gekauft, weil er der Vorbesitzerin am Sterbebett versprochen habe, sich um ihren Sohn zu kümmern – und nicht, um Schlossherr spielen zu können.

Die meisten der Verdachtsmomente, bei dem Konkurs sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen, gab es tatsächlich von Beginn an, allein die seinerzeitigen Straf­anzeigen von Rohrmoser gegen Bawag, Konkursrichter, Masseverwalter, die die Staatsanwaltschaft Salzburg behandelte, „wurden sämtlich ohne Ermittlungen in der Sache eingestellt“, kritisierte der U-Ausschuss, und das nach Ermittlungen der Salzburger Gendarmerie an die Staatsanwaltschaft Steyr abgetretene Verfahren wurde „unterdrückt“, formulierte es ein Aus­schussbericht (unter anderem auch nach mindestens drei schriftlichen Interventionen von Bawag-Chef Elsner beim damaligen Innenminister Schlögl, in dem dieser unverhohlen ein Disziplinarverfahren gegen einen ermittelnden Kriminalbeamten forderte).

Ganz im Gegensatz zu den beschwichtigenden Erklärungen der Staatsanwaltschaft Steyr, die Rohrmosers Beschwerdeverfahren einstellte, kritisieren die Abgeordneten heute aber mit deutlicher Schärfe penibel die Vorgänge rund um die Konkurseröffnung: Die Bawag habe die Konkurseröffnung etwa mit unrichtigen Bescheinigungen „er­schlichen“, heißt es etwa im Endbericht des ÖVP-Verhandlungsteams unter Wirtschaftssprecher Günter Stummvoll. Das soll nur durchgegangen sein, weil der damalige Konkursrichter diese Bescheinigungen über die Zahlungsunfähigkeit (Konkursvoraussetzung) offenbar ungeprüft akzeptiert hatte. „Aber keiner der Beweise war stichhaltig“, sagt Stummvoll – und führt Details dazu an: Zwei vorgelegte Forderungen von Dubliner Geschäftspartnern an Atomic seien, laut Stummvoll, erstens gar nicht fällig gestellt worden und betrafen zweitens nicht Atomic, sondern eine Tochterfirma, die nicht in Konkursgefahr war. Eine dritte „Bescheinigung“ stellte Bawag-Chef Elsner selbst aus, indem er eine angebliche Forderung der Salzburger Sparkasse gegen Rohrmoser persönlich ins Spiel brachte. Auch dies habe der Konkursrichter akzeptiert, obwohl Elsner diesen Sachverhalt gar nicht wissen konnte (ohne Bruch des Bankgeheimnisses), der angebliche Betrag schlicht falsch gewesen sei und in der Subs­tanz ebenfalls nicht Atomic betroffen hätte. Stummvoll ist sich sicher: „Die Konkurseröffnung erwies sich als in der Wurzel rechtswidrig.“

Vor allem aber bezifferte der U-Ausschuss erstmals, zu welchen Preisen Atomic an den jetzigen Eigentümer, den finnischen Konzern Amer, verkauft wurde, „bewirkt durch die Bawag“, heißt es, „aufgrund ihrer dominanten Stellung im Gläubigerausschuss“ (andere Interessenten hatten weit mehr für Atomic geboten): Offiziell habe der Verkaufspreis 970 Millionen Schilling betragen. Allerdings, so die Erkenntnis aus dem Untersuchungsausschuss, reduzierte sich die tatsächliche wirtschaftliche Belastung für den neuen Eigentümer sukzessive durch „Abschläge, Nachtragsvereinbarungen und Kickback-Zahlungen“ auf deutlich unter 400 Millionen Schilling (unter 29 Millionen Euro).

Einen Teil der Geldflüsse konnte der Ausschuss klären. Da habe die Bawag im Nachhinein unter Neuauslegung ursprünglicher Vereinbarungen großzügig auf Altforderungen (67,5 Millionen Schilling, „Klarstellungsvereinbarung vom 3.5.1995“) verzichtet, dort sei das Atomic-Warenlager hinterher plötzlich um 89 Millionen Schilling abgewertet worden – obwohl Amer ohnehin zwei Monate nach der Inventur kaufte. 250 Millionen Schilling habe die Bawag für ein zumindest bis 2006 nicht rückgeführtes Gesellschafterdarlehen (zu günstigen vier Prozent Zinsen) an die neue Atomic gewährt (also zugunsten des neuen Eigentümers). Und 100 Millionen Schilling seien für eine wirtschaftlich nicht logische 10-Prozent-Beteiligung der Bawag an der neuen Atomic an die Finnen gegangen. Die dürfen sich jedenfalls die Hände reiben: Allein die Dividenden, die sie von Atomic bekamen, beliefen sich seither auf 93,2 Millionen Euro (oder 1,28 Milliarden Schilling) – mehr als das Dreifache des damaligen Kaufpreises.

Zumindest im Lichte des Bawag-Skandals gibt die offenbar nachträglich reduzierte Summe, um die die damalige Bawag Atomic an die Finnen verkaufte, zu denken – wenn sie auch kein Beweis für rechtswidrige Vorgänge ist. Die Schnelligkeit, mit der der Deal über die Bühne ging, war zumindest alles andere als wirtschaftlich logisch für den seinerzeit größten privaten Pleitefall der Republik – immerhin erzielte Atomic nach Konkurseröffnung ausgezeichnete Erträge. Die Finnen stiegen leichtfertigerweise auf den Kauf ein, ohne sich die Markenrechte und Patente gesichert zu haben. Die wurden erst ein Jahr später von Rohrmoser gezwungenermaßen abgetreten, als der die Rechte zugunsten eines Zwangsausgleichs in dem gegen ihn persönlich laufenden Konkursverfahren aufgab.

Auch sei es während des laufenden Atomic-Konkurses zu Zahlungsflüssen gekommen, die trotz Rohrmosers eingebrachter Klagen, trotz Gutachten der Europa-Treuhand Ernst & Young nie substanziell untersucht worden wären, bekrittelt der Untersuchungsausschuss: So soll etwa die Bawag aus der Masse Forderungen an verbundene Unternehmen im Nominale von 420 Millionen Schilling zum Preis von 350 Millionen gekauft haben – hinterher habe sich herausgestellt, dass ohnehin 100 Prozent befriedigt wurden – zulasten der Konkursmasse. Unklar waren für den U-Ausschuss insbesondere auch Zahlungen, die Schuldner der alten Atomic-Firma im Laufe des Konkurses eingezahlt hatten – sie wurden, so die Expertise von Ernst & Young, „nie der Masse gutgeschrieben“.

Einen Hauptgrund für das langjährige Misstrauen vieler Beobachter waren die in nahem Kontakt stehenden Konkursrichter und Masseverwalter, die in dieser Frage äußerst eng mit der Bawag zusammengearbeitet haben sollen. O-Ton Untersuchungsausschuss: „Damit war die gebotene objektive konkursgerichtliche Überwachung der Masseverwalter praktisch ausgeschlossen.“ Da – so ist in den Berichten zu lesen – soll der Masseverwalter den Konkursrichter in anderen Rechtssachen als Anwalt vertreten haben, ihm zu bevorzugten Konditionen zu einer Luxusimmobilie verholfen haben, ihn im Verfahren auf eigene Kosten gegen Amtshaftungsklagen versichert haben. Umgekehrt habe der Konkursrichter eine zu 100 Prozent überhöhte Kostennote des Masseverwalters akzeptiert (sie wurde dann allerdings wieder revidiert). Atomic-Konkursrichter Sieber: „Das wurde bereits zigmal geprüft – und nie ist etwas dabei rausgekommen.“

Die übergeordnete Motivation der Bawag für ihr Agieren – Spekulationen, dass Rohrmoser einer politisch angestrebten österreichischen Skilösung im Weg gestanden wäre – konnte der Untersuchungsausschuss nicht klären. Dennoch sprechen die in den Endberichten der Parteien aus dem Bawag-Untersuchungsausschuss enthaltenen Vorwürfe eine klare Sprache: Atomic sei im Konkursverfahren massiv geschädigt worden – auch wenn der Konkurs wirtschaftlich wohl nicht zu verhindern gewesen wäre.

Empfindet Rohrmoser-Tochter Lizzy so etwas wie Befriedigung, wenn sie ausgerechnet jenen Helmut Elsner – und mit ihm noch andere Bankmanager und Wirtschaftsprüfer der damaligen Konkursabwicklung – nun auf der Anklagebank sitzen sieht? „Nein, ich habe nichts davon, wenn’s jemand anderem schlecht geht“, zeigt sie sich abgeklärt. „Ich wäre schon froh, wenn die Geschichte endlich abgeschlossen wäre – aber nur, wenn bekannt wird, wie es wirklich abgelaufen ist.“

Von Markus Groll

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

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