Ab in den Aufsichtsrat

Mit der Frauenquote schafft die Politik Aufsichtsratsposten für Frauen. Wie sich die prestigeträchtigen Posten ergattern lassen. Drei Managerinnen erzählen ihre Geschichte.

Von Vanessa Voss

Michaela Steinacker ist oben angekommen. Ihr großzügiges Büro liegt im 13. Stock eines gläsernen Turms am Donaukanal. Von hier oben aus leitet sie die Immobiliengeschäfte der Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien. Ihr Outfit passt zu ihrem Job im Giebelkreuz-Konzern: dunkelblaues Kostüm, passender Seidenschal, Perlenkette. Steinacker, 48 Jahre alt, ist Managerin – und Aufsichtsrätin. Seit zehn Jahren sitzt sie im Kontrollgremium des niederösterreichischen Energieversorgers EVN, vor mehr als zwei Jahren übernahm sie den Vorsitz in der Bundesimmobiliengesellschaft. In beiden Gremien ist Steinacker die einzige Frau unter lauter Männern. „Ich würde mich schön bedanken, wenn ich nur eine Quotenfrau wäre“, sagt sie. Aber manche denken vielleicht genau das.

In Österreich sind Aufsichtsräte – bis auf wenige Ausnahmen – noch immer fest in Männerhand. Um die verkrusteten Strukturen aufzubrechen, hat die Politik nun eine „Quote light“ verabschiedet. Diese sieht vor, den Frauenanteil in staatsnahen Betrieben – an denen der Bund mehr als 50 Prozent hält – stufenweise anzuheben: auf 25 Prozent bis 2013 und fünf Jahre später dann auf 35 Prozent. „Ich will die Talente von Frauen auch in der Wirtschaft abgebildet sehen“, begründet Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) ihren verbissenen Kampf um den nun vorliegenden Kompromiss. Sie selbst hält das Modell, das in der Politik bereits umgesetzt wurde, für gelungen: „Gäbe es in meiner Partei keine Quote, wäre ich heute nicht in der Position einer Ministerin“, sagt sie. Doch was bringt eine Vorgabe überhaupt, wenn ihr selbst viele Frauen aus der Wirtschaft skeptisch gegenüberstehen? Sie soll Managerinnen, Steuerberaterinnen, Juristinnen und Expertinnen anderer Fachrichtungen die Chancen auf einen prestigeträchtigen Job eröffnen. Der Stromkonzern Verbund ist genauso von der Quote betroffen wie die Österreichische Post und die ÖBB (Grafik). In Summe müssen die 35 betroffenen Unternehmen in den nächsten Jahren an die vier Dutzend Aufsichtsrätinnen rekrutieren. Keine schlechten Aussichten also für Frauen mit beruflichen Ambitionen und dem „gewissen Etwas“.

Beziehungsweise
Wer in ein Kontrollgremium vordringen will, braucht Beziehungen. Diese können sich durchaus aus der beruflichen Tätigkeit ergeben. So war es zumindest bei Kerstin Gelbmann, Chefin der Austro-Holding, einer Beteiligungsfirma unter der Führung des Sanierers und Kunstsammlers Erhard Grossnigg. „Man wird die Chance eines Mandats nicht bekommen“, ist Gelbmann überzeugt, „ohne den Eigentümer des Unternehmens zu kennen.“ Seit acht Monaten sitzt die 36-Jährige nun im Aufsichtsrat des Baukonzerns Strabag von Hans Peter Haselsteiner. Er war es auch, der ihr im Arbeitszimmer von Erhard Grossnigg den Job angeboten hat.

Das im ersten Wiener Gemeindebezirk gelegene Büro ist Besprechungsraum und Kunstsammlung zugleich. An den Wänden hängt Malerei, auf dem Tisch stehen filigrane Porzellanfiguren und lustige Skulpturen: „Ich habe Herrn Haselsteiner im Rahmen der Übernahme der Constantia Privatbank kennen gelernt, bei der ich Herrn Grossnigg unterstützt habe“, erzählt sie. Seit ihrer Wahl nahm sie an drei Sitzungen teil, geleitet von Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer. „Das Ganze ist sehr straff organisiert“, so ihr Eindruck.

Die Erfahrung von Gelbmann kennen auch andere Aufsichtsrätinnen. In Staatsbetrieben ist es dann der Minister, der bei seiner Wunschkandidatin anklopft. Doch nicht jede Frau mit Ambitionen dürfte über einen direkten Draht in die Regierungsriege verfügen. „Wenn man Karriere machen will, muss man durch irgendetwas auffallen, durch Leistung, Fachwissen, Integrität“, glaubt Aufsichtsrätin Steinacker. Sie habe neben ihrem Job den weiblichen Cartellverband Norica Nova gegründet, Fachartikel geschrieben und sich politisch engagiert. „Mich hat dann der Wirtschaftsminister gefragt, ob ich BIG-Aufsichtsrätin werden will.“ Peter Gusmits, Partner bei Neumann International, führt hingegen „authentische Referenzen“ an: „Ich kann jedem nur raten, sein Netzwerk um die für den Job wichtigen Entscheidungsträger zu erweitern.“

Frauenkartei
Wem es nicht liegt, die Werbetrommel in eigener Sache zu rühren, der kann sich in eine Datenbank eintragen lassen. Ausschließlich für Frauen ist die der Initiative „Zukunft.Frauen“ konzipiert. Hier finden sich aktuell 17 Profile. Das prominenteste stammt von Verbund-Vorstand Ulrike Baumgartner-Gabitzer, die sich mit einem Foto eingetragen hat. Aus ihren Angaben erfährt man, dass sie in sechs Aufsichtsräten sitzt, etwa beim Donaukraftwerk Jochenstein und der Kelag. Und bald vielleicht noch in einem weiteren Gremium? Mit der Online-Kartei folgt Österreich dem norwegischen Beispiel. Norwegen war das erste Land weltweit, das 2003 eine – verbindliche – Frauenquote von 40 Prozent für Aufsichtsräte einführte. Um Unternehmen die Suche nach qualifizierten Frauen zu erleichtern, wurde eine Reihe von Datenbanken eingerichtet. Diese zeigten aber nicht die beabsichtigte Wirkung. Viele qualifizierte Profile wurden zu Karteileichen. Den Grund dafür nennt die Studie „Das norwegische Experiment“ der Friedrich- Ebert-Stiftung: Danach werben Unternehmen ungern Personen an, die sie nicht persönlich kennen, heißt es. Kompetenzen, die im Schatten wachsen, treiben eben keine Blüten. Diese Erkenntnis sollten Frauen mit Aufsichtsratsambitionen beherzigen.

„Viele Frauen bleiben unbemerkt, obwohl sie die fachliche Qualifikation haben“, so auch der Eindruck von Gabriele Payr, die selbst schon früh Kontrollerfahrung sammeln konnte. Mit Ende zwanzig zog sie in den ersten Aufsichtsrat ein. „Das war in der Fertigteilbau Wien“, erinnert sie sich. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Heute lenkt Payr, eine resolute Managerin mit roten Haaren und drahtiger Figur, die Wiener Stadtwerke Holding, einen Konzern mit knapp 16.000 Mitarbeitern, und sitzt unter anderem im Aufsichtsrat der Wiener Städtischen Versicherung. „Günter Geyer, der ehemalige Generaldirektor, hat mich gefragt, ob ich Interesse an diesem Job hätte“, erzählt sie. „Wir kennen uns seit Jahrzehnten.“ Auch ihr öffnete also der persönliche Kontakt die Tür. Und dieses Naheverhältnis kommt ihr auch in ihrer Funktion als Aufsichtsrätin zugute. Vor einer Sitzung, in der schwierige Themen zu besprechen sind, erzählt sie, rufe Günter Geyer als Aufsichtsratsvorsitzender schon mal kurz an, um wichtige Punkte persönlich zu besprechen.

Farbenlehre und Feinschliff
Vormachen sollte man sich gerade in Österreich nichts: Wer ein Unternehmen der öffentlichen Hand kontrollieren will, dem schadet es nicht, auch einer Partei nahezustehen. Denn „Aufsichtsräte in Staatsbetrieben sind Proporzgremien“, heißt es von allen Seiten. Während Payr ein Parteibuch der SPÖ hat, gehört Aufsichtsrätin Steinacker der ÖVP an. Die fachliche Qualifikation zu haben darf darüber aber nicht vergessen werden – wie es bei mancher Besetzung durchaus passiert. „Die Aufsichtsräte müssen sich professionalisieren“, ist daher Viktoria Kickinger von Inara, Initiative Aufsichtsräte Austria, überzeugt. Passende Kurse werden extra hiefür angeboten. An fünf Nachmittagen können Teilnehmer des WU-Programms „Governance Excellence“ ihr Fachwissen auf Vordermann bringen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Geschichten von Aufsichtsratsmitgliedern, die nicht einmal eine Bilanz lesen können, irgendwann doch zu den Anekdoten gehören.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente