„1968“ & die Entwicklung des Managements

Die Jugendrevolte 1968 hat politisch erstaunlich wenig bewirkt, umso mehr aber wirtschaftlich. Das Führungsverhalten der Spitzenleute wurde dramatisch reformiert – zum Besseren.

Eigentlich wäre der 40. Geburtstag der Mai-Unruhen des Jahres 1968 der richtige Zeitpunkt, um über dieses Schlüsseljahr zu schreiben. Die Diskussionen über Wert und Unwert dieses Jahres fangen aber jetzt schon an. Ehe sie inflationär werden und sie keiner mehr hören mag, reibe auch ich meinen Kren dazu.
Dies umso lieber, als die bisherigen Beiträge die Befürchtung bestätigen, man werde ausschließlich über die politischen und soziologischen Folgen der 68er-Jugenderhebung streiten, aber keinen Blick auf die Wirtschaft werfen.
Das ist zugleich verständlich und töricht. Verständlich, weil zum öffentlichen Wertewandel ein jeder was zu sagen hat, er ist eine leicht fassliche und interessante Materie. Töricht, weil bei genauer Betrachtung die inneren Veränderungen der Wirtschaft bedeutsamer waren als die politischen.

Ob man die politischen Effekte als Erfolgsstory oder Misserfolgsstory begreift, hängt davon ab, welche der vielen 68er-Ziele als Maßstab genommen werden. Man scheint heute zu vergessen, wie breit und international die Bewegung war. Dementsprechend glichen die Ziele auch eher Schrotgarben. Amerikaner, Deutsche und Franzosen (und selbst tapfere Rotchinesen) hatten ihre unterschiedlichen Aufreger und nationalen Spezialinteressen.
Eigentlich gab es nur einen großen gemeinsamen Nenner, der alle Teilbewegungen zum korrekten Begriff „Aufstand der Jugend“ verband: Die Jungen hatten die Art der Alten satt. Das kam nicht von heute auf morgen. Das Unbehagen setzte schon in den späten fünfziger Jahren ein, nahm in zunächst sanfter, dann steiler Progression zu und erreichte 1968 eine kritische Masse, die explodierte.

Was über alle Grenzen nervte, war die Selbstgefälligkeit der aktiven Weltkrieg-II-Teilnehmer, die nun in allen Regierungen und Schlüsselstellen saßen. Sie bezogen das logische Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit auf die Qualität ihrer Führung, gewannen in päpstlicher Manier ein Gefühl der Unfehlbarkeit. Dies führte zum allerhöchsten Gefühl, über gottgewollte Gaben zu verfügen und alles besser zu wissen. So entstand ein unendlicher Autoritätsanspruch bei gleichzeitigem Verlust jeder Frustrationstoleranz. Kritik wurde nicht ertragen, ja verlacht. Speziell, wenn sie von naseweisen Studenten oder ungebildeten Arbeitern kam.
In Amerika, wo den Weltkriegsteilnehmern nichts vorzuwerfen war, konzentrierte sich die Kritik auf die Kriegslüs­ternheit der Machtbullen und deren Unwillen, nationale Missstände (Rassismus) aufzugreifen. In China gab es grausam bestrafte Kritik an massiven Verletzungen der Menschenrechte. In Frankreich geißelten die Jungen den ewigen Kolonialgeist der Alten. In Deutschland forderte man statt dem Hochmut der führenden Autoritäten eine Aufarbeitung ihrer Kriegsvergangenheit. Die meisten dieser Punkte sind bis heute Diskussionsstoff. Von einer dramatischen Reform kann nicht die Rede sein.

Nur die Erinnerung an Willy Brandts Aufruf („Wagen wir mehr Demokratie!“), der tatsächlich aus der hagestolzen Adenauer-Epoche in eine modernere Zeit führte, gibt ein Gefühl, in Ländern wie Deutschland und Österreich habe es einen innenpolitischen Ruck gegeben: mehr Transparenz, ein größeres Ohr für die Wünsche des Volks, weniger Selbstherrlichkeit oben, weniger Untertanengeist an der Basis. Was diesbezüglich erreicht wurde, ist nicht nichts. Berauschend ist es noch lange nicht.
Im Gegensatz zur Wirtschaftsreform, die durch die besonderen Umstände der Folgejahre von 1968 kaum ins Bewusstsein trat. Da die Arbeiter (genauer: die ihrerseits autoritären Gewerkschaften), die ursprünglich mit den Studenten mitgezogen hatten, sich später gegen deren Radikalisierung stemmten, ging die Erinnerung an die wirtschaftlichen Ziele der 68er-Bewegung verloren. Die Arbeiterschaft, mit ihr viele kleine Angestellte, hatte einen höheren materiellen Anteil am Wirtschaftswunder und eine würdevollere Behandlung am Arbeitsplatz gefordert.
Man darf feststellen: Diese Ziele wurden erreicht. Aus heutiger Sicht sogar schneller und gründlicher, als damals zu erhoffen war. Der wesentliche Grund dafür: gesunder, gewinnorientierter Egoismus.
Viele kluge Unternehmer und Interessenvertreter der Wirtschaft (bei uns Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung) hatten bald zweierlei begriffen:
Erstens: dass die Wirtschaft auch eine gesunde Nachfrageseite braucht; dass eine Nationalökonomie stärker wird, wenn der Wohlstand möglichst breit gestreut ist.
Zweitens: dass mit den alten militärischen Strukturen –
herrisches Anschaffen und hündisches Gehorchen – auf die Dauer mit den jungen Leuten kein sozialer Frieden zu machen sei.
So kam es zu jenen erfreulichen Veränderungen, die heute so selbstverständlich sind, dass sie kaum noch wahrgenommen werden.
Zwei Jahre nach der 68er-Revolte fand sich erstmals das Wort „Mitarbeiter“ als Ersatz für das dumme, demütigende und missverständliche Altwort „Arbeitnehmer“, das heute nur noch Gestrige verwenden. Neue Managementmodelle stellten das Teamwork in den Vordergrund. Neue Finanzmodelle boten erfolgsabhängige Beteiligungen der Belegschaften, neues Führungsverständnis auch begrenzte Mitsprache in unternehmerischen Entscheidungen.
Die Hierarchien wurden entschieden flacher als früher, und die Wirtschaftsergebnisse bald besser. Die österreichische Mentalität erwies sich als äußerst brauchbar für den Modernisierungsschub. Man war zwar nicht gerade hastig unterwegs, dafür aber kontinuierlich. In romantischen Jahren wurde sogar mehr über Selbstverwirklichung der Mitarbeiter als über neue Produkte gesprochen.
Wir sind gerade in der erfreulichen Situation, die wenigen, keineswegs dramatischen Übertreibungen zu korrigieren. Etwa die romantische Vorstellung, auch im Wirtschaftswettbewerb gelte die Philosophie „Der Weg ist das Ziel“. Da sagt man besser jetzt wieder „Das Ziel ist das Ziel“. Desgleichen hat man anhand der gescheiterten Zwergfirmen der New Economy erkannt, dass Führungslosigkeit und allzu flache Hierarchien kontraproduktiv sind. Diese sanften Korrekturen finden aber problemlos in den Firmen selbst statt, unauffällig und wirksam. Eine Gegenreform wie in den Religionskriegen der Katholiken und Protestanten ist nicht zu befürchten.
Resümee: Österreichs Wirtschaft kann der 68er-Jugend­revolte nur das Beste nachsagen.

Avaaz sammelt nicht nur online Millionen von Unterschriften, sondern begleitet seine Kampagnen oft mit öffentlichen Aktionen. In vielen Fällen, gerade bei globalen Anliegen, ist das von Erfolg gekrönt.
 

trend

Avaaz – Politik und Konzerne im Visier

 

trend

Berufsunfähigkeitsversicherungen – Prämienübersicht und Vergleich

Die Reichsten aller Kontinente

trend

Die Reichsten aller Kontinente