Wer sind Anonymous? Was wollen sie?

Der innere Kreis von Anonymous Austria ist klein, aber durchaus schlagkräftig. FORMAT hat mit Anon-Mitgliedern über ihre jüngsten Aktionen, Ziele und Motivation gesprochen.

Dienstagmorgen, kurz nach neun, betritt ■■■■■■ den Chatroom und stellt mit einem herzhaften Gähnen klar, dass die Nacht lang war. Die anderen im Raum wissen das, und ■■■■■■ kokettiert mit der Welle an geballter medialer Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird. „Interviews, Interviews, Interviews“, aber „was macht man nicht alles für das Volk“.

Seit Anonymous Ende September zu einem Vierfachschlag ausgeholt hat, weiß auch der „Kronen Zeitungs“-Leser, dass das Logo mit dem kopflosen Anzugträger keiner Kleidermarke gehört, sondern einer Gruppe von Aktivisten, die in einer Woche die Stammdaten von 25.000 Polizisten, 600.000 Patientendaten der Tiroler Gebietskrankenkasse, 6.200 Mitgliederdaten der Wirtschaftskammer gekapert haben.

Jagd auf einen Unbekannten

Jetzt sind ihnen nicht nur die Staatsschützer auf den Fersen, sondern auch die Medien – und das kann ganz schön anstrengend sein. Anonymous Austria redet nicht mit der Öffentlichkeit und kommuniziert nur über den Kurznachrichtendienst Twitter unter @AnonAustria . Mit 140 Zeichen werden dort die Aktionen angekündigt, die Fans mit Ratespielchen beschäftigt. „Wir haben 600.000 Datensätze. Was könnte das sein?“ Am 5. Oktober freuten sie sich, dass sie offiziell 10.000 Follower auf Twitter hatten – und das sind viele. Anonymous kommt langsam in der breiten Öffentlichkeit an, hinter den Kulissen wird klar, dass sie für diese Öffentlichkeit noch keine Strategie entwickelt haben und nicht wissen, wie sie damit wirklich umgehen.

FORMAT bekommt über Mittelsmänner die Gelegenheit, mit Mitgliedern von Anonymous, die mutmaßlich zum inneren Kreis der Bewegung gehören, zu chatten. Anonymität ist Programm. Verwendet werden unterschiedliche Pseudonyme. Ob man mit drei Personen gesprochen hat oder mit zwei, die unterschiedliche Nicknames verwendet haben, kann nicht mit letzter Bestimmtheit gesagt werden. Einer von Anonymous ist immer online. Unser Anonymous-Kontaktmann erklärt: „Noch ist AnonAustria klein, anders als in Deutschland, wo mit dem Chaos Computer Club schon lange vor Anonymous eine gut vernetzte Hacker-Gemeinschaft existierte. Das kann sich erfahrungsgemäß schnell ändern …“

Szene-Insider schätzen den harten Kern von Anon-Austria auf fünf Leute. Das macht Sinn, den Kreis der Eingeweihten klein zu halten und „Unterstützer“, die sich im Namen der Gruppe profilieren wollen, draußen zu halten. Dabei sein wollen aber viele, sagt Szene-Kennerin und Datenschutz-Aktivistin Eve Bugs: „Im Anon-Chat gibt es natürlich auch viele Skript-Kiddies (Anm.: „Möchtegern-Hacker“), die sich einfach einen Exploit (Anm.: eine bekannte Sicherheitslücke) im Netz suchen und dann loslegen.“ Für manche Hacks braucht es nur eine Person mit entsprechender technischer Expertise. Bei den groß angelegten Hacks auf das Sony-Spiele-Netzwerk im Frühjahr 2011 haben Tausende Österreicher mitgemacht.

Hacker-Paradies Österreich

Auf Details, wie die Hacks bei der TGKK gelaufen sind, will sich Anonymous im Chat nicht einlassen, nur so viel: „Viele Ressourcen waren für den ‚Hack‘ der Tiroler Gebietskrankenkasse ohnehin nicht nötig – wenn Daten offen auf Servern herumliegen, kann man schließlich nicht einmal von einem Rechtsverstoß sprechen.“ Als Antwort auf die Frage, ob solche Sicherheitslöcher selten sind, sagt Anonymous: „Mittlerweile eigentlich schon. Die meisten Firmen und Behörden haben recht ordentliche Sicherheitskonzepte – das Problem liegt in der Umsetzung.“

Anonymous ist das Salz in den Wunden dieser schlampigen Umsetzung. „In Österreich herrschen für Hacker paradiesische Zustände. Kaum jemand ändert hierzulande regelmäßig seine Passwörter, und Firmen klären ihre Mitarbeiter in dieser Hinsicht auch nicht auf. Das Post-it mit dem Passwort am Monitor ist völlig normal. Ein Blick in die Altpapiercontainer einer Firma kann da schon reichen, und eine Hand voll Passwörter sind geknackt.“

Dieses Dumpster-Diving wird tatsächlich gemacht: „Bei sehr großen Firmen ist es oft sogar sehr einfach, im Müll fündig zu werden. Jede Abteilung hat da oft einen eigenen Altpapiercontainer. Dann braucht man nur mehr den der Finanzabteilung eines Unternehmens zu suchen, und schon kennt man brisante Firmeninterna.“ Das Müllstierln geht aber noch viel einfacher virtuell: „Der beste Angriffspunkt ist derzeit wohl Wireless LAN. Wer sich an warmen Tagen mit einem WLAN-Sniffer-Programm im MuseumsQuartier auf die Lauer legt, kann locker 200 bis 300 Passwörter für E-Mail, Facebook und Firmennetze abgreifen. Und wir wissen von einigen, die dort regelmäßig unterwegs waren, um ein paar Passwörter zu ernten.“

Die Gefahr, dabei entdeckt zu werden, ist denkbar gering – und die Angst vor den Strafverfolgern ficht sie schon gar nicht an. Wie sie an die 25.000 Stammdaten der heimischem Exekutive gekommen sind, will Anonymous nicht sagen. Dass sie diese Informationen, anders als die Daten anderer Hacks, veröffentlicht haben, dürfte innerhalb der Gruppe sicher ein Diskussionsthema gewesen sein. Eigentlich verstößt so eine Veröffentlichung gegen die Hacker-Ethik.

Über den Fallout nach der Veröffentlichung der Polizei-Daten sind zumindest einige Anonymous-Aktivisten trotzdem erfreut: „Gerade in diesem Umfeld kommt oft das Argument: ‚Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten.‘ Hoffentlich trägt diese Erfahrung dazu bei, diese Sichtweise einmal zu überdenken.“

Das anonyme Kollektiv

Der gemeinsame Nenner innerhalb der Kollektivs ist groß – die eine, große Linie, das ultimative Konzept, das durchgeplante Programm gibt es nicht. Hier mischen sich politisch interessierte Aktivisten mit Geeks. Es gibt auch „Schnittmengen mit der österreichischen Piratenpartei und dem CCC“, sagt ein Insider.

„Berichten die Medien mal wieder von einem Anonymous-Hack, kann es gut sein, dass selbst innerhalb des Kollektivs nur zwei oder drei Leute davon wussten. Auch Einzelaktionen sind keine Seltenheit.“ Diese Wahrnehmungsverzerrung, die Anonymous durch seine insubstanzielle, diffuse Struktur nach außen hin erzeugt, lässt das Kollektiv noch stärker erscheinen. Die Aktionen wirken methodisch inszeniert und minutiös geplant, selbst wenn es in Wahrheit unkoordinierte Angriffe weniger Anonymous-Mitglieder sind.

Seinen dezentralen Charakter hat Anonymous vor allem seiner Entstehung zu verdanken. Die Wurzeln des Kollektivs liegen im – für Nicht-Eingeweihte nur schwer verständlichen – Imageboard 4chan.org , wo Anonymous bereits vor 2008 als Spaßbewegung existierte. Dort entstand auch das bekannte Logo des kopflosen Anzugträgers und die „Anonymous-Maske“, die den britischen Attentäter / Freiheitskämpfer aus dem 16. Jahrhundert Guy Fawkes darstellt. Anonymous ist damit eine zutiefst chaotisch strukturierte Vereinigung, verpflichtet nur der gemeinsamen Losung: „Wir sind Anonymous. Wir sind viele. Wir verzeihen nicht. Wir vergessen nicht. Erwartet uns!“

Die Frage, wie man denn dann eigentlich Mitglied von Anonymous werden kann, wird so beantwortet: „Wer das fragt, disqualifiziert sich bereits. Anonymous wird man nicht, man ist es. Das oberste Gebot der Anonymität ist selbst innerhalb des Kollektivs einzuhalten. Wer sich offiziell als Anonymous-Mitglied outet, ist schon im engsten Wortsinne nicht mehr ‚Anonymous‘“.

Kampf der Daten-Gier

Neben den aufsehenerregenden Angriffen auf Behörden und Unternehmen engagiert sich Anonymous auch im computerunterstützten Protest gegen Internetkonzerne wie Facebook. „Konzerne, die allzu gerne Daten sammeln und für dubiose und undurchsichtige Geschäfte missbrauchen, landen früher oder später auf unserem Radar – und dann sollten sich diese Firmen schon mal warm anziehen.“ Eine große Aktion gegen Facebook hat Anonymous bereits vor Wochen für den 5. November angekündigt – in einer weltweit konzertierten Attacke soll das Social Network, das mit seiner zweifelhaften Datenschutzpolitik für Schlagzeilen sorgt, nicht nur lahmgelegt werden. Anonymous will auch die Machenschaften rund um den angeblichen Handel mit Benutzerdaten aufdecken.

Dass Anonymous auch in der Medienarbeit zu unkonventionellen Mitteln greift, bewies man im August 2011. Ein TV-Beitrag von RTL über die Spielemesse Gamescom ging ihnen dermaßen gegen den Strich, dass sie danach zu einem Angriff auf die RTL-Website bliesen. Teile der Website wurden gekapert und Inhalte manipuliert. Der Druck auf den Sender wurde so groß, dass die Verantwortlichen klein beigaben und für den „verallgemeinernden und überzeichnenden Bericht“ um Entschuldigung baten.

– J. Fischer, B. Mayerl

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