Virtuelle Schnitzeljagd: Geobasierte Dienste sind in sozialen Netzwerken der letzte Schrei

Geobasierte Dienste sind der letzte Schrei im Social Web: Firmen wittern frische Geschäftsmodelle, Datenschützer fürchten neue Unbill.

Kelly hat gerade das Bürgermeisteramt einer FedEx-Filiale in San Diego an sich gerissen, und Sukhraj verrät, wie man in einem Café in West Hollywood ins Klo gelangt (Ein­tippen des Codes 13795). Beide sind Benutzer von Foursquare, ­einer Mischung aus Facebook und Stadt­erkundungsspiel, bei dem 500.000 Leute weltweit Stadtpläne online mit Tipps und Aufgaben spicken. Foursquare ist ein geo­soziales Netzwerk. Deren User teilen nicht nur mit, was sie gerade machen, sondern auch, wo sie es tun.

GPS-Positionen dienen als Insidertipps
Vorangetrieben wird der Trend durch die Verbreitung von Handys mit GPS-Funktion, die auf Wunsch automa­tisch Positionsdaten übermitteln, und Software für mobile Geräte, die sich bequem in App Stores einkaufen lässt. Aus den mit Ortsdaten versehenen informellen Wissensschnipseln entsteht eine Datenbank mit Insidertipps. So können Touristen Städte auf den Pfaden der Einheimischen erkunden. Ganz ohne Anreiz werden der eigene Standort und Infos über die beste Pizza in der Stadt allerdings nicht preisgegeben. Zur Belohnung gibt es virtuelle Abzeichen wie eine „Bürgermeister“-Plakette für all jene Benutzer, die sich am häufigsten von einem bestimmten Ort aus „einchecken“: das ist Foursquare-Sprech für „hier bin ich gerade“. Handelt es sich um eine Gast­stätte, kann für den Kunden schon einmal ein kostenloser Durstlöscher herausschauen. Michael Vesely, Mitinhaber von Reisingers Café in Wien, hat den Trend früh erkannt und gibt seinen „Bürgermeis­tern“ ein Gratisgetränk aus. „Vier oder fünf haben wir schon ausgeschenkt“, erzählt Vesely.

Kleiner Markt mit großem Potenzial
Die Analysten von Juniper Research schätzen, dass der Markt geobasierter Netzwerke bis 2014 einen Wert von 12,7 Mrd. Dollar haben könnte. Das Geld soll über App-Store-Verkäufe und Werbung im Rahmen der mobilen Anwendungen umgesetzt werden. Mit einer halben Million Nutzern ist Foursquare zwar ein kleiner Fisch, die User liefern pro Woche aber gut eine Million Positionsmeldungen von Res­taurants, Bars, Supermärkten und öffentlichen Plätzen. Das sind doppelt so viele wie vor einem Monat – der kleine Fisch wächst rasant. Ähnlich in Größe, Wachstum und Funktionsweise ist Gowalla, während die Benutzerzahl von Brightkite mit rund zwei Millionen klar darüber liegt. Dass sich Leute mithilfe virtueller Plaketten motivieren lassen, darüber kann sich selbst Foursquare-Mitbegründer Dennis Crowley immer wieder wundern. Dan Taylor, Berater für digitale Medien und Gowalla- sowie Foursquare-User, erklärt es mit Sportsgeist: „Die Dienste beinhalten einen Wettbewerbscharakter. Jeder schaut, wer mehr Abzeichen hat.“ Für Nicholas Crawford aus Milwaukee war das Wettkampfelement ausschlag­gebend für seine Anmeldung bei Four­square: „Brightkite funktioniert ähnlich, aber es fehlen Punkte und Abzeichen“, erzählt der Forstarbeiter. Andere nutzen geo­basierte Netze, um Überblick über den Freundeskreis zu behalten. „Ich sehe automatisch, welcher meiner Freunde wo ist. Da muss ich beim Ausgehen nicht lange überlegen“, so der Journalist Georg Holzer.

Online-Gezwitscher öffnet Datenklau Tür und Tor
Mit ein Grund für die zunehmende Verbreitung von Foursquare und Gowalla ist die Verknüpfung mit dem Microblogging-Dienst Twitter: Viele Anwender teilen ihren Standort gleichzeitig der Twitter-Gemeinde mit. Für jedermann einsehbar, werden die Kurznachrichten zumeist wohl nur von Followern beachtet – Personen, die Kurznachrichten eines Autors abonniert haben.
Doch nicht selten verfügen engagierte Twitter-Benutzer über eine Gefolgschaft Tausender Leser, die meisten davon völlig Unbekannte. Die Betreiber der Website Please Rob Me (Bitte, raube mich aus) wiesen zuletzt auf die Gefahren hin, wenn Bewegungsprofile ohne Weiteres zugänglich sind: Die Niederländer programmier­ten innerhalb weniger Stunden eine einfache Suchmaschine, die Twitter nach Stichworten wie „außer Haus gehen“ durchsucht. Einbrecher können so mit­unter wertvolle Informationen erlangen.

Datenmissbrauch wird zur Haftungsfrage
Candid Wüest, Virenexperte und Bedrohungsforscher bei Symantec, erwartet sich durch die Verbreitung von Smartphones mit GPS-Funktion in diesem Jahr eine starke Zunahme von Datenmissbrauchsfällen. „Phishing- und Spam-Attacken werden gezielter und persönlicher“, sagt Wüest. Weil sich bei Foursquare prinzipiell jeder Ort registrieren lässt – ein ­Benutzer verlieh sich kürzlich mithilfe ­einiger Zeilen Programmcode das Ab­zeichen Bürgermeister des Nordpols –, tauchen mitunter auch Privatadressen auf. Wer dann noch in bunten Farben vom neuen Plasmafernseher berichtet, fordert sein Glück heraus. „Daraus könnte sich in Zukunft schon eine Haftungsfrage ergeben“, so der Sicherheitsexperte, „etwa, dass Versicherungen die Prämien hinaufschrauben, weil fahrlässig gehandelt wurde.“

Geosoziale Netzwerke animieren zum Flanieren
Dass geosoziale Netzwerke ihre Benutzer zur Umtriebigkeit in der Stadt anregen, bedeutet potenziellen Profit für Gastronomie und Einzelhandel. Wie stark das Inter­esse der Wirtschaft an geobasierten Diens­ten ist, zeigt sich an den Kooperationen, die Foursquare in den letzten Monaten einging. Diese reichen von der „New York Times“ über die Harvard University bis zum US-Kabelsender HBO. Benutzer profitieren unterschiedlich. In San Francisco verteilen die Verkehrsbetriebe Gratisfahrscheine nach dem Zufallsprinzip an „eingecheckte“ Fahrgäste. Justin Ware, PR-Stratege aus Minneapolis, der sowohl bei Foursquare als auch bei Gowalla aktiv ist, nennt die Aktion „Check in for Haiti“. Für jeden Kunden, der sich am 8. Februar in bestimmten Lokalen in San Francisco eincheckte, spendeten die Firmen 50 Dollar ans Rote Kreuz. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, glaubt er. Dem tatsächlichen Check-in kommt besondere Bedeutung zu. Restauranttipps lassen sich von überall aus abgeben. Das tatsächliche Einloggen im Lokal aber bedeutet, dass die Person hier konsumiert oder einkauft. Das weckt das Interesse der Wirtschaft. Anstehen dürfte dabei auch noch etwas Nachjustierung. „Foursquare hat noch keine gescheite Benutzerschnittstelle, um den eigenen Eintrag zu pflegen“, moniert Gastronom Vesely. Bei Gowalla fehlt ein Belohnungssystem. „Aber die Dinge stehen am Anfang. Da ist alles noch ein bisschen Stochern im Nebel“, so Vesely.

Virtuelle Grätzl-Renaissance
Prinzipiell sieht der Wiener Kaffeehausbetreiber jedoch die potenzielle Macht des Regionalen im globalen Internet: „Die Frage ist, ob nicht irgendwann ein lokaler Player die Nase vorn hat.“ Denkbar wäre etwa, dass die Wirtschaftskammer Ein­träge von Unternehmen bei Foursquare und Co vornimmt oder sich Grätzl zu Initiativen zusammenfinden. Die globale Aufmerksamkeit zum Thema ist indes auf Facebook gerichtet. Was passiert, wenn das Unternehmen einen Check-in-Dienst in sein System einbaut und 400 Millionen Benutzer plötzlich auch noch ihre Positionsdaten mitteilen? Networker Crawford macht sich keine Sorgen um seine persönlichen Daten: „Ich vertraue darauf, dass Unternehmen vorsichtig damit umgehen.“ Auf Twitter dokumentiert er indes, wie er Blut spendet und Geld am Bankomaten abhebt – mit entsprechenden Geodaten, versteht sich.

Alexandra Riegler (Charlotte, USA)

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