Vertrauens-Krise: Der Glaube an den Markt und die Politik ist nachhaltig erschüttert

Das Vertrauen in Demokratie und Wirtschaft ist gestört, die Folgen sind schon jetzt dramatisch. Doch es gibt Auswege: von Obamas „Yes we can“ bis zu Lösungen durch Wissenschaft und Technologie.

„Wir schätzen die Wahrscheinlichkeit für den Beginn einer weltweiten politischen Krise in der Woche vom 20. bis 26. März 2006 bei 80 Prozent ein. Diese Krise wird die erste große Krise seit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 sein; und sie wird einhergehen mit einer Wirtschafts- und Finanzkrise, die mit der von 1929 vergleichbar sein wird. Die sieben Elemente der Krise: Vertrauensverlust in den Dollar, Explosion der US-Defizite, Ölkrise, Einbuße der amerikanischen Führungsrolle in der Welt, Misstrauen der arabisch-islamischen Welt, offensichtliches Unvermögen der globalen Governance und Zweifel an einer existierenden Governance für Euroland.“ So kündigte das „Global European Anticipation Bulletin“ des Antizipationsinstituts LEAP­2020 im Februar 2006 die Krise an und nannte einen Grund für den damals belächelten Pessimismus: den Verlust des Vertrauens in das Wirtschafts- und Geldsystem.
Heute lacht man über die düstere Prophezeiung nicht mehr – zumindest nicht über den Teil mit der Wirtschafts- und Finanz­krise. Sie ist tatsächlich eine tiefe Vertrauens­krise. Das ist fatal: Denn Wirtschaft beruht auf Vertrauen, und Geld IST sogar Vertrauen. In dem Moment, in dem man an seinen Wert nicht mehr glaubt, hat es ihn schon verloren. „Geld ist der Glaube an den Wert des Geldes“, sagt der Philosoph Andreas Oberprantacher von der Uni Innsbruck.

Der Sündenfall der Finanzmärkte
Und genau dieses Vertrauen in den Schmierstoff der globalen Wirtschaft ist erschüttert. Das lag zunächst an einer globalen Geldschwemme: Neben den Massen an Geld, das die Zentralbanken seit 2001 zu niedrigen Zinsen ausgaben, explodierte die Menge an jenem Geld, das die Banken schaffen, indem sie Kredite vergeben. Nun kommt das Wort „Kredit“ von „Glauben“; und das Vertrauen in die Banken beruht dar­auf, dass diese ihre Schuldner prüfen und ihnen vertrauen. Die Idee, Kredite zu bündeln und als Finanzpapiere quer über den Globus weiterzuverkaufen – bis niemand mehr wusste, wer wem glaubt, wer wem etwas schuldet –, war für die Finanzwelt ein Sündenfall. „Spekulation bedeutet, bewusst keine Beziehung einzugehen mit dem Produkt, in das ich inves­tiere, sondern immer auf dem Absprung zu bleiben: Spekulation ist das Gegenteil von Vertrauen“, erklärt Finanzmarktexperte Stefan Schulmeister. Als das Kartenhaus zusammenbrach, wurde aus dem verkauften Vertrauen Gift und aus den Krediten Giftpapiere, die schamhaft in den Bilanzen der Banken versteckt bleiben. Solange sie da liegen, trauen die Banken einander nicht, funktioniert der Interbankenhandel nicht und hält die Kreditklemme an.

Trügerische Renaissance des Staats
Die Folge: kaum Investitionen, schleppender Handel, Arbeitslosigkeit. Mit in den Strudel der Vertrauenskrise gerieten die Experten und Ökonomen, die von der Krise überrascht wurden – und der Staat. Dabei sah es zunächst so aus, als wäre der gute alte Nationalstaat der große Vertrauensgewinner in der Finanzkrise: Auf dem Höhepunkt der Krise im Herbst 2008 brachten Notenbanken und Regierungen im Stundentakt Bankenrettungspakete, Garantien für Spareinlagen und Konjunkturpakete heraus. Die Billion wurde zur Maßzahl der Krisenbekämpfung. Man sprach von der Renaissance des Staates. Doch der Vertrauensgewinn war kurz und trügerisch. „Es waren ja die Staaten, die in der Regulierung versagt hatten – nicht der Markt“, sagt Erhard Busek, der das Thema „Vertrauen“ zum Motto des Europäischen Forums Alpbach 2009 macht (siehe Interview ) . Die Nationalstaaten mit ihren streng territorialen Kompetenzen hatten die Kontrolle über globalisierte Wirtschaft und Finanzmärkte schon seit den 1970er-Jahren abgegeben und darin versagt, ihnen globale Regeln entgegenzusetzen – und ohne Regeln kein Vertrauen, denn nur Regeln sichern Berechenbarkeit.

Auf das Gewaltmonopol gesetzt
„Es ist nicht möglich, miteinander zu leben, wenn immer mit allem zu rechnen ist“, wie es der Wirtschaftssoziologe Manfred Priesching von der Universität Graz formuliert. „Es gab zwar einen fundamentalen Glauben an die unsichtbare Hand des Marktes, doch er war von der Praxis losgelöst“, sagt Stefan Schulmeister. Und so gründete das Vertrauen in die Staaten, die die Krise mit Billionen an Steuergeldern abfingen, nicht darauf, dass man ihnen mehr Lösungskompetenz zutraute, nein: Es beruhte allein darauf, dass Staaten – im Gegensatz zu Banken und Unternehmen – auch dann an Geld kommen, wenn das Vertrauen verschwunden ist. Denn sie können dank ihres Gewaltmonopols die Masse dazu zwingen, Steuern zu zahlen. Doch nach dem Feuerwehreinsatz war die Rolle des Staates schon wieder gering: Die Versuche, globale Finanzmarktregeln ein­zuführen, blieben zaghaft, zwei Jahre nach Beginn der Krise ist noch nichts umgesetzt. Sprudelnde Gewinne und Bonuszahlungen in den mit Steuergeld geretteten Banken untergraben das Vertrauen in die Politik, die zugleich Sparpakete ankündigt, weiter.

Vertrauenskrise der Politik
Deshalb löst das überraschende Comeback des Staates auch die schleichende Demokratiekrise nicht, die schon grassiert, seit die Politik ihre Kompetenz zur Regulierung der Wirtschaft abgegeben hat. Das Vertrauen in die Politiker, die Krise zu lösen, hält sich in engen Grenzen und äußert sich in sinkender Wahlbeteiligung: An der Wahl zu jener demokratischen Institution, die global gesehen die größte Lösungskompetenz hätte – das EU-Parlament –, nahm nicht einmal die Hälfte der EU-Bürger teil. Und von denen entschied sich ein erschreckend hoher Prozentsatz für extrem rechte und europafeindliche Parteien. Die jüngste Jugend­studie in Österreich ergab, dass sich eine Mehrheit einen „starken Mann“ wünscht. Dazu kommt sinkendes Vertrauen in Institutionen, die genau dafür geschaffen wurden, Vertrauen zu geben: Justiz und Polizei schlittern nicht nur in Österreich von Skandal zu Skandälchen. „Das Vertrauen in das Bundesheer wird nicht einmal mehr abgefragt, so unwichtig ist es“, sagt Meinungsforscher Wolfgang Bachmayer von OGM. Und das Vertrauen in die Kirche als moralische Instanz befindet sich im Sinkflug.

Gefahr Depression
Die Szenarien, die sich aus diesem multiplen Vertrauensverlust ergeben, sind düster. Ökonomisch kann der Vertrauensverlust in eine lang anhaltende Depression münden: „Wir müssen sehr dar­auf achten, dass wir nicht in eine zweite Vertrauenskrise hineingleiten, die sich nicht zwischen Finanzdienstleistern abspielt, sondern zwischen Finanzdienstleistern und Unternehmen und auch der Bevölkerung“, warnte der deutsche Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg letzte Woche. Die Folgen hat der Ökonom John Maynard Keynes beschrieben: Wenn Menschen Angst vor der Zukunft haben, horten sie ihr Geld – und das kann auch bei an sich positiven Wirtschaftsdaten in eine Depression führen. Positive Zukunftserwartung ist deshalb, wirtschaftlich gesehen, eine Notwendigkeit. Das derzeitige Börsenfeuerwerk genügt dazu offenbar noch nicht – es hat die Kreditklemme nicht gelöst, sondern geht, so die „Financial Times“, sogar darauf zurück: Firmen müssen sich an der Börse Geld holen, weil sie von Banken keines bekommen. Bei Konsumenten punktet derzeit nur, wer besonders vertrauenswürdig wirkt: Die Werbungen der Banken sind daher derzeit voll mit Slogans über Sicherheit, konservative Werte und langfristiges Vertrauen.

Extremer Vertrauensverlust
Politisch sind die Folgen von tiefen Vertrauenskrisen in den „failed states“ etwa in Afrika zu beobachten: Sie führen zu Gesellschaften, in denen Bürgerwehren die Polizei ersetzen, nationalistische und religiöse Konflikte in Kriege münden, Schattenwirtschaft und Korruption blühen. An den Rändern der europäischen Gesellschaft sind solche Tendenzen schon da: In sozial benachteiligten Vierteln der Großstädte brennen Autos, und Bandenkonflikte eskalieren, in Ungarn zünden Rechtsextreme Roma-Siedlungen an. In Österreich ist der Vertrauensverlust noch lange nicht so weit fortgeschritten, beruhigt OGM-Chef Wolfgang Bachmayer. „Aber sinkendes Vertrauen in Demokratie und Institutionen bereitet den Boden für radikalere Lösungen. Wenn die Wirtschaftskrise zu einem breiten sozialen Abstieg führt, kommt es zu einer ideologischen Krise. Die äußert sich bei uns weniger in Protesten als in der Sehnsucht nach dem starken Mann und dem Rückzug ins Private.“

Eine neue Erzählung
Um Vertrauen zu gewinnen, braucht eine Gesellschaft eine große Erzählung, die einen Weg in eine bessere Zukunft weist. Lange war das die Lehre der Kirche, im 19. Jahrhundert nahm der Nationalstaat die vertrauenswürdige Vaterrolle ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg vertraute man auf breiten Wohlstand durch Demokratie und soziale Umverteilung, vor 20 Jahren wurde dies vom Glauben an den Markt abgelöst. Doch dieser Glaube ist nun nachhaltig erschüttert. Was sind die neuen großen Erzählungen, die Vertrauen in die Zukunft schaffen? Derzeit sind zwei davon sichtbar. Die eine trägt schon einen Namen: Barack Obama. Der neue US-Präsident verkörpert mit seinem Slogan „Yes we can“ und dem Glauben an politische Gestaltbarkeit von Wirtschaft und Gesellschaft eine Erzählung, die sich schon seit den 1990er-Jahren abzeichnet: Sie sieht globale Netzwerke von unten her die Welt zum Besseren wandeln. Ihre Schlagworte sind Kooperation, Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und Mitbestimmung, ihre Feindbilder globalisierte Konzerne, Finanzmärkte, Gier. Motto: „Menschen vor Profit“. Obamas unerwarteter Sieg bei den Vorwahlen – aufgebaut auf einem breiten Netz an Aktivisten, sozialen und ökologischen Visionen und der Wall Street als Feindbild – kann Beleg sein, dass der Wertewandel eingesetzt hat, beschleunigt durch die Finanzkrise.

Kooperation statt Konkurrenz
Ein weiterer Beleg findet sich ausgerechnet in den Finanzmärkten und Konzernen: Klimaschutz, Mikrokredite, Nachhaltigkeit und erneuerbare Energie sind beliebte Börsenstorys; und immer mehr große Konzerne wie Danone, BASF oder Veolia starten „social businesses“, die nicht auf Gewinn, sondern auf Gemeinwohl ausgerichtet sind. In Österreich fällt diese gesellschaftliche Vision auf fruchtbaren Boden: Von konservativer Seite wird sie von den Proponenten der ökosozialen Marktwirtschaft rund um Franz Fischler und Josef Riegler vorangetrieben. Am anderen Ende des politischen Spektrums ist Christian Felber ihr Sprachrohr, der dieser Tage sein neues Buch „Kooperation statt Konkurrenz: 10 Wege aus der Krise“ herausbringt. Voraussetzung für einen Erfolg dieser Idee ist ­allerdings, dass die Politikverdrossenheit abnimmt und die Nationalstaaten durch globalere Ordnungsmechanismen abgelöst werden. Dazu fehlen derzeit die zugkräftigen Personen, vom US-Präsidenten einmal abgesehen, der derzeit unter den Mühen der Ebene an Strahlkraft einbüßt.

In science we trust
Die zweite große Erzählung, die Vertrauen in die Zukunft schafft, braucht solche Zugpferde kaum: Sie beruht auf dem Glauben an Technik, Forschung und Wissenschaft. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann meint: „Sozialutopien sind zu technischen Utopien geworden. Die Visionen für die Verbesserung des Menschen und der Gesellschaft – Gesundheit, Wohlstand und Schönheit für alle – sind geblieben, aber sie sind zum technischen Programm geworden: Es gibt keine größere Erzählung als die Eroberung des Weltraums oder die Verlängerung des Lebens durch medizinischen Fortschritt.“ Auch für den Erfolg dieser Vision gibt es Belege zuhauf: Wissenschaftler werden zu Stars, die Lösung globaler Probleme wird nicht mehr Gott oder dem Staat, sondern der Forschung anvertraut, Motto: In science we trust. So vertraut man bei der Bekämpfung des Klimawandels nicht auf die Vernunft der Menschen, auf ihr Auto zu verzichten, sondern auf die Autoindustrie, die umweltfreundliche Motoren schaffen soll, oder etwa für ein würdiges Altern weniger der Familie oder dem Gesundheitssystem als der Pharmaforschung.

Gesunde Prise Misstrauen
Diese beiden Visionen, die Vertrauen in die Zukunft schaffen können, sind kein Widerspruch. Erfolgreich können sie allerdings nur werden, wenn die Krise nicht in Verelendung mündet – und damit in gesellschaftlichen Zerfall. Das Institut LEAP2020, das 2006 die Krise so düster vorhersagte, ist nicht optimistisch: Es warnt derzeit vor drei „Monsterwellen“, die über die globale Wirtschaft hereinbrechen – Massenarbeitslosigkeit, Insolvenzen und die Agonie des Dollars. Dass das alles eintrifft, glauben auch diesmal nur schwere Pessimisten. Doch wenn uns die Krise etwas gelehrt haben sollte, dann das: Ohne Vertrauen geht es nicht. Aber eine gesunde Portion Misstrauen schützt vor lemminghaften Abstürzen.

Von Corinna Milborn

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