Tiefrot, aber motiviert: Twitter tritt in die Börse-Fußstapfen von Facebook

Tiefrot, aber motiviert: Twitter tritt in die Börse-Fußstapfen von Facebook

Es gibt ein paar Dinge, die Boris Becker und Oliver Pocher gemeinsam haben, und das hat nicht nur mit Pochers Ehefrau zu tun. Sie sind berühmt. Sie sind Helden des Boulevards. Und sie sind Stars auf Twitter.

Möglicherweise hat all das am vergangenen Wochenende gut zusammengepasst, jedenfalls haben sich die beiden auf Twitter die Köpfe eingeschlagen. Becker hat in seiner Biografie Dinge über seine Exverlobte geschrieben, die Oliver Pocher, ihrem heutigen Ehemann, nicht passen. Für jedermann einsehbar beschimpften sie einander in so genannten "Tweets“ - nur 140 Zeichen lange Nachrichten - und schon gab es einen veritablen Skandal. In Print, im Netz und im Fernsehen.

Den Online-Nachrichtendienst Twitter nutzen zwar nach wie vor bei weitem nicht so viele Menschen wie Facebook, er hat aber eine immer größere Wirkung. So wie vor einem Jahr Facebook, wagt sich nun auch Twitter den Gang an die Börse.

Aber kann es dort reüssieren? Ist ein Geschäftsmodell, das davon profitiert, dass Becker und Pocher sich öffentlich streiten, auf Dauer tragfähig?

Laut den Analysten stehen die Chancen jedenfalls gut, dass Twitter seine Erfolgsgeschichte fortschreibt. Gerüchten zufolge soll die Aktie schon am 15. November zum ersten Mal an der New York Stock Exchange gehandelt werden. Der Ausgabepreis steht noch nicht fest, aber der Wert des Unternehmens soll zwischen 10 und 15 Milliarden Dollar liegen, letzteres entspräche der Marktkapitalisierung der OMV. Mit dem Börsengang werden die Twittergründer auf einen Schlag zu Millionären, auch für die schon lange beteiligten Investoren könnte nun die Rechnung aufgehen. Und das, obwohl Twitter nach wie vor Verluste schreibt - dieses Jahr sogar mehr als in den vergangenen Jahren - und eine sehr wechselhafte Geschichte hinter sich hat. Denn für ein paar Entwicklungen ist Twitter sehr gut aufgestellt.

Am Anfang war die SMS

Seit seiner Gründung 2006 hat sich Twitter radikal verändert. Wie oft bei Startups haben sich die Gründer überworfen, den Entstehungsmythos des Unternehmens gibt es deshalb in verschiedenen Variationen. Ihr Kern: Als dem damaligen Start-up Odeo die Businessidee abhanden kam, suchten seine Gründer auf Druck ein neues Geschäftsfeld. Jack Dorsey, damals 30, träumte davon, auf einer Website der Welt jederzeit und überall sagen zu können, was er gerade tut. So einfach wie mit einem SMS. Gemeinsam mit Evan Williams, Noah Glass und Biz Stone entwickelten sie daraufhin Twitter.

Außer Dorsey, der im Verwaltungsrat sitzt, gehen heute alle anderen Startup-Ideen nach. Auf den Börsengang haben laut den IPO-Unterlagen aber auch sie sich vorbereitet: Mit Schenkungen und anderen Modellen, um ihren Erfolg möglichst steuerschonend genießen zu können. An der Unternehmensspitze spielt seit 2010 jedoch jemand anderer die Hauptrolle.

Der ehemalige Google-Mann Dick Costolo. Nach Jahren der Managementfehler brachte er Ruhe hinein. Unter seiner Führung hat der Nachrichtendienst sein Angebot für Nutzer, aber auch für Werbekunden erweitert. Jetzt sieht er die Zeit reif für den Börsengang, denn auch das Umfeld ist günstig. "Die Bewertung für Internetfirmen sind gerade verrückt, Investoren sind bereit, sehr viel zu bezahlen, um einzusteigen“, sagt zum Beispiel der Analyst Michael Pachter. In den vergangenen Wochen hat sogar die nach dem Börsengang gebeutelte Facebook-Aktie einen Höhenflug erlebt. Doch kann Twitter die Erwarungen erfüllen?

Ein Medienunternehmen

Was als technische Spielerei begann, wurde in den vergangenen Jahren zu einem Medium, das seine Nutzer erstellen. Man kann auf Nachrichten antworten und daraus ein öffentliches Gespräch machen, wie Becker und Pocher es tun. Man kann seine liebsten Tweet-Schreiber abonnieren. Oder man sucht Twitter zu bestimmten Ereignissen (z.B. Nationalratswahl 2013) mittels eines "Hashtags“ (z.B. #nrw2013) ab, um bei diesem Thema mitzudiskutieren. Heute sind sogar kleine Apps, Filme und Bilder versendbar.

Das hat mitunter Nachrichtenwert: US-Präsident Barack Obama verkündete seinen Wahlsieg 2012 zuerst über Twitter. Im arabischen Frühling nutzten Demonstranten Tweets, um abseits traditioneller Medien zu informieren. Manche Ereignisse verbreiten sich schneller über Twitter als über Nachrichtenagenturen. All das hat aber auch einen enormen Werbewert - und hier setzt Twitters Geschäftsmodell an. Werbung macht den Großteil der Einnahmen des Unternehmens aus. Der kleinere Teil kommt über die Verkäufe von Userdaten, die permanent gesammelt werden.

Was die Analysten daran begeistert: Twitter ist schon dort, wo viele Kunden sind, Unternehmen und Medien aber schwer hinkommen - am Mobiltelefon. Mehr als drei Viertel aller Tweets werden mit dem Handy versendet. Mittels bezahlter Nachrichten können sich Marken schon jetzt einen Platz in der "Timeline“ - der chronologischen Nachrichtenfolge - ihrer Kunden sichern. In Zukunft soll das noch besser gehen, was auch notwendig ist, denn im vergangenen Jahr sank der erzielbare Anzeigenpreis auf nur 97 Cent pro 1000 Besucher. Anfang September hat Twitter deshalb für geschätzte 260 Millionen Euro den Mobile-Spezialisten MoPub gekauft. In Zukunft soll Twitter über jeden Nutzer noch genauer wissen, für welche Dinge er sich interessiert - und dieses Wissen in Werbeplatzierungen verpacken.

Ein zweites Zukunftsfeld stellt überraschenderweise der Fernsehmarkt dar. Twitter ist in den USA bereits dabei, gemeinsam mit Fernsehstationen Werbung für bestimmte Ereignisse zu verkaufen. Sie haben festgestellt, das Werbung deutlich besser wirkt, wenn Nutzer sie zuerst im Fernsehen und quasi parallel dazu auf Twitter sehen. Weil immer mehr Menschen gleichzeitig fernsehen und twittern, scheint sich hier ein Riesenmarkt aufzutun.

Um ihn zu nutzen, rüstet Twitter auf. Rechtzeitig vor dem Börsengang hat es seine Kreditlinie auf eine Milliarde Dollar ausgeweitet. Investitionen in Datenanalysen und neue Funktionen sollen Twitter voranbringen. Weil sich am Heimatmarkt USA Sättigung abzeichnet, braucht es internationalen Erfolg, um gegen Konkurrenz zu bestehen. Und: Bevor das nächste große Ding kommt.

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