Sternstunde des Microblogging: News
in Echtzeit erobern den Cyberspace

Phänomene wie Twitter und Facebook erhöhen die Pulsfrequenz im Medienbereich massiv. Wie die neue "On-Demand"-Videokultur das Fernsehen inspiriert und verändert.

Der Nachrichtenvorsprung der Internetgemeinde betrug nur 15 Minuten, doch es war die Geste, die zählte. Am 23. 11. um 10.45 Uhr kündigte Bundespräsident Heinz Fischer seine erneute Kandidatur an, mittels Videobotschaft auf Facebook, YouTube und seiner persönlichen Website. Ganz im Stil von Barack Obamas Videos im Präsidentschaftswahlkampf, war Fischers Auftritt leger-familiär und doch staatsmännisch in Szene gesetzt: mit im Bild eine Fotografie vom Enkerl Anna, zur Stärkung Äpfel und eine geöffnete Packung Manner-Schnitten. Eine Viertelstunde später folgte schließlich eine herkömmliche Presseaussendung.

Immer mehr Internet
Mit der Wahl neuer Medien gibt ­Fischer eine Stoßrichtung für seinen Wahlkampf an. Einmal mehr zeigt sich dabei, dass soziale Netzwerke wie Face­book nun erwachsen sind. Über ihre Verlinkungsfunktionen kommt ihnen ­inzwischen eine wichtige Rolle beim Durchsieben der Informationsflut zu. 350 Millionen nutzten den Dienst ­Anfang Dezember, Tendenz weiter ­steigend. Laut einer Erhebung von comScore besuchen 211 Millionen Europäer über 15 Jahre soziale Netzwerke, 75 Prozent der Internetnutzer. Österreich rangiert deutlich abgeschlagen bei rund 50 Prozent. Zum Zeitvertreib wird in den sozia­len Netzwerken auch 2010 weiterhin dem „Social Gaming“ gefrönt. Die Etablierung von Bezahldiensten für Kleinstbeträge (Micro Payments) sorgt dafür, dass Software-Schmieden wie Zynga, die für Spiele wie „Mafia Wars“ oder „FarmVille“ verantwortlich zeichnen, fette Zeiten bevorstehen.

Alte SMS-Kultur wird zum Internethype
Neben sozialen Netzwerken haben vor allem Microblogging-Dienste wie Twitter ihre Spuren im Web hinterlassen. Dass 140 Zeichen kurze Nachrichten das Internet merklich verändern können, wer hätte das gedacht. Doch durch die mitten im Ereignis abgesetzten Infoschnipsel entsteht eine „zweite Diskussionsschicht“, so Autor Steven Johnson im „Time“-Magazin. Wenn in Wien Twitter-Benutzer die Vortragsreihe „Digitalks“ besuchen, wissen ihre „Follower“ Sekunden später, was in der Veranstaltung passiert ist, und reden mit. Diese halb-öffentliche Debatte fügt dem Internet eine völlig neue Aktualitätskomponente hinzu. Erschlossen wird dieses „Jetzt-Internet“ über eigene Suchmaschinen, wie die in Twitter eingebaute Suchmaschine oder Google Real Time Search. Die klassische Google-Suche macht im Gegensatz dazu eine Art sorgfältig gereihtes Bibliothekswissen zugänglich. Für Unternehmen wird die Integration von sozialen Netzwerken und Microblogging 2010 ein wichtiges Thema. Doch Vorsicht ist geboten: Die Internetgemeinde reagiert wie bei allen ungelenken Marketingaktionen unerbittlich. Wer nicht genau weiß, was er tut, sollte die Finger davon lassen.

Verstrickt und verlinkt durchs Netz
Blogs wiederum würden durch Twitter „entschlackt“, so die Theorie von Georg Mahr, einem der beiden Blogger hinter wortreich.in . Eine Studie von ­PostRank, einem Marktforschungsunternehmen im Bereich sozialer Medien, zeigt indes, dass Verlinkungen von sozialen Netzwerken und Microblogging-Diensten in Richtung Blogs um knapp 30 Prozent gestiegen sind. Blogs profitieren demnach über die einfachere Community-Bildung bei Twitter. Insgesamt steigt die Bedeutung von Verlinkungen aus vertrauenswürdigen Quellen an. Die Definition von „ver­trauenswürdig“ ist dabei stark vom sogenannten „ambience awareness“ (Umgebungsbewusstsein) beeinflusst, ein Begriff, den Technologieautor Clive Thompson prägte: Wenn man erst einmal weiß, welches Müsli ein Microblogger morgens löffelt, kann damit die erste Grundlage für Vertrauen geschaffen sein. Privatleute werden auf diese Weise noch stärker als bisher zu entscheidenden Nachrichtensortierstellen.

Die Zeitung ist tot, es lebe die Zeitung?
Ein Konsortium rund um „Condé Nast“ tüftelt an einem Zeitungsvertriebskonzept, das Insider als „iTunes-ähnlich“ beschreiben. Ob es zur Rettung von Zeitungen und Magazinen ausreicht, wenn ein Teil der Leser zur Geldbörse greift, bleibt abzuwarten. Medienexperte und Journalist Jeff Jarvis hat klare Empfehlungen für Zeitungen: „Sie sollen ihre Druckerpressen abstellen und vollständig online erscheinen.“
John Nichols, Politikblogger von „The Na­tion“, malt eine schwarze Zukunft. Demnach würden auch Internet-Großverdiener wie „The Guardian“ kaum mit den Einnahmen auskommen. Sein Schluss: Ohne staatliche Hilfe sei klassischer Journalismus bald mausetot. Gespannt darf man sein, was aus Rupert Murdochs Androhung wird, die Websites seiner Publikationen nicht mehr über Google indizieren zu lassen. Viele Leser geben sich mit dem über Google News angezeigten Anreißern zufrieden und besuchen die dazugehörigen Websites nicht mehr. „Storys anzuhäufen ist nicht Fair Use. Unhöflich ausgedrückt, ist es Diebstahl“, erbost sich Murdoch.

(Noch) Ruhe vor der Glotze
Relativ ungeschoren kommt die Filmindustrie davon, trotz Filesharing und zunehmenden Filmkonsums via Streaming. Experten gehen davon aus, dass Hollywood auch in den nächsten Jahren noch mächtig genug ist, um die Regeln zu diktieren, etwa Online-DVD-Verleihen eine Frist abzuverlangen, in der Spielfilme nur verkauft, nicht aber vermietet werden dürften. Dass klassisches Fernsehprogramm in Zukunft nur noch von der älteren Generation konsumiert wird, gilt indes als Trugschluss. Laut einer Befragung von Nielsen sitzen US-Teen­ager rund 3,3 Stunden täglich vor dem Fernseher, während sie für PC/Internet etwas mehr als eine Stunde aufwenden. Anders sehen die Zahlen bei Befragungen über alle Altersgruppen hinweg aus. So verbringt laut einer von Microsoft in Auftrag gegebenen Studie der durchschnittliche Europäer im kommenden Jahr zweieinhalb Tage pro Monat online und nur noch zwei Tage vor der Flimmerkiste.

On demand verdrängt alte Fernsehprogrammwelten
Dass Fernprogramme „on demand“ im Web aufrufbar sind, gehört zu den Grundanforderungen an TV-Sender. Der ORF vollzog diese Verlegung eines Teils des Programms mit dem Start der TVthek. ORF-Online-Direktor Thomas Prantner: „Wir tragen dem geänderten Mediennutzungsverhalten Rechnung.“ Im Bereich privater Videos zeigen inzwischen Preis- und Technologieentwicklung Wirkung. Videofunktionen auf Digi- und Handykameras treiben die Verbreitung voran. „Früher wurden Videos von Spezialisten gemacht. Nun wird Video zu einer Kommunikationsform mit Breite, die auch demokratiepolitisch immer wesentlicher wird“, sagt Martin Wolfram, Geschäftsführer von News on Video. Auf die Masse soll Qualität folgen: „Es kommt zur Professionalisierung. Bildaufbau, Dramaturgie und Spannungsbogen werden wichtiger“, erläutert er. Und YouTube-Trends machen sich im TV bemerkbar. „Im Internet schauen die Leute oft direkt in die Kamera. Im klassischen TV war das noch verpönt.“ In Fischers Wiederkandidaturvideo, das News on Video produzierte, ist alles, wie es sich gehört: Der Bundes­präsident hält zeitgemäß Augenkontakt mit seiner potenziellen Wählerschaft.

Alexandra Riegler

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