Sonnige Gespräche: Indischer Unternehmer bietet Mobilfunk in entlegenen Gegenden

Das Ikea-Regal als Vorbild: Eine indische Firma hat eine solargetriebene Mobilfunk-Basisstation entwickelt, die selbst Analphabeten aufbauen können.

Drei Milliarden Menschen ­haben in ihrem Leben noch kein Telefonat geführt. Der Inder Rajiv Mehrotra möchte das ändern. Doch 1,6 Milliarden der bislang von Telekommunika­tion Unerreichten haben keinen Strom, eine weitere Milliarde nur unzuverlässige und durch hohen Dieselbedarf oft teure Stromversorgung. Hinzu kommt eine geringe Kaufkraft. Mit klassischen Mobilfunknetzen sind diese Menschen nicht zu erreichen. Mehrotra hat daher die Firma Vihaan Networks Limited (VNL) gegründet und von Teams in Indien und Schweden eine neue GSM-Basisstation namens WorldGSM entwickeln lassen.

Sonne statt Diesel
„Vihaan“ ist Sanskrit und bedeutet so viel wie „aufgehende Sonne“. Und Sonne ist fast das Einzige, was das VNL-Produkt benötigt. Es ist ausschließlich solargetrieben und soll noch dazu deutlich günstiger sein als herkömmliche Geräte großer Ausrüster. „Klassische Basisstationen sind für dicht besiedelte Gebiete mit hohen Um­sätzen konzipiert und brauchen für Betrieb und Kühlung drei Kilowatt“, erklärt der Unternehmer. „Selbst für ein Kilowatt bräuchten sie noch rund 100 Quadratmeter Solarpanele. Das ist kein nachhaltiges Modell.“ Ein typischer indischer Netzbetreiber wendet daher bereits ein Drittel seiner Betriebskosten für die Stromproduktion, in der Regel mit Dieselaggregaten, auf. Diesel ist teuer im Transport, wird oft verschüttet, gestohlen oder mit Wasser ­verdünnt. Zwei Milliarden Liter Diesel wurden vergangenes Jahr in Indien für den Betrieb von GSM-Sendern verbrannt, was auch die Umwelt belastet.

Betriebskosten nicht vorhanden
Wenn man Dörfer mit einem monatlichen Durchschnittsumsatz von unter zwei Dollar je Kunde erreichen möchte, rechnet sich dieses Modell nicht. WorldGSM wurde von Grund auf neu ­entwickelt und auf möglichst geringen Stromverbrauch getrimmt. Herausgekommen ist eine passiv gekühlte Anlage, die mit jeweils zwei aktiven Sende- und Empfangseinrichtungen (Zellradius 1,5 bis 2 Kilometer) den Angaben zufolge nur 35 Watt verbraucht. Auch mit GPRS-Daten­übertragung steigt der Verbrauch nicht über 50 Watt. Die Richtfunkanbindung an das restliche Netz (Backhaul) ist darin schon enthalten. Die Solarpanele sind nur vier Quadratmeter groß. Damit könnte nach einem sonnigen Tag zusätzlich drei Tage in völliger Finsternis weitergefunkt werden. Betriebstemeratpuren von –20 bis +55 Grad Celsius sind für die Anlage kein Problem. Ein komplettes WorldGSM-Sys­tem kostet weniger als 15.000 Dollar. Der Hersteller der Solarpanele gibt 20 Jahre Garantie, die Batterien sollen fünf Jahre halten. Die Betriebskosten sind praktisch null. „Sie müssen einmal die Woche Staub und Vogelexkremente abwischen. Das ist alles“, frohlockt Mehrotra. Und alle paar Wochen sollte man die Solarpanele dem jahreszeitlichen Sonnenstand anpassen.

Bedienungsanleitung ohne Text
Das VNL-Konzept sieht eine starke Einbindung der lokalen Bevölkerung vor. Jemand aus dem Dorf soll sich um den Sender kümmern, ihn etwa auf seinem Hausdach installieren. Gleichzeitig übernimmt er die Betreuung der Kunden, verkauft ihnen SIM-Karten, Handys und Gesprächsgut­haben. Seine Einnahmen teilt er mit dem Netzbetreiber. Sogar den Aufbau der Basisstation soll die Dorfgemeinschaft selbst vornehmen. Der Einsatz eines Technikers käme schlicht zu teuer. Den Boxen ist daher eine Piktogramm-Anleitung beigelegt, die ohne Text auskommt. Somit können auch Analphabeten den Mobilfunksender errichten. „Ikea hätte es auch so gemacht“, glaubt Mehrotra, „45 Prozent der Inder haben keine Schulbildung.“ Zu zweit ist der Aufbau in drei Stunden erledigt. Um das Frequenzmanagement kümmert sich der Netzbetreiber über Fernwartung. Für den Betrieb erforderlich ist ein spezieller Base Station Controller (BSC) von VNL, der bei der letzten herkömmlichen Basisstation mit Stromnetzanschluss installiert wird. Die Handys der Kunden brauchen natürlich auch Strom. Dafür empfiehlt Mehrotra ­solarbetriebene Ladegeräte der finnischen Firma Suntrica. Aber auch ausrangierte Autobatterien, die bei Bedarf zum Wiederaufladen zum nächstgelegenen Generator gebracht werden, sind eine erprobte Stromquelle für Handys.

Keine Hilfe seitens der Regierung
Die Chance, mit armer Landbevölkerung Geld zu verdienen, ist auch großen Netzausrüstern nicht entgangen. Nokia Siemens Networks (NSN) hat dafür die Village Connection Plattform entwickelt und stellt 30 Stück für nicht genannte pazifische Inseln kostenlos zur Verfügung. Diese NSN-Anlagen bestehen aus einer GSM-Basisstation (ohne Datenübertragung und einem Zellradius von ein bis zwei Kilometern) mit Computer und kos­ten 5.000 bis 10.000 Euro. Der Betrieb erfordert 300 Watt, die aus verschiedenen, nicht im Preis enthaltenen Stromquellen kommen können. Die (nicht unbedingt ­erforderliche) Anbindung an das herkömmliche Mobilfunknetz besorgt typischerweise eine Satellitenverbindung. Der Betrieb soll sich mit einem monatlichen Durchschnittsumsatz von zwei bis drei Euro je Kunde rechnen. Bisweilen ­hapert es noch an der Unterstützung von Regierungsseite. „Regierungen sehen ­Telekomanbieter zu sehr als Einnahmequelle“, klagt etwa NSN-Manager Bosco Novak, „sie sollten die Telekommunika­tion nicht als kurzzeitige Melkkuh, sondern als gesellschaftliche Infrastruktur sehen.“

Daniel AJ Sokolov

Zum Projekt WorldGSM: Die gesamte Anlage (im Bild auf ­einem Hausdach in Rajastan) ist selbst von Laien schnell in Betrieb zu nehmen. Ikea war Vorbild. Gespeist wird die Anlage ausschließlich von den Solarpanelen. Mobilfunk kommt in Regionen, wo er sich bislang nicht rech­nete oder logistisch nicht möglich war. In ­der Rajastan-Region sind diese Systeme bereits in 50 Dörfern im Einsatz. Anfragen für das System kommen mittlerweile aus aller Welt, Installationen gibt es auf drei Kontinenten. Ausgeliefert wird die Station samt Antenne in robusten Kisten, die auf Kamelen oder mit Ochsenkarren auch in unwegsame Gebiete transportiert werden können. Das System hat bereits etliche Innovationspreise bekommen, und Firmengründer Rajiv Mehrotra wird mittlerweile zu den 100 wichtigsten Personen der Telekomindustrie gezählt.

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