"Sie müssen sich von der Vorstellung lösen, Kommunikation kontrollieren zu können"

Davos 2.0: Matthias Lüfkens hat aus einem abgeschotteten Elite-Event eine öffentliche Veranstaltung gemacht. Wenn sich Regierungschefs und Wirtschaftskapitäne in Klausur begeben, kann über Internet und Social Media heute die ganze Welt daran teilhaben.

Im Bild: Matthias Lüfkens, 45. Der deutsche Journalist führt seit sechs Jahren die Medienarbeit des Weltwirtschaftsforums.

FORMAT: Herzlichen Glückwünsch zur Geburt Ihrer Tochter. Wie geht es ihr?
Lüfkens: Sehr gut geht’s ihr, danke. Das haben Sie auf Twitter gelesen …
FORMAT: Genau. Wie weit lassen Sie die Netzgemeinde in Ihr Privatleben blicken?
Lüfkens: Die Geburt meiner Tochter war das einzig Private, das ich über Twitter verlautet habe. Fotos der Kleinen waren nur bei meiner Frau verlinkt. Und Facebook benutze ich ausschließlich zu professionellen Zwecken.

"Nicht jeder Chef freut sich über Twitter"
FORMAT: Beruflich kann’s nicht öffentlich genug sein. Sie halten die Bosse an, sich gegenseitig zu filmen und zu bloggen. Sie haben die jordanische Königin Rania mit dem YouTube-Virus infiziert … Was hecken Sie als Nächstes aus?
Lüfkens: 2004 haben wir die Teilnehmer eingeladen, zu bloggen. Dann kamen YouTube und Video. Jetzt dreht sich alles um Twitter. Ich arbeite gerade an der Twitter-Liste unserer Teilnehmer. 2009 waren es erst 23, heuer sind es 300, und 50 davon sehr aktive Twitterer. Königin Rania twittert jetzt auch. Die Teilnehmer lassen sich schon inspirieren.
FORMAT: Das Weltwirtschaftsforum wird auf diese Weise immer öffentlicher. Wie stellen Sie sicher, dass konfidente Sitzungen vertraulich bleiben?
Lüfkens: 2005 gab’s tatsächlich einen gröberen Zwischenfall. Das Posting eines Teilnehmers aus einer vertraulichen Sitzung kostete CNN-Vizechef Eason Jordan den Job. Das ist bedauerlich. Sie müssen sich aber von der Vorstellung lösen, Kommunikation kontrollieren zu können.
FORMAT: Diese mediale Transparenz wird nicht allen Teilnehmern gefallen …
Lüfkens: Wir haben die Chefs der 1.000 größten Firmen hier. Klar, nicht jeder Chef freut sich über Twitter. Die Privatsphäre wird kleiner, auch in Davos.

"Jeder Mitarbeiter ist ein Sprecher"
FORMAT: Was empfehlen Sie Unternehmen im Umgang mit den neuen sozialen Netzwerken?
Lüfkens: Briefen Sie die Belegschaft, erarbeiten Sie Richtlinien, wie man in den Netzwerken auftritt. Jeder Mitarbeiter, der in Netzwerken auftritt, ist eine Art Sprecher. Da muss natürlich klar sein, was gesagt werden darf und was nicht. Gehen Sie doch einfach mal auf Facebook, und schauen Sie, welche Ihrer Mitarbeiter drauf sind. Dann suchen Sie sich den jüngsten aus und lassen den einmal machen. Bei Social Media können und müssen Sie von den Jungen lernen. Die Unterstützung aus der Chefetage ist allerdings sehr wichtig.
FORMAT: Hatten Sie Ihrem Chef gegenüber schon einmal Erklärungsbedarf, oder hat er Projekte nicht unterstützt?
Lüfkens: Ich habe offensichtlich noch immer eine carte blanche und die volle Unterstützung von Klaus Schwab (Anm.: Gründer des Weltwirtschaftsforums). Der ist selber zwar nicht in sozialen Netzwerken präsent, versteht aber die Relevanz.
FORMAT: Wie finde ich als Unternehmer heraus, welche Plattform, welcher Kanal für meine Botschaft geeignet ist?
Lüfkens: Probieren Sie es aus. Der Chef kann einen Twitter-Account einrichten, wenn er etwas zu sagen hat. Sie werden sehen, es ergibt sich ganz automatisch ein Dialog mit der Öffentlichkeit. Eine Seite auf Facebook eröffnen ist das Einfachste, was es gibt. Das dauert ein paar Minuten. Ein Video zu produzieren, kostet nicht die Welt. Es muss nicht die virale Verbreitung über YouTube haben. Es reicht schon, dass es die Leute erreicht, die es interessiert. Und wenn Sie spezielle Kompressoren produzieren, wird das Ihre Kunden jedenfalls interessieren.

"Streamen Sie die Pressekonferenz im Internet"
FORMAT: Ihren Vortrag in Wien werden Sie vor Klein- und Mittelständlern halten. Welche Botschaft nehmen die mit?
Lüfkens: Dass man mit ganz wenigen Mitteln ein ganz neues Publikum erreichen kann. Es muss sich nur jemand in der Firma darum kümmern. Auch Kleinfirmen haben meist jemanden, der sich um Presse oder Marketing kümmert. Wenn man die Pressemitteilung schreibt, kann man sich doch auch gleich überlegen, wie der Titel interessanter klingt, um auf Facebook anzukommen. Im Prinzip macht man ja nichts anderes, als sein Unternehmen vorzustellen – das halt auf verschiedenen Plattformen.
FORMAT: Wie funktioniert Medienarbeit heute?
Lüfkens: Es geht nicht mehr alles über die Medienabteilung. Medien sind wir alle. Was in Chatrooms, Twitter oder in Facebook diskutiert wird, besprach man früher im Wirtshaus. An dem Dialog muss man sich beteiligen. Wir haben zum Beispiel auf Facebook eine Mediengruppe gegründet, wo wir nur Chefredakteure eingeladen haben. So etwas kann jede Firma selbst aufstellen. Sie kennen doch den Stress der PR-Leute. Eine Pressekonferenz ist organisiert, und fünf Leute kommen. Machen Sie die Pressekonferenz, und streamen Sie ins Internet. Sie bekommen garantiert ein größeres Publikum. Über Social Media können Sie einerseits die Medien direkt beliefern und andererseits Ihre Kunden direkt erreichen. Haben Sie keine Angst vor sozialen Netzwerken.

"Unsere Bilder wurden 2,5 Millionen Mal angesehen"
FORMAT: Sie denken die Medienpräsenz so konsequent weiter, dass Sie letztes Jahr einen Bürgerreporter nach Davos einluden, der sich via Internet beworben hatte. Gibt es das heuer auch wieder?
Lüfkens: Wir gehen jetzt sogar einen Schritt weiter und machen aus dem Reporter einen Teilnehmer, der mit den Großen gleichberechtigt am Panel sitzen wird. Beim YouTube-Bewerb hat sich die Engländerin Julia Lalla-Maharajh mit ihrem leidenschaftlichen Appell gegen die Genitalverstümmelung durchgesetzt.
FORMAT: In der traditionellen Medienarbeit zählen Clippings die Publizität. Social-Media-Plattformen lassen sich gut messen. Wie sieht die Davos-Bilanz aus?
Lüfkens: Unsere Bilder auf Flickr wurden 2,5 Millionen Mal angesehen, und auf den beiden YouTube-Kanälen wurden die 1.700 Videos elf Millionen Mal angesehen. Auf Twitter haben wir mehr als 1,5 Millionen Follower. Gut, die werden jetzt sicher nicht jede Botschaft aufmerksam hören und lesen. Nach den Maßzahlen des Printgeschäfts wäre das aber eine ganz hübsche Auflage.

Interview: Barbara Mayerl

Zur Veranstaltung: Von 27. bis 31. Jänner tauschen sich Politiker und Wirtschaftskapitäne zur Weltlage aus. Zum 40. Weltwirtschaftsforum werden 2.500 Teilnehmer in Davos erwartet: von Melinda Gates über Google-CEO Eric Schmidt bis zu Nicolas Sarkozy: www.weforum.org . Via Facebook, MySpace, Flickr und Twitter ist auch die Internet-Gemeinde dabei. Die Pressekonferenzen werden über livestream.com live übertragen.

Tipp: Lüfkens ist Eröffnungsredner am E-Day 2010 am 4. März in Wien.

Das Gros der Kunden bucht seinen Sommerurlaub in den Monaten Jänner bis März. Der Rest bucht in letzter Minute.
#urlaub #internet #reise
 

Internet

Urlaub in letzter Sekunde

Warum Apple 3,2 Milliarden Dollar für Kopfhörer ausgegeben hat, die man nicht braucht - und warum sich der Beats-Deal für den Konzern trotzdem lohnt.
#beats apple
 

Börse International

Warum Apple 3,2 Milliarden für den Beats-Deal zahlt

Das Auto soll mit Elektromotor ausgestattet werden und
#Google #Elektroauto
 

Innovation

Google baut selbstfahrende Autos ohne Lenkrad