Schulterschluss der IT-Branche: Heimische Bosse formulieren Wunschliste an die Politik

Die Vertreter der IKT-Firmen sprechen erstmals mit einer Stimme: Sie fordern mehr politische Unterstützung und öffentliche Wertschätzung.

Zwei Monate, 214 Telefonate, drei Terminverschiebungen und fast 3.000 Mails. Das ist die Kommunikation im Vorfeld einer Elefantenrunde der IT-Branche. Der Wiener PR-Mann Paul Prihoda hatte die Idee, „endlich einmal alle an einen Tisch zu bringen“ – und die Nerven dazu. Der gute Mann weiß offensichtlich, was er tut.

Es fehlt an Bewusstsein
Der Saal im Palais Ferstel war voll, den Medienvertretern flogen eine Menge Beispiele und Zahlen um die Ohren, und in der elfköpfigen Podiumsrunde war exakt durchchoreografiert, wer was zu welchem Thema kundtat. Wenige Botschaften waren neu. Viele Fakten sind bekannt, im allgemeinen Nachrichtengetöse aber längst untergegangen. Es gab in den letzten Jahren eine Reihe von IT-Initiativen – von der Plattform Digitales Österreich und der Arge Breitband bis zur Internet Initiative. Getrieben waren sie meist von Partikularinteressen einzelner Unternehmen oder Sektoren. Wo man Kunden vermutete, schloss man sich an. Wo Fördergelder winkten, setzte man sich ein. So verwundert es nicht, dass als eines der größten Versäumnisse „die fehlende Öffentlichkeit bzw. das fehlende Bewusstsein für die Informationstechnologie- und Telekom-Branche“ (IKT) moniert wurde.

170.000 in der IKT-Branche tätig
Wiewohl die Österreicher handyverrückt und technikaffin sind, wird die volkswirtschaftliche Bedeutung der IKT-Branche nicht erkannt, so die Kritik. In der Wertschöpfung hat man den Tourismus bereits hinter sich gelassen. „Jeder 20. Beschäftigte ist ein IT-Fuzzy“, brachte Raiffeisen-Informatik-Geschäftsführer Wilfried Pruschak die Jobmaschine auf den Punkt. 170.000 Menschen verdienen ihr Geld als Technologiearbeiter, sind dabei aber einem steigenden Konkurrenzdruck ausgesetzt. Da sich die Halbwertszeit des Wissens hier extrem schnell verkürzt, sind noch bessere Qualifizierungen und Investments in Ausbildung gefragt, so die Firmenchefs.

Spezialisten händeringend gesucht
Während rund um Österreich ein Nearshoring-Center nach dem anderen entsteht, wo um 500 Euro Monatslohn qualifizierte Standarddienste erbracht werden, kann Österreich als Hochlohnland nur mit Spezialisten punkten. 3.000 von ihnen suchen die IT-Firmen derzeit händeringend. Ein Dilemma, das bereits bei der Ausbildung beginnt, wie T-Systems-Chef Georg Obermeier meinte: „Wenn nur 13 Prozent der Studienanfänger technische Richtungen wählen und von denen nur ein Fünftel ­Informatik, ist das eindeutig zu wenig.“ Da ist man in den neuen EU-Ländern flexibler. Obermeier: „Wenn in 250.000-Einwohner-Städten fast 30.000 Technikstudenten ausgebildet werden, ist das schon beeindruckend.“ Fujitsu-Boss Wolfgang Horak pflichtet ihm bei: „Österreich muss hier mehr tun.“

Wunschliste an die Politik
Die Wünsche an die Politik fokussierten sich aber nicht nur auf eine Bildungsoffensive. Wie wichtig eine moderne Verwaltung für den Standort ist, betonten vor allem die IT-Bosse wie Siemens, IBM oder SAP, die traditionell viel Software in die Amtsstuben liefern. Siemens-Mann Albert Felbauer appellierte an die Politik, gestoppte IT-Projekte wie die Modernisierung der Steuer- und Zollverwaltung, das digitale Langzeitarchiv oder das elektronische Rezept wieder aufzunehmen. „Das ist eine rasch wirksame Medizin. Das schafft Jobs“, so Felbauer. An Ideen für die Politik mangelte es nicht. Oracle-Chef Martin Winkler wünscht sich die Wiedereinführung des Investitionsfreibetrags für Technik-Einkäufe. Ob die Wünsche im Ministerium gehört werden, wird sich weisen. Dass man die Konkurrenzsituation aus dem Tagesgeschäft einmal beiseitelassen konnte und mit einer Stimme sprach, dürfte aber die Chancen erhöhen, gehört zu werden. Bleibt zu hoffen, dass dieser nationale Schulterschluss von Dauer ist und keine einmalige Aktion.

Von Barbara Mayerl

Im Bild: 1. Reihe, v. l.: Andreas Muther, SAP, Christian T. Retinger, Samsung, Petra Jenner, Microsoft, Wilfried Pruschak, Raiffeisen Informatik, Georg Obermeier, T-Systems.
2. Reihe, v. l.: Martin Winkler, Oracle, Achim Kaspar, Cisco, Rudolf Kemler, HP, Albert Felbauer, Siemens IT Solutions & Services.
3. Reihe, v. l.: Wolfgang Horak, Fujitsu, Leo Steiner, IBM.

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