PRISM ist nicht das Ende: NSA baut Bespitzelungsanlage gigantischen Ausmaßes

PRISM ist nicht das Ende: NSA baut Bespitzelungsanlage gigantischen Ausmaßes

Auch wenn Whistleblower Edward Snowden die NSA-Schnüffelei rund um PRISM aufgedeckt hat, es wird sich nichts ändern. Die Inbetriebnahme der Bluffdale-Anlage ist der letzte Puzzlestein, den die NSA ihrem weltweiten Überwachungsnetz noch hinzuzufügen hat. Wenn dort die Server erst lossummen, ist niemand sicher, der kommuniziert.

Vor 160 Jahren war das Örtchen Bluffdale im US-Bundesstaat Utah eine gefragte Gegend. Die größte Sekte der Mormonen, die "Vereinigten Apostolischen Brethrener“, siedelte sich in dem abgelegenen Kaff zwischen dem Gebirgszug Wasatch Range und den Oquirrh-Bergen an. Auch heute noch wird Bluffdale von mehr als 9.000 Mormonen bevölkert.

Aber zu weltweiter Berühmtheit gelangte die kleine Stadt erst vor kurzem und aus ganz anderen Gründen.

Denn wie damals zogen auch im Jahr 2010 wieder Pioniere in die Region - Männer in grauen Anzügen und weißen Hemden, die sich sofort an die Arbeit machten. Und gleich hinter dem heutigen Brethrener-Hauptquartier mit der Planung eines gigantischen Bauwerkes begannen. Vielweiberei liegt ihnen fern, es geht ihnen um die Sammlung vieler Daten. Und ihr Tempel übertrifft den der Brethrener nicht nur an Größe, sondern auch an Bedeutung um ein Vielfaches: Die NSA wird Bluffdale schon bald zum Zentrum der Bespitzelung der Welt machen.

Im kommenden September will die amerikanische "National Security Agency“ ihr Monsterprojekt abgeschlossen haben - und dann in den Mega-Serverfarmen im Nirgendwo von Utah gigantische Mengen an Daten speichern.

Politische Schauspielerei

Mindestens genauso abgeschottet wie die NSA-Anlage im fernen Utah war in Nordirland jüngst jene kleine Insel im beschaulichen Lough Erne, auf der sich die Regierungschefs der G8-Staaten trafen. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hatte dort, so diktierte sie es danach zumindest den anwesenden Journalisten in die Aufnahmegeräte, US-Präsident Barack Obama "mit deutlichen Worten“ darauf aufmerksam gemacht, dass die NSA-Überwachungsmethoden für Europa inakzeptabel seien. Auch im Brüsseler EU-Hauptquartier fanden sich in den vergangenen Tagen zahlreiche Politiker, die gegen die NSA-Bespitzelungen auftraten.

Doch in Wahrheit ist das alles nur Theaterdonner und hohe politische Schauspielkunst.

Denn in Wahrheit sind viele europäische Staaten hinter den Kulissen in die ganz große Datensammlung der NSA involviert. Dem deutschen Bundesnachrichtendienst etwa sagt man nach, in Europa der größte Abnehmer von NSA-Datenmaterial zu sein. Und es ist unwahrscheinlich, dass er nicht auch zuliefert. Ein Sprecher des österreichischen Verteidigungsministeriums will FORMAT gegenüber selbst auf mehrmaliges Nachfragen hin nicht dementieren, dass es seitens des Heeresnachrichtenamtes in jüngerer Vergangenheit zu Datenflüssen mit der NSA gekommen ist (siehe " Austro-Überwachung ").

Es scheint wohl so zu sein, dass die Europäer seit Jahren von dem profitieren, was die NSA sammelt. Dass deren Praktiken nun dank des abgesprungenen Ex-Agency-Mitarbeiters Edward Snowden bekannt wurden, war allerdings nicht eingeplant.

Vor allem trauen sich jetzt nach und nach die großen Internet-Konzerne von Google bis Facebook aus der Deckung und geben bekannt, was die NSA von ihnen in den vergangenen Jahren so alles wollte . Bei Facebook etwa gingen allein im zweiten Halbjahr 2012 knapp 10.000 Anfragen nach Datensätzen von 17.000 Nutzerkonten ein. Nicht alle davon sollen terroristische Aktivitäten oder Kriminalfälle betroffen haben. "Oft“ habe man das Begehr abgelehnt, lässt Facebook wissen - ohne zu sagen, in wie vielen Fällen man sehr wohl Auskunft gab.

Bei Microsoft trudelten im selben Zeitraum 7.000 NSA-Anfragen ein, die rund 30.000 Konten betrafen. Bei Apple waren es 5.000 Anfragen zu 10.000 Konten - alle aufgrund des amerikanischen "Foreign Intelligence Surveillance Act“, der nach 9/11 erlassen wurde, damit US-Geheimdienste zur Terrorabwehr besser in den Datensätzen von Nicht-Amerikanern schnüffeln können. Google will alle Anfragen künftig in seinem "Transparency Report“ veröffentlichen.

Zu erwarten ist jedenfalls, dass Whistleblower Snowden aus seinem Hongkonger Hotelzimmer noch eine ganze Reihe an Detailinformationen über das Vorgehen der NSA-Schnüffler zur Veröffentlichung parat hält. Nur: Ändern wird das an den Praktiken der Regierungsspitzel vermutlich wenig bis gar nichts.

Das Puzzle ist fertig. Die Inbetriebnahme der Bluffdale-Anlage ist der letzte Puzzlestein, den die NSA ihrem weltweiten Überwachungsnetz noch hinzuzufügen hat. Wenn dort die Server im September erst lossummen, ist der letzte Lückenschluss perfekt.

Dann wird in Utah praktisch alles an Daten gesammelt, was die Menschheit täglich durch die Kommunikationsnetze schickt: Finanz- und Aktientransaktionen, Diplomatenpost und militärische Informationen bis hin zu den Inhalten privater eMails, Reisebuchungen oder einfachen nur Parkstrafen.

Gescannt werden über Tiefsee-Telekomkabel laufende Datenpakete ebenso wie über Mobilfunknetze und sonstige Kanäle transportierte Kommunikation. Für NSA-Mitarbeiter ist dann alles, einmal abgefangen und in den Serverfarmen von Bluffdale abgespeichert, auf Knopfdruck abfragbar.

Dabei weiß man noch wenig über die die wesentlichste Fähigkeit der Computer in der neuen NSA-Einrichtung: Die gigantischen Rechneranlagen werden im Vollbetrieb auch in der Lage sein, Codes aller Art zu entschlüsseln. Und wer das einmal kann, der hat wirklich Zugang zum Eingemachten.

"Jeder, der kommuniziert, kann sich dann nur mehr schwer schützen“, deutet ein inzwischen pensionierter Nachrichtendienst-Mitarbeiter an, der in die Entwicklung der Bluffdale-Pläne involviert war. Die NSA habe vor wenigen Jahren einen epochalen Durchbruch bei der Entwicklung von Kryptologie-Breakern erzielt - auch dank der vielen Milliarden an Budgetmitteln, die nach dem Anschlag auf die New Yorker Zwillingstürme dafür frei gemacht wurden. Bloß über die notwendge Rechnerleistung verfügte man damals nicht. Das ist jetzt anders.

Die vergangenen Jahre verbrachte die NSA damit, Horchposten über die ganze Welt zu verstreuen. Das Abhörnetzwerk ist mittlerweile so dicht gewoben, dass den US-Spitzeln kaum mehr etwas entgeht. 20 Billionen Kommunikationsvorgänge wurden seit 9/11 belauscht. Bloß Datenspeicherung sowie Entschlüsselung codierter Informationen waren bisher nicht einschränkungslos möglich. Darum ging man 2010 daran, die Einrichtung in Bluffdale zu bauen.

Enorme Datenmengen

Der Aufwand war enorm. 10.000 Bauarbeiter waren am Werk, die jeweils nach einiger Zeit gewechselt wurden. Die gesamte Planungsmannschaft wurde nach der Grundsteinlegung gegen eine neue getauscht. Zäune umgeben die Anlage, die einem Fahrzeug mit mehreren Tonnen Gewicht standhalten können - selbst wenn es mit hundert Stundenkilometern dagegen rast. Allein dieser Schutzwall kostete mehr als zehn Millionen Dollar. Biometrische Zugangssysteme, modernste Satellitenüberwachung - was Normalbürger nur aus Science-Fiction-Blockbustern kennen, ist in Bluffdale Realität.

In den Gebäuden sind zigtausende Quadratmeter für endlose Server-Reihen reserviert. Sechseinhalb Millionen Liter Wasser benötigt allein deren Kühlung - pro Tag. Ein 65-Megawatt-Umspannwerk versorgt die Anlage mit Strom. Mehr als 40 Millionen Dollar kostet die Energieversorgung pro Jahr. Jährlich werden 1000 Exabytes an Daten gespeichert. Nur zum Vergleich: Die Aufzeichnung des gesamten Wissens der Menschheit vom Beginn der Zeitrechung bis zum Jahr 2003 beansprucht fünf Exabytes.

Sollte die NSA nach einigen Jahren des Datensammelns schließlich die Speicherkapazität von einem Jotabyte ausgenützt haben, auf welche die Anlage derzeit ausgelegt ist, dann wird sie ein Äquivalent von 500 Quintillionen Seiten Text angehäuft haben.

Das ist eine Zahl mit 32 Nullen. Da wird Angela Merkel dann wohl erst recht Anlass zur bühnenreifen Beschwerde beim nächsten US-Präsidenten haben.

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