Orange-Boss Olaf Swantee im FORMAT-Interview

Der Holländer Olaf Swantee ist der Chef der Mobilfunksparte von France Télécom. Der oberste „Orange“-Boss über Callcenter, Schwellenländer, Roaming und flexible Partnerschaften.

FORMAT: Sie kommen gerade von einem Besuch im Orange-Callcenter in Wiener Neustadt zurück. Warum sind das die McJobs der Telekom-Industrie, die keiner gerne machen will?

Swantee: Ich höre den Mitarbeitern in der Line immer wieder gerne zu, weil man nirgendwo näher am Kunden, an der Basis, ist. Bei uns gibt es keine McJobs. Es ist sicher stressig, aber nicht schlecht bezahlt. In Wiener Neustadt haben wir 70 Prozent Vollzeitkräfte, die nach Telekom-Kollektivvertrag bezahlt werden so wie alle anderen Mitarbeiter. Die Kaffeeterrasse hat Domblick, und das Callcenter ist sicher keine Legebatterie für Servicemitarbeiter.

FORMAT: Das ist schön für die Orange-Mitarbeiter in Österreich. In Frankreich häuften sich in den letzten Monaten die Selbstmorde im Konzern. Das waren u. a. Menschen, die in Callcenter versetzt wurden und sich diesem Stress nicht gewachsen fühlten. Sie sind nicht der verantwortliche Manager – aber was ist da falsch gelaufen?

Swantee: Die Situation in Frankreich ist aus mehreren Gründen mit der in anderen Ländern nicht vergleichbar. Die Mitarbeiter im Mutterkonzern (Anm.: France Télécom) haben ein höheres Durchschnittsalter, und es sind viele Beamte dabei. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Organisation. Wenn ein 50-Jähriger im Callcenter arbeitet, hat er sicher einen höheren Stressfaktor. Natürlich ist diese Selbstmordrate nicht akzeptabel, aber es ist auch ein gesellschaftliches Problem, das auch in anderen Firmen zutage tritt.

FORMAT: In der extrem dynamischen Telekombranche tritt es aber offensichtlich schneller zutage. Hier entwickelt sich die Technik noch rasanter und macht viele Jobs noch rascher obsolet.

Swantee: Mein neuer Chef Stéphane Richard (seit 1. März im Amt; Anm.) hat den Umgang mit den Mitarbeitern als erste Priorität verankert und erst gestern neue Maßnahmen verkündet, die er mit den Gewerkschaften ausgehandelt hat.

FORMAT: Ehemals staatliche Telekom-Monopolisten haben eigentlich überall in Europa ähnliche Probleme. Warum sind die ausgerechnet bei France Télécom so ausgeartet?

Swantee: Man muss die Geschichte der Firma sehen. Wir waren 2006 ja fast pleite, und dann wurde ein strenges Kostensparprogramm gefahren, das wohl zu sehr auf dem Rücken der Mitarbeiter stattfand. France Télécom war so mit den Prozessen beschäftigt, dass sie die Bedürfnisse der Mitarbeiter vernachlässigten. Jetzt ist das Bewusstsein da, dass die Mitarbeiter einfach die wichtigste Schnittstelle zu unseren Kunden sind.

FORMAT: Den Schwenk von der Pleite zum Profit wurde mittlerweile vollzogen, und France Télécom wächst wieder …

Swantee: Zu Jahresbeginn haben wir gute Zahlen vorgelegt und fahren die Wachstumsstrategie auf Kurs.

FORMAT: Viele Neukunden kommen vom Schwarzen Kontinent. France Télécom verlegt ein Unterseekabel zwischen Afrika und Europa, und erst am 22. September kaufte man sich beim marokkanischen Provider Meditel ein.

Swantee: Bis 2015 wollen wir 300 Millionen Kunden betreuen. Dieses Wachstum wird natürlich stark aus den Schwellenländern kommen. In den afrikanischen Ländern, wo wir heute bereits sind, kommen jährlich rund zehn Millionen Neukunden dazu.

FORMAT: Ist die Kolonialvergangenheit dabei nützlich oder hinderlich?

Swantee: Wir versuchen diese historischen Verbindungen, wenn sie denn gute sind, natürlich bei unserer Expansion zu nutzen. Das machen wir auch in Asien, wo wir unter anderem in Vietnam sind. Wir interessieren uns auch für einzelne Länder in der Karibik. Eine gemeinsame Sprache zu sprechen war noch nie hinderlich.

FORMAT: In den entwickelten Mobilfunkmärkten, wo die Umsätze stagnieren und Wachstum nur mehr durch Verdrängung passiert, stehen die Provider vor ganz anderen Herausforderungen. In England hat Orange ein Joint Venture mit Konkurrent T-Mobile gemacht. Werden solche „Ehen“ jetzt öfter geschlossen?

Swantee: In England sind wir durch den Zusammenschluss die Nr. 1 geworden. Es hat für alle nur Vorteile. Wir können die Netzqualität erheblich verbessern und haben ein größeres Händlernetz.

FORMAT: In der Schweiz hat die Kartellbehörde eine ähnliche Fusion unlängst verhindert. Wo und was wollen Sie nun zusammenführen? Gibt es einen Masterplan dahinter?

Swantee: Wir glauben an Partnerschaften, aber eben sehr selektiv. In Spanien arbeiten wir mit Vodafone im Netzwerkbereich zusammen, in Frankreich haben wir mit SFR eine Messaging-Technologie eingeführt. Manche Partnerschaften sind technologisch, manche regional begründet.

FORMAT: Und in Österreich?

Swantee: Wir überlegen schon länger, wie wir bei den Netzen Synergien schaffen. Es gibt Gespräche, aber noch nichts Konkretes.

FORMAT: Das Rebranding von One zu Orange ist ziemlich genau zwei Jahre her. Wie zufrieden sind Sie mit Orange in Österreich?

Swantee: Wir haben eine gute Position mit 20 Prozent Marktanteil. Das Rebranding haben sie sehr gut gemacht. Zahlen und strategische Ausrichtung passen.

FORMAT: Wo die Mobilfunker in Europa immer mehr paktieren, müsste es doch möglich sein, im Sinne der Verbraucher eine Lösung für das Datenroaming zu finden, eine Art Selbstzensur. Schafft es die Branche, dass den Medien der Stoff für Roaming-Abzocker-Storys ausgeht?

Swantee: Wir (Anm.: alle Provider) müssen die Preise weiter senken und mehr Transparenz schaffen. Im Firmenkunden-Umfeld arbeiten wir verstärkt mit der Deutschen Telekom zusammen und arbeiten an dem Thema in der Allianz „Free move“.

FORMAT: Schaffen die Provider 2011 eine befriedigende Lösung für das Thema?

Swantee: Wir werden die Situation verbessern, ob wir sie lösen, kann ich noch nicht sagen. Wir haben aber schon viel erreicht, etwa mit dem Bill-Shock-System.

FORMAT: Klingt nach Elektroschocker …

Swantee: Wer zu viel verbraucht, bekommt eine Warn-SMS. Eines möchte ich in dem Kontext aber schon auch einmal gesagt haben: Das Netz ist kein unbegrenztes Gut. Das muss errichtet, erhalten und bezahlt werden. Wer morgens um 9 Uhr, wenn alle telefonieren, ein HD-Video auf das Smartphone laden will, sollte das besser in einem Wireless LAN machen.

FORMAT: Soll das heißen, dass die Kunden bei einem Stau am mobilen Datenhighway auf alternative Verkehrsmittel umsteigen sollen?

Swantee: Sie sagen es.

FORMAT: Werden die Mobilfunker gerade technisch-logistisch vom eigenen Smartphone-Erfolg überrascht?

Swantee: Der Erfolg der Smartphones ist sehr erfreulich, aber in der Tat eine Herausforderung für Mobilfunknetze.

FORMAT: Und jetzt kommen mit den Tablets noch mehr „Datenfresser“ ins mobile Netz …

Swantee: Stimmt. 2011 werden wir mit den Tablets einen neuen Wachstumsmarkt haben. Ich glaube, dass wir immer mehr die Kombination aus Smartphone und Tablet haben werden (zieht ein Galaxy Tab von Samsung aus dem Rucksack). Sie können bei uns dann einen mobilen Datenvertrag haben und ihn auf verschiedenen Geräten nutzen.

FORMAT: Vor Ihrem Wechsel in die Telekombranche vor drei Jahren waren Sie viele Jahre in der IT-Branche. Was sind die Unterschiede zwischen den beiden Branchen?

Swantee: Die Mobilfunkbranche ist viel jünger, viel dynamischer. Bei HP waren die Mitarbeiter meist zwischen 40 und 50 und viel zu viele Männer. Wo die Telekom- von der IT-Branche aber noch einiges lernen kann, ist die Dienstleistung. In der IT wurden Dienstleistungsmodelle schon vor Jahren erfolgreich aufgebaut.

Interview: Barbara Mayerl

Zur Person: Der Holländer, 44, mit Schweizer Wohnsitz führt seit 2007 das weltweite Mobilfunkgeschäft (außer dem Heimmarkt) von France Télécom, der Nr. 3 in Europa. Unter der Marke „Orange“ bietet FT in 32 Ländern Dienste an. 182 Millionen Kunden zählt Orange, weniger als ein Zehntel im Festnetzbereich. In Österreich ist Orange mit 2,2 Mio. Verträgen ebenfalls die Nr. 3 am Markt. Swantee ist ein „Quereinsteiger“ im Mobilfunk. Er war 17 Jahre in der IT-Branche tätig, u. a. für HP, wo er zuletzt das Software-Großkundengeschäft in Europa und Afrika führte.

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