Nicht ohne mein Handy: Smartphones organisieren Arbeit & Freizeit

Das Handy übernimmt die Organisation von immer mehr Lebensbereichen, privat wie beruflich. Bald werden die mobilen Mini-Computer ihren Benutzern auch eine „erweiterte Realität“ liefern.

Sie verpassten ihre Flieger, sie verpassten ihre Züge, sie schliefen einfach weiter. Tausende erschienen am 3. Jänner 2011 zu spät am Arbeitsplatz. Ein Software-Fehler war schuld, dass das iPhone seiner Funktion als Wecker an diesem Tag nicht nachkam. Dass es dieser banale Umstand weltweit in die Nachrichten schaffte, hat wohl mit der Popularität des iPhone zu tun. Die Botschaft ist aber auch eine andere: Ohne tragbaren Computer mit integrierter Funkantenne namens Handy schaffen wir es nicht einmal mehr aus dem Bett.

Eine noch immer junge Industrie sorgt dafür, dass das so bleibt. Ihr jährliches Schaulaufen in Barcelona ( Mobile World Congress , 14. bis 17. Februar) gibt einen imposanten Eindruck, warum das Handy für Millionen Menschen der „bessere PC“ ist und welche Lebensbereiche der Menschen in den hoch entwickelten Märkten demnächst noch „mobilisiert“ werden.

Oft wurde das Handy als digitales Schweizermesser beschworen – das ist es heute tatsächlich. Smartphones ziehen ein Anwendungsgebiet nach dem anderen an sich. Wer braucht eine Kompaktkamera, wenn das Handy 12 Megapixel, HD und bald 3D darstellen kann? Wer will ein Navigationsgerät, wenn er Mobile Google Maps hat oder der Handyhersteller gleich Premium-Karten draufpackt? Wer braucht einen Kompass, wenn das Handy GPS hat? Wer kauft eine tragbare Spielkonsole, wenn es Hunderte Gaming-Apps gibt? Der digitale Alltag lässt sich mit einem Smartphone gut bewältigen.

Zu dieser praktischen Intelligenz kommt jetzt eine „künstliche Intelligenz“. Mit hochauflösenden Kameras sowie schnellen Prozessoren werden Dienstleistungen möglich, denen eigentlich nur die Kreativität der Entwickler Grenzen setzt: die erweiterte Wirklichkeit – im Fachsprech Augmented Reality genannt. Das Prinzip: Ein mit der Kamera aufgenommenes Bild wird mit einer Datenbank verknüpft, auf der sich die passenden Informationen befinden, gleich, ob es sich um Personen oder Sehenswürdigkeiten handelt.

Das Potenzial für solche Anwendungen ist enorm, nicht zuletzt für die Konsumgüterindustrie. In einer Studie gaben 40 Prozent der Befragten an, für die Recherche bei ihren Einkäufen das Smartphone zu nutzen – und das direkt im Geschäft.

Im Fahrwasser der sozialen Netzwerke werden nun auch die ortsbezogenen Dienste – die Location-based Services – ihrem Namen endlich gerecht. Mit keinem Gerät lassen sich Angebote besser personalisieren als mit dem Handy. Das mobile Rabattmarkensammeln, das Couponing, ist der letzte Schrei. Entweder laden sich die Benutzer einschlägige Apps (u. a. A1-Gutschein-Box oder DailyDeal) auf ihr Gerät, oder sie lassen sich die Informationen über mobile Empfehlungsportale auf das Gerät schicken.

Längst in der mobilen Wertschöpfungskette angekommen ist der schwarz-weiße QR-Code , der auf Zeitungsinseraten oder Schaufenstern prangt und den Smartphone-Besitzer zum Dialog einlädt. Einmal vom Kunden abfotografiert bzw. eingelesen, lassen sich damit – wie bei der Augmented Reality – Informationen aus beliebigen Datenquellen einspielen.

Globale Handy-Geldbörse

Einziger Wermutstropfen in der virtuellen mobilen Wertschöpfungskette ist derzeit der mobile Geldtransfer, für den es noch keinen globalen Standard gibt. Die einmalige Authentifizierung über die Kreditkarte funktioniert nur in einem geschlossenen Kreislauf, wie ihn etwa das Apple-Universum darstellt. „Erfolgreich waren mobile Bezahlsysteme bislang nur auf lokalen Märkten“, analysiert Karim Taga, Geschäftsführer Arthur D. Little, „weil sich Banken, Handyhersteller und Mobilfunker global auf einen Standard einigen müssten.“ Das österreichische Paybox-System ist ein internationales Vorzeigeprojekt und wird vor allem für 1,2 Millionen Handy-Parkscheine genutzt.

Die sogenannte Near Field Communication (NFC) hat sich für verschlüsselte Datenübertragung über sehr kurze Strecken (rund 1 Meter) bewährt und wäre für Bezahlvorgänge geeignet. Apple hat in der nächsten iPad- und iPhone-Version NFC-Module vorgesehen – wie auch Samsung, LG oder Google, das mit seinem mobilen Betriebssystem derzeit durch die Decke geht. Das Modell „Handy statt Kreditkarte“ war bislang an der fehlenden Unterstützung der Handyhersteller gescheitert. Mit der Marktmacht von Google könnte aber auch ein Bezahlsystem nach Paybox-Modell, bei dem via SMS eine Zahlung freigegeben wird, weltweit Chancen haben. Um die Übernahme eines einschlägigen Start-up-Unternehmens haben sich Google und Apple erst Ende 2010 öffentlichkeitswirksam gestritten.

2011: 5,5 Milliarden mobile Anschlüsse

Bald sieben Milliarden Menschen bevölkern den Planeten, und noch 2011 werden 5,5 Milliarden mobile Anschlüsse gezählt werden. Mehr als drei Viertel dieser SIM-Karten stecken nicht in Super-Smart-Telefonen wie iPhones oder BlackBerrys. Jede zehnte SIM-Karte steckt in einer Maschine und kommuniziert mit anderen Maschinen. Kopierer funken ihre Befindlichkeiten an die Servicezentrale oder medizinische Geräte ihre Daten an den Arzt.

Superlative bei den Handystückzahlen liefern heute Länder wie Indien oder China. In Indien kommen jeden Monat 15 Millionen neue Teilnehmer dazu. In Gegenden, wo auf kein historisch gewachsenes terrestrisches Netzwerk zurückgegriffen werden kann, ist der Mobilfunk die einzige Art der Vernetzung großer Bevölkerungsteile. In Afrika werden auf diese Weise Mikrokredite ausgezahlt, indische Bauern bekommen von ihren Behörden landwirtschaftliche Informationen: mobiles E-Government mit einfachsten Mitteln.

Die Mobilfunkindustrie zieht es verstärkt in vertikale Märkte. Aus E-Government wird M-Government, aus E-Health wird Mobile Health, und aus E-Marketing wird Mobile Marketing. Kein Technologie-Start-up kann ohne mobile Szenarien kalkulieren. Gerade im unterfinanzierten Gesundheitsbereich werden mobile Konzepte schnell Realität werden. Warum das iPhone nicht als Monitoring für Zuckerkranke verwenden? Das britische Unternehmen Cellnovo sammelte mit dieser Idee jetzt 48 Millionen Dollar bei Investoren ein.

In Europa, wo die Mobilfunk-Revolution – mit der Etablierung des GSM-Standards in den 90er-Jahren – eigentlich ihre Wurzeln hat, sind die Konsumenten nicht nur im kollektiven Smartphone-Fieber. In den mobilen Netzwerken steht der nächste Quantensprung bevor: LTE (Long Term Evolution) heißt das technische Kürzel, das sich die Nutzer merken müssen. Die vierte Mobilfunkgeneration wird Daten 30- bis 40-mal schneller durch die Netze transportieren. Milliardeninvestitionen sind höchst an der Zeit, da die mobile Breitband-Revolution drauf und dran ist, ihre Kinder zu fressen. Robert Chvátal steht Österreichs zweitgrößtem Mobilfunker T-Mobile vor: „Das Datenwachstum steigt exponentiell an. Mit LTE können wir das Gigabyte billiger produzieren als bisher.“

Rollende Datenlawine

Den Datenhunger belegen Studien: Der Netzwerkkonzern Cisco hat zum 1. Februar seine Prognosen zum Datenwachstum bis 2015 erneuert. Die Zahlen sind schier unglaublich: 2010 wurden im mobilen Datenverkehr dreimal so viele Daten bewegt wie zehn Jahre zuvor im gesamten Internet. Das YouTube-Phänomen schlägt im mobilen Internet voll zu. „Heuer werden Videos erstmals mehr als 50 Prozent des mobilen Datenverkehrs ausmachen“, rechnet Achim Kaspar von Cisco Österreich vor.

Verursacht wird dieses extreme Aufkommen nicht durch den morgendlichen Handy-Weckruf. Die Datenlawine rollt, wenn der Homo mobilis auf dem Weg zur Arbeit – und nicht erst dort – seine E-Mails abruft oder beginnt, seine sozialen Beziehungen elektronisch zu pflegen. Tun das 80 Millionen Kunden, so viele betreut etwa der Vodafone-Konzern in ganz Europa, kann der mobile Datenverkehr allein von einem Quartal auf das nächste um 115 Prozent zulegen. Google meldete, dass sich der Zugriff auf das YouTube-Portal von mobilen Geräten aus im Jahr 2010 verdreifacht hat – auf 200 Millionen Views pro Tag.

Geöffnet hat die mobilen Datenschleusen ein Mann: Steve Jobs. iPhone-Nutzer konsumieren dreimal so viele Daten wie BlackBerry-Besitzer. Geschafft hat er das auch mit dem genialen Vertriebskonzept des App Stores, der das Handy zur attraktiven Einnahmequelle für den Konzern und viele unabhängige Entwickler macht. „Wie relevant Apples Hard- und Software für die Industrie ist, zeigt heuer die Macworld Mobile in Barcelona“, sagt Gartner-Analystin Carolina Milanesi. Auf der Submesse AppPlanet wird dem Thema Apple eine eigene Schau gewidmet. Die feine Ironie: Apple nimmt generell nicht an Messen teil, ist aber trotzdem präsent.

Besitzer von iPhone und iPad benutzen ihre Geräte im doppelten Wortsinn spielerisch. Apple hat den Markt für Gelegenheitsspieler (Casual Gamer) erweitert und mit Preisen von ein paar Euro die finanzielle Hemmschwelle für den Einkauf gesenkt. Dieser Angriff ließ die Konkurrenz aus dem Konsolenmarkt nicht unbeeindruckt. Sony Ericsson stellt in Barcelona sein erstes PlayStation-Handy vor – mit Android-Betriebssystem.

Die Tablet-Flut

Barcelona versinkt auch in einer wahren Tablet-Welle. Dutzende iPad-Epigonen buhlen um die Aufmerksamkeit. Apple hat im Alleingang eine neue Produktkategorie – zwischen Smartphone und Notebook – positioniert. Bislang gab es nur einen ernst zu nehmenden Konkurrenten in dem Marktsegment: das koreanische Unternehmen Samsung mit dem Galaxy Tab mit Google-Betriebssystem.

Das wird sich rasch ändern, denn die Netzbetreiber – die bislang vom Apple-Vertrieb ausgeschlossen sind – stürzen sich auf die neuen Geräte, die hauptsächlich unter dem Google-Betriebssystem laufen. T-Mobile- Boss Chvátal frohlockt: „Bis Mai 2011 werden wir fünf Tablets zwischen 7 und 10 Zoll Größe im Programm haben. Bis zum Weihnachtsgeschäft werden es bis zu 15 Modelle sein.“

Handy statt Notebook

Die tastaturlosen tragbaren Rechner substituieren so manches Note- und Netbook und erschließen sich ganz neue Einsatzbereiche – im Gesundheitswesen oder Tourismus. Privatanwender setzen die Tablets zuhause gern als Zweit- oder Drittgerät ein, das einfach schnell zur Hand ist.

Eine ganze Heerschar von App Stores rittert jetzt um die Aufmerksamkeit und das Geld der Kunden. Von Netzbetreibern, die sich zu einer Art Einkaufsgenossenschaft zusammengeschlossen haben, bis hin zu Herstellern wie Samsung, die sich aus ihrer starken Marktposition (Nr. 2) zutrauen, einen eigenen Kreislauf mit Betriebssystem Bada samt Apps zu versorgen. Samsung-Manager Martin Wallner zum Motiv: „Wir wollen uns nicht hundertprozentig in Abhängigkeit von anderen begeben. Mit einem eigenen System bleiben wir flexibel. Und wir sind groß genug, um die entsprechenden Skaleneffekte zu erzielen.“

Die Koreaner bestücken ihre Geräte auch mit Windows oder Android, produziert wird, was nachgefragt wird. Googles mobilem Betriebssystem Android wird von Analysten eine große Zukunft vorhergesagt. Die Strategie, es offen zu halten und die Hardware-Produktion den erfahrenen Herstellern zu überlassen, geht jetzt voll auf. In den USA hat der Suchmaschinenkonzern unlängst Apple bei den Stückzahlen überholt, und in der jüngsten Systemversion Android 3.0 („Honeycomb“) wird es am Tablet-Markt zu einem Showdown zwischen Apple und Google kommen. Im großen Finale mitzuspielen, davon können längst nicht mehr alle Spieler träumen. Gerade der Quasi-Monopolist für Bürosoftware, Microsoft, ist in den letzten Jahren mobil schwer ins Hintertreffen geraten. Ambitioniert und gut gemacht ist zwar das Ende 2010 eingeführte mobile Betriebssystem Windows Phone 7. Mit zwei Millionen Lizenzen liegt es aber noch klar unter dem Analystenradar für den Smartphone-Markt.

Mit einem starken Partner könnte sich das aber ändern. Stephen Elop ist kürzlich als erster Nicht-Finne von Microsoft zu Nokia gewechselt und kündigte im Vorfeld der Barcelona-Schau eine „wichtige“ Mitteilung an. Auguren tippen auf eine Allianz, die den Stärken und Schwächen beider Konzerne entgegenkommt. Analyst Taga: „Software zu programmieren war nie Nokias große Stärke. Sie bauen exzellente Handys.“

Nokia-Handys mit Microsoft-Software zu bespielen wäre in der Tat ein epochaler – und logischer – Wandel. Der Kanadier Elop hat den Ernst der Lage erkannt, wie aus einem internen Memo hervorgeht: „Wir haben Marktanteile, Themenführerschaft und Zeit verloren. Wir brennen wie die BP-Plattform.“

Wenn der Umbau schnell genug vonstatten geht, könnte die Microsoft-Nokia-Allianz aber bei der mobilen Büroorganisation eine Rolle spielen. Das Zumieten und bedarfsgerechte Abrechnen von Software und Speicherplatz ist wie gemacht für das neue Traumpaar der Industrie. Schreitet die Mobilisierung der Arbeitswelt weiter konsequent voran, ist ein nicht funktionierender Wecker im Smartphone wohl keine Meldung mehr. Wer auf dem Weg ins Büro schon fleißig arbeitet, darf schon einmal verschlafen.

– M. Gram, B. Mayerl, D. Sokolov

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