Microsoft begibt sich auf die Überholspur und veröffentlicht Windows 7 und "bing"

Das erste Jahr nach dem Abgang von Bill Gates war schwer. Microsoft musste erstmals Leute entlassen. Aber das System wurde längst neu hochgefahren: mit Windows 7 und neuer Suchmaschine.

Ausgedehnte Bildungsreisen, Tennis spielen und ab und zu in der alten Firma vorbeischauen. So unspektakulär verlebte der berühmteste Rentner des Silicon Valley sein erstes Pensionsjahr. Unspektakulär vor allem für einen, der zuvor innerhalb von drei Jahrzehnten den weltgrößten Softwarekonzern erschaffen hat. Immer noch investiert Bill Gates ein Fünftel seiner Tagesfreizeit, um „Buddy“ Steve Ballmer ( im Bild ), der seit 2000 als CEO auf der Kommandobrücke von Microsoft steht, zu beraten oder mit Ingenieuren zu reden.

Weniger Rechner, weniger Umsatz
Stürmisch war die See zuletzt. „Shocking“ fanden die Anleger das Ergebnis des eben zu Ende gegangenen Geschäftsjahres 2008/2009. Drei Prozent weniger Umsatz und ein Gewinn­einbruch um 18 Prozent wurden an den Börsen gar nicht goutiert – obwohl der Umsatz mit 58,44 Milliarden Dollar immer noch doppelt so hoch wie bei Apple liegt und obwohl Microsoft mit 14,57 Milliarden Dollar noch immer mehr verdiente, als eine SAP überhaupt umsetzt. Diese Bilanz ist nicht berühmt, angesichts der Lage am IT-Markt aber wenig überraschend. „Wenn Konsumenten und Firmen weniger neue Rechner kaufen, trifft das kaum eine Firma härter als Microsoft“, urteilt Gartner-Analyst Neil MacDonald. Das fordert Opfer. Erstmals in der Firmengeschichte gibt es eine große Entlassungswelle, der Abbau von fünf Prozent der Belegschaft (das sind 5.000 Stellen) soll heuer noch 1,5 Milliarden Dollar bringen, und man versucht, mit Finanzierungsmodellen und Rabatt-Aktionen dem verhaltenen Konsumklima gegenzusteuern.

Redmond entdeckt den Benutzer
Die Bewältigung der Wirtschaftskrise ist aber nur ein Teil des Problems. Microsoft wurde in den letzten Jahren zu einem riesigen Gemischtwarenladen. Der aufgeblasene Konzernapparat sorgte für Lähmungserscheinungen und verstellte den Blick, sodass man sich von Google am Suchmaschinenmarkt überrollen ließ. Apple heimste bei den neuen Multimedia-Technologien die Lorbeeren ein. Microsoft wirkte zunehmend unmodern. Die Produkte waren oft überladen, von Ingenieuren getrieben, aber nicht aus dem Blickwinkel der Benutzer kreiert. Nun ist Steve Ballmer dabei, die Schwächen zu korrigieren. Die Stimmung beim Gipfeltreffen der Microsoft-Partner im Juli war gut. „Die Wirtschaft macht ein Reset“, kommentierte Ballmer die Weltkrise. „Das ist nötig und gut. Und bringt auch der Informationstechnologie eine Frischzellenkur.“ Hausintern verordnete er die Kur schon vor drei Jahren. Microsoft brachte die Suchmaschine bing auf den Markt. Auch das neue Betriebsystem Windows 7 läutet den Neustart ein – und wird auch von notorischen Gegnern des Konzerns als großer Wurf gewürdigt. Dass der Vorgänger, der größte Fehlgriff der letzten Jahre, ausgerechnet „Vista“ getauft wurde, mutet ironisch an. Denn die Entwickler selbst hatten den Durchblick verloren. Sie bauten ein zu komplexes System, das verdient zum Ladenhüter wurde.

Anfeuern der Verkäufer  
Die folgende Kurskorrektur glich einem Kulturschock. Hunderte Programmierer wurden bei vollen Bezügen stillgelegt und der Rest in Zweier-Teams zusammengepackt, um „Windows 7“ zu bauen. Einer programmierte, der andere kontrollierte, und das Tagwerk wurde täglichen Belastungs­proben unterworfen. Über Fernwartung ließen sich Millionen Kunden freiwillig beim Arbeiten beobachten, und das Feedback förderte eine Anwenderfreundlichkeit, für die Microsoft bislang nicht berühmt war. 177 Millionen Lizenzen sollen bis Ende 2010 verkauft sein. Jeder Dollar für Windows 7 generiert bei den Partnern 18,52 Dollar Umsatz: in Summe 320 Milliarden, so errechneten die IDC-Analysten. Und Ballmer feuert die Partner an: „Warten Sie nicht, bis sich die Wirtschaft wieder erholt. Verkaufen Sie, damit sich die Wirtschaft wieder erholt.“

Im Kampf gegen Google
Microsoft hat viele Gegner. US-Journalistin Mary Jo Foley kennt den Laden wie keine Zweite. Seit einem Vierteljahrhundert dokumentiert sie die Schritte des Konzerns. Sie hebt einen Feind besonders hervor: „Von Google ist Ballmer am meis­ten besessen.“ Die „Microsofties des Suchmarkts“, die Jungstars von Google, machen mit Werbung achtmal so viel Umsatz wie Microsoft. Durch die Yahoo!-Übernahme wollte Microsoft an Terrain gewinnen. Das ging schief, doch eine weit reichende Partnerschaft wurde vor kurzem endgültig besiegelt. Yahoo! wird auch die Microsoft-Suchmaschine bing nutzen, deren Start ein echter Coup ist. Aber: Scheint ein Problem gelöst, ziehen die Google-Boys den nächsten Pfeil aus dem Köcher. Sie treten an, ein auf Internet optimiertes Betriebssystem bauen zu wollen. Dieser Tage wurden die Entwickler-Konditionen für Google Wave verkündet – ein Programm zur Teamarbeit über das Web. Das ist der nächste Versuch, das erfolgreiche Microsoft-Office aus dem Feld zu schießen.

Microsofts Wendemanöver
Aber das Wendemanöver des Software-Tankers ist eingeleitet. Eine Office-Version für das Web ist gebaut und „wird schneller verfügbar sein, als alle glauben“, sagt Kennerin Foley. „Das Problem ist nicht Google. Microsoft stand sich selbst im Weg. Jetzt haben sie eine Lösung, und die ist durchaus trickreich. Sie wird viele überraschen.“ Wie eine große Datenwolke sollen Dienste künftig aus dem Internet bezogen werden. Die Anbieter betreuen die Daten in riesigen Rechenzentren, und der Kunde bezahlt die Nutzung. Dass viele Firmen aber ihre Probleme haben, gewisse Daten „außerhalb“ zu lagern, könnte sich – zumindest in den nächsten Jahren – als strategischer Vorteil für Microsoft ­erweisen. Microsoft bietet ein Hybrid-Modell an, wo die Kunden entscheiden, welche Daten sie in der öffentlichen Wolke haben und welche nicht. So schnell lässt sich der Konzern aus Redmond nicht das Wasser abgraben, nicht bei den beiden Cashcows: Windows und Office bringen fünf Milliarden Dollar, die Hälfte des Reingewinns. Zackig reagierte Microsoft auf den Netbook-Boom. Analysten gaben billigeren Linux-Sys­temen durchaus Chancen auf den ab­gespeckten Geräten. Microsoft warf eine 15-Dollar-Version des Betriebssystems XP auf den Markt und sicherte seinen 85-%-Marktanteil im neuen Segment ab. Auch das Geschäft mit Datenbanken und Entwicklerwerkzeugen läuft gut.

Keine Hoheit über die Wohnzimmer
Nichts zu holen ist im Bereich „Entertainment & Devices“. Da machte Microsoft im letzten Quartal noch immer 130 Millionen Dollar Miese. Von einem Marktanteil wie am PC kann Microsoft am ­Handy nur träumen, mit zwölf Prozent liegt man abgeschlagen hinter Symbian-Nokia und BlackBerry. Ein Shop für mobile Zusatzprogramme von Drittanbietern, mit dem Apple oder Google bereits gute Geschäfte machen, ist erst im Aufbau. Ob Microsoft am Ende zu den drei großen verbleibenden Plattform-Anbietern gehören wird, ist längst nicht ausgemacht. Von der Hoheit über die Wohnzimmer, die sich Bill Gates immer erträumt hat, ist er weit entfernt. Gegen Apples geniales iTunes-Konzept kommt Microsoft nicht an. Daran wird auch die Errichtung von Microsoft-Shops nicht viel ändern. Mit der Xbox-Spielkonsole hat sich der Softwareriese zwar erfolgreich am Gaming-Markt etabliert, mit Sony und Nintendo gibt es aber ambitionierten Mitbewerb. Dennoch: Von diesen Verlustbringern wird Microsoft in absehbarer Zeit nicht ablassen. Ray Ozzie, Gates’ Nachfolger als Chief Software Architect, nennt es die „Consumerization der IT“. Microsoft will bei den Kunden von morgen am liebsten schon im Kinderzimmer präsent sein. Zumindest den richtigen Weg haben Ballmer & Co eingeschlagen.

Von Barbara Mayerl

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