Matthias Karmasin: "Medien werden nicht nur aus ökonomischen Gründen geführt"

Medienprofessor Matthias Karmasin spricht über die breitbandige Zukunft, Strukturprobleme im Journalismus, die Macht des Bildes und die Gemeinsamkeiten von Telekom- und Mediengeschäft.

FORMAT: Erst kürzlich haben Sie die Bedeutung von Infrastruktur in der Wissensgesellschaft unterstrichen – nun bekam Charles Kuen Kao für seine Forschungen zur Glasfaser den Physik-Nobelpreis zuerkannt. Willkommene PR oder ernsthafte Wertschätzung? Was bringt das dem Thema Breitband?
Karmasin: Mehr Beachtung. Breitbandige Backbones haben als Infrastruktur der Medien- und Wissensgesellschaft eine ähnlich zentrale Rolle wie die Eisenbahn zu Beginn der Industriegesellschaft. Erst die Nutzung ermöglicht die Teilnahme an neuen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Möglichkeiten. Der Vorteil liegt in der interaktiven Kommunikation: im Videobereich und beim Transfer großer Datenmengen. Daraus ergeben sich mannigfache Anwendungen. Social Media, Citizen Journalism, Teleworking, Telemedizin, interaktives Fernsehen sind nur einige davon. Das verändert die Kommunikations-, aber auch die Erwerbsmöglichkeiten nachhaltig. Und damit die Lebenswelt.

Mediale Kompetenz als Grundvoraussetzung
FORMAT: Wenn Wissen der primäre Rohstoff – das „Öl“ – der postindustriellen Wirtschaft ist, sollte die Politik dann stärkeren Einfluss darauf nehmen oder den Markt der Industrie überlassen?
Karmasin: Die Politik sollte nicht mehr oder weniger Einfluss nehmen, als sie es jetzt tut. Aber anders. Dass sie in gewissen Belangen als Regulierer eingreift, ist gut. Marktversagen muss kompensiert werden. Wesentlich scheint mir, dass die Infrastruktur-Investitionen begleitet werden durch Maßnahmen zur Hebung der technischen Kompetenz und der Medienkompetenz, also die Aus- und Weiterbildung forciert wird. Was mir abgeht, ist die Betrachtung als politische Querschnittsmaterie. Technische und mediale Kompetenz sind heute die Grundbedingungen, um an der Wirtschaft überhaupt teilhaben zu können. Das müsste Auswirkungen auf Bildungs-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, auf Wirtschafts- und Standortpolitik haben, hat es aber viel zu wenig. Da bräuchte es mehr Integration und Vernetzung.
FORMAT: Telekom- und Medienbranche haben nicht nur gemeinsame Schnittmengen, sie stehen zurzeit beide sehr unter Druck.
Karmasin: Dass liegt in der Natur der Sache, sind ja schließlich beide hoch konzentrierte Märkte, vor allem in Österreich. Digitalisierung und Konvergenz stellen beide Branchen vor große Herausforderungen, was Wertschöpfungsmodelle und Produkte betrifft, führen die Branchen aber auch näher aneinander. Deswegen wäre es überlegenswert, in einer unabhängigen Medienbehörde auch Fragen der Konvergenz zu behandeln und die Fixierung auf Medienspezifika zumindest teilweise zu überwinden.

"Gatekeeper-Rolle des Journalismus ist verloren"
FORMAT: Der tradierte Medienkonsum ändert sich fundamental. Was bewirken Phänomene wie Bürgerjournalismus und YouTube?
Karmasin: Da ändert sich was, vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Unter Druck geraten aber weniger die Medien, denn Content gibt es irgendwie immer, als vielmehr der Journalismus als Beruf. Die Information zirkuliert heute auf vielen Wegen. Die alte Gatekeeper-Rolle des Journalismus, wo es darum ging, Öffentlichkeit herzustellen, ist verloren. Überlegen Sie: Durch die Technik ist die theoretische Reichweite enorm. 800 Millionen englischsprachige Nutzer erreichen Sie mit einer Web-Botschaft, allein 88 Millionen sind es im deutschsprachigen Raum. Die Öffentlichkeit lässt sich schnell und einfach herstellen. Denken Sie an Blogs, Twitter, Citizen Journalism, Facebook, StudiVZ – das alles schafft zumindest Arenenöffentlichkeit.
FORMAT: Wer wird im vielstimmigen Chor denn überhaupt noch gehört?
Karmasin: Die, die Aufmerksamkeit erzielen, und mit Glück die, die Qualität liefern. Information gibt es heute im Überfluss. Anytime und anywhere. Entscheidend ist, wie valide und sicher die gelieferte Information ist. Da wird es aber noch Überzeugungsarbeit brauchen, um klarzumachen, dass valide, professionell aufbereitete Information für unsere Gesellschaft wesentlich ist. Und dass das auch Geld kostet. So wie Qualität in anderen Bereichen auch. Qualität darf dabei nicht nur behauptet, sondern muss glaubwürdig geliefert werden. Da muss auch strukturell was getan werden. Dazu zählen einschlägige Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen im Journalismus, funktionierende Selbstkontrolle und Qualitätssicherung jenseits von Quoten und Auflagen.

Die Gründe der amerikanische Zeitungskrise
FORMAT: Warum sind in den USA jetzt ausgerechnet die Qualitätstageszeitungen in der Krise?
Karmasin: Die amerikanische Zeitungskrise ist eine ökonomische und eine strukturelle. Hauptgrund für die ökonomische Krise sind die Hedgefonds, die Kommunikation als Geschäft gesehen haben. Solange die ohnedies absurd hohen Renditeerwartungen erfüllt wurden, war alles o. k. Wenn nicht, wurde einfach deinvestiert. Das war für sie ein Geschäft wie Seifensiederei. Ein echtes Interesse an der Weiterentwicklung von Formaten hat es da nicht gegeben. Zweiter Grund, der auch damit zusammenhängt, ist, dass gerade der amerikanische Tageszeitungsmarkt in den letzten Jahren sehr strukturkonservativ war. Entwicklungen, die in Europa längst Platz gegriffen haben, haben große Blätter wie die „Los Angeles Times“ oder die „New York Times“ kaum nachvollzogen. Geschichten, die sich zerstückelt über vier Seiten ziehen, sind den Lesern kaum zumutbar. Man braucht keinen Readerscan (Anm.: elektronische Analyse des Leserverhaltens), um das als Spaziergang in der Bleiwüste zu erkennen.
FORMAT: Renditeziele haben aber auch europäische Verleger …
Karmasin: Schon klar. In Österreich und Europa werden Medienunternehmen aber nicht nur aus ökonomischen Überlegungen geführt, sondern zur Akkumulation von Sozialkapital betrieben.

"Das Bewegt-Bild wird wichtiger"
FORMAT: YouTube ist nach Google die zweitwichtigste Suchmaschine. Sagt das Bild heute mehr als tausend gedruckte Worte?
Karmasin: Das Bewegt-Bild wird wichtiger. Das ist ja auch eine Triebfeder für das Breitband. Und die Visualisierung in unserer Kultur schreitet weiter voran. Bilder haben eine erhöhte Glaubwürdigkeitsvermutung bei den Konsumenten und werden damit wichtiger.
FORMAT: Wenn sich das Angebot durch das Internet vervielfacht, wie stellt der User fest, dass er sich an den richtigen
Informationsquellen speist?
Karmasin: Das muss man lernen. Nur weil ich neue Medien technisch nützen kann, bin ich dadurch noch nicht sozial und kulturell kompetent. Das ist wie beim Fernsehen. Wenn ich mehr fernsehe, bin ich allein dadurch noch nicht medienkompetenter. Das Problem der Medienmündigkeit müsste bereits in der Schule bzw. in der Ausbildung angegangen werden. Medienkritik sollte Unterrichtsfach sein, und jedes Kind sollte verstehen, welche Prozesse hinter der Meinungsbildung stehen. Womit sich der Kreis zu meiner Forderung nach einer Medienpolitik als Querschnittsmaterie wieder schließt.

Interview: Barbara Mayerl

Zur Person: Matthias Karmasin, 45, lehrt als Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an in- und ausländischen Universitäten. Er hat über 30 Bücher geschrieben bzw. mitgeschrieben („Journalisten-Report“, „Medien & Ethik“, „Konvergenzmanagement“ etc.) und zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze publiziert. Seine Fachgebiete sind Medienethik und Medienökonomie. Gefragt ist seine Meinung auch als Gutachter und in Beiräten (etwa der Digitalen Plattform der Regulierungsbehörde).

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