Lokalaugenschein im indischen Bangalore: Von der verlängerten Werkbank zum Absatzmarkt

Als Outsourcing-Standort hat Indien schon lange Tradition. Jetzt entdecken die IT-Konzerne die Region als boomenden Absatzmarkt. Ein FORMAT-Lokal­augenschein.

Die „Palmblattbibliothek“ ist eine der bekanntesten Attraktionen von Bangalore – vor allem für Esoterik-Begeisterte. Angeblich haben vor Tausenden Jahren indische Propheten die Schicksale aller Menschen (selbst der noch ungeborenen) auf Palmblättern niedergeschrieben. Von spirituellen Meistern kann man sich sein persönliches Palmblatt heraussuchen und interpretieren lassen. Ob die Propheten auch vorausgesehen ­haben, dass Bangalore dereinst zum indischen Silicon Valley werden würde, ist nicht überliefert.

Alle Großen sind schon da
Heute ist die Stadt jedenfalls nicht nur das Zentrum der indischen Luft- und Raumfahrtindustrie, sondern auch Standort für an die 200 IT-Konzerne – darunter die größten der Welt wie Accenture, AMD, Dell, EMC, Google, Siemens, IBM, Intel, Microsoft, Nokia, Oracle, SAP oder HP (im Bild: HP-Laptop als Accessoire) . Mit dem schon seit Jahren anhaltenden IT-Boom sind auch lokale IT-Konzerne wie Tata, Infosys oder Wipro zu erstaunlicher Größe angeschwollen.

Tradition der Auslagerung
Der Grund für das IT-Wunder auf dem Subkontinent: Ein Heer relativ gut ausgebildeter Fachkräfte, das noch dazu Englisch spricht, verrichtet personalaufwendi­ge Entwicklungsarbeit und IT-Dienstleis­tungen für westliche Kunden zu einem Bruchteil der Kosten, die in Europa oder den USA anfallen würden. „Offshoring“, das Auslagern von IT-Diensten in Billiglohnländer, hat vor allem im angloamerikanischen Raum bereits eine lange Tradition. Globalisierung ist die Devise.

Absatzmarkt Indien
Auch Cisco, der größte Netzwerkhersteller der Welt, ist in Bangalore schon lange kein unbeschriebenes (Palm-)Blatt mehr. Der in San Jose, Kalifornien, do­mizilierende US-Konzern mit weltweit 62.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 38 Milliarden Dollar entwickelt hier etwa optische Switches, Voice-over-IP- und Wireless-Komponenten, Sicherheitstechnik oder Betriebssysteme für Router und Switches. Aber seit zwei Jahren geht Cisco bei seiner Globalisierungsstrategie einen großen Schritt weiter. Bangalore wird zum zweiten Hauptquartier ausgebaut. Der Grund: Die Region gewinnt als Absatzmarkt eine zentrale Bedeutung.

Globalisierung 2.0
„Das Modell der verlängerten Werkbank für die westliche Welt hat ausgedient“, erklärt Cisco-Österreich-Chef Achim Kaspar. Der Kostenvorteil werde zwar bleiben, aber das sei nicht mehr das Entscheidende. „Es geht um ­Talent, Wachstum und Innovation. Und all das findet man heute hier“, betont Wim Elfrink, der in der neu geschaffenen Position des „Chief Globalization Officers“ den Ausbau des indischen Standorts zum „Globalisierungszentrum Ost“ vorantreibt. Für Cisco ist Asien der boomende Zukunftsmarkt schlechthin mit krisensicherer Wachstumsgarantie (siehe Grafik ) und ­Indien der Wachstums- und Innovationstreiber.

200 Mio Neukunden erwartet
„Im Umkreis von fünf Flugstunden findet man hier 70 Prozent der Weltbevölkerung und einige der dynamischsten Volkswirtschaften der Welt vor. Wir erwarten 200 Millionen neue Kunden aus der stark wachsenden neuen Mittelklasse“, so Elfrink. Für einen Netzwerkhersteller muss die Region tatsächlich wie das Schlaraffenland anmuten. Allein in Indien gibt es derzeit acht Millionen neue Handyanmeldungen – pro Monat! Zum Vergleich: In Öster­reich entspricht das der heutigen Handy­gesamtzahl, wobei die Anbieter 15 Jahre Zeit hatten, um ihre Netzkapazitäten dafür auszubauen.

Untypisches Bangalore
Bangalore ist untypisch indisch, liegt im klimatisch gemäßigten Landesinneren des südlichen Bundesstaates Karnataka und ist eine der modernsten und saubersten ­Städte des Subkontinents. Die großen Kontraste zwischen Arm und Reich stechen einem hier nicht ins Auge, und das liegt nicht am mangelnden Luxus. In der mit ­weitläufi­gen Parks durchzogenen Metropole drängeln sich die Fünfsternehotels, und die IT-Konzerne protzen mit repräsentativen Prunkbauten. Nur der immense Verkehr mit den unzähligen Mopedtaxis, den „Tuc-Tucs“, der sich von früh bis spät wie eine zähe Blechmure durch die für indische Verhältnisse gut ausgebauten Straßen des Sechs-Millionen-Molochs wälzt, erinnert einen daran, in welchem Teil der Welt man sich befindet.

Cisco auf dem Umzug
Der neue Cisco-Standort, der derzeit 4.600 Mitarbeiter beherbergt, liegt ein Stück außerhalb des Stadtzentrums. Der imposante Gebäudekomplex ist fast fertig. Leo Scrivner, Ciscos HR-Vizepräsident, ist für die Umsetzung der Personalstrategie verantwortlich: „In drei bis fünf Jahren wollen wir nicht nur 10.000 Leute hier haben, sondern auch 20 Prozent der Top-Talente des Konzerns.“ Damit meint er nicht nur Ingeniere und Forscher, sondern auch das Top-Management. Man wolle die Strukturen der Konzernzentrale in San Jose nicht einfach kopieren, sondern wirklich dezentralisieren. Zum ersten Mal sollen ganze Geschäftsbereiche aus Amerika ausgelagert werden. Für Cisco ein gewalti­ger Paradigmenwechsel.

Westliche Preise für Topkräfte
Die Suche nach IT-Spitzenkräften ist in Indien nicht mehr gar so einfach, wie landläufig angenommen. Zwar spucken die Technik- und IT-Colleges jährlich 500.000 Absolventen auf den Arbeitsmarkt, aber nur die wenigsten davon sind für Firmen wie Cisco direkt „verwendungsfähig“. Das Ausbildungsniveau ist insgesamt durchwachsen, und die besten Köpfe sind wegen des IT-Booms, wenn überhaupt, nur zu „westlichen“ Preisen zu ­bekommen. Das führt schon dazu, dass die ansässigen Konzerne Arbeitsprozesse aus Indien auslagern – nach Singapur, Hongkong und ­sogar wieder in die USA.

Von Alexander Hackl, Bangalore

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