Kinder & Medien: Wie Eltern mit der Generation Digital richtig umgehen

Handy, Spielkonsole, Facebook und Fernsehen: Unsere Kinder verbringen immer mehr Zeit mit digitalen Medien. Pädagogen und Psychologen geben Tipps, wie Eltern mit dem Medienkonsum ihrer Sprösslinge richtig umgehen.

David braucht einen Ausweis. Das Original mit Unterschrift muss zur Behörde. Bloß, wie kommt es dorthin? Davids Mutter ist fassungslos und amüsiert, als sie feststellt, dass der Junior noch nie einen Brief beschriftet hat. David ist 20 Jahre, bestens ausgebildet und viersprachig aufgewachsen. Er hat in seinem Leben Tausende Mails verschickt – aber eine Briefmarke abgeschleckt, nein, das hat er noch nie gemacht. Wozu auch?

So überraschend diese Anekdote sein mag, so symptomatisch ist sie für die mitunter großen Technologiesprünge der heutigen Eltern-Kind-Generation. Der Amerikaner Don Tapscott hat die erste Generation der „Digital Natives“ beobachtet und ausführlich dokumentiert. In seinen Bestsellern „Growing Up Digital“ 1996 und „Grown Up Digital“ 2009 zeichnete er ein präzises Bild, wie Jugendliche in entwickelten Ländern aufwachsen und deren Selbstverständnis Lebens- und Arbeitswelten künftig prägen wird.

Noch aber lebt die Net Generation unter dem elterlichen Dach, und beide erleben den Culture Clash im Alltag. Dass sich Zehnjährige in Handy-Menüs schneller zurechtfinden als die Eltern, ist common sense, ebenso wie ihre angeborenen Fähigkeiten zum Multitasking. „Mein Sohn spielt ein Videospiel, hört Musik am iPod und antwortet auf meine Fragen“, bringt es eine Teenager-Mutter auf den Punkt und ergänzt: „Wenn mein Mann eine E-Mail aufsetzt, beansprucht das allein seine ganze Aufmerksamkeit.“

Bei allem Stolz über die digitalen Fähigkeiten treibt viele Eltern die Sorge um, wie viele Bits und Bytes den adoleszenten Synapsen überhaupt guttun. Bis zum 20. Lebensjahr haben Jugendliche statistisch 20.000 Stunden im Internet verbracht und 10.000 Stunden Videospiele gespielt. Das Gehirn eines Heranwachsenden ist „a work in progress“, sagen Neurologen. Die Anzahl der Nervenzellen, die für zielgerichtetes Handeln verantwortlich sind, wird nie mehr so hoch sein wie um das 12. Lebensjahr.

Spornt Computerspiel die geistige Fitness an, oder verblödet es? Sind Teenager, die Mütter wegen Facebook-Verbots ermorden, bloß kultivierter Schrecken der Boulevardpresse oder Synonym für grassierenden digitalen Drogenrausch? Und warum führen Orthopäden den SMS-Daumen unter den Kinderkrankheiten?

Die Fakten

Die These – die Kinder sind mehr und länger online – wird durch einschlägige Studien gestützt. Der deutsche Medienpädagogische Forschungsverband checkt die Teens im Jahresrhythmus ab: Hatten zu Beginn der JIM-Studie 1998 gerade einmal 18 Prozent gelegentlichen Zugang zum Internet, sind es heute 99 Prozent. Alle sind im Netz. Und der Anteil der Intensiv-Nutzer, die täglich oder mehrmals die Woche online sind, steigt konstant an. Das ist auch in Österreich nicht anders.

Am eindrucksvollsten illustrieren Langzeiterhebungen wie „Generation M2“ der Kaiser Family Foundation die Entwicklungen. Hier wurde das Mediennutzungsverhalten von 8- bis 18-Jährigen in drei großen Wellen über eine Dekade dokumentiert. In zehn Jahren hat sich die Online-Zeit um mehr als eine Stunde erhöht. Die Kids verbringen alles in allem unglaubliche 7 Stunden und 38 Minuten täglich mit TV, Musikhören, Computer/Internet, Games und Kino. Und der Multitasking-Anteil hat sich in der Zeitspanne von 16 auf 29 Prozent erhöht. Immer mehr Medien werden zeitgleich konsumiert. Kulturpessimisten wird die Detailanalyse schmerzen. Während die tägliche Zeit für das Lesen von Büchern/Zeitungen von 43 auf 38 Minuten sank, verdreifachte sich jene Zeitspanne, die mit Computer und Videogames verbracht wird.

60 Prozent der 11- bis 14-Jährigen gaben bei einer österreichischen Jugendstudie im Frühjahr an, „Lesen als anstrengend zu empfinden“. Das traf auf die von FORMAT befragten Jugendlichen (natürlich kein repräsentatives Sample) mit überdurchschnittlich vielen Leseratten gar nicht zu. Mit ihren sonstigen digitalen Vorlieben spiegeln sie die aktuellen Studien aber glatt wider.

Studien sind hier rasch Makulatur. Die Forscher werden in ihren Messverfahren links und rechts von den medialen Realitäten überholt. YouTube ist in den letzten Jahren der Lieblingskanal der Teenager geworden. Ist das TV? Ist das Internet? Die Grenzen zwischen Off- und Online-Welt verschwimmen für die Teens selbstverständlich. TV-Serien zieht man sich aus dem Netz, und der jüngste Trend um die sozialen Netzwerke ist für sie eigentlich der verlängerte virtuelle Schulhof. Die Pausengespräche führen sie jetzt auch am Abend weiter, wenn sie schon zuhause sein müssen. 85 Prozent der jungen Österreicher besitzen einen Facebook-Account, hat GfK dieser Tage für die Telekom Austria erhoben. Mit „sozialen Kontakten und Zeitvertreib“ beschrieb Jugendforscher Matthias Rohrer die Motivlage für soziale Netzwerke. Die attraktivsten Adressen wechseln aber schnell. Waren Netlog und MySpace bis vor wenigen Monaten angesagt, wechselt nun alles ins Megaportal Facebook, das sich zu einer semi-privaten Parallelwelt entwickelt. Mit dem Unterschied, dass Kinder die Gefahren von zu viel Offenheit oder Cybermobbing noch weniger gut einschätzen können als Erwachsene.

Evident ist das sinkende Alter beim ersten Computer-Kontakt. Thomas Hintze, Chef von UPC Telekabel und Vater von vier Teens bzw. Twens, hat den direkten Vergleich: „Das Einstiegsalter für TV und Internet liegt heute bei drei bis vier Jahren. Meine Kinder waren beim ersten Handy zehn, beim ersten eigenen Computer noch älter.“ Für Zwölfährige gehört das Videospiel zum Alltag, 91 Prozent spielen regelmäßig. Am beliebtesten sind die virtuelle Lebenswelt von „The Sims“, das Karaoke-Spiel „Sing- Star“ oder „FIFA“, also Fußball auf der Konsole. Das zeigt die jüngste Erhebung der Bildungspsychologin Christiane Spiel. Die Kids gamen also, was das Zeug hält: Buben wegen der Herausforderung, Mädchen mehr aus Freude am Spiel.

Das erste Handy

Der wichtigste Initiationsritus zum digitalen Erwachsenwerden ist jedenfalls das Handy. Zwei Drittel der Kids zwischen 6 und 14 haben eines, erhob die jüngste A1-Studie „Round about Kids“. Die Hälfte der Teenager schreibt mindestens zehn SMS pro Tag. „Ein Tag ohne Handy ist, als würde ich sterben“, wird ein Mädchen in einer deutschen Studie zitiert. Die Absenz des Geräts ist mindestens so schlimm „wie ungesalzene Pommes“. Warum sollte Kids die mobile Instantverbindung zu Eltern und Freunden weniger wichtig sein? Latentes Suchtverhalten legen auch BlackBerry-süchtige Erwachsene an den Tag.

Regeln oder nicht Regeln

Wer mit Psychologen und Pädagogen spricht, hört vor allem eins: Die Dosis macht das Gift. Beatrix Höfinger ist zweifache Mutter, Psychologin, Lerntherapeutin und unterrichtet an einer Volksschule: „Es ist eine Erwachsenen-Welt, zu der die Kinder hier Zugriff bekommen.“ Dass sich dieser Zugang beschränken lässt, ist eine Illusion. Der Vater von Liam und Anna weiß, dass seine Kids nur auf sicheren Websites unterwegs sind, „aber spätestens in einem Jahr werde ich eine Kindersicherung installieren“, gibt er sich realistisch.

Knapp zehn Prozent der Teens hatten am eigenen Handy bereits Gewalt- oder Porno-Videos drauf (JIM-Studie 2009), dreimal so viele haben sie „bei Freunden gesehen“. Viele machen unabsichtlich Bekanntschaft mit den dunklen Ecken des Internets. Beschimpfungen und manipulierte Bilder nannten Jugendliche als häufigste negative Online-Erlebnisse. Prügel und Schikanen sind so alt wie die Schule. Früher war es mit dem Heimgehen vorbei. Heute geht es abends auf Facebook weiter. Eltern müssen sich mit Phänomenen wie Cybermobbing auseinandersetzen.

Psychologin Höfinger rät, weniger die Medien selbst zu bewerten als vielmehr die Zeit und Vehemenz, mit der die Kids zugange sind. „Es geht um den Suchtfaktor“, sagt sie, „ein produktives Spiel kann Hirnnahrung sein, stundenlang auf Wikipedia abhängen kann genauso süchtig machen.“ Seit Jahrzehnten schon verfolgt die deutsche Erziehungsinstanz Jan-Uwe Rogge die Debatten darüber, was zart besaitete Kinderseelen aushalten. „Über Gewaltvideos haben wir in den 70er-Jahren schon gestritten. Heute diskutieren wir über Computergames“, seufzt er. Seine Antwort ist im Kern dieselbe: „Für die Gesamtheit der Jugendlichen sind Gewaltspiele/Filme kein Problem. Zum Problem werden sie dann, wenn sie in einem Umfeld aufwachsen, wo sie keine ethischen Standards vorgelebt bekommen, nicht begleitet werden.“

Der Bestsellerautor („Kinder brauchen Grenzen“) hält wenig von Verboten, „die sind Ausdruck der elterlichen Verhaltensunsicherheit. Sie führen meist nur dazu, dass die Dinge heimlich gemacht werden“, ruft er den Erziehungsberechtigten die eigene Jugend ins Gedächtnis.

Er beobachtet bei seiner Arbeit zwar, dass die immer frühere Konfrontation mit sie überfordernden Inhalten (Stichwort: Sexualität) die Kinder in ihrer Entwicklung „beschleunigt“. Aber auch hier gilt: „Die Umwelt wirkt stabilisierend.“ Der 63-jährige Rogge bezeichnet sich als „Digital Immigrant“, Facebook sei für ihn persönlich „nicht mehr wichtig“. Das Prinzip dieses virtuellen Dorfbrunnens gefällt ihm. Was ihn stört, ist, dass hier eine Firma mit den oft sehr privaten Daten Geld macht. „Dieses Einbinden eines Kindes in kommerzielle Interessen stört mich sehr“, sagt er. Rogges im deutschsprachigen Raum nicht minder bekanntes dänisches Pendant ist Jesper Juul. Er empfiehlt in seinem aktuellen Ratgeber „Pubertät. Wenn Erziehen nicht mehr geht“, dass die Sprösslinge um den individuellen Erkenntnisgewinn – wie Spiele, Videos oder Internet auf sie wirken – nicht umhinkommen. Juul: „Es gibt Eltern, ganz oft Väter, die auch gerne Computerspiele spielen, und da kann man sich mit seinem Kind hinsetzen, spielen oder untersuchen: Was ist das eigentlich, und was macht das mit mir? Wenn man keine Lust hat, muss der Jugendliche selbst beurteilen: Was geht, und was geht nicht.“

Für sorgenvolle Eltern mag es wenig tröstlich sein, aber Juul beklagt auch, dass gerade Jugendliche heute immer weniger ein Doppelleben führen können. Es gehört für Juul zur Pubertät, dass die Eltern einen Teil des Lebens in dieser Zeit nicht kennen. Keine einfache Übung heute, wenn sich Eltern mit ihren Kindern schon auf Facebook befreunden wollen. Bildungspsychologin Christiane Spiel, die sich in ihrer Arbeit vor allem mit der Gewalt in den Videogames auseinandersetzt, rät Eltern, nicht gleich in Panik zu verfallen, wenn sich der Nachwuchs nicht altersadäquate Spiele ausgesucht hat: „Man sollte mit dem Kind darüber reden, die Beweggründe herausfinden und gemeinsame Alternativen finden. Leistung kann man zum Beispiel auch im Sport bringen.“ Erst wenn der Pubertierende nicht mehr vom Spiel wegzubringen ist, aufs Essen vergisst, sich ganz ins Spiel zurückzieht oder aggressiv reagiert, besteht Suchtgefahr. Dann braucht es allerdings professionelle Hilfe vom Psychologen. Ein Alarmsignal ist gegeben, wenn die nicht altersadäquaten Spiele einen hohen Gewaltanteil aufweisen.

Vertrauen & kontrollieren

Für ratlos-verzweifelte Eltern gibt es seit ein paar Wochen einen neuen Ratgeber, den der Frankfurter Lehrer Martin Kohn erstellt hat: „Hilfe, mein Kind hängt im Netz“. Er erklärt, wie man seinem Kind zur Seite stehen kann und über Gefahren aufklärt: „In Chatrooms den ganzen Namen, das Alter oder die Adresse nennen muss tabu sein.“ Und das Internet vergisst nie: Die Fotos von Saufgelagen auf Facebook könnten schon bei Praktikumsbewerbungen schaden. Die Eltern sollten klare Regeln aufstellen, sie kontrollieren, aber das Vertrauen der Kinder nicht missbrauchen. „Es ist okay, wenn ich mir den Browser-Verlauf ansehe, nachdem das Kind im Internet war, sofern das vorher abgesprochen war.“ Viel wichtiger als die Kontrolle ist für Kinder aber die Kompetenz, selbst mit den Medien klarzukommen. Und die Kompetenz kommt nur mit der eigenen Erfahrung. Kinder müssen also auch im Internet laufen lernen.

Wie sie das bewerkstelligen, sollten Eltern keinesfalls allein der Schule überantworten. Die Medienkompetenz beginnt zuhause. Medienprofessor Martin Drexler unterrichtet an der Graphischen in Wien und beklagt, „dass die Recherchen zu Referaten nur noch über Suchmaschinen gemacht werden, die Information kritiklos übernommen wird“. Er sagt: „Hier eignen sich die Kids ein gefährliches Fraktalwissen an, das für spätere komplexe wie generalistische Wissenszugänge beim Studium oder Job höchst problematisch sein wird.“ Dass die Net Generation vor lauter Multitasking das Schreiben und saubere Formulieren verlernt, wie von Lehrern mitunter beklagt, sieht Autor Kohn nicht. Die Kürzel sind Teenager-Sprache. „Eltern sollten wissen, was die Kürzel bedeuten: Natürlich muss das Kind unterscheiden können, ob es sie in einer SMS an die Freundin oder in einer E-Mail an den Lehrer verwendet. Beim Sprechen verwenden sie solche Kürzel ohnehin nicht.“

Die Quintessenz: Eltern sollten das digitale Erwachsenwerden ihrer Kinder aufmerksam, aber entspannt vertrauensvoll begleiten. Echt kritisch ist es dann, wenn die Kinder nb (null Bock) auf ihre Freunde haben – denn die sind noch immer die wichtigste Freizeitbeschäftigung.

– Martina Madner, Barbara Mayerl
Mitarbeit: Titiane Haton, Max Hechl

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