Innovationstrend: Bei Crowdsourcing
erweist sich die Masse als erfinderisch

Vom Motorrad-Konzept bis zum Kratzbaum. Firmen suchen neue Produktideen und Problemlöser und finden sie immer öfter bei Forschern und Tüftlern im Web. Was „Open Innovation“ kann.

In einem Starbucks-Café in Mannheim entdeckte die Amerikanerin Colleene das Kaffeegetränk Dark Cherry Mocha: Espresso, Kirsch­sirup, Milch, Schlagobers, Schokopulver. Joe aus Texas war gerade in Manila, als er denselben Kaffee schlürfte, die Userin Mamaross genoss ihn in London. Wieder zuhause in den USA, fehlte der Kirschmokka am Starbucks-Menü. Auf der vom Seattler Kaffeeriesen betriebenen Website „my Starbucks Idea“ betreiben die drei Fruchtkaffeefans mit einer Hand voll Gleichgesinnter Lobbying für das Getränk. „Macht den Kirschmokka doch zum Valentinstagskaffee!“ steht dort. Starbucks nutzt die Website, um seine treuen Kunden zu einer einträglichen Community zusammenzufassen. Dass die Ideen der Klientel zur Steigerung des Profits benutzt werden, ist freilich mehr als nur ein Nebeneffekt.

Crowdsourcing liefert Ideen
Das Konzept, sich der Ideen vieler, oft Tausender Köpfe zu bedienen, heißt Open Innovation, der Mechanismus dahinter Crowdsourcing: das Auslagern eines Problems an die – überraschend einfallsreiche – Masse. Die Spielarten für Unternehmen reichen von hauseigenen Websites, auf denen sie zum Mitgestalten aufrufen, bis zur Nutzung von Portalen, die als Web-Marktplätze Heerscharen von Ideenlieferanten anlocken. Und es geht um weit mehr als nur Kaffee. Auf der US-Plattform InnoCentive sucht die Weltraumbehörde NASA nach Ideen, um Lebensmittel im Weltraum länger frisch zu halten. Anzapfen lässt sich die kollektive Intelligenz über das Community-Prinzip und entsprechende Preisgelder.

Drang zur Mitgestaltung
So bietet die NASA 15.000 Dollar für die beste Lösung. Eine andere Firma lobt 20.000 Dollar für eine Blüteverzögerung bei Zwiebelpflanzen aus. Wer die Auslöser der Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose identifiziert, kann mit einer Million Dollar nachhause gehen. Dwayne Spradlin, Präsident und CEO von InnoCentive, rechnet damit, dass es mit Open Innovation heuer so richtig losgeht. „2010 ist, glaube ich, das Jahr, in dem das Thema wirklich an die Spitze kommt“, erklärte er auf der Veranstaltung „The World in 2010“ in London. Das Internet, das gestärkte Vertrauen in soziale Netzwerke und der Drang, mitzugestalten, würden die Basis liefern. Ein Etat der Rockefeller Foundation gibt InnoCentive Mittel in die Hand, um einige der großen Probleme, etwa Trinkwasseraufbereitung, anzupacken.

Rascher Weg zu neuen Sichtweisen
Für Unternehmen kann Open Innovation eine Reihe an Vorteilen bieten: eine neue Sicht auf eingefahrene Probleme; die Möglichkeit, Forschung ohne eigene Entwicklungsabteilung zu betreiben; die Chance, in kurzer Zeit neue Produktideen aufzuschnappen. Für die Schweizer Open-Innovation-Plattform Atizo ist ein einfacher Zugang Vor­aussetzung, um „vom 18-Jährigen bis zur 70-jährigen Großmutter alle einzubinden“, erklärt Mitbegründer und Geschäftsführer Christian Hirsig. 6.500 User schauen jeden Tag auf der Website vorbei, 650 davon sind aktiv, der harte Kern, der sich so richtig ins Zeug schmeißt, besteht aus 65 Nutzern. Unternehmen nutzen Atizo, weil sie rasch zu vielen Ideen kommen wollen. Das deutsche Wirtschaftsmagazin „brand eins“ interessiert sich dafür, wie es seine Bekanntheit steigern könnte. Die Schweizer Handelsgruppe Valora sucht nach Vorschlägen für Gebrauchs- und Verbrauchsprodukte, die den Alltag erleichtern.

Oberösterreich testet mit
Bei einem Projekt der Wirtschaftskammer Oberösterreich, das gemeinsam mit der Johannes Kepler Universität umgesetzt wird, sollen sechs oberösterreichische Unternehmen Gelegenheit bekommen, die Innovationskraft der Atizo-Gemeinde auszutesten. Der Start von „Mehr Hirn für Ihre Innovationen“ ist laut dem Projektverantwortlichen der Wirtschaftskammer, Anton Fragner, für Mitte des Jahres geplant. Für jede der drei Projektphasen – Ideen­generierung, Bewertung, Konzeptentwurf – veranschlagt Atizo 4.000 Euro. Dazu kommen die Prämien für die Ideenlieferanten. Ein Minimalprojekt kostet 5.000 Euro, am oberen Ende der Skala werden bis zu 30.000 Euro erreicht. Die Teilnehmer am oberösterreichischen Projekt kommt das Hineinschnuppern in die Open Innovation günstig zu stehen: Pro Unternehmen fallen 4.900 Euro an.

Börsennotierte sind verschlossener
Während bei InnoCentive die Auftraggeber zumeist anonym bleiben, weil die teils komplexen Problemstellungen der Konkurrenz zu viel Einblick gewähren würden, sind sie bei Atizo sichtbar. Doch auch hier wird den Wünschen der Industrie entsprochen. Bei Fragestellungen, die mit einem Vorhangschloss gekennzeichnet sind, sind die Ideen nicht einsehbar. Ein Teil der kollektiven Intelligenz, die Diskussion, bleibt dabei ausgesperrt.
Prinzipiell steigen mit der Länge des Entwicklungsprozesses die Vorbehalte gegenüber Open Innovation. Zu den zugeknöpften Branchen zählt auch der Automotive-Bereich. Entsprechend überrascht war das Atizo-Team über ein Projekt mit BMW Motorrad, das bis zum Konzeptentwurf reichte. Öffentlich einsehbar war davon allerdings nur die erste Phase: „Es ist nicht so, dass sich das Honda im Nach­hinein anschauen kann“, sagt Hirsig. Für Reinhard Willfort, Geschäftsführer des Grazer Unternehmens Innovation Service Network, sind es vor allem auch börsennotierte, dem Shareholder-Value unterworfene Unternehmen, die mit den neuen Innovationsmethoden nicht umgehen können: „Für viele Industrien gilt weiterhin die Anzahl der Patente pro Jahr und Mitarbeiter als Maßzahl für Innovation.“

Wenig Lohn für viel Idee
Kritiker von Open Innovation argumentieren, dass auf den Plattformen wertvolle Ideen oft für ein Butterbrot verschenkt würden: Unternehmen, die ein paar Tausend Euro in die Menge werfen und Hunderttausende Euro lukrieren. Nach Ansicht von Willfort kann der Nutzen für die Ideenbringer auch ein indirekter sein: „Ein Student kann dabei mit einem Forschungsteam zusammen­arbeiten, das Geld für sein Studium verwenden und die gesammelte Erfahrung im Lebenslauf nutzen.“ Warum überhaupt so viele ihre Ideen auf den Plattformen deponieren, hat für Christopher Lettl, Professor am Institut für Entrepreneurship und Innovation an der Wirtschaftsuniversität Wien, neben monetären auch intrinsische Gründe. „Ähnlich wie beim Kreuzworträtsel steht der Prozess selbst im Vordergrund: weil es Spaß macht.“ Lettl sieht auch das Rechtliche transparent geregelt. „Die Eigentumsrechte bleiben bei den Problemlösern. Nur wenn diese den Preis gewinnen, gehen sie ans Unternehmen über.“

Geld für Hobby-Erfinder
In Charlotte, im US-Bundesstaat North Carolina, hat das Open-Innovation-Unternehmen Edison Nation seinen Sitz. Amazon, Walmart, Yahoo! und auch Bosch ­holen sich hier Ideen. Edison Nation will zwei Gruppen zusammenbringen, die sonst eher Abstand voneinander halten: große Unternehmen und Hobbyerfinder. 35.000 Erfinder, die auf der Website ­registriert sind, treffen auf ein Geschäftsmodell, das recht klare Regeln hat: Wer seine Idee einreicht, zahlt 25 Dollar. Wenn ein Unternehmen Interesse zeigt, erhält der Erfinder 2.500 Dollar. Sollte die Zusammenarbeit die begehrte Stufe sieben erreichen – die Markteinführung –, geht die Erfindung in den Besitz der Firmen über. „Unternehmen und Erfinder teilen sich die Lizenzeinnahmen“, erklärt Matt Spangard, Vizepräsident für Interaktive Technologien. Und das sei schließlich mehr, als sonst zu bekommen sei.

Kratzbaum und Ärmeldecke
Zur Revolution setzt Edison Nation nicht an. „Wir wollen die Prozesse von Unternehmen weder ersetzen noch neu ­erfinden. Wir wollen ihre Auswahl ver­größern“, erläutert Spangard, „indem wir einen Innovationsfunken liefern.“ Der ­Österreicher Willfort geht da schon einen Schritt weiter: „Innovation bedeutet, eine kurze Zeit instabil zu werden.“ Große Unternehmen hätten die größten Probleme damit, weil sie ganz besonders auf Stabilität ausgerichtet seien. Im Online-Shop verkauft Edison Na­tion eines der ersten Produkte, das der Plattform entstammt, den Kratzbaum „Emery Cat Board“, der auch die Krallen der Katze trimmt. Vermarktet wird er vom selben Unternehmen, das in den USA „Snuggie“ vertreibt, eine Decke mit Ärmeln. Die wird bei Late-Night-Shows zwar regelmäßig durch den Kakao gezogen, die Beliebtheit des Produkts und den Millionenprofit der Hersteller schmälert das aber nicht. Für ihren Kirschmokka müssen die Amerikaner wohl noch lobbyieren. Immerhin war das Heißgetränk auch in Europa nur ein Weihnachtsspecial auf der Menükarte.

Alexandra Riegler, USA

FORMAT-Webtipps:
atizo.com :
Schweizer Anbieter mit breiter Themen­palette und sehr offenem Zugang.
innocentive.com : US-Plattform mit Fokus auf Naturwissenschaften und Technik. Zielgruppe: Spezialisten.
innovation service network: Österreichs Innovations-Rundumdienstleister mit Inspirationsplattform. Zu finden auf innovation.at und neurovation.net
edisonnation.com : Auf die Vermarktung von Hobby-Erfindungen spezialisierte US-Website.

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