In welche Lebensbereiche Smartphones in Zukunft noch vordringen werden

Nicht ohne mein Handy: Das Smartphone ist das Herzstück und immer mehr auch das „Hirn“ unseres digitalen Lebensstils. Mit neuen Technologien wird es bald die Bankomat- und Kreditkarte ersetzen, zum Haustor- und Autoschlüssel werden und sogar den Blutdruck messen können.

Ich fühle mich wie ein Junkie, der nach langem Leiden, nach einem Cold-Turkey-Entzug mit Blut, Schweiß und Tränen endlich wieder zurück in die Arme seiner Droge flieht.“ Das sagt der Deutsche Christoph Koch, nachdem er ein Monat lang ohne Handy und ohne Internet verbracht hat. In seinem Buch „Ich bin dann mal offline“ zieht er witzig-ironisch Bilanz.

Ohne Handy? Das tat ihm körperlich richtig weh. Denn eine Teilnahme am volldigitalen Sozial- und Arbeitsleben ist ohne das funkende Schweizer Messer nicht mehr wirklich möglich. Und der Handy-Tag beginnt heute vor dem Frühstück. In der Prä-Smartphone-Ära waren die Benutzer blockweise online am PC. Heute wird das Smartphone spätestens mit der Espressomaschine angeworfen, und keine Party, keine U-Bahn-Fahrt ist mehr denkbar ohne die Allzweckwaffe im Anschlag. Der Tag wird zerteilt in Daten-Fingerfood, da ein Status-Update auf Facebook, dort eine Mail abgesetzt, hier ein Foto gemacht und dort die Nachrichten geschaut.

In Westeuropa nutzt die Hälfte der Handybesitzer das Gerät für Telefonate und Kurznachrichten. In fünf Jahren wird es nur noch ein Drittel sein – alles andere ist mobiler Datenverkehr. Bis dahin werden wir das Handy jeden Tag 40 Minuten länger in Händen halten, rechnen die Analysten Martin Scott und Tom Rebbeck in einer neuen Studie, in der sie zu der Erkenntnis kommen, dass die Zählweise der Telekomprovider in Minuten und SMS bald reichlich antiquiert sein wird.

Der mobile Datenverkehr hat sich im letzten Jahr um unglaubliche 159 Prozent gesteigert. In vier Jahren werden Bewegtbilder zwei Drittel des gesamten mobilen Datenverkehrsaufkommens ausmachen, erwartet der Netzwerkkonzern Cisco.

Der Homo digitaliensis hängt an einer dicken Nabelschnur, verbunden mit seiner Daten-Wolke: seiner eigenen privaten zuhause oder in der Firma, oder der öffentlichen Wolke, wo seine persönlichen Daten in externen Rechenzentren lagern. Bei der digitalen Nahrungsaufnahme bedient sich der Nutzer unterschiedlicher Werkzeuge. Das drei bis vier Zoll große Display des Smartphones ist der To-go-Becher, in der Schule und im Job gibt es das Mittagsmenü auf sieben bis zehn Zoll großen Tablet-Rechnern, und für das entspannte Dinner ist es dann der mit dem Internet verbundene Fernseher, der eigentlich nichts anderes ist als ein XXL-Smartphone.

Das „Smarte“, die Intelligenz der Geräte, speist sich immer weniger aus der Hardware selbst. Schnellere Prozessoren und fette Datenmodems reichen. Zur Allzweckwaffe werden die Teile durch die Zigtausenden Programme, Apps und mobile Websites, die darauf laufen. „Was vor zehn Jahren die eigene Website war, ist heute die mobile Website oder App“, sagt Peter Hofbauer, Manager der Mobile-Marketing-Dienstleisters Dimoco.

Entsprechende Entwicklerideen vorausgesetzt, gibt es schon heute kaum ein Szenario, das mit einem Smartphone nicht umgesetzt werden kann. Universalfernbedienungen für Stereoanlagen, Fernseher, Stromzähler und Haustechnik sind heute schon Fingerübungen. Google hat mit dem MIT jüngst ein Forschungsprojekt aus der Taufe gehoben, das sich ausschließlich mit mobilen Lernprogrammen für Smartphones und Tablet-Computer beschäftigen wird.

Programme wie der „Google Body Browser“ lassen sich im Biologieunterricht genauso einsetzen wie für angehende Mediziner. Medizingerätehersteller wie Siemens bieten Apps, mit denen Ärzte ihre Diagnosebilder auf Smartphones betrachten können, oder Programme für einen Hörtest mit dem Smartphone. Und selbst die in Sachen Steuerungselektronik experimentierfreudige Automobilindustrie kommt immer mehr zum Schluss, sich lieber doch den schnelleren Innovationszyklen der Mobilfunkindustrie zu unterwerfen. Es ist einfacher, den Fahrer über sein neuestes Smartphone mit Infotainment zu versorgen, als noch mehr Sensoren ins Auto zu verbauen.

Unter den Hunderttausenden Apps in den Stores sind immer mehr Serviceprogramme zu finden, die die Offline-Welt mobil erweitern. „Den Schweizer-Messer-Ansatz gibt es seit Jahren, jetzt ist er Realität“, sagt Karl Pletschko, zuständiger Entwickler bei Nokia Österreich.

Das Handy ist immer dabei, sein Nutzer stets „lokalisierbar“. Spannend ist das heute schon für Ermittlungsarbeiten aller Art. Und es wird künftig noch spannender bei der Verknüpfung von statischen und individuellen Daten. „Das Handy wird aufgrund meines Verhaltens erkennen können, dass ich mit dem Auto in die Arbeit fahre, und bietet mir von zwei möglichen Wegen den an, auf dem weniger Verkehrsaufkommen ist“, skizziert Pletschko die nahe Zukunft.

Die Deutsche Telekom hat Konzepte ausgearbeitet, wie mit Smartphone und GPS die Verkehrsströme so analysiert und geleitet werden, dass der CO2-Ausstoß abnimmt. Ein Ansatz, der nicht nur in versmogten Mega-Cities Anklang finden wird. Dem Energiehunger des mobilen Lebensstils versuchten die Forscher auch von anderer Seite auf den Leib zu rücken. Smartphones brauchen immer mehr Saft, um ihre Höchstleistungen zu vollbringen. Die Intelligenz der Mobilfunknetze selbst wird so ausgelegt werden, dass rechenintensive Dienste, die heute noch am Gerät vollbracht werden, ressourcen- und akkuschonender im Netzwerk erledigt werden. Ein intelligentes Netzwerk würde den Handys auf den Puls fühlen und gewisse Vitalfunktionen elektronisch steuern.

Nichts anderes als die Verknüpfung von Informationen aus verschiedenen Quellen ist auch die Augmented Reality (AR), die erweiterte Realität, die ihre Möglichkeiten erst in Ansätzen ausreizt. Im Prinzip wird über die Weltsicht der Handys respektive der Handykamera einfach eine Datenschicht darübergelegt. Das Handy „erkennt“ eine abfotografierte Straße und kann die Daten der Sehenswürdigkeiten einblenden. Die Datenbank weiß dank GPS und anderer Sensoren, wo der Benutzer sich befindet, und kann ihm dazu einiges sagen.

Blair McIntyre vom Georgia Institute of Technology sagt: „Wir haben 80 Prozent des Weges geschafft, die restlichen 20 Prozent werden richtig anstrengend.“ Wenn die erweiterte Realität mit Werbung und sozialen Netzwerken verknüpft sein wird, ist die AR richtig „angekommen“. Im Laborversuch sieht das dann heute schon so aus, dass eine intelligente Sensorbrille und ein Smartphone reichen werden, um Nutzer auf einen virtuellen Einkaufstrip zu schicken, wo sie in Läden gehen, die es real gar nicht gibt, und die Produkte aus den Regalen ziehen.

Eine Wunderwaffe wird das Handy auch für Werber werden, die gegenwärtig noch allenthalben darunter leiden, dass sie nicht wirklich wissen, wie und warum aus Klicks Käufer werden. In den Google-Laboren werden heute schon Analysemethoden erprobt, die aus dem Such- und Surf-Verhalten und dem Ansehen (nicht Klicken) des Banners eine Verbindung herstellen können, und das Tage nach dem Kauf.

Mit dem Smartphone haben die Händler die ultimative mobile Werbetafel in den Hosentaschen der Verbraucher verteilt, sie müssen nur noch die Köder auswerfen – und das sind visuelle Reize für das Handy bzw. die Handykamera.

Die schwarz-weißen QR-Codes, die viele Spaziergänger noch immer als Fliegenschiss auf Plakaten wahrnehmen, sind tatsächlich das Missing Link zur Ware, zum Kauf. Wer den Code abfotografiert, kommt auf eine mobile Website und bekommt dort mehr Informationen zum Produkt oder einen Gutschein für die Ware.

Die Gewista versucht mit ihrer Winpin-Kampagne gerade die Straße mit der mobilen Welt zu verbinden. Hier ist der alternative Schlüsselreiz zum QR-Code das Augenpaar des roten Wuschelkopfs „Pinnie“, das jedem Anzeigenkunden zugeordnet werden kann. Der Einkaufsprozess wird initial am Handy ausgelöst und endet auch am Handy.

Wer gleich direkt mit dem Handy zahlen will, wird das ab 2012 immer öfter tun können. Eine neue Technologie, die nur über extrem kurze Distanz Daten überträgt, macht es möglich: NFC (Near Field Communication). McDonald’s hat in Großbritannien schon Tests laufen, und für Visa werden die Olympischen Spiele 2012 in London eine Nagelprobe. Alle Sportler und VIPs werden mit einer Kurzfunk-Bezahllösung ausgestattet und können sich „bargeldlos“ an den Wettkämpfstätten bewegen. Peter Neubauer vom Bezahldienstleister PayLife weiß, dass das die Zukunft ist: „Denn der Handel liebt alles, was Bezahlvorgänge schneller und bequemer macht.“ Neu ist das Ansinnen ja nicht. „Wir sehen uns erst einmal an, welche Waggons sich an den NFC-Zug anhängen“, sagt er. Nur so viel: „Aber 2012 wird einiges passieren.“

Davon ist auszugehen, denn die Mobilfunkindustrie – und allen voran Google als der dominierende Spieler mit dem meistverbreiteten Betriebssystem (Android) – setzt voll auf die NFC-Technologie. NFC-Tags können in jeden beliebigen Gegenstand verpackt werden und werden als Industriestandard Szenarien ermöglichen, die für viele Verbraucher an mobile Zauberei grenzen werden.

Ein Küchenhersteller steckt in seine Schauküche einen NFC-Tag hinein, der Kunde kommt vorbei und bekommt direkt das Kochvideo vom Promikoch auf das Display gespielt. Steckt ein NFC-Tag in einer Visitkarte und liegt die neben einem anderen NFC-fähigen Handy, kommen nicht nur die Kontaktdaten auf das Gerät, sondern vielleicht auch gleich die aktuelle Firmenpräsentation.

Was bei Amazon als One-Click-Shopping bekannt wurde, könnte mit der NFC-Technologie bald zur mobilen Zero-Click-Interaktion werden. Keine App mehr downloaden, keinen Link mehr aufrufen – es reicht, wenn das Handy nah am Geschehen ist.

Noch enger könnte die Verbindung zum Gerät werden, wenn das Projekt kalifornischer Neurowissenschaftler die Marktreife erlangt. Sie schafften es heuer, über ein Elektroden-Stirnband und eine Bluetooth-Verbindung eine Nummer auf einem handelsüblichen Smartphone zu wählen, ohne einen einzigen Finger zu krümmen. Die Kraft der Gedanken reichte – nach etwas Training des Programms – dafür aus.

Eine Revolution, die von unten kommt. Während in den hoch entwickelten Technologiemärkten bald auch die verrücktesten Visionen Realität werden könnten, dreht sich die Innovationsschraube in den Schwellenländern um nichts langsamer, revolutioniert das Leben der Menschen aber mehr, als sie es bei uns heute tut.

Sieben Milliarden Menschen leben auf der Erde, fünf Milliarden Mobilfunkanschlüsse gibt es. Die Kluft zwischen Industrie- und Schwellenländern ist dabei noch groß. Die digitale Sozialisation passiert in Ländern wie China oder Indien schon heute eher über das Handy, also den mobilen Internetzugang.

Millionen Menschen „überspringen“ hier einfach das ohnehin auslaufende PC-Alter. Inder, die noch nie in ihrem Leben eine Bankfiliale betreten haben, können über ein offenes Banksystem von Nokia ihre Geldgeschäfte tätigen, mit Anrufen, mit SMS über günstige Handys. Gehälter werden über Handys ausgezahlt, und das Gesprächsguthaben auf einem Handy ist in einigen afrikanischen Märkten eine harte Währung für Tauschgeschäfte.

Das Handy macht die dort fehlende Infrastruktur auch auf anderen Gebieten wett. Mit einer batteriebetriebenen LED-Lampe, einer eingebauten Kamera und ein paar Filtern wird ein Nokia-Smartphone zu einem billigen, mobilen Mini-Mikroskop, das in der Malariaprophylaxe oder für Tuberkuloseabstriche eingesetzt werden kann. Mit vergleichsweise geringem Aufwand werden hier menschliche Grundbedürfnisse mit dem Handy gestillt, die noch lange vor dem der Kommunikation kommen.

Der deutsche Buchautor Koch hat in Vorbereitung auf seinen Telekommunikations-Entzug nach weißen Flecken auf der Kommunikationslandkarte gesucht und ist dabei selbst bei den Amish People oder orthodoxen Juden am Sabbat auf trickreiche Auswege aus der digitalen Enthaltsamkeit gestoßen. Ein 40-tägiger Rückzug in die Telekommunikations-Wüste wird in der total vernetzten Zukunft aber kaum noch zu schaffen sein.

– Barbara Mayerl

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