Im Internet grassiert die kollektive
Schnäppchenjagd

Rabatt-Plattformen wie Groupon und DailyDeal locken mit Preishämmern und wurden zu Start-up-Goldeseln. FORMAT erklärt, wie das System funktioniert und wer davon profitiert.

The Cowfish, ein neues Restaurant in der US-Stadt Charlotte, serviert seinen Gästen dreierlei: Sushi, Burger sowie Steak-Sushi namens Burgushi. Die Preise sind moderat bis gehoben, die Kreationen des Kochs einfallsreich. Das Restaurantkonzept scheint für US-amerikanische Gaumen geradezu maßgeschneidert. Doch die Wirtschaft kriselt, und da ticken die Uhren anders. Jetzt ein Riesenlokal in teurer Lage zu eröffnen gilt als mutig bis verrückt. Zwei von drei überleben das erste Jahr nicht. Bei The Cowfish scheint dennoch alles im grünen Bereich, dank Living-Social , einem Gruppeneinkaufsportal, auf dem Coupons, unter anderem für Restaurants, vertrieben werden. 2.000 solcher Gutscheine für die Kuh-Fisch-Fusionsgaststätte wurden auf der Site verkauft. Das war im Oktober. Seither kann sich The Cowfish vor Gästen kaum retten.

Solche Geschichten gibt es derzeit häufig in den USA. Der Weg zum Erfolg führt dabei meist über den Marktführer Groupon , ein Start-up, das ähnlich funktioniert wie LivingSocial. Dessen Website informiert, dass Kunden bisher 26,5 Mio. Coupons gekauft und sich so eine gute Milliarde Dollar gespart hätten. Seit einem Jahr sind die Amerikaner auch in Österreich vertreten. Verkauft werden Gutscheine, die nur Gültigkeit erlangen, wenn eine Mindestmenge abgesetzt wird. Die Aktionen laufen jeweils 24 Stunden lang. Der Rabatt für die Kunden, die den Gutschein mit ins Geschäft bringen, beträgt 50 Prozent oder mehr. Das Risiko, dass die Mindestverkaufsmengen nicht erreicht werden, ist gering. Zumindest 50 Millionen Benutzer auf der ganzen Welt warten jeden Tag auf die Ankündigungen der lokalen Groupon-Schnäppchen.

Für Unternehmen ist die Teilnahme an Groupon ein neuer Werbekanal. Wolfgang Lehmann, Geschäftsführer des Hansy, eines Wirtshauses im zweiten Wiener Gemeindebezirk, betrachtet die Gutscheinaktionen als kostengünstige Werbung. Gut 200 Coupons zu je 7,50 Euro wurden übers Wochenende abgesetzt. Wer damit bei Hansy einkehrt, kann Hausmannskost für den doppelten Wert konsumieren. Den Gewinn teilt sich Groupon fifty-fifty mit seinen Kooperationspartnern. Lehmann serviert seinen Gästen also 15-Euro-Mahlzeiten und bekommt 3,75 Euro dafür. Auszahlen kann sich die Aktion dennoch – wenn nur ein Bruchteil der 200 Couponbesitzer zu Stammgästen wird.

Gleich 750 Gutscheine konnte Markus Aigner, Besitzer und Geschäftsführer des Café-Restaurants „Unglaublich“ in der Wiener Schleifmühlgasse, via Groupon unter die Leute bringen. Mit einem Sechs-Euro-Coupon sichern sich Gäste in spe ein Zwölf- Euro-Essen nach Wahl. Wie er auf Groupon kam? „Sie sind auf mich gekommen“, sagt Aigner, „ich weiß auch nicht warum.“

Schnäppchen in the City

Groupon-Gründer Andrew Mason sieht die Angebote gerne als eine Art Reiseführer für die eigene Stadt. Die Leute würden die Geschäfte ihrer Umgebung erkunden und so öfters außer Haus kommen. Überhaupt will er den Giganten, den Amazons der Welt, ernsthafte Konkurrenz bereiten und kleinen Unternehmen eine Chance auf die große Öffentlichkeit an die Hand geben. Experten sprechen wie schon bei den Check-in-Diensten wie foursquare von einem bevorstehenden Revival des Lokalen. Seinen Kunden will Mason unterdessen vermitteln, dass sie ihre Geschäfte nicht mit irgendeinem anonymen Start-up machen. Die Telefon-Hotline ist daher mit „echten Menschen“ besetzt.

Dennoch zeigt sich der Groupon-Chef in Interviews immer wieder überrascht, was Leute alles kaufen, vorausgesetzt, der Preis stimmt. Der Gruppenkauf unter Zeitdruck ist ein entscheidender Aspekt des Erfolgsmodells. Neues erkunden bedeutet auch, dass Kunden Produkte und Dienstleistungen einkaufen, die sie nicht wirklich brauchen. Der günstige Preis und die subjektive Wahrnehmung von Knappheit – nur bei wenigen Angeboten ist die Anzahl der Gutscheine tatsächlich beschränkt – lassen die Kreditkarte locker sitzen. Laut Markus Pichler, Geschäftsführer der österreichischen Website DailyDeal.at , sind „gerade Frauen unglaublich anfällig für Schnäppchen“. Entsprechend seien gut zwei Drittel seiner Klientel weiblich.

Angaben zur Demografie seiner Nutzer macht Groupon nicht. Fest steht, dass der Kauf eines Gutscheins nicht bedeutet, dass er auch eingelöst wird – ein Wermutstropfen für Unternehmen, die die Aktionen als Werbeinvestitionen betrachten.

Start-up-Rekord

Das Interesse an Groupon steigt Hand in Hand mit seinem kometenhaften Aufstieg. Für 2010 wird ein Erlös zwischen 350 und 500 Millionen Dollar erwartet. Das Unternehmen ist so rasch gewachsen, dass laut „New York Times“ Besprechungen im Chicagoer Hauptquartier inzwischen in eine nahe gelegene Kirche ausgelagert werden. Ende 2010 soll sich Google dem Vernehmen nach bei einem Übernahmeversuch die Zähne ausgebissen haben, obwohl sechs Milliarden Dollar geboten wurden. Wenig später staunte die Branche über eine Rekordfinanzierungsrunde, die Groupon 950 Millionen Dollar einbrachte, die höchste Summe, die jemals in ein Start-up gesteckt wurde.

Seither scheint alles möglich. Etwa auch, dass Groupon nach seinem Börsengang, der fürs Frühjahr erwartet wird, 15 Milliarden Dollar wert sein könnte. Einig scheinen sich Beobachter zu sein, dass Mason die Gunst der Stunde nutzen muss. Längeres Zuwarten würde dem Mitbewerb nur unnötig Zeit geben, sich einen Namen zu machen.

Den ganzen Wirbel um Groupon versteht DailyDeal.at-Geschäftsführer Pichler nicht ganz. Sein Unternehmen war im deutschsprachigen Europa als Erstes da. Groupon hingegen kaufte seine Europa-Präsenz erst über die Akquisition von Citydeal ein. Statt möglichst schneller Maximierung von Shareholder Value will sich Pichler auf langfristige B2B-Beziehungen konzentrieren. Von Groupon unterscheide sich Daily-Deal.at durch hochwertigere Angebote und die Verfügbarkeit mobiler Apps für Android und iPhone. Zusätzlich zum Produkt (Coupons) werden auch TV-Spots angeboten. Nicht von Groupon unterscheidet sich, dass der Gewinn halbe-halbe geteilt wird.

- Alexandra Riegler

Wo die Rabatte im Netz zu holen sind

Wo es Vergünstigungen gibt und wer auf den Markt drängt.

LivingSocial

Die Nummer zwei in den USA hinter Groupon. Im Dezember zählte LivingSocial weltweit zehn Millionen Kunden. Konzept und Website gleichen jenen von Groupon aufs Haar: Über Gutscheine erhalten Kunden 50 bis 70 Prozent Rabatt. CEO Tim O’Shaughnessy erwartet sich für 2010 einen Erlös von „gut 100 Millionen Dollar“. Im Dezember bestätigte das Unternehmen ein Investment von Amazon in der Höhe von 175 Millionen Dollar.

DailyDeal.at

Laut Geschäftsführer Pichler ist DailyDeal nach Unternehmensgröße österreichischer Marktführer. Der DailyDeal.at-Chef ist insbesondere mit dem vorweihnachtlichen Geschäft sehr zufrieden. Benutzerzahlen werden keine bekannt gegeben. Website und Prozedere unterscheiden sich kaum von Groupon: Über Coupons sichern sich Benutzer Schnäppchen mit mindestens 50 Prozent Rabatt.

● Google Offers

Nach dem geplatzten Übernahmeversuch von Groupon kocht Google jetzt sein eigenes Süppchen. Google Offers soll Groupon ähneln und Rabatte für lokale Geschäfte anbieten. Angesichts von Googles Reichweite und Bekanntheit ist von dem Dienst einiges zu erwarten. Erschließen wollen die Kalifornier damit den lukrativen, weil kaum erschlossenen lokalen Werbemarkt. Wann Google Offers aufsperrt, ist nicht bekannt. Gespräche mit kleinen und mittleren Unternehmen sind laut Sprecher Nate Tyler bereits im Gange.

● Facebook Places Deals

Anfang der Woche hob Facebook seinen Dienst Places Deals nach den USA nun auch in Deutschland, Großbritannien, Italien, Frankreich und Spanien aus der Taufe. Wer sich am Handy bei Places eincheckt, bekommt die Angebote nahe gelegener Geschäfte aufgelistet. In Großbritannien gab es am Eröffnungstag etwa 30.000 Gratiskaffees bei Starbucks. Wann Places oder Places Deals nach Österreich kommen, ist nicht bekannt.

Das Gros der Kunden bucht seinen Sommerurlaub in den Monaten Jänner bis März. Der Rest bucht in letzter Minute.
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