Identität 2.0: Suche nach dem Selbst

Identität 2.0: Suche nach dem Selbst

Es gibt heute zwei Identitäten einer Person: Das, was man im Netz findet. Und das, was man als Mensch tatsächlich ist“, sagt die Informatikerin Ivona Brandic, Universitätsassistentin am Institut für Informationssysteme der Technischen Universität Wien.

Sie wird in Alpbach eine der Teilnehmerinnen am Arbeitskreis „Identität 2.0“ sein. Dort wird unter anderem über die Bildung von „Parallelwelten“, die Ausarbeitung entsprechender Regeln für das Verhalten im Netz oder die Auswirkung auf die Wissens- und Forschungswelt diskutiert werden.

Das sind Themen, die nicht nur von Informatikern, Politikern und den Antreibern der Digitalisierung – vornehmlich Großkonzerne – beantwortet werden können. Thomas Corsten, Professor für Alte Geschichte an der Universität Wien, wird daher bei der Diskussion in Alpbach ebenfalls dabei sein. „Ich bin der Paradiesvogel bei diesem Panel, aber Identität war in der Geschichte schon immer ein Thema“, sagt er. Seit jeher hat der Einzelne nicht nur eine einzige Identität. Corsten selbst bezeichnet sich unter anderem als „Aachener, Rheinländer, Deutscher und Europäer. Ich habe also viele Identitäten.“ Und das ist nur eine Ebene, beruflich und privat gibt es viele andere, die jeder von uns ausfüllt.

Seit der Antike

Das ist an sich nichts Neues: „Auch in der Antike gab es mehrere Identitäten, die etwa über die Sprache und die Heimat definiert waren. Und natürlich über die Religion, die damals noch viel wichtiger war als heute.“ Ein Unterschied zwischen der Antike und heute war die Bedeutung der Blutsverwandtschaft, die damals eine größere Rolle spielte. Heute haben andere Arten von Verwandtschaften diese Funktion übernommen: Die mühelose Anhäufung von Freundschaften im Internet – Stichwort Facebook-Freunde – ist eine Besonderheit unserer Zeit.

„Das Internet vereinfacht den Zugang zu Gruppen und die Bildung neuer Gruppen“, sagt Corsten. Ivona Brandic gibt aber zu bedenken, dass die „digitale Welt nicht das zeigen kann, was man wirklich ist.“ Identitäten gab es immer schon mehrere, nun kommt mit der Netz-Identität – beispielsweise der Auftritt auf Facebook, das Twitter-Profil oder die eigene Homepage mit Bildern und Lebenslauf – eben eine weitere Ebene dazu.

Allerdings eine, die eine (übertrieben) große Bedeutung hat – zumindest oberflächlich: „Wer nicht im Internet vertreten ist, den gibt es nicht“, sagt Corsten, und Brandic bestätigt: „Wenn jemand nicht im Netz zu finden ist, wird er oder sie entweder für tot gehalten oder für nicht wichtig genug.“ Dabei könnte diese bestimmte Person im Gegenteil besonders wichtig sein und einen solchen Netzauftritt als verzichtbar erachten.

Auswirkungen hat dieser Fokus auf die Darstellung im Netz auch auf die Forschung und die Lehre - ein Faktum, dem auch in Alpbach Raum gegeben wird. Historiker Thomas Corsten: „Das Internet verführt beispielsweise beim Studium vielfach dazu, dass nur mehr jene Quellen berücksichtigt werden, die im Internet verfügbar sind. Auch in anderen Bereichen führt das zu einer oberflächlichen Sichtweise: Was es im Internet nicht gibt, ist entweder gar nicht vorhanden oder unwichtig.“

Einfaches Suchen und Finden

Zurück zu der einzelnen Person im Netz: Die (Selbst)Darstellung hat Auswirkungen auf jeden Einzelnen, beruflich wie privat. So sind Google, Facebook und das Internet generell heute der vordergründig einfachste Weg, etwas über eine Person herauszufinden. Nicht nur US-Geheimdienste und Personalberater begeben sich mit Computer und Internetanschluss auf die Spur von Personen, über die sie gerne mehr wissen wollen – wir tun das doch alle. Eine Entwicklung, die problematisch sein kann und viele Fragen aufwirft – etwa nach dem Umgang mit persönlichen Daten.

Die Diskussionen um die übereifrigen US-Geheimdienste und ihre europäischen Helfer, die keine Internet-Quelle auslassen, haben auf den ersten Blick zwar wenig mit der Identität des Einzelnen zu tun. Doch der Zusammenhang wird ersichtlich, wenn man erkennt, welche Unmengen an Daten über jeden Einzelnen und von jedem Einzelnen ins Netz gestellt wird. „Wer weiß, was in Zukunft mit diesen Daten möglich ist und wer darauf Zugriff hat?“, fragt Ivona Brandic. Neue Dynamik. Das Problem: Regierungen kommen mit der rasanten technischen Entwicklung nicht mit und tun sich schwer, rechtliche Rahmen zu schaffen, die potenzielle Gefahren berücksichtigen. „Die Dynamik der technischen Entwicklung ist eine ganz andere geworden und passt nicht zur Gesetzgebung“, meint Brandic. Diskussionen um die Rechte des Bürgers im Internet, etwa das Recht auf Privatsphäre und Beschränkung des Datenzugriffs durch Behörden, waren indes von Beginn an ständige Begleiter des Internet-Wachstums. Seit dem Siegeszug der Social-Media-Plattformen und des sogenannten Cloud Computings, mit dem riesige Datenmengen abseits des eigenen Computers gelagert werden, sind solche Debatten und Fragen aber drängender geworden.

Daran hat vor allem die rasante technische Entwicklung Schuld, die nicht nur Gesetzgeber und Bürger überfordert. Breitband-Anschluss in jedem Haushalt und mit jedem Handy, Herauf- und Herunterladen großer Daten, Vernetzung von vielen Geräten des Alltags sind nur einige der Möglichkeiten.

Trends in der IT

Ebenso wie „Cloud Computing“ zählt dabei „Big Data“ zu einem der bestimmenden Trends in der IT: Darunter versteht man das Sammeln und Analysieren enormer Datenmengen, die bisher größtenteils ungenutzt bleiben. Demographische Daten, das Verhalten von Reisenden auf Bahnhöfen, Abgleichung von Studien aus der Gesundheitsbranche. „Werden Daten mit realen Menschen verknüpft, ergeben sich viele Chancen, aber ich sehe auch Gefahren“, sagt Brandic. Eine Möglichkeit nach Ansicht der Experten: Jeder kontrolliert seine Daten selbst und verfügt, wer darauf Zugriff hat.

Dieser Grundsatz hat aber erst recht das Problem, dass gewisse Zielgruppen (Ältere, Kinder) ausgesperrt werden. Überhaupt ist das Netz nicht nur eine Möglichkeit, eine breite Zielgruppe zu erreichen – es ist auch eine Gefahr für die, die nicht „drinnen“ sind. „Alte Personen, die keinen Zugang zum Netz haben, könnten ausgeschlossen werden“, sagt Brandic. Das Internet führt demnach nicht zu einer Öffnung des Wissenshorizonts und kann es möglich machen, eine große Masse in ganz kurzer Zeit zu erreichen – sondern kann auch zu einer Einengung der Sicht führen und zu einem Ausschluss eines gar nicht so kleinen Teils der Bevölkerung.

Sicher im Netz unterwegs

Wie könnte also der Rahmen gestaltet werden, in dem sich der einzelne Mensch sicher und geschützt im Internet bewegen und zeigen kann? Solche Fragen erfordern eine breite Diskussion, die unter anderem auch die Einbeziehung von Geschichtswissenschaftlern braucht - selbst wenn es im alten Rom natürlich noch kein Facebook und kein Twitter gab. Thomas Corsten: „Auch als Althistoriker müssten wir uns öfter zu Wort melden, etwa zur gegenwärtigen Krise. Aber nicht mit oberflächlichen Tipps, sondern man muss zur Einschätzung der Lage und Erarbeitung von Lösungsvorschlägen die veränderten Zeitumstände berücksichtigen.“

In Alpbach sollen einige davon zumindest ansatzweise beantwortet werden. Schließlich ist das Netz Teil unserer Identität geworden, selbst wenn viele dort nicht ihr wahres Ich zeigen.

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