Heimische Technologieunternehmer feiern im Ausland große Erfolge

Österreichische Technologieunternehmen machen sich gut am internationalen Parkett. In zahlreichen Websites und Rechenzentren läuft mehr rotweiß-roter Programmcode, als die Öffentlichkeit vermutet.

Die Mission ist in einer Minute und 19 Sekunden erklärt. Dramatische Musik, rasche Schnitte. Es geht um die nächste Revolution beim bargeldlosen Bezahlen. Spartanisch präsentiert sich das Technologie-Start-up Jumio auf seiner Website. Wer mehr erfahren will, darf eine E-Mail an die Presseabteilung absetzen, wer bei der Revolution mitmachen will, kann seine Bewerbung einkippen.

Dass diese E-Post nicht im Silicon Valley, sondern in der Solar City in Linz geöffnet wird, wissen die wenigsten Absender – und der Adressat hätte das vor ein paar Jahren wohl selbst am wenigsten vermutet. Der gebürtige Welser Daniel Mattes war 2006 mit seinem Internet-Telefonie-Dienst jajah und Kompagnon Roman Scharf ins Silicon Valley ausgewandert und drei Jahre später, reicher an Erfahrung, Kontakten und Millionen, zurückgekehrt. Für eine Luxusrente fühlt er sich mit 38 Jahren zu jung. Er hat sich das Patent zweier israelischer Ingenieure gekauft, das er in Oberösterreich zur Marktreife entwickelt: „Ich finde in Österreich heute genauso exzellente Entwickler wie in Israel. Mit Hagenberg haben wir die beste Ausbildungsstätte in unserer Nähe.“ Das ist der Grund, warum sich der Welser bei seinem zweiten großen Ding den Luxus leisten kann, mehr auf die persönliche Lebensqualität zu achten – und die ist in Österreich groß.

Das gute Gefühl, „I am from Austria“ zu sein, kennt auch Markus Wagner. Mitte April ist der „Business Angel des Jahres 2010“ von einer mehrmonatigen Weltreise zurückgekehrt und widmet sich wieder mit Elan der Aufzucht junger Technologiefirmen. Wagner hatte seinen ersten Exit mit dem Mobilfunk-Dienstleister 3United, den er mit Andreas Wiesmüller und Oliver Holle hochgezogen hatte und 2006 an den US-Konzern VeriSign verkaufte. Danach vertiefte Wagner seine Kontakte in der lebendigen New Yorker Gründerszene, bevor er im Jahr darauf i5invest ins Leben rief.

In einem Backstein-Loft in Wien-Margareten hat Wagner mit Partnern einen Inkubator aufgezogen. Hier knistert die Luft, die geschäftige Hektik – typisch für Start-ups – ist hier täglich zu spüren. Wagner ist motiviert: „Es ist toll, zu sehen, wie ehemalige Praktikanten als Unternehmer durchstarten. Gründer müssen nicht auswandern.“ Wagner, selbst erst 35 Jahre alt, hat hier die Rolle des väterlichen Ratgebers. Im Internetgeschäft hat jetzt die Generation das Sagen, die damit groß geworden ist. Darüber kann sich der ehemalige Roland-Berger-Chef Manfred Reichl freuen, der als Business-Angel-Investor heute mit Verve daran arbeitet, dass „aus einem Maschinenbau-Land eines mit Internet-, Telekom- und Pharma-Sinn“ wird. Wagner und Reichl gehören zum überschaubaren Kreis von 100 Investoren, die in Österreich Risikokapital geben.

Unter dem Dach der Margaretner Start-up-Factory hat sich auch Oliver Holle mit seiner M&A-Firma The Merger angesiedelt. Er ist dieser Tage gerade dabei, die letzten Mittel für einen neuen Fonds einzuwerben. In der Ausstattung mit privatem Risikokapital ist Österreich nicht nur im EU-Vergleich unterrepräsentiert. Die Krise hat zwar weltweit zu einem Einbruch geführt, doch die Schweden investieren sechsmal so viel wie heimische Investoren.

Holle kennt die Gegebenheiten: „Die Förderlandschaft ist gut entwickelt. Was den Gründern oft fehlt, ist das, was Geld nicht leisten kann: ein Netzwerk und Rat zur rechten Zeit.“ Kompetenzen, die üblicherweise Business-Angel-Investoren einbringen.

Und wenn die passen, kann auch ein europäisches Start-up mit europäischen Investoren in den USA erfolgreich sein. Das Fitnessportal Runtastic und die Augmented-Reality-Spezialisten Wikitude machen vor, wie man gute Geschäfte in den USA machen kann, ohne dort einen Firmensitz zu haben. Holle: „Kein US-Investor steckt sein Geld in eine österreichische Firma.“ Schon gar nicht, wenn die für den Aufbau eines relevanten Kundenstocks den US-Markt braucht. Das war der Grund, warum das Internet-Telefonie-Projekt jajah nur von den USA aus starten konnte, und die Präsenz in den USA wird auch für die Start-ups an der Rampe, etwa das Soup.me -Projekt, wichtig sein. Bei busuu , der Sprachlern-Community mit österreichischem Mitgründer Bernhard Niesner, war die Internationalisierung eigentlich in der Firmen-DNA festgeschrieben.

Go west

Auf der Klaviatur des US-Markts spielen einige österreichische Technologieunternehmer schon virtuos. Martin Bittner von SolveDirect hat ein Produkt, das einem Technologie-Laien kaum zu erklären ist, die Fantasie potenzieller Investoren aber immer schon angeheizt hat. Bittners Programm optimiert die Abläufe in Rechenzentren, und das ist in vielen Branchen ein großes Thema und in der gegenwärtigen Cloud-Computing-Euphorie sowieso. Bittner macht bereits ein Fünftel seines Umsatzes in den USA und pendelt im Zweiwochenrhythmus zwischen Wien und San Francisco. Er weiß, was in den USA ankommt: „Die Ingenieursausbildung europäischer Prägung gibt es in den USA nicht, sie ist aber hoch geschätzt.“ Das Produkt muss im Vertrieb durch Einfachheit bestechen. Bittner: „Die Partner wollen es verstehen, anwenden oder lassen es liegen. Die Konkurrenz ist dort sehr groß. Der US-Markt ist sehr darwinistisch.“ SolveDirect hat über einen strategischen Partner, den Netzwerkkonzern Cisco, den Fuß in die US-Tür bekommen.

Im Fahrwasser großer Konzerne ein innovatives und ausgereiftes Nischenprodukt zu verkaufen ist auch der Ansatz, den die Grazer Firma Braintribe verfolgt. Berater wie CSC und Accenture verkaufen das Enterprise-Content-Management-System ebenso wie der zweitgrößte IT-Riese Deutschlands, die Software AG. Braintribe sorgt in komplexen Konzernumgebungen wie Versicherungen, Banken oder Telekomfirmen dafür, dass die Informationen aus über 100 Quellsystemen nahtlos verarbeitet werden.

Dass die Suche nach Information nicht zum Fischen im Trüben wird, ist das Asset der oberösterreichischen Suchmaschine Mindbreeze , die Datenberge für Firmen indiziert. Mindbreeze-Macher Daniel Fallmann kennt die Vorlagen. „Einfach muss es sein und Qualität haben“, sagt er, „die Nutzer wollen es so einfach haben, wie sie es von Google kennen.“ Fallmann hat ein Büro in Boston und setzt auf Online-Vertrieb in den USA. Die von Fachleuten wiederholt ausgezeichnete Firmen-Suchmaschine Mindbreeze hilft unter anderem der US-Lehrergewerkschaft in der Verwaltung von 1,5 Millionen Lehrern.

Das Potenzial der „digitalen Kreativwirtschaft kann sich sehen lassen“, sagte Microsoft-Österreich-Chefin Petra Jenner bei ihrer Eröffnung der SIME-Konferenz am 28. April. Zum Tourismus als strategischer Säule der heimischen Wirtschaft hat sich längst die Technologie gesellt.

Und erst in den letzten Wochen bewiesen die Verkäufe der Webportale UrlaubUrlaub.at an Herold und der Flugsuchmaschine Checkfelix in die USA, dass sich sogar Tourismus und Technik zu einem guten Geschäft verknüpfen lassen. Die Österreicher haben ihre Netzwerke weltweit gespannt.

Sie tun das heute sehr strategisch. Bezahlsystem-Tüftler Daniel Mattes wird seine internationalen Netzwerke aktivieren, wenn die Programmierer das System marktreif gemacht haben. Die Produkteinführung auf dem asiatischen Markt etwa wird Facebook-Mitgründer Eduardo Saverin übernehmen, der auch als Investor bei Mattes’ neuem Projekt eingestiegen ist. Und Mattes wird dann wieder die beschauliche Solar City in Linz verlassen müssen.

Wer den Amerikanern die nächste Bezahl-Revolution verkaufen will, muss es dann schon vor Ort tun. SolveDirect-Mann Martin Bittner hat die Erfolgskriterien für die USA definiert: „Erfolg ist, wenn die Amerikaner glauben, sie hätten ein amerikanisches Produkt vor sich.“

– Barbara Mayerl

Markus Wagner - i5invest

Er ist Gravitationszentrum und Geburtshelfer heimischer Internet-Start-ups. Der „Business Angel 2010“ bringt Kapital und Kontakte ein. Die besten Pferde aus dem i5invest-Stall sind u. a. die Personensuchmaschine 123people, Augmented-Reality-Spezialist Mobilizy (Wikitude) und Tripwolf.

Daniel Mattes - jumio

Mit dem Verkauf des Internet-Telefonie-Dienstes jajah machte er sich finanziell unabhängig. Eine gute Voraussetzung, um sich voll auf die Entwicklung eines neuen Bezahlsystems zu konzentrieren, das im Sommer das Licht der weltweiten Öffentlichkeit erblicken soll.

Stefan Ebner - Braintribe

Mit der Organisation und Aufbereitung von Firmendaten haben es die Grazer Informatiker auch international zu einem guten Ruf gebracht. Die internationale Expansion wird jetzt vor allem im Fahrwasser großer Vertriebspartner wie des deutschen Software-AG-Konzerns bewerkstelligt.

Bernhard Niesner - busuu

Ein Österreicher und ein Liechtensteiner gründen in Madrid ein Sprachlern-Portal. Auf busuu bringen sich zwei Millionen Nutzer die Sprachen gegenseitig bei. Vor wenigen Wochen stieg der Argentinier Martin Varsavsky ein, der vor allem in Technologie- und Energie-Start-ups investiert.

Martin Bittner - SolveDirect

Ein österreichisches Programm ist der Effizienz-Turbo für Rechenzentren auf der ganzen Welt. Mit seiner Software für Automatisierung erwirtschaftet SolveDirect bereits ein Fünftel seines Umsatzes in den USA. Das Produkt ist komplex, aber extrem gesucht.

Christopher Clay - soup.me

Die nächste Generation steht bereits in den Startlöchern. Wer ein ausgefülltes digitales Sozialleben führt, hat heute einiges zu verwalten. Clay sammelt die Daten des digitalen „Ich“ und präsentiert sie übersichtlich und schön auf einer Oberfläche. Sein Produkt geht in die Testphase.

Daniel Fallmann - mindbreeze

Entstanden ist die Suchmaschine für Firmendaten als Abfallprodukt bei einem großen Akten-Erfassungs-Projekt des Bundes. Mindbreeze durchsucht riesige Datenbestände – ist in der Handhabung aber so einfach wie Google. Das schätzen nicht nur die Amerikaner.

Oliver Holle - The Merger

Betreut aktuell zwölf Projekte auf ihrem Sprung über den großen Teich oder bei Zusammenschlüssen mit passenden Partnern. Darunter sind Internet-, aber auch klassische IT-Firmen. Holle arbeitet dabei eng mit Markus Wagner zusammen.

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