"Finden gerade heraus, wer die Nachfrage wie erfüllen wird": Jeff Jarvis im Interview

Buchautor Jeff Jarvis über sterbende Industrien, den deutschen Innovationsgeist und vermietete Garagen.

FORMAT: Warum heißt das Buch „Was würde Google tun?“? Weil es sich damit besser verkaufen lässt?
Jarvis: Es geht ja weniger darum, wie Google die Welt verändert hat – obwohl es nachweislich so ist – als vielmehr um das Internet. Ich hätte auch Amazon, eBay oder Craigslist nehmen können. Google aber ist zum größten Symbol dieser Veränderungen geworden.

"Millenial Shift"
FORMAT: Sie beschreiben diesen Wandel als „Millennial Shift“. Wo hat der tatsächlich begonnen? Jarvis: Im Oktober 1994, als der erste kommerzielle Browser kam (Anm.: Netscape) . Ab da war es möglich, Wissen überallhin zu bringen. Das war der Link für eine neue Wirtschaft, die sich so fundamental ändert, dass wir es heute noch nicht abschätzen können. Ab dem Zeitpunkt konnten Produzenten und Abnehmer in direkten Kontakt treten. Das Internet ist zwar 40 Jahre alt, aber ab dem Moment bekam jeder die Möglichkeit, dabei zu sein.
FORMAT: Sie beschreiben die Veränderungsszenarien für unterschiedliche Industrien und widmen Ihrem angestammten Business – den Medien – viel Platz. Wer sich die vor allem aus den USA rapportierten Nachrichten zum Thema Zeitungssterben ansieht, ahnt nichts Gutes …
Jarvis: Philip Meyer (Anm.: Autor des Buches „The Vanishing Newspaper“) wird immer gefragt, wann die letzte Zeitung erscheinen wird. Er sagt dann immer April 2040. Ich wollte ihn schon die ganze Zeit fragen, ob er den Zeitpunkt jetzt nicht vorverlegen würde. Das Problem unserer Industrie ist, dass sie sich noch immer über Produktion und Verteilung, über ihre Immobilien und Druckmaschinen definiert – also im Prinzip Papier. Diese Dinge machten uns einst „einzigartig“, sind jetzt aber eine extreme Kostenbelastung. Der Wert an sich ist ein anderer …
FORMAT: … die Information?
Jarvis: … und die Community, die sich darum versammelt. Bei Ihnen im FORMAT im Prinzip also intelligente Leute, die sich für die Dinge in der Welt interessieren. Es geht ihnen nicht nur um die Information. Die -Leser haben ja Intelligenz, und das ist auch ein Wert. Ich bin überzeugt, dass es einen Markt für guten Journalismus gibt. Wer die Nachfrage wie erfüllen wird, versuchen wir gerade herauszufinden.

"Burda ist ein echter Visionär"
FORMAT: Wie reagieren die Medienhäuser im internationalen Vergleich? Machen Sie Unterschiede zwischen den USA und Europa aus?
Jarvis: Jeder Markt ist anders. Wir Amerikaner denken ja oft, wir sind die Welt. In den USA haben wir eine Hand voll Marken. Europa ist fragmentierter mit starken nationalen Namen, die sicher in einer besseren Position sind. Ich kenne den österreichischen Markt leider nicht.
FORMAT: Der hat auch starke nationale Marken, und im Magazinbereich ist ein deutscher Konzern (Anm.: Gruner+Jahr) stark engagiert.
Jarvis: Viele Deutsche machen gute Sachen. Der Burda ist ein echter Visionär und glaubt an die „Social World“. Er hat aber dasselbe Problem wie jeder, der in seiner Firma versucht, Leute dazu zu bringen, sich selber zu verändern. In einigen Wochen besuche ich das Axel-Springer-Verlegertreffen und werde sehen, was der „Bild“-Chef mit seinem Flip-Kameraprojekt macht.
FORMAT: Sie sagen, dass die Innovationsfähigkeit auch mit Schmerzen verbunden ist, dass man Mitarbeiter mitunter zwingen muss, neue Wege zu beschreiten. Der Firma Dell haben Sie mit Ihrem Blog durchaus „konstruktive“ Schmerzen bereitet …
Jarvis (lacht): Vor meinem ersten persönlichen Treffen mit Michael Dell hatte ich schon Bedenken, dass er mich niederbrüllt. Das tat er nicht. Er hat kapiert, dass eine Firma dieser Größe nicht mit den Ideen von drei Leuten geführt werden kann.

"Autos wie Computer bauen"
FORMAT: Wo tut Veränderung besonders not? Welche Industrien stehen an der Kippe, wer verschwindet?
Jarvis: Detroit ist in furchtbarem Zustand. Die drei Firmen dort könnten durch 300 andere ersetzt werden. Ich glaube aber nicht, dass BMW oder Daimler verschwinden.
FORMAT: Aber wie soll Ihre These einer offenen Plattform in der Autoindustrie funktionieren?
Jarvis: Theoretisch können wir Autos wie Computer bauen. Wir haben eine Spezifikation und üblicherweise einen Intel-Chip. Was drumherum passiert, ist individuell. In den Niederlanden gibt es eine Open Source Car Company.
FORMAT: Die Autoindustrie lebt ja von Skaleneffekten wie keine Zweite …
Jarvis: Da haben Sie Recht. Aber wenn eine existierende Autofirma wie Daimler oder BMW als Plattform agieren würde, könnte man viele neue Firmen ernähren. So wie Google das macht. Und das Risiko wird auch besser verteilt.
FORMAT: Wer übernimmt die Haftung? Wenn der Computer crasht, okay, aber beim Auto?
Jarvis: Gute Frage. Beim Computer müssen sich die Hersteller ja auch an Spezifikationen halten, damit er im Internet funktioniert. Beim OpenCar-Modell müsste das dann wohl eine Behörde übernehmen.

Hoher Preis fürs Bösesein
FORMAT: Sind die Amerikaner mit ihrer Geisteshaltung eher gemacht für eine offene, kollaborative Wirtschaft? Google, Amazon, eBay und die großen Social Networks sind made in U. S.
Jarvis: Die Amerikaner sind nicht besser, oh Gott, nein. Hier kann man die kritische Masse halt schneller erreichen. Gerade die Deutschen sind extrem innovativ. Die sehen sich an, was in den USA passiert, und holen das dann schnell, und oft noch verbessert, über den Atlantik. Beim Mobilfunk seid ihr Europäer von Natur aus besser, den beginnen wir jetzt erst richtig zu verstehen. Und bei der Technologie-Infrastruktur, also beim Breitband, müssen wir in den USA aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren. Was die Interstate in den 50er war, ist heute das Internet.
FORMAT: Nach Ihren Thesen kristallisiert sich eine Wirtschaft heraus, in der viele Nischenplayer auf dem Rücken großer Plattformen Geschäfte machen. Aktuelle Beispiele?
Jarvis: Gerade jetzt in der Krise vermieten Leute ihre Garagen oder Auffahrten. Oder ein Student von mir zieht in Nigeria einen Radiosender auf, der über Handy funktioniert.
FORMAT: Und ein Heer von neuen Kleinstunternehmern entsteht?
Jarvis: Ja, und das ist auch gut so. Denn viele Leute, die jetzt hier in den USA ihren Job verlieren, werden vermutlich keinen mehr bekommen. Das Internet hat auch mir eine zweite Karriere beschert.
FORMAT: Was sagen Sie eigentlich Menschen, die Angst haben, dass ihre Daten von großen Plattformen wie Google auch „anderweitig“ verwertet werden? Stichwort: Datenschutz.
Jarvis: Das ist irrational. Google ist intelligent. Wenn sie da was Falsches machen würden, wäre der Schaden hoch. Denn die Strafe folgt heute auf dem Fuß. Neue Suchmaschinen wären schnell gebaut. Google weiß das, und deswegen gibt es diesen „Don’t be evil“-Ansatz. Ein englischer Ökonom meinte, dass der Preis fürs Bösesein so immens hoch wäre, weil wir heute eben alle miteinander reden könnten. Und da habe ich einen wirklich starken Glauben an den Markt.

Zur Person
Jeff Jarvis, 54, blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere als Journalist zurück. Der Mitbegründer der US-Zeitschrift „Entertainment Weekly“ schreibt heute u. a. eine Medien-Kolumne für den „Guardian“ und berät Medienhäuser. An der City University of New York lehrt er interaktiven Journalismus und beteiligt sich an Start-ups (Bsp: daylife.com). In Davos wurde er 2008 zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Medienwelt gewählt. Sein Blog: www.buzzmachine.com

Interview: Barbara Mayerl

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