Die Hüter der vertraulichen Informationen: Google, Facebook & Co

Die Internet-Konzerne wissen mehr über unser digitales Ich als wir selbst. Wer welche Daten sammelt, wer Einblick bekommt und warum Konsumenten für Gratis-Dienste einen Preis zahlen.

Googles Chef Eric Schmidt tingelt mit seinem Eiswagen durch die Straße und verteilt Gratis-Eis an die Kinder. Er grinst hinterhältig, eine Mischung aus Kinderschänder und Hexe von Oz. Dann raunt er den Kumpanen im Hinteren des Lieferwagens zu. „Macht mir ein Dutzend Ganzkörperscans.“

Das sind Szenen eines animierten Kurzfilms, der in der ersten September-Woche auf den Videowalls des New Yorker Times Square lief. Regie führten die Konsumentenschützer Consumer Watchdog: „Die Menschen sollen wissen, dass es so etwas wie Gratis-Eis nicht gibt.“ Sie wollen damit auf die Praktiken des Datenkraken Google hinweisen. Einen Tag später kündigte Google die Überholung seiner Datenschutz- Richtlinien, seiner Privacy Policy, an. „Um klarzustellen: Wir verändern keine unserer Richtlinien, aber wir wollen sie transparenter und verständlicher gestalten“, schreibt Mike Yang, Associate General Counsel bei Google, in seinem Blog. Für den 3. Oktober stellt Google also verständlichere Datenschutz-Formulierungen und zusätzliche Hilfeseiten in Aussicht.

Der Deal „Tausche Daten gegen Gratis-Dienste“ geht für das Gros der Konsumenten in Ordnung. Es ist ihnen schlichtweg egal. Immer mehr Menschen schmeckt er aber nicht mehr. Und die Politik nimmt sich – wie zuletzt bei Google Street View in Deutschland – des Themas an und beginnt über Regulierungsmöglichkeiten für Internet-Konzerne nachzudenken. Klar, Daten sammeln auch andere: Rewe weiß, was ich esse, wenn ich die Billa-Kundenkarte verwende. Die Bank kennt die Finanzgebarung. Der Unterschied zu Google & Co: Hier gelten nationale Auflagen, für Finanzinstitute sogar extrem strenge. Es sind voneinander getrennte Datencontainer. Daten sammeln auch Amazon für sein Empfehlungssystem oder eBay, Apple und Microsoft. Google und Facebook sind die zwei, die zurzeit am meisten Besucher in ihren Bann ziehen.

Google weiß viel, Facebook noch mehr

Google ist allgegenwärtig: Vom Startup-Charme der Kalifornier ist schon lange nichts mehr zu spüren. Ein börsennotierter Konzern bietet Internet-Telefonie, einen Webbrowser und ein Handybetriebssystem an, will sämtliche Bücher digitalisieren und mischt im Handel mit Internet-Adressen mit. Ein Großteil der Dienste ist weiterhin gratis verfügbar.

Über ein unauffälliges Spähprogramm, das „Cookie“, das am Computer daheim seine Arbeit verrichtet, machen die Kalifornier ihre Dienste immer bequemer nutzbar. Auf diese Weise laufen immer mehr Informationen zusammen, die, richtig verknüpft, ein beunruhigend komplettes Profil dessen ergeben, der in die Tasten klopft. Wenn Eric Schmidts Karikatur im Video die Kinder augenzwinkernd nach den „Sport-Websites deines Dads“ fragt, ist das mehr als eine ironische Punktlandung.

Noch genauer landet Facebook. Das größte soziale Netzwerk der Welt kennt nicht nur die Hausnummer eines bestimmten Computers, sondern weiß auch, ob dessen Benutzer Single, Kampftrinker oder Fan sämtlicher „Stirb langsam“-Filme ist. Millionen Nutzer geben alles vom Klarnamen über Alter, detaillierte Konsumgewohnheiten bis hin zu den sexuellen Vorlieben preis, in der Annahme, sich in einem „freien Netzwerk“ zu bewegen.

„Die Leute vertrauten dem Dienst, weil sie den Eindruck hatten, dass es Grenzen gab und gleichzeitig Hilfe, um sich in sozialen Normen zurechtzufinden“, erläutert die Social-Media-Forscherin Danah Boyd das ursprüngliche Sicherheitsgefühl innerhalb von Facebook, das seinen Anfang als geschlossenes Netzwerk an der Harvard University nahm. „Immer wieder erzählten mir Teenager aus allen Teilen der USA, dass Facebook sicherer sei, weil es privater sei“, so Boyd. Ein Trugschluss, der den Benutzern immer nur dann ins Bewusstsein kommt, wenn Verstöße publik werden.

Wenn Google versehentlich private WLAN-Netzwerke „ausschnüffelt“, Hacker Facebook-Konten am Schwarzmarkt anbieten oder, ganz profan, Einbrecher anhand von Facebook-Statusmeldungen auf Einbruchstour gehen. Wer, ohne zu fragen, sein Adressbuch ins Netz hochlädt, darf sich auch nicht wundern, dass Facebook Familie und Freunde „kontaktiert“ und die digitale Identität Bit für Bit verfeinert.

Seit der Öffnung des Netzwerks für jedermann ist kein Stein auf dem anderen geblieben: „Facebook ist zum Meldeamt des Internets geworden, hat Informationen angehäuft, von der Regierungen nur träumen können, und hat sich in eine sehr mächtige Position manövriert“, schreibt Jakob Steinschaden in seinem Buch „Phänomen Facebook“ (erscheint im Oktober bei Ueberreuter). Dass sich solche Profile, von denen Werbeagenturen seit jeher träumen, noch besser zu Geld machen lassen als Googles Online-Bewegungsprofile, überrascht nicht weiter.

Steinschaden rechnet vor, dass Facebook mit seinen derzeit 500 Millionen Usern rund 1,80 Euro pro Person einnimmt. Laut den US-Marktforschern von comScore verbrachten Benutzer im August 2010 erstmals mehr Zeit auf Facebook als auf Google, inklusive der Videoseite YouTube. Im Mai gab es hier 165 Milliarden Aufrufe, bei Facebook waren es 250 Milliarden.

Content = Werbung

Wie potent Facebook als Werbe-/Vertriebsplattform sein kann, illustriert eine Episode aus den Gründertagen 2004. Einer der ersten Kunden war die Kreditkartenfirma Mastercard. Mit einer Facebook-Kampagne verkaufte sie in nur einem Tag mehr Studenten-Kreditkarten als sonst in einer Vier-Monats-Aktion.

Zuckerberg ist der Boss, die Kassiererin ist Sheryl Sandberg, die er 2007 von Google abgeworben hat, wo sie das Anzeigengeschäft erfolgreich gemacht hatte. Der US-Autor David Kirkpatrick beschreibt in seinem Buch „The Facebook Effect“ , wie die toughe Sandberg der Facebook-Buberlpartie auf das Flipchart schreibt: „Welches Geschäft betreiben wir eigentlich, wovon leben wir?“

Facebook ist ein Magnet für die Werber. Hier bekommen die User nicht erst Werbung eingeblendet, wenn sie nach etwas suchen, wie bei Google. Werbung auf Facebook soll „natürlich sein“, formulierte es Zuckerberg einmal. „Im Grunde muss die Werbung wie Content sein.“ Und weiter: „Das ist Teil unserer Identität, dass die Dinge, die wir mögen, einen kommerziellen Wert haben.“ Das ist das Geheimnis des Erfolgs der „Like“-Buttons, die sich heute seuchenartig über das Internet verbreiten.

Im American Consumer Satisfaction Index rangiert Facebook unter den letzten fünf Prozent aller privater US-Unternehmen. Die Liste der Kritikpunkte ist lang und zieht sich von schlechter Benutzerführung der Website über aufdringliche Werbung hin zu zweifelhaften Privatsphäre- Einstellungen. Der Beliebtheit der Site tut dies keinen Abbruch.

Ins Kreuzfeuer der Kritik gerät Facebook insbesondere, weil es die Standard-Privatsphäre-Einstellungen nie konservativ setzt. „Man müsste die Chefs dieser Unternehmen dazu verdonnern, ihre Social-Networking-Konten mit diesen Einstellungen zu betreiben“, kommentiert Boyd das Vorgehen. Facebook ist auch bekannt dafür, über die Stränge zu schlagen, wie etwa vor drei Jahren mit Beacon. Da tauchten auf Facebook plötzlich automatisch Meldungen über alle möglichen Online-Einkäufe seiner Benutzer auf. Nach scharfer Kritik verschwand der Dienst wieder. Hinzu kommt, dass Facebook seine User wiederholt erst im Nachhinein über Änderungen der Privacy-Einstellungen informierte. Was bleibt, ist eine trügerische Sicherheit: „Die meisten glauben, dass sie wissen, wie sie ihre Privatsphäre schützen. In Wahrheit hat die Mehrzahl keine Ahnung davon“, urteilt Boyd.

Österreichs oberster Datenschützer Hans Zeger hat kein Problem damit, dass sich Menschen auf Portalen wie Facebook exponieren. „Meinungsfreiheit ist ebenso ein Grundrecht wie das auf Privatsphäre“, sagt er. „Das Problem liegt zurzeit eher darin, dass Konzerne wie Facebook offensichtlich ein Problem haben, beide Bedürfnisse abzubilden.“ Google muss sich allein wegen der Börsennotierung strenge Regeln auferlegen. Facebook ist in bestimmten Belangen fast schon mächtiger, muss nichts offenlegen und keinen Auflagen folgen.

Wiewohl von Facebook beteuert wird, dass keine Daten an Dritte weitergegeben würden – „Wir platzieren die Werbung selbst“ –, passieren immer wieder grobe Schnitzer. So haben es Abzocker leicht, Unbedarfte auf ihre Phishing-Seiten zu locken, um dort Passwörter und Kreditkartennummern auszuspionieren. So wurden Benutzer mithilfe von Facebook-Anzeigen auf gefälschte Websites gelockt, wo man ihnen unter dem Deckmantel bekannter Marken wie Netflix dann Konto- und Kreditkarteninformationen „abnahm“. Die Sicherheit der Community ist trügerisch.

Das Vertrauen der Konsumenten ist das größte Kapital dieser Konzerne, das sie sich permanent verdienen sollten. Nutzer sind zu vertrauensselig. „Die Gelder kommen aus Quellen, die für den Durchschnittsnutzer kaum durchschaubar sind“, sagt Autor Jakob Steinschaden über die noch immer weithin unbekannten Erlösquellen von Facebook.

Der Tweet eines Softwareentwicklers namens Andrew Lewis macht derzeit im Web die Runde und bringt die neue Internet-Ökonomie auf den Punkt: „If you are not paying for it, you’re not the customer; you’re the product being sold.“ Übersetzt: Wenn du nichts bezahlst, bist du nicht der Kunde. Du bist das Produkt, das verkauft wird. Und Eric Schmidts Sager in einem Interview mit dem TV-Sender CNBC, der die Seher erzürnte, hat einen arroganten Beigeschmack: „Wenn es etwas gibt, das niemand wissen darf, hätten Sie es vielleicht überhaupt erst gar nicht machen sollen.“ Gut möglich, dass manche Konsumenten bald lieber cash für ihre Dienstleistungen zahlen, als über die Hintertür abkassiert zu werden.

– Barbara Mayerl, Alexandra Riegler (USA)

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