„Der Wandel des Jahrhunderts“: Don Tapscott über „Wikinomics“, die kollaborative Wirtschaft

Im Format-Interview spricht der Psychologe und IT-Visionär Don Tapscott über „Wikinomics“, eine neue Form der Zusammenarbeit in einer globalisierten Weltwirtschaft à la Wikipedia und Web 2.0. Ein Gespräch über Beispiele, Gewinner – und Verlierer einer kollaborativen Wirtschaft.

"Die Grundidee von Wikipedia ist mehr als eine Software, die Leuten hilft, gemeinsam ein Dokument zusammenzubauen", sagt IT-Visionär Don Tapscott. Der 60-jährige Kanadier ist als Professor, Berater und vielfacher Buchautor in der Psychologie genauso heimisch wie in der IT. Seit Mitte der 80er beschäftigt er sich mit dem durch die neuen Technologien ausgelösten Paradigmenwechsel in der Gesellschaft. Für Tapscott ist Wikipedia die Blaupause für die neuen Formen der Zusammenarbeit in einer globalisierten Weltwirtschaft. Er hat dafür den Begriff „Wikinomics“ geprägt und im gleichnamigen Buch Geschäftsmodelle beschrieben, wie Unternehmer das Kollektiv nützen können.

Format : Sie beschreiben in „Wikinomics“, wie die kanadische Goldmine Goldcorp. mit dem Open-Source-Prinzip den Turnaround schaffte. Goldcorp. öffnete Geologen in aller Welt die Datenbanken und fand mit deren Hilfe schneller neue Abbaugebiete. Sind Sie auch in der europäischen Old Economy fündig geworden?
Tapscott : BMW ist ein gutes Beispiel dafür, wie man Ingenieure und Kunden außerhalb des eigenen Hoheitsgebiets dazu bringt, ein Fahrzeug mit- und weiterzuentwickeln. Dreiviertel dieser Autos sind von einem weltweiten Netzwerk aus Lieferanten konstruiert und montiert worden. Und da gibt es natürlich noch mehr Beispiele, aber darüber werden wir in Krems sprechen.

Format : Wikipedia ist kostenlos, wie taugt das als Schnittmuster für ein Unternehmen, das Geld verdienen muss?
Tapscott : Wikipedia ist eine Metapher für Zusammenarbeit. Gleichgesinnte kommen zusammen und schaffen außerhalb der traditionellen Organisationen etwas Neues. Bei Wikipedia haben Zigtausende etwas geschaffen, das qualitativ so gut ist wie die Enzyklopaedia Britannica.

Format : Haben Sie noch aktuellere Beispiele auf Lager?
Tapscott : Ja, sogar ein brandaktuelles. Ich habe vor einigen Tagen einen Facebook-Manager getroffen. Die arbeiten an der Internationalisierung und müssen für 70 Länderportale Übersetzungen machen. Das französische Facebook wurde in 24 Stunden von 13.000 Menschen übersetzt. Die Facebook-Macher haben die Prinzipien von Wikinomics bereits verinnerlicht. Das spart Zeit und Zigtausende Dollar. Die Frage ist einfach, wie diese Kapazitäten organisiert werden.

Format : Was haben die „Übersetzer“ davon?
Tapscott : Ein französisches Facebook für sich und ihre Freunde.

Qualitätskontrolle überflüssig
Format : Wer übernimmt die Qualitätskontrolle in dieser kollaborativen Wirtschaft?
Tapscott : Niemand (lacht). Sie kriegen bessere Qualität, als wenn Sie jemanden dafür bezahlen.

Format : Sie betrachten die Intelligenz des Kollektivs tatsächlich als ausreichend?
Tapscott : Da ist viel Wissen in der Masse, wenn Sie es richtig aufsetzen. Wenn Sie es falsch machen, kann die Masse richtig dumm sein. Die Leute müssen motiviert werden. Und oft ist es besser, wenn das nicht anonym passiert, weil dann der eigene Ruf am Spiel steht. Nehmen Sie wieder Wikipedia. Die Beiträge haben mitunter das Niveau von Pulitzer-Preisträgern, das belegen verschiedene Studien.

Format : Ehre mag ein hehres Motiv sein, die Miete zahlt sie nicht …
Tapscott : In „Wikinomics“ haben wir sieben Modelle für die kollaborative Wirtschaft skizziert. Hinter jedem stecken unterschiedliche Motivationen, aber in den meisten wird Geld verdient. So wie mit der Ideagoras-Idee, die Procter & Gamble umsetzt. Die schöpfen aus einem Pool globaler Experten, der zehnmal größer als der firmeneigene ist. Und der Typ, der die Moleküle entdeckt hat, mit denen Weinflecken besser entfernt werden, hat von P&G ein paar Hunderttausend Dollar bekommen. 200.000 Entwickler arbeiten in der Amazon-Plattform, werden aber nicht von Amazon bezahlt, sondern von irgendjemandem da draußen, der künftig sein Geschäft über die Plattform macht. Amazon bekommt ein Drittel des Umsatzes, weil sie die Plattform zur Verfügung stellen. Die Biotech-Firmen profitieren extrem, indem sie ihr Wissen nach außen geben, sie erzielen schneller Durchbrüche, weil sie ihr Wissen teilen. IBM spart sich durch die Freigabe von eigenem geistigen Eigentum an die Linux-Community Hunderte Millionen Dollar eigener Entwicklungskosten und ärgert damit Microsoft.

Format : Die Entscheidung, welche Teile des geistigen Kapitals öffentlich gemacht werden und was Firmengeheimnis bleibt, ist eine heikle, vor der sich viele Manager fürchten.
Tapscott : Das ist heute eine der schwierigsten strategischen Entscheidungen. Die Antwort ist: Wie sie mit ihrem geistigen Eigentum umgehen, entscheidet über die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit ihrer Firma. Wenn sie gemeinsam Produkte herstellen, können sie aber nicht erwarten, dass alles geistige Eigentum bei ihnen bleibt.

Musik- und Finanzindustrie verlieren
Format : Wer nicht teilt, verliert also. Obwohl wir erst am Anfang dieser kollaborativen Wirtschaft stehen: Lassen sich schon Verlierer ausmachen?
Tapscott : Klarer Fall, die Musikindustrie. Seit es das Internet gibt, geht’s denen richtig schlecht, weil sie die Chance dieser globalen Verteilungsplattform nicht ergriffen haben, sondern dagegen kämpften. Mit dem Ergebnis, dass sie jetzt kollabieren. Die Industrie, die uns die Beatles gebracht hat, verklagt heute Teenager. Es ist kein Zufall, dass Madonna nicht bei einer Platten-, sondern einer Produktionsfirma unterschrieben hat, McCartneys Label Starbucks heißt und Radiohead überhaupt keinen Plattenvertrag mehr haben, sondern die Songs ins Netz stellen. Der alte Zugang – wir müssen alles selber haben – funktioniert nicht mehr. Das ist keine graue Theorie, sondern Praxis, die wir in unseren Forschungsprojekten beweisen konnten.

Format : Wer verliert noch?
Tapscott : Die ganze Finanzindustrie gehört schon heute zu den Verlierern, weil sie die Wirtschaft nicht verstanden haben. Wenn ihre Risikomanagement-Modelle nicht derart von Geheimniskrämerei gelebt hätten, wäre die ganze Industrie jetzt nicht in dieser Krise. Und vielleicht wären wir dann nicht in dieser globalen „Rezession“.

Interview: Barbara Mayerl

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