Der Hype um Skype: Gesprächsvolumen rund 102 (!) Milliaden Minuten

Gemessen an den vertelefonierten Minuten, ist Skype der größte Telefon-Anbieter der Welt. Kurios: Dem populären Dienst fehlt noch immer ein tragfähiges Geschäftsmodell.

Zwei Jahrzehnte lang ist die grenzüberschreitende Telefonie weltweit kräftig gewachsen, im Schnitt knapp 15 Prozent pro Jahr. Viele Länder ­liberalisierten ihre Märkte, was mehr Angebot und fallende Preise brachte. Starkes Minuten-Wachstum war die Folge, was den Preisverfall mehr als ausglich, sodass auch die Umsätze fast durchwegs stiegen, bis vor zwei Jahren.

2009 sackte das weltweite Wachstum der grenzüberschreitenden Verbindungsminuten erstmals auf unter zehn Prozent ab. Im Jahr darauf kam es der Statistik von TeleGeography zufolge noch dicker: Ein noch nie beobachtetes Minimalwachstum von nur vier Prozent (das sind 16 Milliarden Minuten) wurde gemessen. Dauerhafter Umsatzrückgang droht, wenn das Wachstum nicht wieder gesteigert und/oder der Preisverfall gestoppt werden kann. Die Gewinnmargen sind winzig, da tut Umsatzrückgang besonders weh, vor allem dann, wenn das Minutenaufkommen bei der Konkurrenz explosionsartig steigt. „Immer mehr Leute entdecken, dass sie auch ohne traditionellen Telekom-Provider kommunizieren können“, urteilt TeleGeography-Analyst Stephan Beckert. Gemeint ist Skype.

Hochgerechnetes Gesprächsvolumen: 102 Milliarden Minuten

Nach Jahren des steten Wachstums ist die Skype-Nutzung plötzlich explodiert. 2008 telefonierten Skype-User grenzüberschreitend 33 Milliarden Minuten mit­einander. Ein Jahr später hat sich das ­Aufkommen mit 57 Milliarden schon fast verdoppelt, und 2010 waren es den
TeleGeography-Hochrechnungen zufolge 102 Milliarden. Addiert man dieses enorme Skype-Wachstum zur klassischen Telefonie hinzu, landet man wieder bei annähernd 15 Prozent Zuwachs. Man könnte also sagen, dass sich das Wachstum verschiebt – hin zu kostenloser Telefonie auf den vorhandenen Internetleitungen.

Fast jede vierte grenzüberschreitende Gesprächsminute läuft heute über Skype. Es gibt zwar noch weitere, ähnliche Anbieter, wie Google Talk/Voice, aber keiner ist nur annähernd so groß. „Die Frage ist: Womit will Skype Geld verdienen?“, legt Karim Taga Geschäftsführer von Arthur D. Little Österreich, den Finger in die offene Wunde des virtuellen Telefonanbieters.
SkypeOut ist die einzige nennenswerte Einnahmequelle von Skype: Dieser Dienst erlaubt es, mit der Software gegen Gebühr normale Handys und Festnetzanschlüsse zu erreichen (keine Notrufe). Doch Zahlen von Mitte 2010 zeigen, dass von 560 Millionen registrierten Skype-Nutzern in einem ganzen Monat gerade einmal 8,1 Millionen diesen SkypeOut-Service nutzen und im Schnitt nur acht Dollar pro Monat dafür ausgeben. Technische Probleme, wie ein tagelanger Ausfall kurz vor Weihnachten 2010, schmälern das Ergebnis weiter.

Börsengang angepeilt

Der Schuldenberg von Skype ist auf über eine Milliarde Dollar angewachsen. Ein Börsengang, angepeilt war er bereits für 2010, soll heuer nun endlich 100 Millionen Dollar bringen. Damit soll der Weg zur weltweiten Dominanz finanziert werden. „Jeden auf dem Planeten zu verbinden, intim und jeden Tag“ ist das erklärte Ziel von Skype-Chef Tony Bates, das er Anfang Jänner auf der CES in Las Vegas bekräftigte.
Nun hat nicht jeder einen Computer. Doch Skype ist auf verschiedenen Fernsehgeräten und sogar einem Blu-ray-­Player vorinstalliert, Klassenzimmer und Autos sollen folgen. Für Handys von ­Nokia, Google-Smartphones sowie für iPhone und iPad gibt es das Programm ebenfalls gratis.

Doch gerade Mobilfunker fürchten die Konkurrenz im eigenen Netz und verbieten mitunter im Kleingedruckten die Nutzung von Skype und ähnlichen Diensten. Aufhalten kann das den Skype-Trend aber nicht. Der Mobilfunk-Netzbetreiber 3 ging bereits 2007 eine Partnerschaft mit Skype ein und brachte spezielle Skype-Handys unters Volk. „Wir haben den Bedarf un­serer Kunden erkannt und anerkannt“, sagt 3-Chef Jan Trionow. „Unsere Skype-User nutzen die normale Telefonie intensiv. Dank Skype können sie sich in anderen Bereichen mehr leisten.“

Auf der Suche nach einem Geschäftsmodell

Doch der statistische Erfolg von Skype ist womöglich Zeichen eines Untergangs, der Skype mitreißen könnte – des Untergangs der bezahlten Sprachtelefonie. „Sprach­telefonie hat keinen Wert mehr, heute bekommen Sie für 25 Euro im Monat ein gutes Handy mit reichlich Datenverkehr, Navigation, Roaming und SMS“, merkt Telekom-Experte Taga an. „Da ist es sehr schwer, für die Sprachtelefonie ­einen Wert zu berechnen.“
„Skype muss sehr schnell auf ein neues Geschäftsmodell umsteigen und andere Dinge mitverkaufen“, so Taga – was das sein könnte, ist die Preisfrage. „Ein sozia­les Netzwerk hätte Sinn gemacht“, meint Taga, „aber da ist Skype zu spät dran.“ Das soziale Netzwerk von Mark Zuckerberg arbeitet intensivst daran, den Benutzern möglichst alle digitalen Dienste des täglichen Bedarfs aus einer Hand anzubieten. Telefonieren kann man jetzt auch auf Facebook.

Wenn sich Skype nicht komplett neu erfindet und rasch Einnahmequellen erschließt, könnte sich der Börsengang als verspätete Dot-Com-Blase entpuppen.
Der Börsenprospekt sollte potenziellen In­vestoren jedenfalls zu denken geben: Dividenden sind nicht geplant, und die Winzigkeit des Anteils zahlender Kundschaft wird zum „signifikanten Wachstumspotenzial“ hochstilisiert.

– Daniel AJ Sokolov

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