Der Hunger nach statistischen Daten wächst kontinuierlich – die Technik ist erfinderisch

Statistische Internetseiten haben Hochsaison. Die US-Regierung lässt sich im Web sogar beim Geldausgeben auf die Finger schauen.

Im riesenhaften Gebäude des US Census Bureau, der Statistikbehörde der USA, findet eine Konferenz mit unauffälligem Titel statt: „Statistik in Wissen umwandeln“. An die 250 Teilnehmer aus 37 Ländern sind zu der OECD-Veranstaltung angereist, haben die akribischen Sicherheitschecks hinter sich gebracht und wirken nun positiv aufgeregt. „Überall auf der Welt werden riesige Mengen äußerst genauer Daten gesammelt. Doch was nützt es, wenn diese in unübersichtlichen Datensilos verschwinden?“, fragt Trevor Fletcher, Leiter des Bereichs für analytische und statistische Systeme bei der OECD, in die Runde. Fletcher hat die Antwort gleich parat: Das Internet soll Abhilfe schaffen. „Es ist die große Zeit der ­statistischen Websites“, verkündet er.

Daten-Hunger
Tatsächlich haben Websites, auf denen Benutzer Daten und neue Zusammenhänge zwischen diesen finden können, Saison. Die OECD bietet ihren OECDeXplorer an, um Daten zu durchforsten; die Europäische Zentralbank entwickelte in Zusammen­arbeit mit der Federal Reserve Bank of New York ein Visualisierungsprogramm für Konjunkturdaten. Das Interesse an statistischen Daten scheint von den großen Mengen an Information, die täglich über TV, Rundfunk, Websites und Internet-Nachrichtenabos konsumiert werden, nicht getrübt. „Es gibt geradezu einen Hunger nach faktenbasierten Daten“, stellt Bernd Marin, Direktor des European Centre for Social Welfare Policy and Research, fest. Eric Swanson, Leiter des Global Monitoring Clusters bei der Weltbank, bestätigt den Trend: Jeder fünfte Besucher der Weltbank-Website ist auf der ­Suche nach Statistiken.

Vereinheitlichte Datenformate
In den USA haben dem Thema zwei neue, von der Regierung in Auftrag gegebene Websites zu einiger Öffentlichkeit verholfen. Das Obama-Team nutzte das ­Internet nicht nur im Wahlkampf. Im Web sollen die Amerikaner nun auch das Transparenzversprechen des neuen Präsidenten überprüfen können. Vivek Kundra, zum obersten IT-Manager ernannt, präsentierte im Mai die Website Data.gov, auf der sich alles von Erdbebendaten bis hin zu Aufzeichnungen über Fledermauspopulationen findet. Jeder, der sich für ein Thema inter­essiert, kann Daten herunterladen, sie einer Analyse- oder Visualisierungssoftware füttern oder selbst Software entwickeln. Große Teile der Daten waren bereits verfügbar, doch Data.gov führt sie zusammen und vereinheitlicht die Datenformate – eine wesentliche Erleichterung für die Analyse.

Budgetkontrolle in Echtzeit  
Im Juni stellte Kundra mit USAspending.gov ein weiteres Projekt vor. Auf der Site, die bereits unter der Bush-Regierung entstand, nun aber eine Runderneuerung erhielt, lässt sich die Verwendung von Staatsausgaben im IT-Bereich beobachten. „Zum ersten Mal können Sie verfolgen, wie wir Geld ausgeben, und uns Ihre Meinung dazu sagen“, so der CIO bei der Präsentation. Da die US-Öffentlichkeit sämtliche Informa­tionen über Ausgaben der Regierung mit Argusaugen beobachtet, schnellte die Beliebtheit der Site kurz nach dem Relaunch kräftig in die Höhe. Data.gov und USAspen­ding.gov können es freilich nicht mit den Publikumsmagneten im Internet aufnehmen. Doch Data.gov schaffte es mit einem Schlag immerhin in Beliebtheitsbereiche von Websites wie jenen der Europäi­schen Union. Für Clay Johnson, Direktor der zur US-amerikanischen Sunlight Foundation gehörigen Sunlight Labs, sind Websites wie Data.gov wichtige Schritte in die richtige Richtung. Die Sunlight Foundation wurde vor drei Jahren mit dem Ziel gegründet, die Transparenz im US-Kongress zu erhöhen. Mit verschiedenen Programmen will Sunlight zudem Bürgerjournalismus anregen. Zusätzlich zu den Erdbebendaten würde Johnson auf den Websites der Regierung gerne auch heiklere Datensätze wie etwa Auflistungen der Spendenfinanzierungen im Wahlkampf sehen. Größtes Problem aus Sicht Johnsons ist, dass sich die Regierung als „Groß- und Einzelhändler“ betätigt: Sie verfügt nicht nur über alle Daten, sie entscheidet gleichzeitig auch, welche davon an die breite Öffentlichkeit sollen.

Ideenreiche Köpfe
Mit Bewerben wie „Apps for America“ will die Sunlight Foundation Softwareentwickler an­regen, Programme zu entwickeln, die Daten neue Informationen entlocken. Die letzte Ausschreibung ergab 47 Einsendungen, darunter beispielsweise ein Programm, das Erdbebendaten über den Micro­blogging-Dienst Twitter eruiert. Information oder Manipulation. Dem großen Appetit nach Faktenbasiertem steht nach Ansicht von Sozialwissenschaftler Marin ein tiefes Misstrauen gegen Statistik gegenüber. „Es gibt ja eine ganze Populärkultur zu gefärbten Statistiken“, erinnert Marin. Insgesamt erkenne er jedoch eine „gewisse Verwissenschaftlichung“. So würden bei manchen Diskussionen im Internet Leser mit informativen Links die Qualität heben. In welche Richtung sich der Trend entwickelt, wird die Zukunft weisen. „Wir sind mitten in einem Transformations­prozess“, so Marin. Von einem „sehr spannenden Trend“ geht auch Peter Parycek, Leiter des Zentrums für E-Government an der Donau-Uni Krems, aus. Junge Leute, die mit dem Internet aufwuchsen, erfahren über soziale Netzwerke die Möglichkeit zur Organisation. Auf diese Weise können themenbezogene Internetplattformen innerhalb kurzer Zeit in Bewegung kommen. „Die Zusammenarbeit zwischen Staat und Bürger könnte sich radikal verändern“, sagt Parycek. Die große Schwierigkeit dabei ist nur, die richtige Kommunikationsschiene zu finden, um auch an die Zielgruppen mit Inhalten heranzukommen.

Konjunkturpaket einsehen
In den USA soll indes eine weitere Website Transparenz für Bürger gewährleisten. Über Recovery.gov sollen die Ausgaben des Konjunkturpakets genau einsehbar werden. Das Projekt ist ins Kreuzfeuer der Kritik geraten, weil es in seiner ersten Ausbaustufe 8,5 Mio. Dollar kosten soll. Auch wurden bei der Ausschreibung nur eine Hand voll Unternehmen zugelassen, was auch daran liegen dürfte, dass alles möglichst schnell gehen soll. Die Kritik an der Projektvergabe für die Site macht jedenfalls eines deutlich: So genau könnten Bürger den Entscheidern bald auch in anderen Bereichen auf die Finger schauen, wenn der Trend zu Daten­websites weiter Platz greift. Rechtswissenschaftler Parycek meint, dass Regierungen für solche Websites schon ein anderes Mindset bräuchten. „Da kann man dann nicht alles zu 100 Prozent steuern und kontrollieren.“

Von Alexandra Riegler, Charlotte/NC

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