Der G-Punkt: Wer die Welt wie Google sieht, kann unternehmerisch reüssieren

Bestseller-Autor Jeff Jarvis beschreibt, wie sich die Wirtschaft wandelt und Unternehmer von Googles Denkweise profitieren.

Jeff Jarvis ist ein Zwerg, Dell ist ein Riese. Mit einer kleinen elektronischen Steinschleuder, einem Blog, hat Jarvis dem zweitgrößten PC-Bauer der Welt richtig wehgetan. Ausgerechnet Dell, die in den 90ern den PC-Vertrieb revolutionierten. Der Riese hatte schlechten Service geboten. Nachdem Jarvis sich in Hotline-Warteschleifen sprichwörtlich aufgehängt hatte, machte er seinem Ärger im Internet Luft und trat 2005 eine mittelgroße Unmutslawine los. Zuerst stellte sich der Riese taub gegenüber dem Ruf Tausender Kunden. Als die Diskus­sionen bei der Google-Suche auf der wichtigen ersten Seite nur wenige Links hinter der Firmen-Website zu finden waren, musste er zuhören.

"Märkte sind Gespräche"
Diese Episode markiert den roten Faden von Jarvis’ Buch „Was würde Google tun?“. Sie ist ersetzbar durch andere Fallstudien, aber apodiktisch für den Wandel, den das Internet in allen Wirtschaftszweigen auslöst. Heutzutage hat der Kunde das Sagen. Die Verbraucher schließen sich zusammen – für oder gegen ein Unternehmen. „Der Massenmarkt ist tot, er wurde ersetzt durch eine Masse von Nischen“, sagt Jarvis und referenziert damit auf eine wichtige Thesensammlung zum Internet aus dem Jahr 2000: das Cluetrain-Manifest (cluetrain.org). „Märkte sind Gespräche“, heißt es dort, und der Schlüssel zum Markt ist nicht das Marketing, sondern die Vernetzung.

Netzwerken statt kontrollieren
Kontrolle über Waren und deren Verbreitung garantiert nicht mehr automatisch den Gewinn. Im Gegenteil, die erfolgreichsten Firmen bestehen heute aus Netzwerken – die so wenig Wert wie möglich abschöpfen, um wachsen zu können – und aus Plattformen, auf denen diese Netzwerke aufgebaut sind. Und weil die Google-Gründer diese Art des Wandels bislang am besten antizipieren konnten, analysiert Jarvis, „wie Google die Welt sieht“ und was andere daraus lernen können. Und das heißt vor allem offen sein, rasch reagieren und die Verbraucher mitbestimmen lassen, was Google mit seinen Beta-Versionen zur hohen Schule erkoren hat. Google stellt fast im Wochentakt neue Produkte ins Netz, die – je nach Nutzer-Zuspruch – verbessert oder einfach gekübelt werden. Google ist die Plattform, und darauf machen Hunderttausende ihre kleinen und großen Geschäfte.

Offene Plattformen für die Autoindustrie
Unterhaltsam, aber mit ernstem Unterton analysiert Jarvis Branche für Branche, geißelt Versäumnisse und verkrustete Denkweisen und gibt Tipps. Vom Bankenwesen, Krankenhäusern, Behörden bis hin zu Energieversorgern und natürlich Jarvis’ Heimmarkt, dem Mediengeschäft. In einem Zeitalter, in dem alles öffentlich und die Information einen Mausklick entfernt ist, ist mit exklusiver Geheimnistuerei kein Staat mehr zu machen. Gut argumentiert Jarvis das in der Automobilindustrie, die ihre Entwicklungsabteilungen zu Hochsicherheitsfestungen ausgebaut hat, um alljährlich Autos vorzustellen, als wären sie Geheimwaffen. „Wen außer wirkliche Autofanatiker inter­essiert dieses Spiel noch?“, fragt er provokant. „Ich hätte schon vor Jahren zu einer Heerschar von Leuten gehört, die ihnen empfohlen hätten, um 39 Cent einen iPod-Anschluss im Autoradio anzubringen.“ Gerade Autobauer haben bereits eine Plattform, die müsste man halt offener gestalten, argumentiert er. Warum nicht das Armaturenbrett eines anderen Designers, andere Sitze, einen anderen Kühlergrill einbauen?

Partizipation aus Freude
Mit vielen Beispielen untermauert Jarvis die These, dass die Verbraucher durchaus bereit sind, ihr Scherflein beizutragen, wenn man ihnen das Gefühl gibt, dass sie einen Beitrag zu besseren Produkten leis­ten können, mitzubestimmen oder einfach anderen Kunden behilflich zu sein. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales replizierte auf der DLD-Konferenz 2008 treffend auf die Frage, warum er für Inhalte nichts bezahle: „Die Leute tun das, weil es ihnen Freude macht, nicht für Geld.“
Wer als Unternehmen heute nicht in ­einen Dialog mit seinen Kunden tritt, verpasst die Chance, von ihren Wünschen zu lernen, und vertut sich mitunter auch den Rückhalt, denn die Kunden unterhalten sich sowieso über die Firma – auf Blogs, Videoportalen und in Foren. Für Marc ­Benioff, den Chef von salesforce.com, ist seine Ideenplattform für Kunden „wie eine live geführte Gesprächsrunde, die nie zu Ende ist“. Auch Riese Dell führt nach anfänglicher Scheu heute den Dialog und liefert sogar Rechner mit Linux-Betriebssystem, „weil die Kunden es so wollten“, wie Michael Dell freimütig zugab.

Zum Buch "Was würde Google tun?"
Firmen müssen sich neuen Realitäten stellen und die tradierte Ethik überdenken. Betroffen von der neuen Organisation sind alle Branchen – vom Einzelhandel bis zur Werbung. Die Originalausgabe erschien Anfang des Jahres. Am 27. April startet der Verkauf der deutschen Ausgabe. Heyne-Verlag, 20,60 Euro.

Von Barbara Mayerl

Das Gros der Kunden bucht seinen Sommerurlaub in den Monaten Jänner bis März. Der Rest bucht in letzter Minute.
#urlaub #internet #reise
 

Internet

Urlaub in letzter Sekunde

Warum Apple 3,2 Milliarden Dollar für Kopfhörer ausgegeben hat, die man nicht braucht - und warum sich der Beats-Deal für den Konzern trotzdem lohnt.
#beats apple
 

Börse International

Warum Apple 3,2 Milliarden für den Beats-Deal zahlt

Das Auto soll mit Elektromotor ausgestattet werden und
#Google #Elektroauto
 

Innovation

Google baut selbstfahrende Autos ohne Lenkrad