August-Wilhelm Scheer: "In Indien wachsen die Informatiker ja auch nicht auf Bäumen"

IDS-Scheer-Gründer August-Wilhelm Scheer spricht über den wichtigsten Verkauf seines Lebens, Geld als Machtinstrument, IT-Politik und seine Tourneepläne.

FORMAT: Herr Professor, dass Sie über die Details des Deals nicht reden dürfen, ist schade. Beschreiben Sie die Gefühle, wenn man sein Lebenswerk verkauft …
Scheer: Meine Stimme war nicht fest, als ich es meinen Mitarbeitern gesagt habe. Die Standing Ovations haben mich gerührt. Das war aber nur das Ende eines langen Prozesses. Unternehmer warten oft zu lange mit ihrer Nachfolgeregelung. Das wollte ich nicht. Ich bin 68 und trage Mitarbeitern und Aktionären gegenüber eine Verantwortung.
FORMAT: Bei einem früheren Verkauf wäre der Preis wohl besser gewesen.
Scheer: Ich hätte schon mal mehr bekommen. Aber ich wollte nicht verkaufen. Die Software AG (SAG) war eine gute Wahl, weil es keine großen Synergien gibt, und sie passt auch gut zu meiner Story, dem Bekenntnis zum Standort Deutschland. Ob mein Schmerzensgeld jetzt 100 Millionen mehr oder weniger ausmacht, ist nicht so wichtig. Und das meine ich nicht kokett.

"Esse kein Schnitzel mehr"
FORMAT: Sie lukrieren rund 200 Millionen aus dem Verkauf. Ab welchem Moment hat Geld für Sie die Bedeutung verloren, die es für Durchschnittsbürger gemeinhin hat?
Scheer: Geld hat immer eine Bedeutung. Bei mir sichert es halt nicht mehr den Lebensunterhalt, ich bewege etwas damit, beim Sponsoring, bei der Hilfe für junge Menschen. Geld ist eine Machtposition, wie in der Politik. Ich esse deswegen kein Schnitzel mehr.
FORMAT: Politische Macht hat Sie immer gereizt. Warum wurden Sie 1999 nicht Wirtschaftsminister im Saarland?
Scheer: Weil wir kurz zuvor mit der IDS an die Börse gegangen waren und ein Aufsichtsratsvorsitz mit dem Ministeramt rechtlich nicht vereinbar war. Ich wollte die Firma nicht im Stich lassen.
FORMAT: Als Präsident des deutschen Branchenverbands BITKOM sind Sie recht aktiv. Die Kanzlerin haben Sie von der Notwendigkeit eines IT-Gipfels überzeugt, aber einen eigenen IT-Minister konnten Sie ihr nicht abringen …
Scheer: Einen Staatssekretär haben wir bereits. Jetzt fordern wir, dass der auch am Kabinettstisch sitzen darf. Das Top-Down-Prinzip ist hier wichtig.

"Der Zug ist weitestgehend abgefahren"
FORMAT: Sie beklagten wiederholt, dass Deutschland seine Standortvorteile in der IT verspielt hat. Noch Hoffnung?
Scheer: Der Zug ist weitestgehend abgefahren. Wir können nur hoffen, bei neuen Innovationswellen wieder mit dabei zu sein. Bei Embedded Systems (in größeren Systemen verbaute Computer; Anm.) sind wir nicht so schlecht. Bei Autobauern oder in der Medizintechnik sieht es ganz gut aus. Und beim kommenden IT-Gipfel heben wir eine Software-Initiative aus der Taufe. Wir müssen wieder mehr Weltmarktniveau bekommen. Als Bill Gates noch öfter in Deutschland war, ist der Termin bei SAP sicher interessanter gewesen, als bei den eigenen Leuten die Umsatzzahlen abzufragen. Wir sind da in einen negativen Zyklus geraten. Wenn wir keine großen Firmen haben, können auch die kleinen nicht so gut gedeihen.
FORMAT: Deutschland ist nicht das Silicon Valley, aber auch nicht Indien …
Scheer: In Indien wachsen die Informatiker ja auch nicht auf Bäumen. Das ist Ergebnis eines gezielten Ressourcenaufbaus, um das Thema nach vorn zu bringen. Auch in Südkorea ist es ja nicht nur der Staat, sondern die Verbindung mit dem kreativen Unternehmertum, die zum Erfolg führt. Das ist den Deutschen aber zu viel Industriepolitik. Silicon Valley geht auch nicht. Viele internationale Investoren haben sich zurückgezogen, weil ihnen der Multiplikator nicht hoch genug war.

"Spin-off-Gründung war damals fast unseriös"
FORMAT: Wäre ein Spin-off wie das Ihre heute einfacher zu gründen?
Scheer: Auf jeden Fall. Damals passte das nicht zum Rollenbild eines Professors, war fast unseriös.
FORMAT: Heute ernten Sie viele Auszeichnungen. Womit kann man Sie noch überraschen?
Scheer: Sie meinen eine Einladung zum Opernball (lacht) . Ein Bundesverdienstkreuz ändert den Menschen nicht. Wichtiger ist die gesunde Einstellung zu sich selbst. Ehrungen freuen mich, weil ich durch Presse und Reden meine Botschaften an ein breites Publikum adressieren kann.
FORMAT: Freuen wird sich wohl auch der „Jazzer“ Scheer. Wann packen Sie das Saxofon aus?
Scheer: Mit Randy Brecker machen wir jetzt die Tour zur neuen CD („Grooving High“; Anm.), die uns durch Deutschland bis nach Prag führt. Und die Sessions in der Firmencafeteria wird es weiter geben.

Interview: Barbara Mayerl

Zur Person
Prof. August-Wilhelm Scheer, 68, gründete 1984 als Direktor des Instituts für Wirtschafts­­­informatik in Saarbrücken ein Spin-off: IDS Scheer bildet Lösungen rund um Geschäftsprozessmanagement und wurde zum drittgrößten deutschen Softwarekonzern mit 400 Mio. Euro Umsatz (2.700 Mitarbeiter). Deutschlands Nr. 2, die Software AG, übernahm unlängst IDS Scheer. Scheer erhält für seinen 40-Prozent-Anteil rund 200 Millionen Euro.

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