Apps bringen Mobilfunk-Markt in Fahrt: Wer vom Run auf die Handy-Programme profitiert

Handytuning als Hoffnungsmarkt: Viele wollen am Geschäft mit den Apps verdienen. Davon leben werden die wenigsten können. Ein Blick hinter die Kulissen.

Bei Mutti anrufen und fragen, wie man ein Hendl gut zubereitet, ist „old school“, also ziemlich gestrig. Generation iPod zückt das Smartphone und lädt sich die Jamie-Oliver-Kochschule aufs Minidisplay. Zuseher erfahren, wie man sich in 20 Minuten satt und glücklich kocht. Die 20 minute meals gehörten 2009 in Europa zu den meistgekauften Programmen im iTunes AppStore, auf der Insel war es die Nr. 1. Die englische Kurzform für „Anwendung“ (sprich: „Äpp“) etabliert sich fest im deutschen Sprachschatz. Mit den kleinen Zusatzprogrammen für das Handy wurden 2009 geschätzte zwei Milliarden Dollar umgesetzt.

Die neue Hitparade
Millionen motzen ihre Geräte mit den Apps auf, die beim intelligenten Fahrtenbuch beginnen und bei Nonsens-Apps enden. In Deutschland ist die App sogar Politikum. Den Streit, ob eine TagesschauApp gratis sein darf, da gebührenfinanziert, werden wir bald auch in Österreich führen. Die Nackte von Seite 3 bei der „Bild“-Zeitung heißt AppGirl und wird mit Schüttelbewegungen am iPhone ausgezogen. Internetseiten und Magazine ranken die Apps im Wochen-, und ja sogar Tagesrhythmus. Hollywoodstars verraten ihre Lieblingsapps, und das „Time Magazine“ kürte die besten zehn Programme 2009: Haushaltsgeldverwalter und Pulsuhren waren sehr gefragt. Ein beherzter User brachte seine 200 Lieblingsprogramme gar in Buchform als „Guide für anspruchsvolle Downloader“ heraus.

Die Konkurrenz schläft nicht
An ganz exakte Umsätze ist schwer heranzukommen. Das liegt auch daran, dass die marktbeherrschende Firma Apple selektiv damit umgeht. Drei Milliarden Downloads binnen 18 Monaten verkündete Apple kürzlich, garniert mit einem kleinen Seitenhieb von Steve Jobs. „Wir erkennen keinerlei Anzeichen der Konkurrenz, dass diese in absehbarer Zeit aufholen könnte.“ Recht hat er. Mit 100.000 Apps liegt Apple weit vor Google mit 20.000. Doch die Konkurrenz kommt, und das massiv. Nokia, immerhin Handy-Weltmarktführer, wird seinen Ovi-Store weiter ausrollen. Microsoft steigt ein. „Die AppStores sprießen wie die Schwammerln“, sagt Gartner-Analystin Carolina Milanesi. Gartner veröffentlicht nächste Woche den ersten großen App-Report. Die Erkenntnisse: Obwohl die Gratis-Programme nur 20 Prozent ausmachen, stellen sie 80 Prozent der Downloads. „Wir rechnen mit 22 Milliarden Downloads im Jahr 2013“, sagt Milanesi, „nur jeder zehnte ist bezahlt.“ 2013 wird ein Viertel der App-Umsätze durch Werbung erzielt. Vor diesem Hintergrund macht Apples kolportierter Zukauf einer mobilen Werbefirma Sinn.
Rein statistisch geben iPhone-User sechs Euro pro Monat für das Tuning aus. Das mag auf Teenager zutreffen, die stets das neueste Game spielen müssen. Bei älteren Usern wird meist nach Inbetriebnahme ein gewisser Betrag in Apps investiert, die man zu brauchen glaubt, und dann gelegentlich eingekauft.

Tellerwäscher-Träume
Wie schwer es vielen fällt, 99 Cent auszugeben, weiß Philipp Breuss-Schneeweis nur zu gut. Der Salzburger schaffte es mit seinem Reiseführer Wikitude bis ins Finale des Google-Entwicklerbewerbs und gewann internationale Preise damit. Mit 400.000 Downloads spielt sein Wikitude bei Google und Apple in der ersten Liga mit. Reich wurde er nicht. „Kaum jemand griff zur Bezahlversion von Wikitude, obwohl sie nur 99 Cent kostete“, erzählt er. Breuss macht das Geschäft über die Bande. „Die Reichweite ist viel wert. Wir bekommen Anfragen aus der ganzen Welt“, sagt er. Über die Plattformen ist er bekannt geworden und gibt in seiner Firma Mobilizy sechs fixen und sechs freien Programmierern Arbeit. Mobilizy entwickelt Apps für Red Bull, Lonely Planet und Banken. Von Apps zu leben, davon träumt auch Reinhard Schaflinger. Er ist einer von geschätzten 400 heimischen Entwicklern, die als One-Man-Show ihr Glück versuchen. Der Web- und Printdesigner baut Instrumente wie Steeldrums (iPan, iEngineRoom …) für das iPhone nach. Mehr als ein Taschengeld ist noch nicht drin, aber er hat einen Fuß in der Tür und eine „sehr hilfsbereite Community um sich“, wie er sagt. „Leute im Netz haben mir schon einmal fehlerhafte Codes ausgebessert. Und die Apple-Leute waren sehr unterstützend“, schwärmt er. Durch das Nadelöhr der Apple-Qualitätskontrolle müssen alle durch.

10.000 Entwickleranfragen pro Woche
Steve Jobs hat den mobilen Software-Vertrieb im Handstreich umgekrempelt. Ein potenzieller Markt von 50 Millionen Abnehmern (iPhone-Kunden) lockt Kreative aus der ganzen Welt. Am Türsteher Jobs kommt keiner vorbei. Die US-Firma FreedomVoice wollte ihre Telefoniesoftware einstellen und hörte über ein Jahr nichts von Apple. Auch das hochgelobte Programm AppButler aus Österreich wurde zweimal abgelehnt, bevor es in den Laden kam. Wo gehobelt wird, fallen Späne, 10.000 Entwickleranfragen pro Woche müssen erst einmal abgewickelt werden. Über Apple-Schnitzer freut sich die Konkurrenz. Jim Balsillie, Chef des BlackBerry-Herstellers RIM, schimpfte: „20.000 oder 200.000 Apps. Hier geht es doch nicht um ein Wettrennen, sondern darum, wie sinnvoll die Programme miteinander arbeiten können.“ Weniger ist mehr, das ist auch die Losung bei Microsoft, wo die knapp 1.000 Programme gut auf das Betriebssystem abgestimmt werden sollen. Wer die 74.388ste App von 100.000 ist, wird nicht reüssieren. Bart Decrem vom US-Start-up Tapulous stellte mit dem Musikspiel Tap Tap Revenge einst das populärste Spiel im Laden. „Solche Erfolge sind kaum zu wiederholen. Jetzt geht es zu wie im Wilden Westen, nur mit höheren Einsätzen“, berichtete er der „NY Times“. „Wir müssen jetzt mit Konzernen wie Electronic Arts konkurrieren, die Games wie Rock Band einstellen.“ Dennoch gehen Analysten davon aus, dass sich die Apple Apps 2010 verdreifachen werden.

Google lässt Mobilfunker mitnaschen
Mittelfristig geben sie Google sehr gute Chancen am Mobilfunk-Markt. Geräte mit Android-Betriebssystem werden 2010 am laufenden Band kommen, und die Netzbetreiber unterstützen das im ureigenen Interesse. Heuer werden erstmals mehr Google-Handys als iPhones am Markt sein. Während die Mobilfunker bei Apple keinen Cent verdienen (30 % Apple / 70 % Entwickler), lässt Google sie partizipieren (30 % Mobilfunker / 70 % Entwickler). T-Mobile richtete für heimische Android-Entwickler einen Event aus, und Hutchison eröffnete Anfang Dezember seinen eigenen AppStore. Der bei 3 zuständige Produkt- und Service-Manager Fabian Seydewitz: „Mit großen Firmen wie Facebook arbeiten wir direkt, zum Teil arbeiten wir mit Aggregatoren zusammen, die Entwickler unter Vertrag haben. Wir machen halbe-halbe.“ Die ersten Ansätze sind vielversprechend, die Kunden offenbar bereit, 4 Euro für Apps auszugeben. Seydewitz glaubt an die Mischung: „Es ist wie in der Musikbranche. 90 Prozent sind Flop, 10 Prozent top.“ Nicht nur 3 wird heuer versuchen, die richtigen zehn Prozent zu erwischen.

Nur ein Depp hat kein App
Die AppStores werden im Monatsrhythmus aufsperren, und kaum ein Marketingkonzept wird mehr ohne App auskommen. „Vor einem Jahr war eine App noch etwas Exotisches. Heute muss das ins Marketingkonzept hinein“, sagt Peter Hofbauer vom Mobile-Marketing-Spezialisten Dimoco. Das Zeitfenster, in dem die Apps reüssieren können, ist denkbar klein. Wer es in der ersten oder zweiten Woche nicht schafft, ist schnell wieder weg vom Auslagen-Fenster. Schneller wechseln sonst nur noch die AppGirls.

Manfred Gram, Barbara Mayerl

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