Am Börsenparkett dominieren heute
Software-Programme das Geschehen

Intelligente Computerprogramme sorgen an den internationalen Börsen in Millisekunden für Milliardengewinne – und kräftige Turbulenzen.

Laute Rufe, wilde Gesten und ein Pulk verschwitzter Aktienhändler. So stellt man sich das Börsenparkett vor, auf dem Millionen Wertpapiere gehandelt werden – gerade in diesen hektischen Tagen. Die Realität sieht anders aus: Die Experten aus Fleisch und Blut werden zunehmend von elektronischen Kollegen verdrängt. Aufgerüstet sind diese mit speziellen Softwareprogrammen – sogenannten Algo-Tradern (engl. algorithmic) –, die Wertpapiere in atemberaubender Geschwindigkeit handeln. Ihre Kauf- und Verkaufsaufträge beeinflussen den Markt. Ganz ohne jedes menschliche Zutun.

An den Börsen heißt das Duell längst „Mensch gegen Maschine“, wobei die Zweibeiner an Boden verlieren. Schon seit Jahren setzen auch österreichische Fondsmanager wie Superfund-Gründer Christian Baha und Leo Willert (C-Quadrat ARTS) auf automatische Handelssysteme. Diese werden immer ausgereifter – und vor allem schneller.

Erfolgsfaktor Tempo

Moderne Algo-Trader haben gegenüber menschlichen Rivalen und herkömmlichen Handelssystemen am Börsenparkett einen entscheidenden Vorteil: Sie sind um ein Vielfaches schneller und dem Mitbewerb immer um eine Nasenlänge voraus. In der Zeit, die ein Mensch für einen einzigen Mausklick benötigt, kann ein Algo-Trader bereits mehrere Hundert Aufträge gesetzt, analysiert, angepasst, storniert und neu platziert haben. Genau dieser Geschwindigkeitsvorsprung – im Fachjargon High Frequency Trading (HFT) genannt – ist es, der den Betreibern von Algo-Trading-Systemen ein Vermögen in die Kassen spült.

Das Problem dabei: Die Computerprogramme entwickeln in extremen Situationen ein Eigenleben und können so leichte Wellenbewegungen an den Börsen zu einem Tsunami verstärken. Wozu das nahezu unkontrollierbare HFT führen kann, zeigte sich etwa am 6. Mai 2010 kurz nach 14.45 Uhr: Binnen weniger Sekunden brachen die Kurse am US-Aktienmarkt um rund sechs Prozent ein, Orders verschwanden aus dem Markt, und die Handelsfrequenz explodierte. In wenigen Sekunden stürzte der Dow-Jones-Index um 900 Punkte ab.

Nur wenige Augenblicke später war der Spuk vorbei, die Kurse stiegen nahezu auf das ursprüngliche Niveau. Was genau an diesem Tag wirklich passiert war, konnten weder die Börsenaufsicht noch eine Senatsanhörung restlos klären. Es gilt aber als wahrscheinlich, dass sich mehrere Algo-Trader gegenseitig in eine eskalierende Abwärtsspirale mit Termingeschäften befördert hatten. Wie eine heiße Kartoffel warfen sich die elektronischen Zocker vermeintlich unrentable Futures zu, immer größere Pakete wurden auf den Markt geworfen. Die Preise fielen ins Bodenlose. Als die Sicherheitsmechanismen der Algo-Trader das Problem erkannten, war der Handel mit den Aktien vieler Unternehmen praktisch vollständig zum Erliegen gekommen.

Längst ist Algo-Trading von einer Randerscheinung der US-Börsen zu einer der treibenden Kräfte des weltweiten Wertpapierhandels geworden. Noch vor wenigen Jahren war Algo-Trading nur eingefleischten Börsenprofis ein Begriff. In der ersten Hälfte der Nuller-Jahre machte das Volumen aller Algo-Trades nur wenige Prozent des gesamten Finanzmarktes aus. Vor fünf Jahren setzte jedoch ein wahrer Boom automatischer Handelssysteme ein.

Speed kills

Gegenwärtig geht man davon aus, dass dieser Hochgeschwindigkeitshandel auf dem US-Aktienmarkt und bei Termingeschäften für mehr als 60 Prozent des Gesamtvolumens verantwortlich ist. Einige Experten sprechen sogar bereits von 80 Prozent. Erst mal losgelassen, können die Systeme ganze Finanzzweige in ernsthafte Schwierigkeiten bringen.

„Aktienmärkte sind heute stark vernetzte, hochgradig bewegliche Systeme“, weiß Joel Hasbrouck, Professor für Finanzwissenschaft an der New York University und Berater der New Yorker Börse. „Wir haben ohnehin ein schon etwas instabiles und explosives Gemisch, und Algo-Trading-Methoden rühren darin so kräftig wie möglich herum“ (siehe Interview ). Zusammen mit seinem Kollegen Gideon Sa’ar analysierte Hasbrouck bereits vor Jahren die Handelsaktivitäten der New Yorker Börse im Millisekundenbereich und untersuchte die Methoden des HFT. Die Experten fanden heraus, dass bereits kleine Änderungen in Angebot und Nachfrage erstaunlich große Bewegungen im Markt auslösen können. Und das in wenigen Millisekunden.

Die Programme sind nicht nur die entscheidenden Millisekunden schneller, sondern sie nutzen auch gezielt Kursunterschiede von Cent-Bruchteilen zwischen mehreren Börsen, Kursanbietern und Handelsplattformen. Eine Aktie, die an der Börse in Chicago beispielsweise gerade eben auf einen Kurs von 125,54 Dollar gestuft wurde, liegt in New York noch auf 125,53 Dollar.

In wenigen Sekunden wird sich diese Preisschere zwar schließen. Für die Algokann Trader immer noch mehr als genug Zeit, um noch ein paar lukrative Deals abzuwickeln. Jeder einzelne dieser Trades bringt nur wenig Gewinn. Das tut dem Geschäft der High Frequency Trader keinen Abbruch, sie fahren ihre hohen Profite durch die schiere Masse derartiger Transaktionen ein.

Ungleiche Chancen

Verlierer des Highspeed-Handels sind vor allem „menschliche“ Broker und auch Privatanleger. Ohne die Möglichkeiten des Algo-Tradings muss sich die Masse der Investoren mit dem zufriedengeben, was nach den ersten Millisekunden bei einer lukrativen Gelegenheit noch an Krümeln übrig bleibt. HFT sorgt an der Börse dafür, dass jeder, der auch nur eine Millisekunde zu spät kommt, ein schlechteres Geschäft macht. Doch wer sich auf die Suche nach einem Algo-Trader für den privaten Gebrauch machen will, wird enttäuscht. Selbst mit dem schnellsten am Markt erhältlichen PC, der dicksten Internetleitung und der neuesten HFT-Software bleiben herkömmliche Anleger chancenlos: Die Lichtgeschwindigkeit macht ihnen einen Strich durch die Rechnung.

Doch auch wenn Finanzakteure gerne einmal Regeln und Gesetze zu ihren Gunsten biegen, müssen sie sich einer fundamentalen Größe unterwerfen: Nichts im Universum kann sich schneller als mit 300.000 Kilometern pro Sekunde bewegen – auch keine Information.

Bis der aktuelle Börsenkurs aus Frankfurt oder London den Weg durch Tausende Kilometer Glasfaserkabel und mehrere dazwischen liegende Knotenpunkte auf den privaten Computerbildschirm gefunden hat, vergehen wertvolle 50 bis 100 Millisekunden. Da die notwendige Reaktionszeit für wirklich lukrative Börsengeschäfte heute bereits in Mikrosekunden, also Millionstelsekunden, gemessen wird, begegnen HFT-Unternehmen diesem Problem mit einer simplen Lösung: Sie bringen ihre Server-Farmen möglichst nah an die Börsen heran.

In unmittelbarer Nähe der wichtigen Börsenstandorte befinden sich auch die größten Algo-Trading-Zentren. In New York, Chicago, London und Frankfurt findet sich kaum mehr ein Bürotower, Keller oder stillgelegtes Parkhaus, das nicht bereits bis obenhin mit Servern vollgepackt ist. Ein Rechner an einem dieser bevorzugten Standorte lässt sich an Finanzunternehmen zu fantastischen Preisen vermieten. 10.000 Dollar Miete pro Tag (!) für einen einzelnen Server sind keine Seltenheit.

Noch einen Schritt weiter ging das US-Unternehmen Spread Networks. Unter gigantischem finanziellem Aufwand verlegte das Unternehmen eigens eine Glasfaserleitung quer durch mehrere US-Bundesstaaten, mit der die Börsen in New York und Chicago auf möglichst direktem Weg verbunden wurden. Eine Anfrage lässt sich so in nur 13 Millisekunden von Chicago nach New York und wieder zurück schicken. Rund dreimal so lange braucht der Datentransfer auf dem Weg über herkömmliche Internetinfrastruktur.

Kampf der Computer

Der Grund für dieses Aufrüsten liegt darin, dass die einzelnen Algo-Trading-Systeme ihren virtuellen Aktienspielplatz nicht für sich allein haben. Dutzende unterschiedliche Systeme kämpfen um die besten Deals, die schnellsten Abschlüsse und die lukrativsten Margen – und damit unmittelbar gegeneinander. Die Programme werden nicht nur intelligenter und riskanter, sie bekämpfen sich jetzt aktiv auf dem Aktienmarkt.

Die Hersteller von Algo-Tradern lassen sich daher nur äußerst ungern in die Karten schauen. Details über die Rechnerprogramme sind topsecret. „Guerrilla“, ein HFT-System der Credit Suisse, versucht Trades von Aktien auszuführen, ohne dabei deren Kurs zu verändern. Das System „Stealth“ der Deutschen Bank verschiebt Trades in sogenannte Dark Pools, eine Art Schattenbörse, deren Abläufe nicht nachvollziehbar sind. „Spoofers“ kaufen dabei große Mengen einer bestimmten Aktie und setzen in weiterer Folge eine Reihe von Verkaufsorders in den Markt, die ein klein wenig unter dem aktuellen Kurs liegen. Jeder, der den Aktienkurs verfolgt, soll aus diesen Marktbewegungen eine massiv gestiegene Nachfrage ablesen. Die Folge: Der Kurs steigt weiter. Nun wirft das Programm die vorher gekauften Aktien auf den Markt. Nahezu zeitgleich werden eigene Kaufaufträge gelöscht. „Sniffer“ wiederum sucht nach anderen Algo-Tradern, imitiert deren Verhalten und versucht ihre Handelsstrategien gezielt zu stören.

Das digitale Wettrüsten der Algo-Trading-Unternehmen ist damit bereits beim offenen Schlagabtausch angelangt. Und die Entwickler von HFT-Software zählen zu den bestbezahlten Vertretern ihrer Zunft. Wechselwillige Ingenieure werden von Headhuntern mit obszönen Prämien gelockt. Wer weiß, wie der Algorithmus der Konkurrenz rechnet, hat die Nase vorn.

Handel im Hinterzimmer

Der aufgeheizte Kampf um noch so kleine Gewinne hat viele der großen Häuser mittlerweile dazu bewegt, große Deals abseits der Börse in die sogenannten Dark Pools auszulagern. Hier gilt keine Reglementierung, die Preise werden vorher zwischen den Parteien „ausverhandelt“. Allein in den USA gibt es mittlerweile mehr als vierzig solcher Dark Pools. In diesen Hinterzimmern der Finanzindustrie laufen Schätzungen zufolge ein Viertel aller Trades ab – und dabei fällt garantiert kein einziger Tropfen Schweiß auf das Börsenparkett.

– Jan Fischer

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